Das Gross Potenzial Kleiner Bibliotheken

Two Treats, No Tricks! Halloween at a Little Free Library in Indiana
Photo (CC BY-SA): Little Free Libraries

Ein offener, kostenloser Büchertausch hat die Little-Free-Library-Bewegung hervorgebracht. Mittlerweile sind die Minibibliotheken an 40.000 Standorten in 70 Ländern weltweit vertreten.

Am Thanksgiving-Abend 2014 ging John Thomas auf Streife durch University Gardens, eine von Verbrechen heimgesuchte Wohnsiedlung direkt gegenüber von der University of Southern California (USC) in Los Angeles. Als Leiter der Abteilung für öffentliche Sicherheit an der Universität bat Thomas die ihm unterstellten Polizisten, das Viertel zu Fuß zu patrouillieren. Das betrachtete er als Form der Gemeindearbeit. Die Polizisten reagierten zurückhaltend und erinnerten Thomas daran, dass selbst das Los Angeles Police Department diese Gegend auf Grund der hohen Kriminalitätsrate meide.

Als Thomas und ein paar seiner Kollegen in der Siedlung nach dem Rechten schauten, begegneten sie einem kleinen Jungen, der ihnen erzählte, dass er bald Geburtstag habe. Thomas fragte ihn, was er sich wünschte und dachte dabei an ein Fahrrad oder Videospiel. Doch der Junge erwiderte: „Ich möchte ein sauberes, neues Buch über Frösche.“

Diesen Moment wird Thomas nie vergessen. Er und sein Team hatten geplant, einen Little Free Library genannten, offenen Büchertausch in ihrer Polizeistation einzurichten, doch der Wunsch des Jungen regte sie dazu an, diese neue Bücherei stattdessen in der Siedlung aufzustellen. Sie bauten zwei Bücherkästen und organisierten eine Eröffnungsfeier mit Kinderschminken, Luftballons und kleinen Geschenken. Die Bücher für die Straßenbibliotheken werden von Lesezirkeln und verschiedenen Organisationen gespendet, und Thomas und sein Team haben immer ein paar Bücher vorrätig, um die Kästen aufzufüllen. Dem Jungen, der den Anstoß zu diesem Projekt gab, kaufte Thomas ein sauberes, neues Buch über Frösche.

Die Little Free Libraries wurden sofort angenommen und bewirkten einen Wandel in University Gardens. Wohingegen die Bewohner früher den Kontakt mit den Polizisten mieden, stehen sie jetzt in regelmäßigem Kontakt mit ihnen. Wohingegen Kinder vorher kaum Zugang zu Büchern hatten, steht ihnen der Lesestoff nun rund um die Uhr zur Verfügung. Zudem riefen die Anwohner auch eine Nachbarschaftswache wieder ins Leben.

„In 32 Jahren habe ich so einige Menschen dingfest gemacht“, sagt Thomas. „Aber nichts hat mich wohl je mit so viel Zufriedenheit erfüllt wie die Little Free Libraries.“ Das Projekt überwinde Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, berichtet Thomas und führt aus, dass die Siedlung zwar in Nähe der Universität und damit einer bedeutenden Forschungseinrichtung liege, aber die Kinder des Viertels nicht einmal Bücher gehabt hätten.

„Für die Siedlungsbewohner bedeutet die Little Free Library zum einen, dass sie der USC nicht egal sind, und zum anderen, dass der Weg an die USC über Bücher führt“, erklärt Thomas. „Der Zugang zu Büchern eröffnet ihnen die Möglichkeit, ihrem Schicksal eine neue Wendung zu geben.“

Vom Garagenflohmarkt …

Obwohl die Little Free Libraries einfache Buchtauschstationen sind, sind das Wachstum und der Einfluss der Little-Free-Library-Bewegung dennoch überwältigend. Die Transformation in University Gardens ist nur ein Beispiel. Die erste Little Free Library wurde 2009 von Todd Bol in Hudson, Wisconsin, errichtet. Heute gibt es über 40.000 registrierte Little Free Libraries in mehr als 70 Ländern weltweit. Bol war eigentlich nicht prädestiniert dafür, ein Buchprojekt voranzubringen. Er ist Legastheniker und hatte als Kind Schwierigkeiten mit dem Lesen. Als seine Mutter, eine Lehrerin, starb, baute er ihr zu Ehren einen kleinen, offenen Bücherkasten aus Altmaterialien. Er stellte ihn in seinem Garten auf, wo er monatelang größtenteils unberührt blieb.

