Ein Interview mit Jelena Tupysewa „Ohne Hochschulbildung hat der zeitgenössische Tanz keine Zukunft“

Die Hochzeit/Die Frühlingsweihe - Ballette in einer Inszenierung von Régis Obadia, Ballett Moskwa
Die Hochzeit/Die Frühlingsweihe - Ballette in einer Inszenierung von Régis Obadia, Ballett Moskwa |

Zeitgenössischen Tanz gibt es in Russland kaum mehr als 20 Jahre. Jelena Tupysewa, künstlerische Leiterin des Kammerballetts Moskwa, die zu den Begründern dieser Kunstsparte in Russland zählt und deren Verbreitung bereits Ende der Neunzigerjahre vorantrieb, gehört heute zu den bedeutendsten Produzenten für zeitgenössischen Tanz in Russland. Im Gespräch mit Jelena Tupysewa erfuhr das Online-Journal, wo der zeitgenössische Tanz in Russland heute steht, wie der Staat seine Entwicklung künftig unterstützen kann und was russische Choreografen von europäischen Kollegen lernen können.

Wie würden Sie zeitgenössischen Tanz kurz definieren?

Zeitgenössischer Tanz ist ein Teil der zeitgenössischen darstellenden Kunst, dessen wichtigstes Ausdrucksmittel der Körper ist und dessen Hauptakteure Choreografen und Tänzer sind. Der zeitgenössische Tanz ist heterogen, unter seinem Dach gibt es viele verschiedene Richtungen wie das Tanztheater, den reinen zeitgenössischen Tanz, die Performance, die konzeptuelle Performance und andere.

Anfang der Zweitausenderjahre, vor fast 15 Jahren, haben Sie begonnen die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes voranzutreiben. Wo stand der zeitgenössische Tanz in Russland damals?

Wenn man vom Ende der Neunziger und Anfang der Nullerjahre spricht, so waren es die ersten zaghaften Versuche, als Enthusiasten in verschiedenen Städten ganz spontan ihre eigene Schule, ein Festival oder eine Truppe gründeten. Aus heutiger Sicht kann man sie als Pioniere des zeitgenössischen Tanzes in Russland bezeichnen. Das sind Tatjana Baganowa in Jekaterinburg, Olga Pono in Tscheljabinsk, Sascha Pepeljajew in Moskau. Außerdem waren da noch Nikolai Ogryskow, der in Moskau eine Schule des zeitgenössischen Tanzes für Kinder eröffnete, und Lew Schulmann. Das einzig Greifbare, was Anfang der Nullerjahre erreicht wurde, ist die Tatsache, dass dank dem Festival und gleichnamigen Nationalpreis Goldene Maske der zeitgenössische Tanz als Wettbewerbskategorie anerkannt wurde. Zu diesem Zeitpunkt bekommt der zeitgenössische Tanz den Status einer eigenständigen Sparte der Theaterkunst.

Kann man sagen, dass es heute den zeitgenössischen Tanz in Russland nur in großen Städten gibt?

Ich denke, dass ein solcher Zusammenhang nicht besteht. Alles hängt davon ab, ob es in der betreffenden Stadt Menschen gibt, die versuchen in dieser Richtung etwas zu machen. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Stadt Kostroma, die nicht einmal 300 000 Einwohner hat, und trotzdem gibt es dort eine eigene unabhängige Kompanie, deren staatliche Finanzierung vor kurzem bewilligt wurde. Dort ist die Art-Plattform Stanzija angesiedelt, die zeitgenössischen Tanz zeigt und verschiedene Projekte in die Stadt holt. Seltsamerweise sieht die Situation in Sankt Petersburg im Vergleich zum schon erwähnten Jekaterinburg bedeutend schlechter aus: es gibt keine einzige staatliche Kompanie, städtisch oder von der Oblast finanziert, die in dieser Richtung aktiv ist. In Sankt Petersburg finden zwei-drei Festivals statt, aber der zeitgenössische Tanz hat es dort schwer zu überleben. In Nowosibirsk gibt es von Zeit zu Zeit einzelne Initiativen, aber eine Kompanie für zeitgenössischen Tanz existiert vor Ort nicht. Wenn es keine Schule oder Kompanie gibt, sondern nur separat agierende Tänzer und Choreografen, dann ist es schwerer eine Community aufzubauen.

Gibt es in Russland ein funktionierendes System zur Förderung des zeitgenössischen Tanzes wie zum Beispiel in Europa, wo es eine durchorganisierte Infrastruktur in Form von staatlichen Subventionen, Stipendien und Bildungseinrichtungen gibt?

Der zeitgenössische Tanz in Europa genießt unter den darstellenden Künsten Priorität. Es existieren dort spezielle Programme zur Förderung des zeitgenössischen Tanzes, der als eigenständige Sparte behandelt wird. In Russland gibt es das nicht. Ich denke, dass genau darin die Schwierigkeit liegt: Unsere Kulturpolitik ist nicht darauf ausgerichtet, neue Genres zu etablieren und weiterzuentwickeln. Zu Sowjetzeiten lautete die Priorität: Wir entwickeln das Ballett, mit Konsequenz. Landesweit wurde ein System von Ballettschulen geschaffen, jede große Stadt hatte ihr eigenes Opern- und Balletttheater. Diese Politik kann man kritisieren, weil sie zweischneidig ist, aber ihr ist es eben zu verdanken, dass in der Sowjetunion das Ballett existierte. Natürlich würde sich der zeitgenössische Tanz in Russland schneller entwickeln, wenn es eine Art Zielprogramm gäbe. Für jede Kunstsparte gilt: Wenn die Zielrichtung staatlicher Politik und die Ausrichtung privater Kunstförderung übereinstimmen und es dann noch Menschen gibt, die sich der Dinge vor Ort annehmen, dann geht natürlich alles zügiger vonstatten.

