18. April 2026
Rede Anlässlich der Eröffnung des neuen Goethe-Instituts in Dakar
- Es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrter Herr Minister für Kultur, Kunsthandwerk und Tourismus Amadou Ba,
Sehr geehrte Frau Staatsministerin im Auswärtigen Amt Serap Güler,
Sehr geehrte Frau Leiterin der Abteilung für Kultur und Gesellschaft im Auswärtigen Amt Christina Beinhoff,
Seine Exzellenz Herr Botschafter der Bundesrepublik Deutschland Kai Baldow,
Sehr geehrte Dr. Stefanie Peter,
Sehr geehrter Herr Francis Kéré,
Sehr geehrter Herr Professor Kasse,
Sehr geehrte Frau Aisha Deme,
Manche Orte entstehen aus einer Idee davon, wie Menschen einander begegnen können. Dieser Ort hier entstand genau aus einer solchen Idee: des Miteinanders, des Wahrnehmens, des Versammelns um den Baobab Baum.
Vor uns liegt nicht einfach ein neues Gebäude, in dem inspirierende Sprachkurse, wunderbare Konzerte und spannende Filmabende stattfinden. Francis Kére, als herausragender Architekt und Visionär, realisierte hier die grundlegende Idee des Goethe-Instituts auf die schönste Weise: Als Ort der Begegnung, der Brücken schlägt zwischen dem Senegal und Deutschland, zwischen Westafrika und Europa.
Dieser Ort spricht von Möglichkeiten, nicht nur vom Nutzen. Er vermittelt eine Haltung. Er ist eine Einladung an alle. Das ist ein Kerngedanke des Goethe-Instituts, der hier gelebt wird – mit einem der schönsten Institute, die wir in unserem Netzwerk von 154 Instituten weltweit haben.
Ich lese diesen Ort, und damit das Werk von Francis Kére und dem Team, als Teil des Africanfuturism. Er schafft die Verbindung von afrikanischer Kultur, Geschichte, Mythologie mit Technologien des afrikanischen Kontinents selbst. Die Schriftstellerin Nnedi Okorafor prägte diesen Begriff, um die Verwurzelung in der Afrikanischen Kultur zu unterstreichen – hier entstehen die Visionen für eine Zukunft des Kontinents, hier wird das „Jetzt“ neu imaginiert, nicht in der Diaspora oder etwa im afro-amerikanischen Diskurs allein. Das ist eine Geste des afrikanischen Selbstbewusstseins und des Empowerments und so auch Teil der Dekolonisierung. Dabei werden geltende Machtstrukturen befragt: Welche Formen, Materialien und Praktiken werden als fortschrittlich angesehen? Wessen Wissen wird sichtbar gemacht, welche Erfahrungen zählen?
Folgerichtig sind die Materialien lokal produziert, darunter die von Hand gepressten Laterit-Steine. Sie folgen jahrhundertealtem Wissen um Klima und Nachhaltigkeit, nehmen Bezug auf die lokale Kultur. Gleichzeitig vertiefen sich durch diesen Bau die Netzwerke nach Deutschland – denn Kére bringt sein Wissen als Architekt nach Deutschland und bringt gleichzeitig seine Erfahrungen und Netzwerke aus Deutschland hier ein – ein lebendiges und vielschichtiges voneinander Lernen.
Der Neubau hier in Dakar zeigt, dass Klimaschutz und architektonische Qualität keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Wo lokale Materialien, handwerkliche Präzision und intelligente Nutzung von Energie zusammenkommen, entsteht ein Gebäude, das Zukunft denkt. Auch Nachhaltigkeit zeigt sich hier als Haltung — als Respekt vor dem Ort, vor den Menschen und den Ressourcen. Davon können wir lernen.
Seit fast fünf Jahrzehnten ist das Goethe-Institut im Senegal aktiv, und mit dem neuen Gebäude entsteht erstmals auf afrikanischem Boden ein Haus, das eigens für den kulturellen Dialog des Goethe-Instituts entworfen wurde. Deutschlernen hat hier eine lange Tradition: Schon 1920 begann der Unterricht in Saint-Louis, heute lernen über 20.000 junge Menschen Deutsch. Sie alle schlagen Brücken zwischen dem Senegal und Deutschland. Und diese Brücke ist nie einseitig gedacht. Sie ist eine Einladung zum Austausch, zum Lernen und Wahrnehmen anderer Wirklichkeiten.
Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Brücke ist das Projekt „Echos der Vergangenheit“. Im Archiv des Ethnologischen Museums Berlin finden sich historische Tonaufnahmen aus dem Senegal – manche über hundert Jahre alt. Sie bewahren eine faszinierende sprachliche und künstlerische Vielfalt, von Wolof über Pulaar bis hin zum Arabischen. Gemeinsam mit dem Musée des Civilisations Noires werden diese Stimmen nun in einer Ausstellung wieder hörbar. Aus einem abgeschlossenen Archiv wird so ein geteilter Erinnerungsraum: Restitution als gemeinsames Erzählen von Wissen und Geschichte.
Auch die Geschichte dieses Hauses erzählt von Zusammenarbeit und Verantwortung. Der Weg von der Planung bis zur Eröffnung war anspruchsvoll. Allen Beteiligten gilt daher mein herzlicher Dank: den Planer*innen, Handwerker*innen, den Partner*innen in Dakar und Berlin und ganz besonders Francis Kéré, Marc Sommer und seinem Team von Rebuild.ing sowie dem Worofila Collective.
Mit seiner Haltung setzt der Neubau ein sichtbares Zeichen für Verantwortung in der Kulturarbeit und für einen reflektierten transnationalen Austausch zwischen Westafrika und Europa. Es erinnert uns daran, dass Räume kulturelle Aussagen sind: Sie zeigen, wie wir Zusammenleben denken, wem wir Raum geben und welche Zukunft wir gemeinsam gestalten wollen.
Mit der Eröffnung dieses Hauses beginnt für das Goethe-Institut Dakar ein neues Kapitel. Ein Kapitel, das auf Partnerschaft gründet, auf gegenseitigem Lernen und auf Respekt vor lokalen Wissensformen. Und ich danke allen, die dieses Kapitel ab sofort mitgestalten und diesen Ort mit Leben füllen werden — mit Sprache, Musik, Kunst, Diskussion und Begegnung. Denn ein Haus ist nur dann wirklich eröffnet, wenn es von Menschen angenommen wird. Heute tun wir den entscheidenden Schritt dafür.