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Ilija Trojanow
Der gefressene Zoo

Von Ilija Trojanow

Cover: Der gefressene Zoo


Es ist nicht leicht, einen Zoo aufzubauen. Nicht in einem Provinzstädtchen. Erst recht nicht in diesen Zeiten. Wir müssen unseren Beitrag leisten, den Sozialismus zu errichten, sagt der Parteisekretär, und nicht einen Zoo! Er lässt nicht mit sich reden, nicht einmal, wenn es sich um ein kleines, bescheidenes Gehege handelt, mit einigen Rehen und einigen Hirschen, mit Pfauen, Perlhühnern, Bergziegen und vielleicht einem hinkenden Fuchs. Wie schlecht stehen da erst die Chancen für einen richtigen Zoo, wie er mir vorschwebt, während ich Tag für Tag die Holztische der Gaststätte abwische und sehnsüchtig auf den Frühling warte, während ich den Fußboden fege und von Zebras und Giraffen träume, und sogar von einem Elefanten, während ich die Dachrinne säubere. Wenn die ersten Besucher sich draußen an den See setzen, ein Bier bestellen, die felsigen Buckel betrachten und ihre Glieder in den frühen Sommer strecken, huscht ein Löwe durch meine Gedanken. Mit einem leichten, kaum merklichen Kopfschütteln serviere ich Kebab und Köfte, den ganzen Sommer über, und träume weiter vor mich hin.

Der Autor Ilja Trojanow Foto: Thomas Dorn © Goethe-Institut Vor Jahren schon habe ich ein Plätzchen für meinen Zoo ausfindig gemacht, eine brachliegende Wiese zwischen zwei Buchten am anderen Ufer des Sees. Täglich blicke ich auf diese helle Landzunge vor den dichten Wäldern, die sich die Berghänge hinaufziehen. Im Sommer, wenn die Sonne Fuß gefasst hat, trifft sich das halbe Städtchen an unserem See — das halbe Städtchen würde um den See herum spazieren, in meinen Zoo hinein, würde sich vergnügt dort aufhalten, und sich auf dem Rückweg erneut in der Gaststätte stärken. Und selbst Besucher aus anderen Städten, sogar hohe Herren aus der Hauptstadt, würden sich den Zoo nicht entgehen lassen. Selbst wenn er keine Elefanten oder Löwen aufzuweisen hätte.

Meine Träume sind geduldig. Die Gaststätte wird renoviert, die Terrasse wird erweitert, die Wiese vor dem Wald wuchert vor sich hin und eines Tages, völlig grundlos und ohne Druck, beschließt das Partiekomitee, meinem Antrag zu entsprechen und ein Tiergehege an der Nordseite des Sees zu genehmigen. Und was für eine Freude, dass sie mich mit dieser Aufgabe betrauen. Ich kenne mich aus mit den Tieren unserer Heimat. Ich kann einige Rehe und einen Hirsch auftreiben, etwas später auch fünf Bergziegen. Einem Zigeuner, der schwer an Gicht leidet, kaufe ich seinen alten, gebrechlichen Tanzbären ab. Es kann sich inzwischen sehen lassen, das Kleingehege mit dem heimischen Wild. Ich pflanze Sträucher und Bäume an, ich fülle die Wassertröge, ich bemale Schilder und ich rufe den Tierarzt aus der Bezirksstadt, als das erste Reh wirft. Und so gehe ich weiterhin jeden Tag in meinen Träumen spazieren, am See entlang, ohne aus den Augen zu verlieren, was noch fehlt, was dieses Tiergehege in einen wirklichen Zoo verwandeln würde, etwas Fremdes, etwas von ganz weit weg, so etwas wie … na … zum Beispiel … eine Giraffe.

— Giraffe? Kein Problem, Onkel.

So spricht mein Neffe Grozdan, der es erstaunlich weit gebracht hat, in die Hauptstadt, wo er in einem Ministerium arbeitet, und uns einmal im Jahr mit seinem Dienstauto besucht.

— Was willst du damit sagen: kein Problem?

— Du hast großes Glück, Onkel, und dein Glück hat einen Namen: Sekou Touré.

— Zeku Ture? 

