Museumsgespräche in der Demokratischen Republik Kongo „Ein Grundlegender Bewusstseins­wandel“

Kuratorin Nontobeko Ntombela spricht über die Rolle afrikanischer Museen im gesellschaftspolitischen Diskurs
Kuratorin Nontobeko Ntombela spricht über die Rolle afrikanischer Museen im gesellschaftspolitischen Diskurs | Foto: Astrid Matron

Mit der Reihe „Museumsgespräche“ bringt das Goethe-Institut internationale Akademiker, Museumsexpertinnen und Kuratoren zusammen, um aus postkolonialer Perspektive über die Zukunft afrikanischer Museen zu diskutieren. Am 22. und 23. Oktober 2018 stand in Kinshasa das Thema Ausstellungformen im Mittelpunkt der Diskussion. Wir haben mit der Kuratorin Nontobeko Ntombela über die Rolle afrikanischer Museen im gesellschaftspolitischen Diskurs gesprochen.

Wie sieht die Museumslandschaft in Johannesburg aus – spiegeln die Museen aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse wider?

Die Museumslandschaft ist vielfältig und wächst stetig – erst kürzlich wurden neue Museen gebaut oder befinden sich gerade im Bau. Wir haben ein breites Spektrum an Museen, die sich hinsichtlich ihrer sozialen, kulturellen und vor allem politischen Positionierung weiterentwickelt haben. Historisch betrachtet handelte es sich bei diesen Museen ab dem 19. Jahrhundert um ethnographische Museen, kombiniert mit einer mehr oder weniger internationalen Ausrichtung, die europäischen Kulturen entsprachen oder diese ansprechen wollten. Im Laufe der Zeit und im Zuge politischer Veränderungen mussten sich diese Museen jedoch an den Kontext Südafrikas anpassen und damit beginnen, das Verständnis der südafrikanischen Künstler und ihrer Vielfalt umfassender zu repräsentieren. Sie waren gezwungen, ihre Ausrichtung zu modifizieren, denn als ausschlaggebend galt nicht mehr die europäische Betrachtungsweise. Dies erkannte man schon in den Achtzigerjahren, jedoch trat die Veränderung aufgrund der Apartheid erst in den Neunzigerjahren ein. Seither verfügt unser Land über Museen mit ganz anderer Atmosphäre. Museen begannen bei der öffentlichen Präsentation von Objekten, mehr Einfühlungsvermögen aufzubringen. Wenn man über menschliche Überreste spricht, muss man sich bewusst sein, dass man nicht mehr über „die anderen“ spricht. Aber welche Sprache verwendet man, um die Geschichte aus einer Insiderperspektive neu zu erzählen?

Diskussion über die Zukunft afrikanischer Museen Diskussion über die Zukunft afrikanischer Museen | Foto: Nizar Saleh Ebenso interessant ist, dass es in den Neunzigerjahren einen Boom zum Thema Freiheitskampf gab. Seither besteht eine Spannung zwischen den in höherem Maße historischen Museen, die die Geschichte der Siedler erzählen sollen, und den neuen Museen, die sich auf die Überwindung der Apartheid konzentrieren. Die Diskussionen rund um die Museen haben sich von der Position der historischen und ethnographischen Museen hin zu den „Freiheitskampf-Museen“ verlagert. Und nur in einigen seltenen Fällen geht es hierbei um die Kunstmuseen.

Welche Rolle spielt die zeitgenössische Kunst in der Gesellschaft? Hat sie das Potenzial, Themen wie Postkolonialismus im gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen?

Ich denke, dass die zeitgenössische Kunst in Südafrika auf sehr verschiedene Arten sichtbar ist. Durch ihre derzeitige positive Stellung ist sie mehr als jemals zuvor in der öffentlichen Wahrnehmung vertreten.

