TTIP Kultureller Freihandel

Teamwork
Teamwork | Foto: Goethe-Institut/Loredana La Rocca

„Kultur ist keine Ware!“, das hört und liest man in diesen Tagen oft, in Deutschland, Frankreich, Österreich und anderswo in Europa – aber nicht in den USA.

Politiker, Gewerkschaftler, Kulturakteure und –funktionäre (und auch die Mitgliederversammlung des Goethe-Instituts) warnen vor den schädlichen Auswirkungen von TTIP, der Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft auf unsere Kultur, genauer: Sie warnen davor, dass unsere von staatlichen Subventionen geprägte Kultur den Gesetzen des Markts zum Opfer fallen könnte. Wenn uns jemand eine Resolution mit der Bitte um Unterschrift in die Hand drückte, würden wir sie ohne jedes Zögern unterschreiben. Natürlich sind auch wir für, beispielsweise, die Buchpreisbindung und das Urheberrecht. Wir sind auch gegen eine Klassifikation, die Film, Radio, Musik und neue Medien der „Telekommunikation“ zuschlägt. Schon vor TTIP hatten wir Probleme mit Googles Digitalisierung der weltweiten Bibliotheksbestände und mit Amazons Erpressung von Buchhändlern und Verlagen. Wir wollen nicht, dass der Einfluss großer und meistens amerikanischer Konzerne auf die kulturelle Produktion und Distribution größer wird. Finden wir deswegen aber schon, dass Kultur keine Ware ist?

Kultur sei keine Ware, sondern, so formuliert es etwa die Resolution des Goethe-Instituts, ein „öffentliches Gut“. Wir fühlen uns wohler mit der Vorstellung, dass Kultur ein Gut und keine Ware sei, sogar ein öffentliches. Aber eines haben Waren und Güter auf jeden Fall gemeinsam: man muss für sie bezahlen. Das gilt in der Regel auch für öffentliche Güter. Manchmal sind kulturelle Güter bereits abbezahlt, etwa gotische Kathedralen, dann ist der Eintritt frei, wenngleich der Bauunterhalt weiterhin uns Steuerzahlern obliegt. In der Regel aber ist es so, dass kulturelle Produzenten (Architektinnen, Filmemacher, Komponisten, Schriftstellerinnen etc.) ein Produkt auf den Markt bringen, für den sie sich einen finanziellen Gewinn oder wenigstens eine Entschädigung erhoffen. Wenn diese Rendite schrumpft oder ganz ausbleibt, etwa bei Spotify, dann beschweren sich Künstlerinnen zu Recht, aber nicht darüber, dass Kultur eine Ware ist, sondern weil die Vergütung für die von ihnen vorfinanzierte – und allenfalls in Teilen subventionierte – Ware ausbleibt. Gleich ob Kultur eine Ware oder ein Gut ist: es geht um Geschäftsmodelle, und gewiss werden manche kulturellen Geschäftsmodelle durch TTIP und allgemeiner, durch die digitale Revolution, stark bedroht.

Man kann die Frage nach Gut und Ware und auch jener nach den schädlichen Folgen von TTIP schlecht aus der Vogelperspektive beantworten. Man sollte sich vielmehr die einzelnen Kunstsparten (Film, Musik, Buch, Theater, Bildende Kunst etc.) im Detail anschauen und dabei die jeweiligen Chancen und Risiken abschätzen. Außerdem lohnt sich natürlich ein transatlantischer Vergleich. Warum regt sich in den USA niemand über TTIP auf? Geht es den Künstlern mit einem kulturellen Marktmodell womöglich besser? Welche selbst wieder kulturellen Voreinstellungen beidseits des Atlantik manifestieren sich in den so unterschiedlichen Haltungen gegenüber TTIP und darüber hinaus, gegenüber Kultur als Ware? Wahrscheinlich wird die genauere Betrachtung der Auswirkungen von TTIP auf die Kultur dazu führen, dass wir die Position von Hardlinern auf beiden Seiten (Subventions-Hardliner auf der einen, Markt-Hardliner auf der anderen) ein wenig relativieren.

Wir werden in den nächsten Monaten auf diesem Portal einige Stimmen von kulturellen Akteuren aus verschiedenen Feldern einfangen und am Ende hoffentlich besser erkennen, wovor man sich bei TTIP zu Recht und wovor man sich vielleicht zu Unrecht fürchtet. „Kultur ist keine Ware (mehr)“, das kann ja durchaus auch eine beunruhigende Nachricht für Künstlerinnen und Künstler sein, die bislang ihre Bücher oder CDs mit der Aussicht auf den Markt brachten, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber der Protest allein bringt die Geschäftsmodelle von gestern nicht zurück. Wir sind gespannt, was uns unsere Gesprächspartner in den kommenden Monaten über die Geschäftsmodelle von morgen sagen werden.