— Nein, Se-kou Tou-ré. Liest du denn keine Zeitung? Hörst du denn keine Nachrichten? Der Pavian, der dem Leoparden trotzt. Die Spinne, die die Hyäne hereinlegt.

— Was für eine Hyäne?

— De Gaulle, Onkel. General Charles de Gaulle. Zerbrich dir über so was nicht den Kopf, das ist komplizierte Geopolitik. Ich werde dir schon sagen, was du wissen musst. Merk dir für heute nur soviel —  wir haben einen neuen Freund in Afrika, und vielleicht auch bald einen … 

— In Afrika?

— … Lieferanten.

— Was liefert der?

— Giraffen, nur so als Beispiel. Giraffen oder Gazellen oder Gnus. Was weiß ich? Vielleicht schaut für dich eines Tages sogar ein Löwe dabei heraus.

— Ein Löwe!

— Nicht auszuschließen.

— Das wäre ein Zoo, mit einem Löwen drin wäre es ein wirklicher Zoo.

— Mal sehen, Onkel. Überlass alles Weitere mir.

Ich muss die Holztische nicht mehr abwischen. Ich bin für das Gehege zuständig und habe mehr Zeit zum Nachdenken. Über die Hyäne, über den General und seinen Neffen. Ein glücklicher Zufall, das. Einer aus unserer Familie, der nach Afrika Beziehungen hat. Gesegnete Fügung. Woanders gibt es nämlich keine Giraffen. Nur muss ich mich schon wundern, dass Grozdan als Gegenleistung für die Giraffen Kloschüsseln liefern will. Vielleicht hat er ja einen Scherz gemacht. Ich verstehe ihn nicht immer. Meist ruft er aus heiterem Himmel an und überrumpelt mich …

— Gute Nachrichten, Onkel. Es ist eine Giraffe dabei, und, jetzt halt dich aber mal fest, du wirst es nicht glauben, auch ein Löwe!

Die Leitung ist schlecht, aber soviel verstehe ich, dass mein Neffe mich in die Hauptstadt ruft, damit ich die Tiere abhole und in ihr neues Zuhause begleite. Ich bin erstaunt, wie begeistert sich der Parteisekretär auf einmal zeigt. Er klopft mir auf die Schulter und wünscht mir viel Erfolg. Ich nehme den Bus in die Hauptstadt, und als ich die schönen Tiere sehe, kommen mir die Tränen. Am nächsten Tag sagt mir der Tierarzt, der Löwe sei blind und die Giraffe lahm. Aber das trübt meine Freude kaum, zumal mir die freundlichen Kollegen aus dem großen Zoo in der Hauptstadt auch einige Zebras schenken  … ein Zoo soll nach was aussehen, nicht, auch wenn er nur in der Provinz ist! Ich bedanke mich und bleibe dankbar. Auch wenn sich die Zebras im Laufe der Jahre allesamt als unfruchtbar erweisen.

Das ganze Städtchen erfreut sich an unseren Tieren. Nur wo dieses Guinea liegt, das weiß keiner so ganz genau. Ich fasse mir ein Herz und bestelle ein riesiges, geschnitztes Schild, das ich neben dem ufernahen Pfad zwischen zwei Buchen aufhänge: Willkommen im Zoologischen Park. Jetzt ist sogar der Parteisekretär zu größerem Wild entschlossen. 

Illustration Ilija TrojanowLydia Salzer © Goethe-Institut

Die Sterne stehen günstig, das Telefon klingelt und eine fröhliche Stimme ruft: 

— Dar-es-Salaam.

— Grozdan?

— Dar-es-Sa-laaaaaaam.

— Bist du das, Grozdan?

— Wie hört sich das für dich an, Onkel? Dar-es-Salaam. Klingt doch schön, oder?

— Ich weiß doch nicht …

— Das ist noch lange nicht alles. Ny-e-re-re, U-ja-maaaaa.

— Sprichst du von Tieren?

— So viele, wie du haben möchtest. Rat mal, mit wem wir Brüderschaft geschlossen haben

...

— Woher soll ich das wissen, Grozdan?

— Mit Tansania.

— Serengeti!

— Genau, Onkel, die Tierkammer Afrikas steht dir offen.

