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M
Ein Klassiker ohne Gleichen

Foto (Ausschnitt) aus „M - Eine Stadt sucht einen Mörder", Regie: Fritz Lang, 1931
„M - Eine Stadt sucht einen Mörder", Regie: Fritz Lang, 1931 | Foto (Ausschnitt) picture alliance/Everett Collection

Eine moderne Stadt, eine Verbrecherjagd, eine Hauptfigur, die sich selbst der größte Feind ist – diese drei Elemente haben den Großmeister des goldenen Zeitalters des deutschen Kinos, Regisseur Fritz Lang, immer wieder fasziniert. Sein erster Tonfilm M bleibt sein Meisterwerk.

Von Richard T. Jameson

Eine moderne Metropole wird vom Terror erfasst und erwartet hilflos den nächsten Kindermord, ohne zu wissen, wann und wo der Serientäter wieder zuschlagen wird ... Darum geht es in Fritz Langs M (1931). Das Ergebnis ist, wie die über 80 Jahre währende Zuschauerschaft bestätigen kann, ein absolutes Meisterwerk der Spannung. Und das ist nur ein Aspekt seines Vermächtnisses an die Filmwelt.
 
M ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Meilenstein. Als bedeutender Vorläufer des Film noir setzt er von Beginn an eine hohe Messlatte für dynamische Kinematographie und prägt entscheidend die für den Film noir so wesentliche visuelle Sprache und formelle Mehrdeutigkeit. Der Streifen ist ein maßgebender und minutiöser Polizeifilm, bei dem Realismus, Expressionismus und nahezu halluzinatorische Details zu einer nie dagewesenen Zuschauererfahrung verschmelzen. Mit der neuen Dimension im Werkzeugkasten seiner Fantasie, nämlich dem Ton, geht der Filmemacher entdeckerisch und manchmal radikal um (dies war Langs erster Tonfilm). Der Film stellt außerdem eine ganze Riege einzigartiger deutscher Schauspieler ins Rampenlicht – allen voran Peter Lorre, der in seinem Filmdebüt als der Kindermörder fasziniert, aber auch einen bemerkenswert brillanten Reigen von Schattengestalten und überforderten Bürokraten.
 
Bei der Fahndung nach dem Phantommörder zeichnet M ein Bild der Stadt Berlin selbst und der verschiedenen Facetten des Berliner Lebens. Bevölkerung und Polizei sind nicht die Einzigen, die den Mörder stoppen wollen, denn auch der Unterwelt werden die vermehrten Razzien unangenehm, und Gangster verzweifeln, dass ihnen „ein Außenseiter das Geschäft und den Ruf verdirbt!“ Parallel zu einer Besprechung des Polizeirats treffen sich auch die Köpfe der Verbrechergilden. Lang wechselt dabei unverfroren zwischen den beiden Sitzungen hin und her und lässt zum Beispiel einen Verbrecher gleichsam auf die Frage eines städtischen Beamten „antworten“. Das positive Ergebnis der Verbrecherversammlung: Die Unterwelt stellt eine vierte Bevölkerungsschicht, nämlich die allgegenwärtige Gemeinschaft der Bettler und Obdachlosen, in ihre Dienste, um von ihnen die gesamte Stadt überwachen zu lassen.
 
So vermittelt M sowohl eine soziale als auch eine moralische und politische Vision. Die Verhaftung des Kindermörders löst eine leidenschaftliche Debatte über die Todesstrafe aus – eine starke und unerwartete Klimax. Ganz ehrlich – M kann man sich unzählige Male ansehen und immer wieder aufs Neue davon begeistert sein. Und das verdankt der Film der genialen Regie von Fritz Lang!
 
Lang hat ein geradezu unheimliches Talent dafür, ein Gefühl des unwiederbringlich Verlorenen heraufzubeschwören, aber auch dessen Kehrseite: etwas, das zu entsetzlich ist, um es mit eigenen Augen anzusehen. Die erste Sequenz von M wechselt hin und her zwischen einer Mutter, die darauf wartet, dass ihre Tochter von der Schule nach Hause kommt, und Straßenszenen, in denen die Tochter von einer dunklen und praktisch gesichtslosen Gestalt angesprochen wird. Der Mann redet mit dem Kind, kauft ihm Süßigkeiten und einen menschenähnlich verformten Luftballon. Ihr Ball prallt von einem Fahndungsplakat des Mörders ab, das düster ihren Tod prophezeit – ebenso wie Langs visuelle Bestandsaufnahme ihres Mietshauses: Nie wieder wird sie die Stufen zu ihrer Wohnung hochgehen, nie wieder den Ring von der Serviette abziehen, die ihre Mutter ihr hingelegt hat, nie wieder das Kleid tragen, das gespenstisch im Dachboden an der Wäscheleine hängt. Während ihr von der Mutter gerufener Name durch das Treppenhaus und über den leeren Dachboden hallt, rollt der Ball des Kindes aus einem Gebüsch und kommt kullernd zum Stehen. Der Luftballon – eine Verhöhnung des Lebens – zuckt unter einer Stromleitung und wird dann vom Wind davongetragen.
 
Lang war der Großmeister der Ausdruckskraft des Bildausschnitts, der für die Bedeutung und Dynamik der von ihm gesponnenen Geschichten unverzichtbar ist. Etwa in der Mitte des Films steht Lorre nachts an einer Straßenecke. Gerade hat er bemerkt, dass er beschattet wird. Um ihn herum, unsichtbar für den Zuschauer, ziehen Straßenmenschen die Schlinge zu. Lorre versucht, in eine Richtung zu gehen, dann in eine andere, doch jedes Mal bringt ihn der schrille Pfiff seiner Häscher zum Stehen, als liefe er gegen eine Wand. Während aus jeder Himmelsrichtung ein weiterer Pfiff ertönt, verzweifelt er zunehmend. Der Bildausschnitt bleibt dabei starr. Er kann ihm nicht entkommen. Die Macht des Bildausschnitts ist absolut.
 

autor

Richard T Jameson © Richard T Jameson Richard T. Jameson ist Urheber zahlreicher Veröffentlichungen zu Fritz Lang, dessen Filmen und dessen Stil. Seit den späten Sechziger-jahren ist er als Filmkritiker, Rezensent und Dozent tätig und war Herausgeber der Magazine Movietone News sowie Film Comment. Außerdem ist er der Herausgeber von They Went Thataway: Redefining Film Genres für die National Society of Film Critics, der er seit 1980 angehört.

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