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Worlds of Homelessness
Wie man ein Zuhause schafft

 Tarps tightened in between a fence and a guard rail in Los Angeles
© Canadian Centre for Architecture

In vielen Städten weltweit ist die Anzahl der Menschen gestiegen, die keine dauerhafte Unterkunft haben, und sie macht mittlerweile einen signifikanten Prozentsatz der Gesamtbevölkerung aus. Heute stellen der wachsende Zuzug in den städtischen Raum, der ökonomische Druck, der die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert, sowie die Tatsache, dass Wohnraum zu einem globalen Handelsgut geworden ist, nur einige der Ursachen für diese neuen ungleichen Lebensbedingungen in den Städten rund um den Erdball dar. Was heißt es, in einer Stadt zu leben, ohne einen Ort, den man sein Eigen nennen kann? Welche Bedeutung kann Architektur bei der Bekämpfung der Obdachlosigkeit zukommen? Und wie können Städte zu einer besseren Heimat für alle werden?

2019 | 28 min | Kanada | Erster Teil einer dreiteiligen Dokumentationsserie
Der Film What It Takes to Make a Home baut auf einem Dialog zwischen den Architekten Michael Maltzan (Los Angeles) und Alexander Hagner (Wien) auf, die sich seit vielen Jahren und in zahlreichen Projekten mit diesen Fragen auseinandersetzen. Obwohl sich die Städte sowie die politischen und ökonomischen Kontexte, in denen Maltzan und Hagner agieren, unterscheiden, suchen beide nach Langzeitstrategien für den Wohnungsbau, statt zu kurzfristigen Lösungen zu greifen. Der Film konzentriert sich auf einige der Ursachen und Bedingungen der Obdachlosigkeit und hinterfragt, welche Rolle Architekten bei der Überwindung der Stigmatisierung der Betroffenen spielen können, damit Städte mit einer gleichberechtigteren Teilhabe aller entstehen können.

„Es fällt schwer, nicht pessimistisch zu werden, und dieses Gefühl ist ja auch begründet“

Michael Maltzan

Was ist überhaupt ein Zuhause? Ein rechteckiger Raum, der von Wänden eingeschlossen ist, eine Plane, die zwischen einem Zaun und einem Stahlgeländer gespannt ist, ein Auto oder bloß ein Dach? Die Antwort kann von Mensch zu Mensch variieren, doch während einige die Möglichkeit haben, sich ihr Zuhause auszusuchen, können andere das in zunehmendem Maß nicht mehr. Stattdessen müssen sie Tag für Tag damit zubringen, ihre Bleibe, in welcher Form auch immer, auf der Straße neu zu errichten. Im Film wird die Sicht auf Normalität – also eine Arbeit und einen sicheren Wohnraum zu haben und in eine verlässliche Gemeinschaft eingebettet zu sein – auf den Prüfstand gestellt. „Ein Mann mit Krawatte, der neben dir in der Straßenbahn sitzt, kann obdachlos sein“, sagt einer der Interviewpartner, der einst in Wien obdachlos war.
  • Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home" Star Appartments © CCA Canadian Centre for Architecture
    Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home"- Star Apartments in Los Angeles
  • Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home" - Planen zwischen einem Zaun und einer Leitplanke gespannt in Los Angeles © CCA Canadian Centre for Architecture
    Still frame from the CCA film "What it takes to make a home" - Unterschlupf in Los Angeles
  • Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home" - Ansicht Vinzi Rast © CCA Canadian Centre for Architecture
    Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home" - Vinzi Rast
  • Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home" - Ansicht Wien © CCA Canadian Centre for Architecture
    Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home" - Wien
  • Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home" - Michael Maltzan im Profil © CCA Canadian Centre for Architecture
    Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home" - Michael Maltzan
  • Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home" - Michael Maltzan im Studio © CCA Canadian Centre for Architecture
    Standbild aus dem CCA Film "What it takes to make a home" - Alexander Hagner
Wenn man auf Google Street View in das Viertel Skid Row von Los Angeles hineinzoomt, erkennt man Zelte, die Straßen säumen und Gehwege sprenkeln. Die moderne Kartografie fängt eine Realität ein, in der die Gesellschaft Schwierigkeiten hat, auf die wachsende Anzahl von Menschen zu reagieren, die nicht nur in Los Angeles aus ihrem Zuhause auf die Straße gedrängt werden. „Es fällt schwer, da nicht pessimistisch zu werden, und dieses Gefühl ist ja auch begründet“, bekennt der Architekt Michael Maltzan, der seine berufliche Tätigkeit in den letzten Jahren dem Umgang mit der Obdachlosigkeit in Los Angeles gewidmet hat. Star Apartments ist eines dieser Projekte. Es wurde vom Skid Row Housing Trust realisiert, einer gemeinnützigen Organisation, die ehemaligen Obdachlosen in der Innenstadt von Los Angeles dauerhaften Wohnraum zur Verfügung stellt. Die Entwicklung alternativer Wohnmodelle in größerem Umfang habe das Potential, tatsächlich etwas zu bewirken, meint Maltzan. Aber dem Ausmaß der Wohnungsnot und der reinen Anzahl der Menschen, die derzeit in Los Angeles obdachlos sind, kann man nicht allein mit architektonischen Mitteln beikommen. Es erfordert die Einbeziehung verschiedener Akteure auf mehreren politischen, ökonomischen und sozialen Ebenen.

