Johannes Ebert am 06.07.2026
27 Farben für die Zukunft
Rede von Johannes Ebert anlässlich seiner Verabschiedung als Generalsekretär und Vorstandsvorsitzender des Goethe-Instituts
Meine letzte Dienstreise als Generalsekretär und Vorstandsvorsitzender des Goethe-Instituts führte mich in der vergangenen Woche an das Goethe-Institut London.
Nach fast 15 Jahren an der Spitze des Goethe-Instituts und den rund 20 Jahren davor kenne ich sehr viele unserer Häuser. Den schönsten Eingangsbereich hat für mich jedoch das Goethe-Institut London.
Das Institut ist in einer viktorianischen Villa in der Nähe des Victoria and Albert Museum untergebracht an der wunderbaren Exhibition Road. Die Eingangssituation ist eigentlich schwierig: Ein schmales, fensterloses Treppenhaus mit steilen Stufen zieht sich über die gesamte Höhe des Gebäudes. Es könnte ein düsterer, beschwerlicher Ort sein – wie eine Welt ohne Kultur, ohne Musik, ohne Kunst, Literatur und Gelächter.
Doch die Künstlerin Gloria Zein hat dort zum 50-jährigen Jubiläum des Goethe-Instituts London im Jahr 2014 etwas Besonderes geschaffen. In ihrer Arbeit I Can’t Stop the Dancing Chicken gliederte sie die Wände des Treppenhauses in klar begrenzte Flächen und gestaltete sie mit 27 Farben, die Bezüge zu Goethes Farbenlehre aufgreifen.
Kräftige, lebensfrohe Farben prägen den Raum. Die Unterseite der Treppe zum ersten Stock leuchtet in einem eidotterfarbenen Gelb, die Seitenwand in einem dunklen, geheimnisvollen Blau, die gegenüberliegende Wand in einem kräftigen und doch dezenten Purpur. So setzt sich das Farbenspiel bis in den vierten Stock fort. Jede der Farbflächen ist klar voneinander abgegrenzt, die Farben sind völlig unterschiedlich, bisweilen stehen sie im Widerstreit. Doch aus diesem Zusammenwirken der Farben entsteht ein elegantes, harmonisches und wirkungsvolles Ganzes. Es macht einem Lust auf das Leben und auf die Zukunft.
Manchmal fühle ich Glück, wenn ich in diesem Treppenhaus stehe. Glücksgefühle, wie sie mir auch meine Arbeit der vergangenen fast 15 Jahre immer wieder gegeben hat – auch in schwierigen Zeiten. Dafür bin ich dankbar.
Dieses Treppenhaus des Goethe-Instituts London löst in mir viele Assoziationen aus:
Vielleicht stehen die Farbflächen für die vielen Arbeitsfelder des Goethe-Instituts: Für die Sprachkurse, für die Residenzprogramme, für Ausstellungen, Sprachprüfungen, Bibliotheken und Konzerte, die wir auf der ganzen Welt mit unseren Partnerinnen und Partnern organisieren und veranstalten. Gesamtkunstwerk Goethe-Institut. „Im Austausch mit der Welt – für Vielfalt, Verständigung und Vertrauen.“ Wann war eine solche Vision nötiger als heute?
Vielleicht stehen diese Farbflächen für das „Team Deutschland“, von dem heute in der Außenpolitik viel die Rede ist: Die Gruppe der Institutionen und Organisationen, die im Ausland für Deutschland arbeiten, Netzwerke schaffen und das Ansehen unseres Landes stärken. Die Auslandsvertretungen, der DAAD, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die Handelskammern, die Goethe-Institute und viele mehr. Sie alle haben ihre eigenen Aufgaben, ihre eigene Kultur, ihre eigene Arbeitsweise und ihre eigenen Zielgruppen – ihre eigene Farbe im Treppenhaus der Welt. Die in diesem Jahr veröffentlichte Studie des British Council “Softpower 2020 – 2025“ hat Deutschland als stärksten Akteur in diesem Feld weltweit bezeichnet – insbesondere durch das erfolgreiche Zusammenwirken von DAAD, Goethe-Institut und GIZ im Ausland. Das Prinzip eigenständiger Kultur- und Bildungsmittlerorganisationen, das auch eine Reaktion auf den Missbrauch von Kultur und Bildung in der Zeit des Nationalsozialismus ist, ist eine Erfolgsgeschichte. Das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Akteure in dieser Eigenständigkeit und mit der ihnen jeweils eigenen Kompetenz ergibt dieses einflussreiche Gesamtkunstwerk, dieses „Team Deutschland“. Herzlichen Dank an diese Partner, die heute auch hier sind!
Vielleicht repräsentieren die 27 Farben im Treppenhaus des Goethe-Instituts London aber auch Deutschland selbst: ein pluralistisches, föderales und freiheitliches Land. Das Deutschland, für welches das Goethe-Institut weltweit steht. Ein Deutschland, das auch dafür geschätzt wird, dass es Kunst fördert, die kritische Fragen stellt und auch unliebsamen Meinungen einen Platz gibt. Im Jahr des Brexit sagten britische Freunde zu mir: „Deutschland ist eine so reife und in sich ruhende Demokratie.“ Sie sprachen mit Bewunderung und Zuneigung über unser Land. Ob sie das heute noch in gleicher Weise tun?
