Ulrike Ottinger über den Film „Chamissos Schatten“ Drei Jahre, sechzehn Monate und zwölf Stunden

Waljagd Todeskampf vor Inahpak
© Ulrike Ottinger

Auf dem 38. internationalen Moskauer Filmfestival fand im Rahmen einer Ulrike-Ottinger-Retrospektive die russische Premiere des neuen Films der Regisseurin Chamissos Schatten statt. Um diesen Film zu drehen, hat sich Ulrike Ottinger auf einer mehrmonatigen Expedition an die Ufer des Beringmeers begeben. Geleitet vom Wind, den Wellen und ihrem Interesse an den Menschen gelangte sie bis nach Kamtschatka, Tschukotka, Alaska und zur Inselkette der Aleuten. Hier, weit im Norden, stoßen der eurasische und der amerikanische Kontinent aufeinander und bieten sich dem Auge spektakuläre Meeres-und Vulkanlandschaften. Angeregt von den Werken berühmter Forscher wie Alexander von Humboldt, Georg Wilhelm Steller, Reinhold und Georg Forster und insbesondere Adelbert von Chamisso machte sich Ulrike Ottinger auf die Reise. Ähnlich wie diese führte sie ihr eigenes Reisetagebuch und zeichnete beeindruckende Bilder von den Landschaften, Pflanzen, Tieren und Menschen. Mit dem ihr eigenen unverwechselbaren künstlerisch-ethnographischen Blick verknüpft sie die historischen Forschungsberichte und sehr anschaulichen bildlichen Darstellungen mit ihren Reisenotizen und Dokumentaraufnahmen. Die Vergangenheit und die Gegenwart gehören untrennbar zusammen – so wie Peter Schlehemil und sein Schatten in Adalbert von Chamissos „Wundersamer Geschichte…“. Erst verliert er ihn, dann jagt er ihm über alle Kontinente mit Siebenmeilenstiefeln nach.

Der Film ist 12 Stunden lang – eine echte Belastungsprobe für den Zuschauer.
 
Am Tag der Premiere, als wir den Film in voller Länge gezeigt haben – ab 10 Uhr morgens bis Mitternacht, natürlich mit Pausen, da die Zuschauer ja Mittag essen und Kaffee trinken müssen – lief alles bestens. Ich war sogar erstaunt, dass zum Ende des Films um 23 Uhr noch so viele Leute da waren, die eine ganze Stunde lang Fragen gestellt haben.
 
Ich habe den Film auf der Berlinale gesehen, als eine Wiederholung gezeigt wurde, und bemerkt, dass während der Vorführung einige eingeschlafen sind. Andere wiederum haben den Saal verlassen, um nach einiger Zeit erneut reinzukommen. Vielleicht muss man das bei einem derart langen Film so machen?
 
Eigentlich ist der Film so angelegt, dass man ihn ununterbrochen sieht. Aber für mich ist es auch keine Tragödie, dass jemand in meinem Film eingeschlafen ist. Mir passiert es auch ab und an, dass ich während eines Filmes einnicke. Bei manchen Filmen ist das bedauerlich, bei anderen nicht besonders.
 
Aber gerade bei guten Filmen schläft man leichter ein.
 
Natürlich, weil man sich bei einem guten Film entspannt – im besten Sinne des Wortes. Oder man wird gewissermaßen positiv aufgeladen. In einem schlechten Film, wo die Aufladung nicht positiv ist, schläft man auch schlechter ein.
 
Von den drei Teilen Ihres Films – über Alaska, Tschukotka und Kamtschatka – ist der zweite besonders lang geworden.
 

Von diesen drei Gebieten ist Tschukotka dem westlichen Zuschauer am wenigsten vertraut. Und im Übrigen wissen auch die Moskauer und Sankt Petersburger vermutlich nicht sehr viel darüber. Und wenn ein Thema für den Zuschauer vollkommen neu ist, muss man das Material anders strukturieren. Unabhängig davon, ob ich einen Spielfilm oder einen Dokumentarfilm drehe, bemühe ich mich immer darum, den Kontext der Ereignisse zu zeigen, Geschichtliches mit einzubinden – nicht in der klassischen Manier eines Heimatmuseums, sondern so, dass verständlich wird, was das für eine Kultur ist und welche Vorstellungen die Menschen haben, von denen ich erzähle. So wissen wir beispielsweise, dass es im Europa des 20. Jahrhunderts zwei Weltkriege gab, aber was auf Tschukotka vom Beginn des 16. Jahrhunderts bis zum Jahr 2010 passiert ist, davon haben wir, zumindest hier im Westen, praktisch so gut wie keine Ahnung. Es ist interessant zu beobachten, wie zeitgleich zu unserem Leben in den großen Städten dort ein vollkommen anderes Leben geführt wird. Und wie sich alles verändert: So können beispielsweise die Schiffe jetzt wegen der Klimaveränderung aus Murmansk oder Kopenhagen ohne Zwischenstopp direkt nach Shanghai oder Wladiwostok fahren. Oder was sich in dieser Region zum Beispiel im Zusammenhang mit der Rohstoffsituation verändert. Das heißt, ich hatte ein bestimmtes ethnologisches und anthropologisches Interesse, und auf diese Weise ist ein dichterer Erzählstoff entstanden, der sowohl die kulturellen Vorstellungen der Vergangenheit als auch deren Veränderungen umfasst.
 
