Der Brexit und die Wissenschaft Deutsch-britische Nervosität

„Unsere Netzwerke sind stark, und sie werden weiterhin existieren“
„Unsere Netzwerke sind stark, und sie werden weiterhin existieren“ | Foto (Ausschnitt): © pressmaster/fotolia

Das britische Referendum zum Austritt aus der EU verunsichert die Wissenschaft. Stehen jetzt Forschungszusammenarbeit und Reisefreiheit auf dem Spiel? 

Selten gab es in der Wissenschaft so viel Einmütigkeit. „Bitte kein Brexit!“, hieß es unisono aus Europas Universitäten. Der kollektive Schock nach dem 23. Juni 2016 war groß – an jenem Tag stimmten die Briten mehrheitlich für den Austritt aus der EU.
 
„Das größte Problem ist die Unsicherheit“, sagt Lesley Wilson. Die Schottin ist Generalsekretärin der European University Association (EUA). Seit Jahrzehnten arbeitet sie für den wissenschaftlichen Austausch in Europa, baute unter anderem das Studenten-Austauschprogramm Tempus mit auf. „Alle sind nervös, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Großbritannien ist ein Wissenschaftspartner, den niemand verlieren will.“

Was passiert mit Horizont 2020?

Die Zahlen aus dem Monitoring-Bericht der Europäischen Kommission geben ihr Recht. Das 75 Milliarden Euro schwere Forschungsrahmenprogramm Horizont 2020 etwa gilt als Vorzeigeprojekt für europäische Verbundforschung. Deutschland, Großbritannien und Frankreich warben mit ihren herausragenden Projekten insgesamt fast die Hälfte der Projektgelder aus dem EU-Topf ein. Es ist die Teamarbeit, die sie zu weltweit konkurrenzfähigen Forschungsnationen macht.
 
Im Büro von Victoria Llobet klingelt dieser Tage häufig das Telefon. Sie leitet das Brüsseler Büro der Kooperationsstelle EU der Wissenschaftsorganisationen (KoWi) – eine Einrichtung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die deutsche Wissenschaftler bei ihren EU-Projektanträgen unterstützt. Besorgt fragen die nun nach, ob sie geplante Kooperationen mit britischen Kollegen lieber absagen sollten. Doch auch Llobet kann derzeit nur auf das verweisen, was sie in der Zeitung liest. Die Zusage des britischen Schatzmeisters Philip Hammond, EU-Forschungsgelder bis 2020 zu übernehmen, hat sie aufatmend zur Kenntnis genommen.

Brüssel versucht, zu beruhigen

Die politischen Stellen versuchen, die Nervosität nicht weiter anzustacheln. „Es ist viel zu früh, um über den Fortgang der Forschungsförderung zu spekulieren“, sagt Lucìa Caudet, Sprecherin der EU-Forschungskommission. So lange Großbritannien nicht von Paragraf 50 des Lissabon-Vertrages Gebrauch mache, wonach jeder Mitgliedsstaat aus der EU austreten kann, gebe es nichts zu verhandeln. Die Sorgen der britischen Wissenschaftler, schon jetzt ein unattraktiver Partner für neue Projektanträge zu sein, versucht Caudet ihnen zu nehmen: „Da Großbritannien weiterhin ein Mitgliedsstaat ist, sind Rechtspersonen des Landes berechtigt, an der Förderung von Horizont 2020 zu partizipieren.“
 
An dieser Definition halten sich deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen fest. Denn am Rahmenprogramm können nicht nur EU-Mitglieder, sondern auch assoziierte Staaten teilnehmen. „Auch die Schweiz und Türkei machen mit bei Horizont 2020 und Erasmus“, sagt Lesley Wilson von der EUA. Für die Zukunft hänge alles davon ab, was in London vereinbart werde – etwa, ob weiterhin Forschungsgelder in das gemeinsam vereinbarte Förderprogramm fließen. „Wir werden dafür zusammen mit der deutschen Hochschulrektorenkonferenz werben“, sagt Wilson. Die Stimme der deutschen Universitäten habe in Großbritannien Gewicht.

Mobilität als hohes Gut

Trotz Zuversicht: Die EU-feindliche Stimmung in England erschüttert all jene, für die Mobilität zum Alltag gehört – wie Mareike Kleine. Sie ist Professorin für Internationale Politik an der London School of Economics (LSE). Promoviert hat sie in Berlin, wo sie – privat und beruflich – ebenfalls viel Zeit verbringt. „An der LSE bestehen ganze Departments aus EU-Wissenschaftlern“, so Kleine, „wir rekrutieren von einem globalen Markt.“ Das gilt auch für die Studierenden. „Derzeit gucken wir beim Auswählen: Wen wollen wir haben? Und nicht: Wo kommt jemand her? Wenn das zum Kriterium wird, wird unser Bewerberpool schmelzen.“ Schlecht sei das gerade für deutsche Studierende und Forscher, von denen viele nach Großbritannien wollen: Fast 16.000 deutsche Studierende und rund 5.000 Wissenschaftler gibt es laut Deutschem Akademischem Austauschdienst (DAAD) derzeit an Universitäten in Großbritannien.
 
Auch bei der Max-Planck-Gesellschaft verfolgt man die Entwicklungen in Großbritannien genau. Erst 2014 hat in Berlin und London das „Max Planck UCL Centre for Computational Psychiatry and Ageing Research“ eröffnet, ein bilateral finanziertes Vorzeigeprojekt deutsch-britischer Forschungszusammenarbeit. „Was den Wissenschaftleraustausch anbelangt, wird es natürlich nicht einfacher“, so Christine Beck, Sprecherin der Max-Planck-Gesellschaft. Victoria Llobet vom KoWi sorgt sich ebenfalls um die Bewegungsfreiheit: „Kurzfristig zu einer Konferenz eines Projektpartners fliegen – das ist Alltag für unsere Wissenschaftler. Ein Visum beantragen zu müssen, wäre extrem hinderlich.“
 
Vielleicht ist das die tragische Ironie des Brexit: Dass just ein Votum für politische Spaltung zu einem neuen Einheitsgefühl führt. Lesley Wilson glaubt nicht, dass die Briten das gemeinsam Erreichte aufgeben wollen: „Unsere Netzwerke sind stark, und sie werden weiterhin existieren.“