Grozdan hat dazugelernt. Nun verschifft er Pfirsichkompott und eingelegte Paprika. Gelegentlich mischen sich einige mit Metallriemen verstrebte Kisten unter die Ladungen Dosen und Gläser, aber darüber verliert Grozdan kein Wort. Die Tansanier, dankbarer als ihre guineischen Vorgänger, revanchieren sich mit jungen, gesunden, munteren Gazellen.

Grozdan nimmt einen großen Schluck aus dem Bierglas. Er ist mal wieder auf Heimatbesuch.

— Ich liebe diesen See im Herbst. Wenn es wieder still wird nach den Sommerferien. Und der Wald so bunt leuchtet. In einigen Wochen kommen deine Gazellen an. Ich wusste gar nicht, wie viele verschiedene Gazellen es gibt. Vor Ort haben sie mich gefragt, was wir uns denn wünschen, ob Grant oder Thomson oder Impala oder Kongoni oder Dik-Dik … so ging es ewig weiter. Mir blieb die Spucke weg. Und ich dachte, Gazelle ist wie Reh. Ach, schmeckt das hier gut. Zugegeben, es gibt noch Hirsche, aber damit hat es sich bei uns auch schon. Wildschweine kann man nicht dazuzählen, oder? Ich habe mich für die Impala entschieden, ich hoffe, das ist dir recht, das klang so gut, und ich habe auch einige Zebras nachbestellt, zeugungsfähige dieses Mal. Sonst sterben dir die Zebras bald aus.

— Du hast gut getan, Grozdan. Die Zebras sind die Lieblinge der Kinder.

— Das liegt nur daran, dass du noch keine Affen hast. Lass mich nur machen.

Zoo ist, lese ich die Zeitung aufmerksam. Seite fünf, wo gelegentlich etwas über Afrika steht. Der Herbst hat sein Gold verloren, aber ich muss ja die Blätter nicht mehr zusammenkehren. Man hat mir zwar einen erfahrenen Zooverwalter vor die Nase gesetzt, doch ich arbeite an seiner Seite, als stellvertretender Direktor. Die Zeitung berichtet von dem Staatsbesuch eines unserer guten Freunde, eines Mannes namens Agostinho Neto. Der Präsident der sozialistischen Republik von Angola habe uns ein ungewöhnliches Geschenk mitgebracht, eine Horde Paviane. Wir können sie sehr gut gebrauchen, wird Grozdan H., ein hochrangiger Beamter im Außenministerium, zitiert. Wochen später, pünktlich zum Wintereinbruch, erreichen die Paviane unser Städtchen, begleitet von einem säuerlichen Brief des Direktors des hauptstädtischen Zoos, der sein Unverständnis zum Ausdruck bringt, dass ein unbedeutender Provinzzoo die ganze Affenhorde benötige, wo doch die Hauptstadt an akutem Pavianmangel leide. Die Affen gewöhnen sich schnell an das Leben bei uns zwischen See und Bergen. Ich bringe ihnen sogar das Schneeballwerfen bei.

Doch der Höhepunkt meines Lebens kündigt sich in einem unverhofften Telegramm an:

HAILE SELASSIE IN VOLKSREVOLUTION GESTÜRZT STOP LÖWEN ZU HABEN STOP GROZDAN

Nach so vielen Jahrzehnten, nach so vielen Hoffnungen und Träumen, tritt eines Tages ein stolzer, gesunder Löwe in den Zoo ein — der blinde war im August des Prager Frühlings verstorben. In der Gaststätte am See feiern wir alle zusammen, der Zoodirektor und der Parteisekretär und Grozdan und ich. Nach vielen Trinksprüchen auf Löwen, Paviane, Impalas und Giraffen schleppt sich die Zunge des Parteisekretärs an mein Ohr heran: Den Sozialismus, den haben wir nicht hingekriegt, aber dein Zoo, daraus ist doch immerhin was geworden. Verwirrt schaue ich zu den Felsen hinaus.

Und schaue tags darauf immer noch hinaus, als das trunkene Geständnis des Parteisekretärs im Radio bestätigt wird. Mich fröstelt es ein wenig bei dem Gedanken, was aus meinem Zoo nun werden soll.
Zuerst verschwinden zwei Perlhühner. Ich überprüfe alle Zäune und alle Tore. Und ich tröste mich, es sei nur ein Einzelfall gewesen. Doch die Verluste häufen sich und mir wird klar, dass ich etwas unternehmen muss. Aber was denn? Ich suche die Polizei auf.