Es ist unsere gemeinsame Verantwortung für diese Demokratie, die heute von außen und von innen unter Druck gerät, einzustehen, sie zu stärken und uns für sie einzusetzen.
Liebe Staatsministerin Güler, sehr geehrter Herr Staatssekretär Kotsch, lieber Konrad Schmidt-Werthern, sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages, liebe Gesche Joost, liebe Doreen Kirmse, liebe Freundinnen und Freunde und natürlich liebe Gitte Zschoch,
so eine Abschiedsrede zu halten, ist keine einfache Aufgabe. Man möchte Bedeutendes sagen und nur wenige Minuten müssen genügen. Ich habe mich dazu entschlossen, auf die Zahl 3 zu setzen. Drei Brüder, drei goldene Barthaare, drei Wünsche an die Fee gibt es im Märchen. Drei Nüsse für Aschenputtel. Drei Wünsche auch von meiner Seite:
Mein erster Wunsch richtet sich an die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger:
Stärken Sie die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Sie ist ein wichtiger Faktor für Deutschlands Ansehen und Erfolg in der Welt. Sie stärkt freiheitliche Werte, verbindet Menschen über politische und militärische Konflikte hinweg und trägt zur Zukunftsfähigkeit unseres Landes bei. Gleichzeitig leistet sie mit überschaubaren Mitteln ungeheuer viel. Gerade deshalb können selbst kleine Kürzungen erhebliche Auswirkungen auf das Gesamtsystem und seine Wirksamkeit haben. Bitte unterstützen Sie uns dabei, diese Netzwerke und diese Arbeit für Deutschland auch in Zeiten knapper öffentlicher Mittel zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Mein zweiter Wunsch richtet sich an unsere Zuwendungsgeber, das Auswärtige Amt:
Ich bewundere die Diplomatie in diesen Zeiten und danke Ihnen für Ihre Arbeit. Sie müssen – und das erinnert mich an unsere Arbeit im Feld der weltweiten Kultur – die ganze Komplexität der Welt managen. Es lag noch nie so viel Druck auf der deutschen Außenpolitik wie heute. In einer Zeit, in der die öffentliche Debatte polarisiert, hart und aggressiv ist, verstärkt dieser Druck aber auch die Furcht, die Kontrolle über diese Komplexität zu verlieren. Die Furcht, sie den Menschen in Deutschland und der Welt nicht mehr erklären zu können. Die Kunst, die kritische Debatte, die Kreativität und das Experiment, die wir heute so dringend brauchen, um uns die Zukunft zu erschließen, leben aber gerade davon, die Komplexität der Welt zuzulassen, sich ihr offen zu stellen und sie zu nutzen.
Lassen Sie uns deshalb gemeinsam daran arbeiten, diese Komplexität zu bewältigen und auch bei schwierigen Themen für eine souveräne, zukunftsorientierte und lernbereite Debatte in Deutschland und der Welt zu werben.
Mein dritter Wunsch richtet sich an unsere Freunde die Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden:
Seien Sie mutig und klug. Das klingt in diesem Pathos einfach. Ich weiß aus eigener Erfahrung – und das hat mich durch meine gesamte Amtszeit begleitet und hat sich in jüngster Zeit sogar verstärkt -, dass in Zeiten wie diesen immer wieder sehr schwierige Entscheidungen zu treffen sind. Dass der Mut manchmal unklug ist, und die Klugheit manchmal zu Zögern und Unsicherheit verleitet. Für diese Entscheidungen braucht man Beratung, vertrauensvollen Austausch, Zugewandtheit.
Gerade, dass Sie, dass Ihr heute Abend anwesend seid, zeigt die Solidarität und die Gemeinschaft, zeigt das erfolgreiche Zusammenspiel von Institutionen, Zivilgesellschaft und Kulturschaffenden, zeigt, dass wir einander vertrauen und uns auch in schwierigen Zeiten stützen. Auch das ist heute so wichtig, wie nie zuvor. Dafür und dass Ihr mit dem Goethe-Institut und mir in den vergangenen fast 15 Jahren vertrauensvoll und gut zusammengearbeitet habt. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.
Ich danke den Präsidentinnen und Präsidenten des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann, Carola Lentz und Gesche Joost.
Ich danke den kaufmännischen Direktorinnen und Direktoren, mit denen ich das Goethe-Institut gemeinsam führen durfte: Bruno Gross, Rainer Pollack, Rebecca Cordes und Doreen Kirmse.
Ich danke den Vertreterinnen und Vertretern des Deutschen Bundestages und des Auswärtigen Amts.
Ich danke unseren Partnerinnen und Partnern auf der ganzen Welt.
Liebe Gitte, ich wünsche Dir viel Erfolg und eine glückliche Hand, wenn Du am 20. Juli das Amt der Generalsekretärin des Goethe-Instituts übernimmst. So ziemlich – das sei mir erlaubt zu sagen - die beste und wichtigste Institution die es gibt…
Mein größter Dank gilt den Kolleginnen und Kollegen des Goethe-Instituts in Deutschland und weltweit. Sie sind das Goethe-Institut.
Und vor allem danke ich meiner Familie. Danke, dass Ihr diesen Weg mit mir gegangen seid und immer an meiner Seite wart.
Denn bei allem, was wir erreichen, gibt es am Ende etwas, das wichtiger ist als jede Funktion und jedes Amt: die Menschen, mit denen wir unser Leben teilen.
Vielen Dank.