Russell Miller, Washington & Lee University Privatsphäre

Es gibt ein paar Dinge, die würde ich gerne lieber für mich behalten. Unbekannt. Ungesagt. Unveröffentlicht. Ich könnte ein paar Beispiele nennen, aber das widerspräche ja dem Zweck.

Belassen wir es also dabei: Es gibt da einige Dinge, die sind für mich und zwar mich allein bestimmt. Freilich gilt auch das Gegenteil: Es gibt Dinge, die ich gerne teilen würde. Bekannt. Ausgesprochen. Öffentlich. Dafür sollten sich eigentlich leichter Beispiele finden lassen. Wenn man jedoch einmal darüber nachdenkt, was wir der Welt alles preisgeben, wird es schwierig, sich auf nur ein paar Beispiele festzulegen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich diese Sache mit der Privatsphäre nicht so einfach kategorisieren lässt. Es gibt kein ‚ganz privat‘ oder ‚ganz öffentlich‘. Es gibt Abstufungen, und die hängen vom Kontext ab. Privatsphäre ist eine komplexe Angelegenheit. Ich hatte meine Mutter nie nackt gesehen, bis sie später im Leben an Krebs erkrankte und ich ihr dann oft beim Baden half oder sie saubermachte, wenn ihr der Versuch eines Toilettengangs misslungen war. Sie hätte nicht gewollt, dass diese Geschichte in meinen Aufsatz kommt. Sie war in solchen Dingen sehr diskret.

Meine Mama. Die kannte sich aus mit den komplexen Tiefen der Privatsphäre. Sie bemühte sich redlich, ihre entsetzliche Ehe hinter einer zerbrechlichen Fassade der Normalität zu verbergen. Jedes Klischee bedienend, schleppte sie ihren widerwilligen Ehemann und ihre desinteressierten Söhne sonntags mit in die Kirche. Ich dachte immer, dieses Spektakel sei für die Außenwelt bestimmt, aber rückblickend wird mir heute klar, dass sie nur wenigen etwas damit vormachte. Die ganze Show war wahrscheinlich für sie selbst. Ihre eigene Geschichte über ihr zu tragisches Dasein. Ein Privatleben mit einer vorrangig persönlichen Bedeutung. Gleichzeitig wusste sie als Arzthelferin in der einzigen Praxis der Kleinstadt meiner Jugend so ziemlich alles über die zusammengeschusterten Leben unserer Nachbarn. Einmal während einer ihrer schrecklichen Schlagabtausche spie meine Mutter meinem Vater entgegen: „Du hast den kleinsten Schwanz der Stadt.“ Sie musste es wissen.

Vielleicht ist all dies zu persönlich. Vielleicht ist es Ihnen ein wenig unangenehm. Manchmal wünscht man sich, anderen läge ein wenig mehr an ihrer eigenen Privatsphäre. Ich habe mein Lebtag noch keine Facebook-Seite gesehen. Ich stelle mir vor, wie ich als letzter Mensch der Welt auf Facebook gehe. Nachrichtenteams werden da sein und Kameras werden blitzen, während das Tuch, das einen schlanken Computermonitor verhüllt, gelüftet wird. Alle werden mich dabei beobachten, wie ich die Freude kennenlerne, sie zu beobachten. Wenn es einmal soweit ist, hoffe ich, dass Sie die Videoaufnahmen davon mit „gefällt mir“ markieren werden. Vorerst aber genieße ich Facebook nur aus zweiter Hand, während meine Frau und Kinder ihr Leben zur Schau stellen - dieses Leben, das man einst mit einem gewissen Grad an Privatsphäre zu führen pflegte und heute vollständig online lebt. Ich wünschte, manche dieser Dinge wären allein uns vorbehalten gewesen. Unserer Familie. Wie das eine Mal in Ägypten, als das Kamel, das ich reiten wollte, sich weigerte, unter dem Gewicht des x-ten schmerbäuchigen Touristen mittleren Alters aufzustehen. Der dünne, dunkeläugige Händler, der uns den Kamelritt verkauft hatte, peitschte das Tier gnadenlos aus. Aber das Kamel stöhnte nur. Es war sein persönlicher Protest gegen die Erniedrigungen, die der Westen diesem wunderschönen geschichtsträchtigen Land zumutet. Diese zugleich erheiternde und traurige Szene hätte allein uns gehören können. Aber wenn man das Glück hat, zu unseren „Freunden“ zu gehören, kann man Fotos und Videos des Vorfalls auf den Facebook-Pinnwänden meiner Familie sehen, wie so vieles mehr. Seit wann ist eine „Wand“ eigentlich ein Mittel zur Offenbarung anstatt zum Abschirmen von der Welt?