Wie viel Stunden Material haben Sie während der Reise aufgenommen?
 
Insgesamt hatte ich 130 Stunden, davon 20 Stunden Interviews, und dann noch separat verschiedenste Tonaufnahmen.
 
Wie lange musste das bearbeitet werden?
 
Sie dürfen die Arbeit mit dem Text nicht vergessen: ungefähr 300 Seiten Aufzeichnungen von Reisenden aus früheren Zeiten wie Chamisso, Humboldt und anderer, die ich bei meiner Arbeit verwendet habe. Und meine eigenen Notizen: Während der Reise habe ich versucht Tagebuch zu führen, obwohl ich nicht immer dafür Zeit hatte. Die Sache ist die, dass ich zeitgleich mit dem Film noch eine Ausstellung vorbereitet habe, die momentan in der Staatsbibliothek gezeigt wird. Dort sind die Tagebuchaufzeichnungen zu sehen, aber auch die Zeichnungen, die Briefe von Humboldt, Chamisso und anderer Reisender, von ihnen mitgebrachte Artefakte, und auf den Leinwänden läuft mein Film. Aber es ist nicht der Film, den Sie im Saal gesehen haben. Für die Ausstellung habe ich Aufnahmen mit sehr langen Einstellungen verwendet, die mitunter bis zu 20 Minuten dauern. Dort ist alles in vier Teile aufgeteilt: Landschaften, Pflanzen, Tiere, Menschen. Und der Plan für meinen Film war auch schon fertig, jetzt musste nur noch alles für den Film und die Ausstellung aufgeteilt und dann das Material entsprechend zusammengestellt werden. Und so habe ich 16 Monate im Schneideraum verbraucht und buchstäblich täglich 12 bis 14 Stunden gearbeitet. Der Film hätte 4 Stunden länger sein können, aber wir sind bis an die Grenzen gegangen, sowohl finanziell als auch körperlich.
 
Ich nehme an, dass die Reisevorbereitung auch nicht wenig Zeit in Anspruch genommen hat. Hat dann alles so geklappt, wie Sie es sich vorgestellt haben?
 
Das Thema hat mich schon sehr lange interessiert, aber die unmittelbare Vorbereitung hat ungefähr drei Jahre gedauert. Wissen Sie, auch wenn man eine Reise noch so gut plant, passieren immer unvorhergesehene Dinge: Man ist von den Verkehrsmitteln und auch vom Wetter abhängig. Nicht viele können sich solche Projekte erlauben, wo entweder alles scheitern oder aber auch im Gegenteil etwas ganz Ungewöhnliches entstehen kann.
 
Hatten Sie bei Ihrem Projekt russische Sponsoren, irgendeine Unterstützung?
 
Nein, wir hatten nur eine Aufnahmeleiterin aus Russland. Wir haben mit Julia Mischkinene gearbeitet und waren mit dieser Zusammenarbeit sehr zufrieden.
 
Sprechen Sie Russisch oder eine Sprache der Völker des Nordens?
 
Ich habe auch früher schon in Russland gearbeitet und kann so viel Russisch, dass ich verstehe, worum es geht, aber vom Sprechen bin ich weit entfernt. Natürlich habe ich mit einem Dolmetscher gearbeitet. Aber wissen Sie, wenn man am Schneidetisch sitzt und alles tausendmal hört, dann ist das ein hervorragender Sprachkurs. So habe ich gelernt, Evenki und Even zu verstehen und sogar verwandte Wörter rauszuhören.
 
