Iwan Mitin im Gespräch „Zifferblatt ist ein Ort, wo man frei sein kann.“

Ivan Mitin
Ivan Mitin | Foto: © CC0 1.0

Iwan Mitin ist Mitte zwanzig, aber er hat schon einiges aufzuweisen: Er studierte zwei Jahre an der Theateruniversität, gründete eine eigene Musikgruppe, schrieb ein Buch aus Sicht eines Strafgefangenen, verbreitete in Moskau Gedichte von Puschkin und Charms und hatte dann mit Zifferblatt die Idee zu einem neuen Format im öffentlichen urbanen Raum, das als Anticafé in Moskau entstand und inzwischen als russisches Phänomen gilt. Nun will Iwan die Zifferblatt-Idee weltweit popularisieren und dabei den Anfang mit London und Berlin machen.

Welches war die ursprüngliche Idee hinter Zifferblatt?

Die ursprüngliche Idee von Zifferblatt war ganz simpel: einen Ort zu schaffen, an dem der Mensch ein Mensch bleiben und sich mit diesem Ort maximal identifizieren kann, weil dieser viel mehr an Funktionalität bietet als übliche Cafés, Bars oder Clubs. In Clubs habe ich immer die Kommunikation vermisst, Offenheit ohne stimulierende Mittel. Ich hatte den Wunsch, die Menschen zu bewegen offen miteinander umzugehen.

Warum bezeichnet sich Zifferblatt als freier Raum? Woran wird diese Freiheit festgemacht?

Freiheit bedeutet in diesem Fall nicht, dass alles erlaubt ist, sondern Verantwortung. Der Mensch bekommt einen Ort, an dem er alles Mögliche tun kann, für den er aber auch Verantwortung übernehmen muss. Und am Anfang haben die Gäste sehr viel selbst gemacht. Sie gaben mir ihr Geld nicht, um sich von mir bedienen zu lassen. Die Gäste zahlten dafür, dass es diesen Ort gibt. Das heißt: Es geht nicht um Gäste im herkömmlichen Sinne, sondern um Kleinstmieter. Genau diese Idee möchte ich wiederbeleben: Der Gast ist kein Gast, sondern Hausherr. Er zahlt Miete und ist berechtigt auf diesem Areal aktiv zu werden: eine Veranstaltung zu organisieren, alle möglichen Leute kennenzulernen, sich einen Kaffee zu kochen. Zifferblatt ist ein Ort, an dem die Menschen bereit sind, einander offen zu begegnen.

Hat sich die ursprüngliche Idee inzwischen geändert?

Momentan sind wir dabei unser Café auf ein kurioses Zahlungssystem umzustellen (zwei Rubel pro Minute).

Wie wollt ihr das hinkriegen?

Zum Beispiel werden wir den Kaffee nicht mehr selbst kochen, sondern allen das Kaffeekochen beibringen, die es nicht können und lernen möchten. Und vor allem werden wir die Selbstverwaltung einführen, die Gäste schlagen dafür einen Kandidaten als Mayor (Bürgermeister) vor. Nicht wie in Foursquare, wo man einfach nur „eincheckt“, nichts tut und dafür auch noch irgendwelche Bonuspunkte bekommt. Das ist nicht korrekt, der Mayor muss für seinen Status Verantwortung tragen. Deshalb wollen wir offene Wahlen ansetzen, damit die Leute kandidieren. Dann wird es im Zifferblatt zweierlei Macht geben: die des Volkes und unsere autoritäre, vertreten in der Person des Geschäftsführers.

Die Mayorkandidaten müssen in ihrem Wahlprogramm kundtun, zu welchen konkreten Aktivitäten sie sich verpflichten. Wir gewähren ihnen freien Eintritt, sie können bei uns hinter die Kulissen schauen und als Interessenvertreter der Gäste agieren.

Wann hast du Zifferblatt gestartet?

In Moskau gibt es Zifferblatt seit anderthalb Jahren, dort haben wir zurzeit zehn Standorte. Unsere freien Räume gibt es jetzt auch in Kasan, Nischni Nowgorod, Rostow am Don und Petersburg.

Habt ihr in den letzten anderthalb Jahren etwas Ähnliches im Ausland entdeckt?

Nein, deshalb kam uns auch die Idee, dort solche Locations zu eröffnen, in London und Berlin vor allem. Für mich wäre es spannend, Zifferblatt weltweit zu betreiben, damit auf der Karte die Lichter der Freiheit angehen (lacht). Ich habe nicht den Eindruck, dass es in London und Berlin genug Freiheit gibt. Ich denke, dort steht das gleiche Problem: den Weg zu einer aufrichtigen Kommunikation zu finden.

Warum Berlin?

Meine Großeltern leben in Deutschland, ich möchte ihnen beweisen, was ich kann. Die deutsche Kultur ist mir nah, weil ich von Kindheit an jeden Sommer viel Zeit in Deutschland verbracht habe. Die Großeltern sind vor 20 Jahren nach Deutschland übergesiedelt, sie gehören zur jüdischen Einwanderungswelle jener Zeit. Aber fangen wir mit London an, weil das in puncto Preis und Snobismus der schwierigste Ort ist. Es ist schwieriger, aber da wird es sich zeigen: Wenn die Idee dort funktioniert, wird sie sich auf der ganzen Welt durchsetzen. Die Mietpreise sind mit denen in Moskau vergleichbar, etwas niedriger, der Snobismus ist sogar stärker ausgeprägt als bei uns.

