„Framing the Shot 2018: Key Trends In African Film“ Eine längst überfällige Recherche

Szene aus dem Film „I Am Not a Witch"
Szene aus dem Film „I Am Not a Witch" | Regie: Rungano Nyoni. Mit freundlicher Genehmigung von Quiddity Films / Clandestine Films / Soda Pictures

Die Studie „Framing the Shot 2018: Key Trends In African Film“, die in Kooperation mit dem Goethe-Institut entstanden und vom Auswärtigen Amt gefördert ist, analysiert die größten Chancen und Herausforderungen für die sich schnell verändernde afrikanische Filmindustrie. Dayo Ogunyemi, Gründer des Unternehmens 234 Media und Leiter der Studie, sowie Noémie Njangiru, Leiterin des Bereichs Kultur und Entwicklung am Goethe-Institut in Johannesburg, berichten in einem Interview über die Bedeutung der Ergebnisse für die Filmbranche. 

Was bewegte Sie dazu, diese Studie durchzuführen?

Dayo Ogunyemi: Nach 15 Jahren des Investierens, Produzierens und Verbreitens von Filmen in ganz Afrika hat 234 Media direkt miterlebt, was das Fehlen von Daten für unseren Umgang mit Entscheidungsträgern in der Regierung, Investoren und Filmemachern bedeutet. Als das Goethe-Institut mit der Bitte auf uns zukam, an dieser Studie mitzuarbeiten, hatten wir eine klare Idee davon, was auf dem Markt sinnvoll wäre. Denn wir wussten bereits, dass es kaum Daten zu den Filmindustrien in Afrika gibt und vermuteten, dass hier große ökonomische Potenziale, aber auch interessante Lerneffekte freigelegt werden könnten.
 
Noémie Njangiru: Uns war es wichtig, dass es kein akademisch-philosophischer Ansatz wird, sondern in diesem Fall „hard facts“ erarbeitet werden, die auf kommerzielle Wertschöpfung in einem afrikanischen Kreativsektor abzielt.

Szene aus dem Film „Mayfair“ Szene aus dem Film „Mayfair“ | Regie: Sara-Blecher. Mit freundlicher Genehmigung von Real Eyes Pictures Welche Bedeutung hat die Studie für die afrikanische Filmbranche und wie waren bisher die Reaktionen darauf?
 
Dayo Ogunyemi: Den Reaktionen nach wurde die Studie sehr gut aufgenommen. Sowohl Filmemacher als auch Investoren waren begeistert davon, über Daten und Analysen zu einer Industrie zu verfügen, die bisher selbst für Insider sehr undurchsichtig war. Auf dem Durban International Film Festival, wo wir die Studie im Juli ins Leben gerufen haben, löste sie heftige Diskussionen aus, die bis heute andauern. Wir haben einige Einladungen erhalten, die Studie auf anderen Film- und Finanzveranstaltungen und -schauplätzen zu präsentieren oder zu diskutieren. Dies wird dazu beitragen, die Katalysatorwirkung der Studie zu vergrößern.
 
In der Studie wird von „Afrika“ als Einheit gesprochen. Was waren die Herausforderungen dabei, verschiedene Filmindustrien auf dem Kontinent zu einer zusammenzufassen?

Dayo Ogunyemi: Da Afrika aus über 50 Ländern besteht, legen wir Wert darauf, nicht von Afrika als Einheit zu sprechen und klarzustellen, dass es sich dabei um Momentaufnahmen von Filmemachern und Ländern handelt, die sehr verschieden sind. Andererseits gibt es zwischen den Ländern einige Gemeinsamkeiten und neue Entwicklungen wie das Afrikanische Freihandelsabkommen – das Bestimmungen für Filme und andere urheberrechtlich geschützte Produkte enthält. Dieses Abkommen unterstreicht das Erfordernis, Möglichkeiten für den gesamten Kontinent zu analysieren und zu präsentieren.

Bildausschnitt aus dem Film „Pumzi“ Bildausschnitt aus dem Film „Pumzi“ | Regie: Wanuri Kahiu. Mit freundlicher Genehmigung von Inspired Minority Pictures Haben Sie für diese Studie nordafrikanische Länder wie zum Beispiel Ägypten, Marokko oder Tunesien in Betracht gezogen?

Dayo Ogunyemi: Haben wir nicht. Obwohl es in Nordafrika lange Kinotraditionen und starke Unternehmen gibt, ist die Studie auf afrikanische Länder südlich der Sahara ausgerichtet.

Noémie Njangiru: Der Ansatz, zunächst in Subsahara-Afrika Daten zu erheben, basierte auch darauf, dass es in dieser Region besonders schwer ist, gerade für viele junge Filmemacherinnen und Filmemacher, an relevante Daten heranzukommen und sich auszutauschen. Auch der Fokus des Auswärtigen Amts lag zunächst auf der Region Subsahara-Afrika.
 
Welche Relevanz hat die Studie für Deutschland? Sollte die deutsche Filmindustrie in afrikanische Filmproduktionsfirmen investieren oder mit diesen koproduzieren?
 
Dayo Ogunyemi: Die Filmindustrie wird immer globaler - sowohl vom Standpunkt der Produktion als auch vom Standpunkt des Konsums aus betrachtet. Wir haben bei deutschen Produktionen wie „Babylon Berlin“ gesehen, wie sich dies auf einer breiteren globalen Plattform bewegt, und konnten die starke weltweite Wirkung der Likes auf Netflix und Amazon Prime erleben. Afrika bietet einzigartige Geschichten und Perspektiven sowie den weltgrößten unerschlossenen Endverbrauchermarkt für Filme, der in den kommenden Jahrzehnten aufgrund des globalen demografischen Wandels erheblich wachsen wird.

Noémie Njangiru: Es ist unfassbar, wie viel qualitativ hochwertige, zeitgenössische afrikanische Produktionen ungesehen bleiben. Die Studie legt dar, dass bisher ein sehr großer Fokus auf die Produktion von Filmen gelegt wurde, während die Post-Produktion und die Distribution von Filmen nicht genügend unterstützt wurde. Das Geld, aber auch die Kenntnis über mögliche weitere Marketingstrategien, Distributionswege und „Audience Development“ fehlen häufig. Sowohl für die deutsche Filmindustrie als auch für die Filmindustrien in Nigeria, Südafrika und anderen afrikanischen Ländern wäre es daher klug, faire und sinnvolle Wege zu finden, sich zusammenzuschließen und diese Partnerschaftsverpflichtungen früh zu treffen.

Experten diskutieren im Rahmen der „African Storytelling Summer School“ Experten diskutieren im Rahmen der „African Storytelling Summer School“ | Foto: Noemie Njangiru Die Kreativindustrien haben in Subsahara-Afrika ein besonderes Potenzial, um ökonomisches Wachstum und Einkommenschancen zu fördern, aber eben auch um Stereotypen entgegenzuwirken und die Vielzahl zeitgenössischer und selbstbewusster Narrative aus Afrika einem neuen Publikum zugänglich zu machen. Die Aktivitäten in diesem Feld werden daher zukünftig durch das Goethe-Institut in Subsahara-Afrika weiter ausgebaut.