Ihr Film zeigt wunderschöne Landschaften, Vulkane, Rentierzüchter, Fischer und sogar den Walfang – dennoch ist er ganz und gar kein Film, den man auf dem Kanal „National Geographic“ zu sehen bekommen würde.
 
Ja, die Zuschauer haben mir das auch gesagt. Für sie war der Film nicht einfach nur eine Möglichkeit, an neue Informationen heranzukommen und diese schön verpackt mit nach Hause zu nehmen. Der Film hat dem Zuschauer eine intensivere Arbeit abverlangt. Und was die Landschaften betrifft – ich musste ganz schön in Bewegung sein, um den notwendigen Blickwinkel zu finden. Dort ist es natürlich überall herrlich, aber ich versuche immer, so viel wie möglich in einem Bild einzufangen, zu erfassen – sowohl in Bezug auf die Stimmung und die Atmosphäre als auch vom Inhalt her. Das erfordert selbstverständlich eine sehr genaue Komposition.
 
Apropos Komposition: Inspirationen für Ihre Reise erhielten Sie aus den Texten von Chamisso und Humboldt, was aber regt Sie bei der Schaffung Ihrer Bilder an? Ist es der europäische Blick auf Asien?
 
Ich habe sehr vieles in der östlichen Tradition gelernt: Ich habe Tanz, Choreographie, Gesten und Dramaturgie des Ostens studiert. Obwohl ich einen westlichen Blick habe, scheint es mir doch, dass ich auch mit den Augen eines Menschen sehen kann, der aus einer anderen Kultur kommt. Nicht immer, aber manchmal.
 
Ist dieses Interesse bereits in den Studienjahren in Paris erwacht?
 
Ich fing an mich damit zu beschäftigen, als ich 19-20 Jahre alt war. In einer meiner Arbeiten geht es um eine archaische Dramaturgie und Erzähler aus alten Zeiten. Die Erzähltechnik dort ist eine andere, so wird beispielsweise häufiger die direkte Rede verwendet: „Und da habe ich mir gesagt: ‚Ich gehe nach Hause‘, und er hat gesagt, und ich habe erwidert“, – eine Erzählung ist hier mehr wie ein Hörspiel aufgebaut. In meinem Film habe ich den Menschen oft die Möglichkeit gegeben, so zu sprechen, wie sie es gewohnt waren. Und als der Film dann später geschnitten wurde, wollte mich der Autor des Abspanns dazu überreden, die Formulierungen in der Übersetzung kürzer zu fassen, was ich aber abgelehnt habe, um die Spezifik zu bewahren.
 
Also auch die Struktur der mündlichen Rede zu erhalten?
 
Ja. Außerdem habe ich auch sehr aufmerksam die materielle Kultur studiert. Inzwischen tragen die Einheimischen moderne Kleidung und haben auf diese Weise ihre nationale Identität verschleiert. Ich bin jedoch vermutlich zu einer Expertin darin geworden, wie die alten Formen eine Wandlung hin zu den neuen Formen erfahren haben. So wiesen die traditionellen aleutischen Trachten einen ganz speziellen wunderschönen Blendschutz auf, während die Menschen heute ganz normale Schirmmützen tragen, nur eben mit sehr langen Schirmen. Natürlich haben sie sie einfach gekauft oder geschenkt bekommen, aber diese Besonderheit ihrer Kleidung ist eben mit dem Ort verbunden, an dem sie leben: Hier, wo die Sonne sehr lange tief über dem Horizont steht, brauchen die Augen einen Schutz. Das ist ein ganz einfaches Beispiel, aber es gibt noch andere.
 
Oder Sie zeigen im Film beispielsweise eine Szene, in der ein Rentier getötet wird, und anschließend eine alte Fotografie mit der gleichen Szene – als würde sich in den beiden Darstellungen das Pathos nach der gleichen Formel wiederholen.
 
Bestimmte Dinge sind in der Tat erstaunlich beständig. Aber in einigen Fällen haben wir die Gegenüberstellung von alten Zeichnungen oder alten Fotografien auch verwendet, um die Unterschiede zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart aufzuzeigen. Manchmal geschehen Veränderungen nur allmählich und ein anderes Mal kommen sie schockartig.
 
Wenn wir zu der Episode mit dem Rentier zurückkehren, dann wirkt diese, wie es eine Zuschauerin ausgedrückt hat, verblüffend „human“. Möglicherweise wäre diese Szene bei einem anderen Kameramann ganz anders geworden. Wie musste sie gedreht werden?
 