Während eines Garagenflohmarkts erregte der Bücherkasten die Aufmerksamkeit der Besucher. Bol hatte dem Projekt verschiedene Namen gegeben, etwa „geisteswissenschaftliches Biotop“, aber die Leute bezeichneten es einfach als „diese kleine, kostenlose Bibliothek“, und der Name blieb haften. „Wir griffen den Namen auf“, erinnert sich Bol, „und ergänzten ihn um das Motto ‚Nimm ein Buch, stell eines hinein‘.“

Für Bol ist eine der beeindruckendsten Eigenschaften der Little Free Libraries ihr Potenzial, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen. Er beschreibt ihre Wirkweise als Auslöser einer Vernetzung zwischen Mensch und Gesellschaft. „Dadurch fühlen wir uns einander näher und verbundener“, erläutert er. „Und gleichzeitig sicherer, ruhiger, engagierter und wohler mit unserem Leben und uns selbst.“

Die Little Free Libraries fördern nicht nur die Lesekompetenz, sondern sind Orte, an denen die Nachbarschaft zusammenkommt, feiert, wo Geschichten erzählt werden, künstlerische und kunsthandwerkliche Veranstaltungen, gemeinsame Essen und andere Aktivitäten stattfinden. „Sie sind ein Bindeglied bei der Schaffung nachbarschaftlicher Lernzentren“, so Bol. „Das ist ihre eigentliche Wirkung.“

... zu einer weltweiten Bewegung

Der Erfolg, zu dem Bols erste Little Free Library dann doch gelangte, führte zur Gründung der Little-Free-Library-Organisation, die Bol gemeinsam mit Rick Brooks von der University of Wisconsin–Madison ins Leben rief. Die Organisation ist Unterstützer und Austauschplattform für die Betreiber, stellt Bücherkästen zur Verfügung, pflegt eine Karte mit den Standorten der offenen Bibliotheken und veröffentlicht spektakuläre Geschichten über die Bewegung.

Auf den Philippinen nehmen Kinder Bücher aus den Little Free Libraries mit nach Hause und lesen sie ihren leseunkundigen Eltern vor. In Afrika erweisen sich Little Free Libraries als effektive Möglichkeit, Bücherspenden in entlegene Dörfer zu bringen. Die Stadt Detroit in Michigan stellt die Bücherkästen in allen 97 öffentlichen Schulen auf.

Die Anzahl der mithilfe der Little Free Libraries getauschten Bücher lässt sich unmöglich genau dokumentieren. Wenn nur fünf Bücher pro Tag an jeder Bücherstation entnommen oder hinzugestellt würden, so rechnet Bol vor, würden allerdings mehr als 200.000 Bücher pro Tag und über 60 Millionen Bücher pro Jahr zirkulieren. Im Vergleich dazu beläuft sich die Zirkulation in der New York Public Library, eine der größten öffentlichen Bibliotheken weltweit, auf 27 Millionen Leihgegenstände jährlich.

Aufbauend auf dem Erfolg der Little-Free-Library-Bewegung sind andere freie Tauschprojekte entstanden. Im amerikanischen Portland, Oregon, baute ein neunjähriger Junge eine kleine Legobibliothek, in der Kinder die Spielzeugfiguren tauschen können. In Fayetteville, Arkansas, gab Jessica McClard den Anstoß zu der rasant wachsenden Bewegung der Little Free Pantries (kleine offene Vorratskammern). Dort können Lebensmittel, Kurzwaren, Hygieneartikel, Schulartikel und andere Dinge des täglichen Bedarfs hinterlassen oder entnommen werden. Obwohl die Little Free Pantries nicht das weltweite Problem der Ernährungsunsicherheit lösen werden, leiten sie McClard zufolge einen Dialog ein, der zu tieferem Verständnis und größerer Verbundenheit führe.

Bol schätzt sich glücklich, dass er die Möglichkeit hat, Gutes zu tun, aber er sieht sich damit noch nicht am Ende. Er sucht aktiv nach Wegen, die Little-Free-Library-Bewegung und weltweite Gemeinschaft auszubauen und zu stärken. „Mir kommt es nicht so vor, als stünde ich schon auf dem Gipfel des Erfolges“, meint er. „Nun, da wir die Tür zum Gespräch mit unseren Nachbarn aufgestoßen haben, stellt sich für mich eher die Frage, wohin die Reise von hier aus geht.“