Ich habe in den letzten Jahren viel über Privatsphäre nachgedacht und geschrieben. Ich habe mit etlichen Leuten in den USA und in Deutschland über dieses Thema gesprochen. Und dabei haben sich zwischen den Auffassungen von Privatsphäre in beiden Ländern einige erstaunliche Unterschiede gezeigt. Hier sind nur ein paar Schmankerl aus Jahren von Gesprächen. Einmal fragte ich eine Gruppe hoch gebildeter deutscher Studenten, ob sie staatliche geheimdienstliche Aktivitäten abschaffen und dem Staat das Recht auf heimliche Spionage verwehren würden. Sie bejahten dies einstimmig. Einmal, als ich im ehemaligen Ostdeutschland in einer Kleinstadt einen Vortrag hielt, spürte ich, dass das Publikum nicht die übliche deutsche Empörung über die Überwachungstätigkeiten der amerikanischen NSA teilte. Ich hielt inne und fragte sie rundheraus: „Sind Sie denn nicht entrüstet, dass die NSA ein Jahrzehnt lang die Inhalte all Ihrer E-Mails sammelte?“ Nach einer kurzen eisigen Stille schloss ein Student hinten im Saal: „Uns hier ist das wohl völlig egal.“ Bei einer Podiumsdiskussion in Karlsruhe in den Tagen unmittelbar nach Bekanntwerden des Datenlecks von Edward Snowden wagte ich die Behauptung, dass einige Mitarbeiter der US-Geheimdienste wohl aus Anstand Missbräuche öffentlich machen würden. Das, so behauptete ich mit dem Beispiel von Snowden noch frisch vor Augen, sei auf seine Art eine informelle, aber durchaus bedeutsame Kontrolle der Späher und Spione. „Wie können Sie nur so naiv sein“, zischte jemand aus dem Publikum. Ein enger Kollege bat mich inständig, das Buch, das ich gerade veröffentlichen wollte, „Privatsphäre und Macht“ zu nennen und nicht „Macht und Privatsphäre“, weil, wie er mir erklärte, „das erste auch zuerst genannt werden“ müsse. Der Beamte im Bürgeramt von Handschuhsheim, wo ich gemäß deutschem Melderecht meinen Wohnsitz anmeldete, fragte mich im Zuge dieses amtlichen Vorgangs nach meiner Religion. Auf seinem Fahrradhelm hatte er einen Aufkleber, der Asyl für Edward Snowden forderte. Umfragen zufolge sind die Deutschen unter den westlichen Industrieländern am wenigsten bereit, ihre Privatsphäre der Bequemlichkeit zu opfern. Gleichzeitig macht es ihnen aber am wenigsten aus, der Regierung persönlich identifizierende Informationen weiterzugeben, um ihre Teilhabe am Wohlfahrtsstaat zu erleichtern. Meine deutschen Freunde nutzen auf Facebook Pseudonyme. Wie soll ich sie denn bitte finden, wenn ich mich dann eines Tages ins Meer der Sozialen Medien stürze?

Der Punkt meiner „Studie“ über die letzten Jahre ist mir heute noch weniger greifbar als zu Beginn meiner Recherchen. Meine Erwartung war dabei nie, einen gemeinsamen, wesentlichen Kern der Auffassung von Privatsphäre in den beiden Ländern zu entdecken, und das wollte ich auch gar nicht. Das hat sich als eine gute Einstellung erwiesen. Manches, wozu sich Amerikaner lieber bedeckt halten, geben Deutsche ohne weiteres preis. Und umgekehrt. Die Faktoren und Kräfte, die hinter diesen Unterschieden stecken, sind so zahlreich und vielfältig, dass es unmöglich ist, sie umfassend zu dokumentieren und zu erklären. Sie sind eben sie und wir sind wir. Die beste Zusammenfassung, die ich aus diesen vergleichenden Erfahrungen bieten kann, ist die: Privatsphäre lässt sich nicht auf ein einziges, universales Konzept reduzieren. Eine Privatsphäre gibt es nicht. Es gibt nur Privatsphären. Und sich zu wünschen, man könnte sie irgendwie universell fassen, wäre ein gefährlicher Flirt mit einer invasiven, totalitären Einstellung, die an sich mit dem Begriff der Privatsphäre nicht vereinbar ist. Das Beste, was wir tun können, ist das private Recht anderer zu achten, den Begriff Privatsphäre für sich selbst zu definieren. Und vor diesem Hintergrund: Es tut mir leid, Mama, wenn ich zu viel gesagt habe.