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Max Mueller Bhavan | Indien

Sozialhilfe

Banalata Sen, Programmleiterin, Bonn

In Deutschland schätzt Banalata Sen die Sicherheit – und ihre Freiheiten als Frau. Warum sie Deutschland vor allem Frauen empfiehlt und wie sie mit Diskriminierung umgeht.

Der Wecker klingelt um 6 Uhr. Banalata Sen lebt mit ihrem Mann und ihrem neunjährigen Sohn in Bonn, der ehemaligen deutschen Hauptstadt am Rhein. Ihr Tag beginnt wie bei vielen berufstätigen Eltern: Frühstück machen, Schulbrot vorbereiten, Kind startklar machen. Um 7:30Uhr verlässt der Sohn das Haus, kurz danach beginnt auch Sens Arbeitstag. Sie arbeitet entweder zu Hause im Homeoffice oder im Posttower, dem DHL-Hauptsitz, der nur wenige Straßen von der Deutschen Welle entferntaufragt– dem Arbeitsplatz ihres Mannes.

Sen ist Global Head des DHL-Programms GoTeach, das weltweit jungen Menschen aus benachteiligten Verhältnissen hilft, den Weg von der Schule in den Beruf zu finden. Gleichzeitigleitetsie eine kleine NGO in Indien, die ihre Eltern gegründet haben. Beruf, Familie, soziales Engagement: Wie funktioniert so ein Alltag zwischen Zoom-Meetings, Elternabend und NGO-Videokonferenz?

Arbeiten zwischen Deutschland und Indien

In ihrem Job arbeitet sie mit Teams aus 70 Ländern zusammen. Die Arbeitstage beginnen mit Meetings mit Kolleg*innen in Asien und enden mit Calls aus Amerika. Im Bonner Büro nutzt Sen die Präsenzzeit zum Netzwerken, zum Austausch mit Kolleg*innen und für die strategische Planung. Zwei bis drei Tage pro Woche arbeitet sie im Homeoffice – dann nimmt sie sich die Zeit für konzentriertes Lesen, Schreiben, Konzeptionieren. „Ich schätze die Flexibilität des hybriden Arbeitens sehr“, sagt sie. „Vor allem als Mutter.“

Wenn abends Ruhe einkehrt und der Sohn schläft, beginnt für Senoft die zweite Etappe des Tages: Ihre Arbeit für eine NGO in Westbengalen, die ihre Eltern vor 20 Jahren gegründet haben. Dort erhalten Kinder aus armen Verhältnissen Zugang zu Bildung und Mütter Unterstützung, um finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. „Mein Vater hatdas allesaufgebaut“, erzählt sie. Nach seinem Tod übernahm sie gemeinsam mit ihrem Bruder die Verantwortung – aus Deutschland, mit regelmäßigen Reisen nach Indien.

Netzwerken für einen Job in Deutschland

Ihr Weg nach Deutschland begann nicht mit DHL, sondern mit einem Sprachkurs des Goethe-Instituts in Kolkata. Damals saß ein junger Lehrer im Klassenzimmer – heute ist er ihr Mann. „Wir hatten lange keinen Kontakt. Erst über SocialMedia haben wir uns wiedergefunden“, erzählt sie. 2014 heirateten die beiden und Sen zog nach Deutschland.

Zu dieser Zeit arbeitete sie noch für ein US-amerikanisches Unternehmen. Doch ohne den persönlichen Kontakt zu Kolleg*innen fühlte sie sich schnell einsam. Sie bewarb sich auf andere Jobs in Deutschland, doch der Einstieg war nicht leicht. „Ich hatte viele Absagen. Das war frustrierend.“ Erst die Hilfe eines Mentors, den sie über ihr damaliges Karrierenetzwerk kennengelernt hatte, brachte Erfolge: Mit seiner Hilfe überarbeitete Sen ihr LinkedIn-Profil und schärfte ihren Lebenslauf. Nach kurzer Zeit erhielt sie einen Anruf von einem Headhunter, der ihr den Job bei DHL anbot.„Eine perfekte Übereinstimmung“, wie sie sagt.

Ruhe und Sicherheit genießen

Was sie an Deutschland schätzt? „Die Sicherheit“, sagtSen. In Indien sei es für Frauen nicht selbstverständlich, abends allein unterwegs zu sein. „Hier kann ich spazieren gehen, wann ich will, ohne, dass etwas passiert. Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit.“

Auch das Lebenstempo sei anders. „In Kolkata ist immer etwas los, alles ist laut, lebendig.“ In Bonn dagegen schließen die meisten Läden um 20 Uhr. „Man muss sich daran gewöhnen – aber irgendwann lernt man, das Ruhige zu genießen.“

Schutz vor Diskriminierung

Wer aus Indien nach Deutschland kommt, sollte nicht nur gut vorbereitet sein, sondern auch wachsam,für das, was nicht immer auf den ersten Blick sichtbar ist. „Deutschland hat starke Gesetze gegen Diskriminierung–im Arbeitsleben, auf dem Wohnungsmarkt, in der Öffentlichkeit“, sagtSen. „Aber das heißt nicht, dass man nicht doch auf Vorurteile trifft, manchmal subtil, manchmal spürbar.“

Sie selbst hat gelernt, sich nicht zu verstecken. „Es ist wichtig, die eigenen Rechte zu kennen. Und: sich zu trauen, Dinge anzusprechen.“ Ob über den offiziellen Weg in der Personalabteilung, über interne Vertrauenspersonen oder über Communities mit ähnlichen Erfahrungen – es gebe viele Möglichkeiten, sich Unterstützung zu holen. „Man muss da nicht allein durch.“

Gleichzeitig betont sie, dass Offenheit auf beiden Seiten beginnt: „Wer neu kommt, muss bereit sein, sich einzulassen – aber genauso sollten Teams und Vorgesetzte verstehen, was es heißt, aus einer anderen Kultur zu kommen.“

Voneinander lernen und gemeinsam wachsen

Inmitten von Videokonferenzen, Kita-Terminen, NGO-Absprachen und Strategiepapieren hält Sen an einem Leitsatz fest, der sie schon seit ihrer Kindheit begleitet: Vasudhaiva Kutumbakam– die Welt ist eine Familie. „Diese Philosophie ist tief in der indischen Kultur verankert. Und ich habe sie in Deutschland neu für mich entdeckt“, sagt sie. „Wir sind verschieden, aber unsere Träume, unsere Hoffnungen, unsere Sorgen ähneln sich oft mehr, als wir glauben. Wir können ganz viel voneinander lernen.“