Kevin Place, P3M5 Koordinator Wertvorstellungen und Privatsphäre

Dem Projekt P3M5 geht die Beobachtung voraus, dass eine Unstimmigkeit zwischen den USA und Europa darüber besteht, was unter Privatsphäre zu verstehen ist. Wie kam es dazu? Bestand vorher ein Konsens? Warum ist das Thema wichtig?

Dem Projekt P3M5 geht die Beobachtung voraus, dass eine Unstimmigkeit zwischen den USA und Europa darüber besteht, was unter Privatsphäre zu verstehen ist. Wie kam es dazu? Bestand vorher ein Konsens? Warum ist das Thema wichtig?

Um zu verstehen, wie sich die Vereinigten Staaten und Europa zum Thema Privatsphäre einander entfremdet haben, müssen wir in beiden Welten über die Gesetzgebung hinaus auf den Kontext kultureller Werte und Bedingungen schauen, vor allem auf Geschichte, Wirtschaft, Politik und Kunst, die die jeweiligen Wahrnehmungen geprägt haben.

Während der Epoche der Aufklärung entwickelte sich die Idee des autonomen Individuums. Ohne individuelle Autonomie im Kontext der Moderne ist Privatsphäre kaum vorstellbar. Bevor die Idee des autonomen Individuums aufkam, wurden persönliche Entscheidungen und Verhaltensweisen durch politische oder religiöse Tradition geprägt, Privatsphäre als solche hatte keinen Raum.  Mit der Autonomie des Individuums erwuchs die Notwendigkeit, die persönlichen Entscheidungen und Verhaltensweisen gegenüber Überwachung und Beeinflussung von außen zu schützen.  Zwar entwickelt sich die Aufklärung in Europa und wird durch Persönlichkeiten wie Voltaire, Kant und Smith angeleitet, aber ihre Ideen prägen schließlich die Väter amerikanischen Verfassung wie Jefferson und Franklin bei der Gründung der neuen Welt.

Zeitgleich mit der individuellen Autonomie entstand auch nationale Souveränität. Die europäische Vorstellung davon entwickelte sich im Frieden von 1648, mit dem die europäischen Mächte dem Dreißigjährigen Krieg ein Ende setzten und einem System territorialer Integrität zustimmten, wonach man sich nicht in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates einmischen und Staaten unterschiedlicher Größe als rechtlich gleichberechtigt behandeln wollte. Das sogenannte westfälische System  fand durch den europäischen Kolonialismus weltweite Verbreitung und war während der letzten paar hundert Jahre wegweisend. Seit 9/11 wird die Bedeutung des Westfälischen Modells von jenen in Frage gestellt, die den Aufstieg des Terrorismus und den weltweiten Kampf dagegen zur fundamentalen Änderung der Vorstellung von staatlicher Souveränität nutzen. Nachdem Überwachung zum Zweck der Terrorismusbekämpfung in den Vereinigten Staaten zugenommen hat, wird nun auch in Europa staatliche Überwachung ausgebaut, und man kann sich denken, dass sie nach jüngsten terroristischen Vorfällen weiter zunimmt.

Kulturgeschichtliche Unterschiede zwischen den USA und einzelnen europäischen Regionen Europas, vor allem religiöse Einflüsse, sind ein weiterer wichtiger Aspekt. In nordeuropäischen Ländern wie Schweden und den Niederlanden hat der Protestantismus und die Vorstellung von einem Individuum, das gottgefällig lebt und sich gegenüber dem Nächsten offen und moralisch sauber verhält, ein öffentliches Leben herausgebildet, in dem sich das Individuum keine Schau hat, Beziehungen einzugehen. In den Vereinigten Staaten wurde der Protestantismus vor allem durch das vorherrschende sozioökonomische Profil der bäuerlichen oder handwerklichen Kleinunternehmer geprägt, wonach der einzelne es ablehnt, sich auf eine öffentliche Macht einzulassen, die Steuern erhebt. Demnach hebt das Verständnis von Privatsphäre in den USA vor allem auf die Begrenzung staatlicher Ansprüche ab. In Ländern mit katholischem Kulturerbe wie Spanien und Italien und in gewisser Hinsicht auch Deutschland befindet sich das Individuum in einer dienenden Rolle gegenüber Obrigkeit und wird von der Angst vor willkürlicher Beobachtung durch externe Mächte und die Bedrohung der Scham getrieben.
 
Welche kulturhistorischen Einflüsse Haltungen zur Privatsphäre auch beeinflusst haben mögen, der Wandel und Gebrauch der Technologie hat sie dramatisch verändert. Neue Formen der digitalen Kommunikation haben Menschen mit verschiedenen Hintergründen in enge Verbindung mit einander gebracht und dabei Privates in beispiellosem Ausmaß offengelegt. Bestehende Unterschiede im amerikanischen und europäischen Verständnis von Privatsphäre vergrößerten sich zu einer Kluft mit den Enthüllungen Edward Snowdens und dem Urteil des EuGH auf das Recht auf Vergessenwerden.
Manche behaupten das eine solche Divergenz in den amerikanischen und europäischen Perspektiven unwesentlich ist, weil es nicht um Privatsphäre geht; nur wer gegen geltendes Recht verstößt, wehrt sich dagegen überwacht zu werden, wer sich aber richtig verhält, hat nichts zu verbergen. Manche beruhigt das, andere halten dagegen, dass solche Schwarzweißmalerei von richtigem von falschem Verhalten nicht aufrechtzuerhalten ist, und dass Unschuldige in der "falschen" oder "schlechten" Gruppe erfasst werden können.

Außerdem sagt man, dass die bloße Vorstellung beobachtet zu werden unser Verhalten oft auf fast unmerkliche Weise ändert. Glenn Greenwald, der als Journalist an den Enthüllungen von Edward Snowden beteiligt war, erklärt in seinem TED Talk von 2014 Why Privacy Matters: "Wenn wir uns in einer Situation befinden, wo wir beobachtet oder überwacht werden können, ändert sich unser Verhalten grundlegend...der Überwachungsstaat schafft ein Gefängnis im Kopf, das ein viel subtileres und effektiveres Mittel zur Anpassung an soziale Normen oder Gewohnheiten, als es rohe Gewalt je sein könnte."

P3M5 befasst sich mit dem kritischen Thema Privatsphäre und bringt Stücke verschiedener Dramatiker aus unterschiedlichen Kulturen zusammen. Sie machen sich die Frage zueigen: "Was bedeutet Privatsphäre für Sie im digitalen Zeitalter?" und beleuchten verschiedene Aspekte der Privatsphäre in ihren Theaterstücken. Möge das Projekt helfen, amerikanisches und europäisches Denken einander näher zu bringen.