Gottfried Wilhelm Leibniz Ein Leben für die Wissenschaft

Gottfried Wilhelm Leibniz
Gottfried Wilhelm Leibniz | Foto (Ausschnitt): © Leibniz-Editionsstelle Potsdam der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Mathematik, Physik, Sprachwissenschaften: Gottfried Wilhelm Leibniz war in vielen Disziplinen zu Hause. Seine Arbeit hatte international großen Einfluss – dies allerdings erst nach seinem Tod vor 300 Jahren.
 

„Wenn ich morgens aufwache, habe ich so viele Ideen im Kopf, dass der Tag nicht ausreicht, um sie niederzuschreiben“, sagte Gottfried Wilhelm Leibniz einmal. Treffender hätte sich das Universalgenie kaum selbst beschreiben können. Leibniz stellte vielfältige Überlegungen zu Medizin, Theologie, Politik, Geschichte, höherer Mathematik, Technik, Sprachwissenschaften und Physik an. Viele von ihnen schrieb er auf. Manchmal reichte ihm ein Briefumschlag, um einen Gedanken schnell zu notieren. Zu Lebzeiten veröffentlichte er davon jedoch kaum etwas. Erst nach seinem Tod fand man die Notizen: etwa 200.000 Blätter.
 
Leibniz widmete sein Leben ganz der Wissenschaft. Er forschte und tauschte sich mit Gelehrten weltweit aus. Seine Erkenntnisse und Anstöße beeinflussten viele wissenschaftliche Disziplinen und wirken bis heute. Er begründete unter anderem die Infinitesimalrechnung – das Rechnen mit unendlich kleinen Zahlen –, legte den Grundstein für die Informatik, entwickelte den binären Code und forschte zur Herkunft von Wörtern. Der Gelehrte forderte die wissenschaftliche Arbeit mit Quellen und gilt als wichtiger Vordenker der Aufklärung. Besonders fortschrittlich war Leibniz‘ Bestreben, möglichst vielen Menschen den Zugang zu Wissen zu ermöglichen. Für einen besseren Austausch von Forschern regte er auch die Gründung von Wissenschaftsakademien an.

„Der letzte Universalgelehrte“

Geboren wurde Leibniz am 1. Juli 1646 in Leipzig. Heute bezeichnet man ihn oft als „letzten Universalgelehrten“, doch im 17. und 18. Jahrhundert war ein solches Generalistentum nicht unüblich. „Die Spezialisierung auf einzelne Fachbereiche kam erst später“, sagt der Wissenschaftshistoriker Harald Siebert von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. „Leibniz war zwar eine Ausnahme, was den Umfang seiner Interessen, die Quantität seiner Aufzeichnungen und seine Originalität betrifft. Doch die naturwissenschaftliche Forschung war damals stark in der Philosophie verankert.“
 
Leibniz begann im Alter von 15 Jahren sein Jurastudium, mit 20 Jahren promovierte er. Auch das war nicht ungewöhnlich. „Wenn die Jugendlichen mit der Lateinschule fertig waren, studierten sie“, sagt Siebert. Sechs Jahre nach seinem Abschluss zog Leibniz nach Paris – die Zeit dort prägte sein gesamtes Leben. Die französische Hauptstadt war damals das kulturelle Herz Europas. Viele Gelehrte und Wissenschaftler lebten dort. Leibniz lernte unter anderem den niederländischen Mathematiker und Physiker Christiaan Huygens kennen. „Huygens erkannte das Talent von Leibniz und förderte ihn“, sagt Harald Siebert. „Aber er merkte auch, dass Leibniz nicht auf dem neuesten Stand der mathematischen Erkenntnisse war und gab ihm die aktuellsten Veröffentlichungen. Leibniz arbeitete sie durch, für ihn war das wie ein zweites Studium.“

Zahlreiche Reisen durch Europa

Nach vier Jahren in Paris nahm Leibniz eine Stelle als Hofbibliothekar in Hannover an. Seine Verpflichtungen dort hielten ihn aber nicht von zahlreichen Reisen durch Europa ab. Jahrelang versuchte er erfolglos, nach Paris zurückzukehren. Doch bis zu seinem Tod blieb Hannover Zentrum seines Lebens. Der dortige Adel hatte zwar Geld, aber er legte keinen Wert auf Wissenschaft und Philosophie. „Leibniz fühlte sich allein, er hatte niemanden zum Reden. Deshalb pflegte er seine etwa 1.100 Korrespondenzen weltweit“, erläutert der Historiker Vincenzo De Risi vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. „Zudem ließ er in Hannover auch eine riesige Bibliothek bauen, er hatte neben seinen Korrespondenzen keinen anderen Zugang zu Wissen.“ Die Briefe, die Leibniz verfasste, schrieb er für sich selbst noch einmal ab. Nach seinem Tod wurden etwa 15.000 Briefe entdeckt.
 
Einer der bekanntesten Gedankenaustausche ist der mit dem englischen Naturforscher Isaac Newton. In Briefen diskutierten die beiden Forscher über das Verständnis von Zeit und Raum. Newton vertrat die Meinung, dass der Raum absolut ist. Es existiere demnach ein dreidimensionaler, unbeweglicher Raum, in dem sich Materie völlig unabhängig voneinander bewegt. Leibniz hingegen war der Ansicht, dass der Raum relativ ist, die Materie ihn überhaupt erst definiert und alles darin in Beziehung zueinander steht. Zudem sei der Raum immer abhängig vom Betrachter. Diese Korrespondenz wurde kurz nach Leibniz’ Tod veröffentlicht und europaweit mit viel Interesse gelesen. Newton und Leibniz wirkten darin wie Widersacher. „Die Diskussion über die Raumzeit ist immer noch gegenwärtig. Sie hat bis heute Auswirkungen auf die Grundpfeiler der Physik“, sagt De Risi. „In dem Briefwechsel der beiden hatte Newton jedoch mehr Argumente, Leibniz konnte seine physikalische Begründung nicht widerlegen.“ Die Argumente, die Leibniz noch fehlten, lieferte Albert Einstein 200 Jahre später mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie.
 
Gottfried Wilhelm Leibniz starb am 14. November 1716 in Hannover. Sein Tod jährt sich 2016 zum 300. Mal. Aus diesem Anlass wurde 2016 zum Leibniz-Jahr erklärt. Nicht nur die Stadt Hannover organisiert zahlreiche Veranstaltungen über das Universalgenie, sondern auch Einrichtungen in Deutschland und auf der ganzen Welt.