Ich war vor einem Monat in London auf Erkundungstour und habe Locations besucht, in denen sich viele Jugendliche treffen. Der erste Eindruck war: Warum bin ich überhaupt aus meinem Dorf hierhergekommen? So ein Gefühl stellte sich bei meinen Besuchen in den Clubs ein. Die erste Zeit ging ich depressiv umher und wusste nicht, was ich machen sollte. Dann begriff ich, dass es dort klasse ist, die ganze Klasse aber nicht zum Tragen kommt: Die klasse Leute bewegen sich dort wie Fische im Aquarium: immer hin und her.

Wer wird in London zum Publikum von Zifferblatt gehören?

Ich denke, das werden vorwiegend Zugereiste sein. Diejenigen, die dorthin emigriert sind oder es vorhaben. Diese Menschen fühlen sich nirgendwo zuhause, sie wissen nicht, wo sie hingehören. Sie sitzen bei Starbucks hinter ihren Netbooks mit unglücklicher Miene.

Wie geht die Eröffnung der neuen Cafés vor sich?

Früher haben wir alles selber gemacht: sind vor Ort gefahren, haben nach Leuten gesucht und dann eröffnet. Aber jemand, den man zum Arbeiten einstellt, selbst der allerbeste Mitarbeiter, macht eben immer nur seinen Job. Obwohl du eigentlich jeden unserer Geschäftsführer fragen kannst: Sie leben für diese Sache. Aber sie legen keinen Wert auf Gewinn, für sie zählen in erster Linie soziale Beweggründe, zum Beispiel in der Stadt etwas zu verändern.

Inzwischen ist uns klar geworden: Wenn Zifferblatt in einer Stadt erfolgreich sein will – finanziell und auf der menschlichen Ebene – dann muss es von Leuten geführt werden, die ihr eigenes Geld hineingesteckt haben. Nur so funktioniert es, wenn nämlich eine Eigentümergesellschaft da ist, die die Location betreibt. Und ich werde am Umsatz beteiligt und lasse mir etwas einfallen, wie man den Erfahrungsaustausch, die Personalschulung, neue Gags und so weiter organisieren kann. Wie wird Zifferblatt auf Englisch heißen?

Genau so: Zifferblatt. Es klingt witzig, aber mit dem Wort Starbucks konnte doch auch keiner etwas anfangen.

Wie weit sind die Dinge im Ausland gediehen?

Es gibt eine Verwaltungsgesellschaft, die die finanztechnischen und administrativen Aufgaben übernimmt: Steuern zahlen, Einkäufe tätigen. Das ist eine Dienstleistung, die zum Geschäft dazu gehört. Ich persönlich habe weder Erfahrung noch das nötige Durchhaltevermögen in diesen Dingen. Einen Raum und ein Team haben wir bis jetzt noch nicht, ich kenne in London niemanden, aber wir werden jemanden finden.

Verrate uns ein bisschen mehr über dich!

Ich bin in Moskau geboren, eine abgeschlossene Ausbildung habe ich nicht. Das Studium an der Theaterhochschule habe ich nach zwei Jahren abgebrochen. Ich geriet in Konflikt mit den Lehrern, wie immer. Die Schule in Moskau habe ich auch sieben Mal gewechselt, weil mich die Lehrer zur Raserei brachten. In der dritten Klasse bin ich mit Absicht sitzengeblieben, weil ich mit meinen Spielkameraden vom Hof, die wirklich Sitzenbleiber waren, weiter in eine Klasse gehen wollte. Dann kam die Musik, ich spielte Klavier und Gitarre, tingelte mit Freunden durch Clubs.

Zwei Jahre habe ich bei einer Menschenrechtsorganisation gearbeitet, die sich mit jugendlichen Strafgefangenen beschäftigt. In dieser Zeit habe ich ein Buch geschrieben über einen jungen Mann, der im Gefängnis sitzt und darüber nachdenkt, wie er dahin gekommen ist, und seinen Alltag beschreibt. Das Buch kam auf die Shortlist des Debüt-Preises und die beiden folgenden Jahre fühlte ich mich diesem Preis verbunden und habe alle möglichen Lesungen organisiert. Dann kam das Projekt „Stichi w karmane“ („Gedichte in der Tasche“). Wir schrieben Gedichte auf Kärtchen, laminierten sie und legten sie in der Stadt auf Bänken in der Nähe von Denkmälern aus. Mich hat genervt, dass die Leute in der Metro allen möglichen Mist lesen, ich wollte ihnen Tschechow in die Hand geben.

Welche Projekte inspirieren dich?

Wikipedia gefällt mir oder Wikileaks. Von den hiesigen finde ich zum Beispiel das Projekt „Kinosreda“ („Kinomittwoch“) sehr gut. Dort habe ich das erste Mal eine Bezahlung erlebt, bei der man so viel gibt, wie man für nötig hält. In Berlin gibt es etwas Ähnliches, ein Café, wo Weinabende stattfinden, und man kommt, trinkt Wein und am Ende lässt man Geld da nach dem Prinzip free donations.

Wir möchten die Menschen ein wenig erziehen und ihnen helfen, innerlich frei zu werden und dabei Verantwortung zu übernehmen. Den Leuten zeigt doch niemand, was sie selbst tun können und was aus ihnen werden kann. Im Zifferblatt bekommt der Mensch Gelegenheit, sich selbst ein wenig besser zu verstehen.