— In letzter Zeit hat man mir acht Pfauen, zehn goldene Perlhühner und sechs Bergziegen gestohlen.

— Gehören die Tiere dir?

— Nein, ich bin verantwortlich, ich passe auf die Tiere auf.

— Dann hast du wohl nicht gut genug aufgepasst.

— Die sind in der Nacht gekommen.

— Wer sind die denn?

— Ich weiß es nicht.

— Und was sollen wir jetzt machen?

— Ich …

— Sollen wir dir neue Tiere besorgen? Oder jeden verhören, der so aussieht, als könnte er ein knuspriges goldenes Perlhuhn im Magen haben.

— Sagen Sie so etwas nicht …

— Onkelchen, hast du den blassesten Schimmer, wie viele Verbrechen es in dieser Stadt gibt, seit wir Demokratie spielen? Da kommst du daher und erwartest, dass ich mich um entlaufene Ziegen kümmere.

— Bergziegen, schwarze Bergziegen, die sind selten.

— Na und, vielleicht schmecken sie auch selten gut.

Ich beschließe, die Nacht über zu wachen. Nur einmal nicke ich ein. Am nächsten Morgen habe ich Kopfschmerzen und eine Beule am Kopf. Es fehlen vier Rehe. Die Räuber haben das Gittertor mit einem Draht wieder verschlossen. Sie können nur im Wald sein. Ich laufe durch den Wald, den ganzen Tag, ich kenne jede Ecke des Waldes. Aber ich überschätze meine Kräfte. Auf einer Lichtung breche ich zusammen, der Boden ist nass vom geschmolzenen Schnee. Ich sehe Asche, und dann sehe ich das Rippengehäuse einer Ziege. Eine unbekannte Kälte erfasst mein Herz. Um mich herum ist ein einziges Schlachtfeld. Knochen überall, und es stinkt, neben einem Stamm liegt ein abgezogenes Fell und es stinkt. Nicht einmal Grozdan kann mir helfen. Er ist nach Südafrika abgeordnet worden. Er soll dort als Botschafter neue Freundschaften schließen.

Als die Impalas verschwinden, begreife ich, dass ich dringend handeln muss. Ich rufe beim Zoo in der Hauptstadt an.

— Was sollen wir mit noch mehr Tieren.

— Ihr wolltet sie doch haben, damals. Die Paviane.

— Wer immer sie haben wollte, das muss lange her sein. Hören Sie, ich kann mir vorstellen, dass Sie es schwer haben, aber wir haben hier auch Mühe, die Tiere zu ernähren. Meinen Sie, ich kann von den Arbeitern verlangen, dass sie den Leoparden Fleisch geben, wenn sie selbst vergessen haben, wie Fleisch schmeckt. Und wer soll das zahlen, das Fleisch? Erklären Sie mir mal, wie man Leoparden ohne Fleisch ernähren soll. Unsere Raubtiere sehen schon aus wie Somalis.

— Hier ist es anders. Hier werden die Tiere gegessen.

— Bestimmt nicht die Leoparden.

— Ich habe keinen Leoparden.

— Da haben Sie aber Glück.

Ich telefoniere und telefoniere, ich rede auf jeden Zoodirektor des Landes ein. Vergeblich. Die Gazellen verschwinden, eine nach der anderen. Ich teile meine magere Rente mit dem alten abessinischen Löwen. An dem Morgen, an dem ich die Zebras dreimal durchzähle und immer wieder eines fehlt, öffne ich die Tore weit. Ich nehme Abschied von jedem der Tiere und werfe die Schlüssel in den See. Dann laufe ich ein letztes Mal durch den Wald. Ich kann meinen Zoo nicht mehr schützen. Ich bleibe irgendwo stehen. Ich heule, ohne Tränen, und es klingt in meinen Ohren wie das kraftlose Heulen eines alten Wolfes. Ich sinke auf die Knie und heule weiter, auf allen Vieren.

Cover der acht Kurzgeschichten © Goethe-Institut
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