Das 150-jährige Jubiläum des Dichters Rainer Maria Rilke ist ein Anlass, nicht nur an ein Datum zu erinnern, sondern auch an die Kraft seiner Stimme. Für den Übersetzer und Germanisten Michail Rudnitzkij ist diese Stimme längst Teil seiner persönlichen Geschichte geworden. Sie wurde zum Thema seiner Dissertation, führte zu seiner ersten – heimlich angefertigten – Übersetzung für einen Wettbewerb und schließlich zu den Versuchen, genau jene Intonation einzufangen, die von Atem und Pausen lebt.
Ein Gespräch über Rilke wird unweigerlich zu einem Gespräch über das Übersetzen. Darüber, was wichtiger ist: buchstäbliche Genauigkeit und „richtige” Wörter oder das richtige Gefühl. Und darüber, warum Boris Pasternak, der sich in seinen Übertragungen Freiheiten erlaubte, am Ende fast der Einzige war, der Rilke so hörte, als spräche er Russisch.