Eine neue Generation von Künstlerinnen und Künstlern

Außerdem denke ich, dass wir uns an einem Punkt befinden, an dem wir eine neue Generation von Künstlerinnen und Künstlern sehen können, für die sich viel mehr Möglichkeiten bieten. Bereits 1994 fand ein großer Zuzug jüngerer Künstler statt – schwarze Künstlerinnen und Künstler, denen viele Möglichkeiten geboten wurden und die begehrt waren. Zeitgenössische Kunst war repräsentativ dafür, wie die Menschen über ihre eigenen Identitäten sprachen. Damals war es wichtig für die Menschen, zu reflektieren, was es bedeutete, zu diesem bestimmten Zeitpunkt Südafrikanerin oder Südafrikaner zu sein. Nun hat sich die politische Natur von Kunst stark mit der Herangehensweise der Künstlerinnen und Künstler gewandelt – sie gehen experimentierfreudiger mit Materialien um und gebrauchen eine differenziertere Sprache in Bezug auf das, was sie mit ihrer Arbeit ausdrücken möchten. Und plötzlich befindet sich Südafrika nun in diesem breiteren diskursiven Raum, in dem viele Künstlerinnen und Künstler aus ganz Afrika in den Galerien Südafrikas vertreten sind. Es findet einfach eine breiter angelegte Diskussion statt – insbesondere darüber, in einer Art globalem Umfeld Künstlerin oder Künstler zu sein.

Wie könnte die Zusammenarbeit mit europäischen Museen aussehen, um die gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten?

Wir bringen nicht alle dasselbe Werkzeug mit an den Tisch. Es muss also bei allen Parteien ein grundlegender Bewusstseinswandel stattfinden – ein wirkliches Erwachen. Ich sage nicht, dass diejenigen Instanzen, die das Geld haben, die alleinige Arbeit verrichten sollen, um sich der gegenwärtigen Privilegien bewusst zu werden. Ebenso sollten alle Beteiligten aus den verschiedenen Regionen mitwirken. Meine Erfahrung ist aber, dass die Lage mancherorts wirklich entsetzlich ist. Wenn sich die Möglichkeit einer Kooperation bietet, nehmen viele fast eine unterwürfige, flehende Haltung ein, weil das der einzige Weg zu sein scheint, um ihre eigene verzweifelte Lage zu verbessern. Daher ist das Gespräch als wesentlicher Bestandteil jeglicher Form der Zusammenarbeit unheimlich wichtig. Das kritische Hinterfragen untereinander gilt dabei für alle Parteien als unabdingbar. Und alle sollten dazu bereit sein, ihre Vorurteile offen darzulegen.

In Kinshasa diskutierten Expertinnen und Experten verschiedene Ausstellungformen für Museen In Kinshasa diskutierten Expertinnen und Experten verschiedene Ausstellungformen für Museen | Foto: Nizar Saleh

Die Ausstellung als dauerhaftes Gespräch

Wie können diese politisch komplexen Inhalte in einer Ausstellung präsentiert werden?

Besonders wichtig ist es, Ausstellungen über ihren Abschluss hinaus zu denken und nicht nur als Endziel zu betrachten. Vielmehr sollten sie als Prozess und als lange, dauerhafte Gespräche gelten. Ein Beispiel hierfür ist das Projekt, an dem ich zusammen mit WAZA (Kunstzentrum, Lubumbashi) arbeite. Hierbei geht es um kulturelle Einflüsse und Güter aus dem Kongo, die sich in Südafrika wiederfinden und um die Frage, wie man damit umgeht. Dafür bedienen wir uns verschiedener Methoden wie beispielsweise Residenzen, bei denen Künstler oder auch Communities eingeladen werden, um über dieses Thema zu diskutieren. Wesentlich ist für uns dabei, einen Raum zu schaffen, in dem diese Austauschprozesse  bewusst in die Ausstellung integriert werden. Die Authentizität eines Projekts ist ein wesentlicher Faktor, damit meine ich die Integration der Lokalität – die Einbeziehung lokaler Stimmen.