Digitale Netzwerkuniversität „Wir brauchen Räume, in denen man scharf, aber offen diskutieren kann“

Internationale Zusammenarbeit und Konfliktprävention als Schwerpunktthemen der „Digitalen Netzwerkuniversität“
Internationale Zusammenarbeit und Konfliktprävention als Schwerpunktthemen der „Digitalen Netzwerkuniversität“ | Foto: Juan Riumalló & Carolina Betancourt

Die Vorbereitungen dauerten zwei Jahre. Nun ist in Berlin die „Digitale Netzwerkuniversität“, ein Projekt des Goethe-Instituts mit Hochschulen aus Deutschland, Österreich, Russland, Georgien und der Ukraine, offiziell gestartet. Internationale Zusammenarbeit und Konfliktprävention stehen dabei im Fokus.

Bildung soll auch in Krisenzeiten über Ländergrenzen hinweg funktionieren, das ist das wichtigste Ziel der „Digitalen Netzwerkuniversität“. Bereits im laufenden Wintersemester 2018/19 können Studierende E-Learning-Kurse zu Themen wie Nachhaltige Entwicklung oder Friedensforschung belegen.

Bildung über Ländergrenzen hinweg  Bildung über Ländergrenzen hinweg | Foto: Juan Riumalló & Carolina Betancourt

Friedensforschung und Nachhaltige Entwicklung

Swetlana Tachtarowa, die an der Föderalen Universität Kasan, einer der beteiligten Hochschulen, lehrt, betonte, dass gerade Themen wie Nachhaltigkeit an ihrer Einrichtung leider noch fehlen würden: „Deshalb legen wir sehr viel Wert auf Kurse, die zu diesem Thema entwickelt werden.“ In die Seminare werden digitale Formen der Lehre integriert, sei es mit Laptop, Smartphone, über Skype, Blogs, Moodle oder soziale Medien, sagte Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, in seiner Rede bei der Gründungsveranstaltung.
 
Anne Schönhagen vom Goethe-Institut Moskau hat die Netzwerkuniversität maßgeblich mitgestaltet. „Um hier zu stehen, waren zwei Jahre nötig“, sagt sie und erinnert damit an die Kick-Off-Veranstaltung bei einer Winterakademie 2016 in Kasan. Damals wurden die Kasaner Empfehlungen formuliert: „Wie können unsere Bildungsinstitutionen konfliktpräventiv wirken? Wie können wir gemeinsame Werte ausloten und Freiheit der Bildung und eine internationale Lerngemeinschaft schaffen?“

Klaus-Dieter Lehmann (r.) im Gespräch mit Anne Schönhagen und Rüdiger Bolz Klaus-Dieter Lehmann (r.) im Gespräch mit Anne Schönhagen und Rüdiger Bolz | Juan Riumalló & Carolina Betancourt

Ein anderer Blick auf gemeinsame Themen

Die Netzwerkuniversität bietet drei Kurstypen an: Einführungs-, Vertiefungs- und Ankerkurse. Mindestens drei Länder entwickeln gemeinsam die sogenannten Ankerkurse. Einer beginnt bereits im Wintersemester 2018/2019 und trägt den Titel „Zukunft gestalten. Bildung für nachhaltige Entwicklung/Herausforderungsmanagement“. „Dieser Kurs ist mit 25 Studierenden schon ausgebucht. Es scheint ganz ordentlich zu laufen“, berichtet Schönhagen. Der gesamte Kurs läuft über die Plattform Moodle des Goethe-Instituts.

Janine Nuyken, die Vizepräsidentin der Europa-Universität Viadrina, hebt hervor, dass finanzielle Mittel bei diesem Projekt nicht allein ausschlaggebend seien: „Unsere Ressource sind sehr interessierte Studierende, die mit einem ganz anderen Blick auf gemeinsame Themen schauen.“

Start der „Digitalen Netzwerkuniversität. Kulturen verbinden“ Start der „Digitalen Netzwerkuniversität. Kulturen verbinden“ | Foto: Juan Riumalló & Carolina Betancourt

Stärkung demokratischer Prozesse

Gerade die beteiligten Akademikerinnen und Akademiker aus Georgien und der Ukraine erhoffen sich von der Netzwerkuniversität eine Stärkung demokratischer Prozesse und einer freien Diskussionskultur in ihren Ländern. Nino Doborjginidze, die Prorektorin der Staatlichen Ilia-Universität in Tbilissi, wünscht sich eine Lösungsmöglichkeit für drängende Probleme, die auf der politischen Ebene bisher nicht effektiv genug angegangen wurden: „Wir sind postsowjetische Universitäten und brauchen Räume, in denen man scharf, aber offen diskutieren kann.“
 
Mykhailo Minakov aus der Ukraine, der zurzeit als DAAD-Gastprofessor an der Europa-Universität Viadrina unterrichtet, sorgt sich darum, dass die Machthaber in seinem Land Bildungsprozesse beeinflussen könnten. „Es gibt heute einen langen autoritären Gürtel von Ankara bis Moskau. In unserem Land können nicht alle Themen offen besprochen werden. Ich glaube, dass sich die Situation in Osteuropa weiter verschlechtert.“ Deutschland bleibe dagegen ein Ort für Diskussionen.

Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der Universitäten Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der Universitäten | Foto: Juan Riumalló & Carolina Betancourt

Mit Optimismus in die Zukunft

Trotz dieser nachdenklichen Zwischentöne bleibt von der Gründungsveranstaltung ein optimistischer Blick in die Zukunft, folgt man den Worten von Rüdiger Bolz vom Goethe-Institut Moskau: „Bei diesem Projekt ist es gelungen, dass Experten sich auf Bildungsziele geeinigt haben und Bürokratie und Bedenkenträgerei bisher keine Rolle gespielt haben. Wenn diese Dynamik so bleibt, habe ich keine Bedenken.“