Der Architekt Alexander Hagner von der Firma gaupenraub+/- befasst sich mit ähnlichen Fragen in Wien, einer Stadt, in der fortschrittlicher, sozialer Wohnungsbau eine lange Tradition hat und die nichtdestotrotz in den letzten Jahren eine merkliche Zunahme der Obdachlosigkeit zu verzeichnen hat. Hier ist die Wohnungsnot zwar nicht so offensichtlich wie in Los Angeles, aber dennoch ein drängendes städtisches Problem. Die Stigmatisierung hindere die Gesellschaft häufig daran, Bedürftigen zu helfen, befindet Hagner. Er glaubt, dass die Schaffung architektonischer Sonderlösungen für einen bestimmten Bevölkerungsteil Gegensätze unbeabsichtigt verstärke. Daher sticht das von Hagner entworfene Wohnprojekt VinziRast-mittendrin auf den ersten Blick nicht aus dem Umfeld heraus. Dennoch ist es außergewöhnlich, denn es stellt einen Prototypen für eine neue Form der Gemeinschaft dar, in der Studenten und ehemalige Obdachlose zusammenleben.

Allgemein kreist der Film um ein Phänomen, das Gesellschaften weltweit betrifft und mit dem sich Architektur und Stadtentwicklung zweifelsohne befassen müssen. Hagner zufolge werden Architekten das komplexe Thema der Obdachlosigkeit zwar nicht bewältigen können, aber sie können dazu beitragen, in unterschiedlichem Ausmaß Lebensbedingungen zu gestalten und dabei Gemeinschaften wie auch Einzelne unterstützen. Auch Maltzan ist davon überzeugt, dass Architekten sich diesen wichtigen, räumlichen Fragen werden widmen müssen, wenn sie das städtische Leben positiv verändern wollen.

What It Takes to Make a Home ist der erste Teil einer dreiteiligen Dokumentarserie, die vom Canadian Centre for Architecture produziert wurde. Die Serie ergründet, auf welche Weise sich der gesellschaftliche Wandel, die neuen ökonomischen Zwänge und die wachsende Bevölkerungsdichte auf die Wohnsituation verschiedener Gemeinschaften auswirken. Anhand von zwei Bauprojekten in zwei Städten mit unterschiedlichem soziopolitischem Kontext beleuchtet jede Folge sowohl die globale Perspektive, als auch die lokalen Besonderheiten eines bestimmten Themas. Während der erste Teil untersucht, wie Architekten dem drängenden Problem der Obdachlosigkeit in Los Angeles und Wien begegnen, thematisieren die anderen beiden Teile der Serie zwei weitere Herausforderungen für die urbane Gesellschaft, die die Veränderung des Lebensstils und der demografische Wandel mit sich bringen und die sich auf die räumliche Gestaltung unserer Umwelt auswirken: die Zunahme an Einpersonenhaushalten und die alternde Gesellschaft.

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