Hier hängt alles von der Einstellung ab, von Ihrer eigenen Haltung zu dem, was da passiert. Wenn die Frage auf die technischen Besonderheiten beim Drehen abzielt, dann muss ich sagen, dass die Technik für mich immer der Idee folgt. Natürlich ist es nicht gut, lebende Wesen zu töten. Aber uns Stadtbewohnern bleibt das verborgen, wir sehen nicht, wie die Tiere geschlachtet werden; wir gehen einfach in ein Restaurant und essen Fleisch. Hier ist es eine Lebensnotwendigkeit, es passiert ganz natürlich und alles wird sorgfältig verarbeitet und verwendet. Und im Bewusstsein ihrer Schuld gegenüber dem lebenden Wesen bringen sie ein Opfer. Oder aber die Szene, in der eine Robbe getötet wird: Das darf man nur mit einer Harpune machen und auch nur auf eine Weise, die das Tier so wenig wie möglich leiden lässt. Das ist nicht brutal, sondern so verdient man sich hier den Lebensunterhalt. Selbst der so empfindsame Chamisso konnte sich für den Geschmack rohen Fleisches begeistern.
 
Und sie haben das Gleiche wie die Einheimischen gegessen?
 
Ja, wir konnten nicht auch noch Lebensmittel mitnehmen; wir hatten so schon genug Gepäck dabei.
 
Wie haben Sie den Kontakt zu den Menschen hergestellt, die Sie gefilmt haben?
 
Man muss sich einfach nur zivilisiert benehmen. Nicht mit der Kamera auf die Menschen losstürzen, sondern die Beziehung allmählich aufbauen. Das ist nicht so schwierig und die Menschen spüren dann auch, dass ich mich wirklich für sie interessiere. Wenn ich drehe, dann schaue ich in das Okular; ich kann nicht in der heute üblichen Weise arbeiten, also mit Blick auf den Monitor. Dabei ist mein linkes Auge offen, was sehr hilfreich ist, um den Kontakt herzustellen. Ich mache auch immer deutlich: Wenn ihr eine Pause braucht, dann gebt mir ein Zeichen.
 
Und welche Kamera verwenden Sie?
 
Sony-5 und Sony-500, wir hatten zwei Ausrüstungen. Ich verwende Objektive mit Festbrennweiten; nur so bekommt man die erforderliche Qualität.
 
Der Ton spielt in Ihrem Film auch eine große Rolle.
 
Wir haben immer den Originalton verwendet, weil es mir sehr wichtig war, die Atmosphäre zu vermitteln. Das eine oder andere ist nicht gelungen, aber wir haben das beim Schneiden dann wiederhergestellt.
 
Einen solchen Film muss man natürlich auf einer großen Leinwand sehen. Haben Sie geplant, ihn in den Verleih zu bringen?
 
Ja, in Deutschland geht er in den Verleih. Er wird in drei Teile aufgeteilt, und diese werden dann nach und nach gezeigt – der erste Teil kommt am 24. März ins Kino, nach zwei Wochen der nächste Teil und noch einmal vier Wochen später Teil drei. Und danach wird es die Möglichkeit geben, auf Sonderveranstaltungen den Film als Ganzes zu sehen, beispielsweise im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Und die Filmvorführungen werden von Gesprächen begleitet sein, an denen sowohl Filmkritiker als auch Wissenschaftler teilnehmen: der Ethnologe Michael Opitz, die Kulturwissenschaftler Jan und Aleida Assman, und wir werden verschiedene Aspekte, die mit diesem Film verbunden sind, diskutieren.
 
In Ihrem Film gibt es eine Episode, wo Fischer sagen: Wir werden gefilmt, das ist für Deutschland, das heißt, wir selbst werden den Film nicht zu Gesicht bekommen. Aber es wäre doch sicherlich interessant für Sie, den Film jenen Menschen zu zeigen, die Sie da im Norden filmisch festgehalten haben?
 
Auf jeden Fall übergebe ich eine DVD an die Mitarbeiter von Heimatmuseen, die mir bei meiner Arbeit sehr behilflich waren. Ich hoffe, dass sie Filmvorführungen organisieren können.
 
In diesem Fall wird auf dem Moskauer Filmfestival auf Initiative und mit Unterstützung des Goethe-Instituts eine Retrospektive Ihrer Filme stattfinden, wo dann auch der Film Chamissos Schatten gezeigt wird.
 
Ja, ich freue mich darauf meinen Film zu zeigen. Es ist schon sehr lange her, dass ich in Moskau war; ich bin sehr gespannt darauf, was sich seitdem verändert hat.