Ist es dem zeitgenössischen Tanz in Russland gelungen, innerhalb von 20 Jahren eine eigene Spezifik auszuprägen?

Der zeitgenössische Tanz in Russland stützt sich eher auf Erfahrungen aus dem Westen. Ich würde nicht sagen, dass wir ein eigenes spezifisches Gesicht haben. Die Trainings, die wir nutzen, sind natürlich alle im Laufe der letzten 20 Jahre in Europa und Amerika entwickelt worden. Ausgehend von meiner Arbeit beim Ballett Moskwa kann ich sagen, dass die Stücke in der Sparte zeitgenössischer Tanz in dieser Saison von europäischen Choreografen inszeniert werden. Wenn Sie mir diese Frage vor etwa fünf Jahren gestellt hätten, dann hätte ich gesagt, dass es einen Trend zum Tanztheater gibt. Alexander Pepeljajew kommt vom Theater, auch Tatjana Baganowa hat eine enge Bindung an Theaterstücke.

Und jetzt?

Im Augenblick durchlebt der zeitgenössische Tanz in Russland eine schwierige Zeit. Ein Teil der Leute ist fast Dreißig, sie sind late-twenties, wie man sagt. Unter ihnen waren fünf-sechs interessante Leute und fast alle sind jetzt ins Ausland gegangen, um sich fortzubilden, manche nach Österreich oder Deutschland, andere nach Holland oder Frankreich. Die Generation derer, die jetzt Dreißig wird, hat ihr Potenzial bisher noch nicht nach außen tragen können.

Was können denn russische Tänzer und Choreografen von ihren europäischen und amerikanischen Kollegen lernen?

Ich würde eher nach Europa schauen, weil Russland diese Art zeitgenössischer Tanz mehr liegt als die amerikanische. Der amerikanische zeitgenössische Tanz erlebte seine Glanzzeit in den Fünziger- und Sechzigerjahren, zurzeit gibt es dort meiner Ansicht nach keine so interessanten Künstlerpersönlichkeiten. Das Erbe von Trisha Brown und Merce Cunningham – all das ist längst Geschichte. Die Stärken der Europäer liegen gegenwärtig in der Entwicklung von Dramaturgien für zeitgenössische Tanzstücke. Während im Schauspieltheater die Inszenierung auf dem Stück basiert, fehlt dieses im zeitgenössischen Tanz. Die Dramaturgie wird im Prozess der Proben erdacht und zu einer logischen Folge entwickelt. Wenn diese richtig aufgebaut ist, können auch einschlägig nicht vorgebildete Zuschauer das Stück verstehen. Das sind Techniken und Methodiken, die man sich schrittweis erarbeiten muss.

Was würden Sie jemandem raten, der in Russland zeitgenössischen Tanz studieren möchte?

Wenn es eine seriöse Ausbildung sein soll, so gibt es in Jekaterinburg die Fakultät für Tanz an der Humanwissenschaftlichen Universität. Das ist in Russland, mit Blick auf die darstellerische Leistung, wohl das Format, das dem europäischen am nächsten kommt. An der Waganow-Akademie werden im Rahmen eines zweijährigen Masterstudiengangs, der sich der Entwicklung neuer zeitgenössischer Tanzformen widmet, Choreografen ausgebildet. Voraussetzung für die Aufnahme des Studiums sind ein erster Hochschulabschluss und ein tänzerischer Background oder ein Background im Bereich visuelle Kunst. Wenn man ernsthaft die Absicht hat, sich an diesen Beruf zu binden, würde ich nach ersten in Russland gewonnenen Erfahrungen im Bereich Tanz oder Choreografie ins Ausland gehen, um mich fortzubilden, und dann zurückkehren, weil die Konkurrenz im Ausland sehr groß ist und es sehr schwer ist, sich dort durchzusetzen. In Russland gibt es in diesem Betätigungsfeld noch mehr Freiräume.

Welches sind Ihrer Meinung nach die nächsten Entwicklungsetappen des zeitgenössischen Tanzes in Russland?

Ich denke, dass man das Hauptaugenmerk auf die Bildung legen muss. Ohne Hochschulbildung sowohl im Bereich tänzerisch-darstellende Kunst als auch im Bereich Choreografie hat der zeitgenössische Tanz keine Zukunft. Theater, Festivals, Plattformen – all das ist zweitrangig. Dann brauchen wir profilgebende Einrichtungen, zum Beispiel ein städtisches (Moskauer) oder staatliches Zentrum für zeitgenössischen Tanz, das sich umfassend mit genau dieser Richtung beschäftigt, unter anderem mit der postgradualen Qualifizierung der Choreografen und dem Werben um Besucher. Der zeitgenössische Tanz wird aus Russland ganz sicher nicht verschwinden. Die Frage ist nur, wie die weitere Entwicklung verlaufen wird und wie schnell die fehlenden Elemente im System geschaffen werden.