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„Europaküche“
Leid kann man nicht messen

Black is a beautiful word.  I&I.
Black is a beautiful word. I&I. | Foto (Ausschnitt): © Jeannette Ehlers

Was passiert, wenn das Goethe-Institut anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft Künstler*innen und Fremde an einen Tisch lädt? Bei der „Europaküche“ in Schottland standen Videoinstallationen der Künstlerin Jeannette Ehlers im Mittelpunkt der Tischgespräche. 

Von Annette Walter

Mit dem Thema Kolonialismus beschäftigt sich die Künstlerin Jeannette Ehlers in vielen ihrer Performances. Das hängt eng mit der Biografie der 47-Jährigen zusammen, denn ihre Eltern stammen aus Dänemark und Trinidad. „Black Is A Beautiful Word. I&I“ und „The Gaze“ sind ihre beiden jüngsten Videokunstwerke zu diesem Thema. Das erste Stück basiert auf einem historischen Foto von Sarah, einer schwarzen Frau, die als Dienstmädchen in den ehemaligen dänischen Westindischen Inseln für den dänischen Apotheker und Amateurfotografen Alfred Paludan-Müller arbeiten musste. Dieses Foto wird in Kontrast zu mehreren Porträts von Frauen verschiedener Ethnien gestellt. In der Performance „The Gaze“ sind nur schwarze Darsteller*innen zu sehen. Ehlers thematisiert das Sujet des Betrachtens: Was bedeutet ein „weißer“ Blick, wie reflektiert man den gegenwärtigen Einfluss des Kolonialismus, wie sollen wir über Menschlichkeit und Machtstrukturen nachdenken?
 
„Es war sehr ungewöhnlich für Dänemark, dass wir in ‚The Gaze’ so viele schwarze Performer*innen auf der Bühne hatten“, erläutert Ehlers. Es ging ihr dabei darum, eine sehr intensive Atmosphäre zu schaffen und die Herausforderungen für die Festung, zu der sich Europa gewandelt habe, anzudeuten. „Die EU muss sich mit ihrer kolonialen Vergangenheit beschäftigten“, betonte auch Moderatorin Priya Basil.

Verbundenheit mit der afrikanischen Diaspora

In ihren Arbeiten fühlt sich Ehlers eng mit der afrikanischen Diaspora verbunden. Für die Künstlerin ist es „herzzerreißend, dass wir uns immer noch mit dem Thema Kolonialismus beschäftigen müssen“, aber gleichzeitig ist sie der Ansicht, dass den Menschen heute bewusster sei, was den Menschen in den Kolonien angetan wurde.
 
Anknüpfend an die Erwähnung von Afrika als vom Kolonialismus geprägter und ausgebeuteter Kontinent, erläuterte die Autorin und Historikerin Lizzie Collingham, die sich wissenschaftlich seit langem mit der Geschichte von Essen und Ernährung befasst, wie afrikanische Kultur und Lebensart einst in die USA gelangten. Mit dem Import von Reis in die USA, etwa von Farmern im Bundesstaat South Carolina, gelangte dieses Lebensmittel in die amerikanische Küche. Aber auch das Wissen und die Arbeitskraft afrikanischer Sklav*innen, die den Weißen das Kochen mit Reis beibrachten, prägten den amerikanischen Kontinent. Für Collingham ist es wichtig, die Historie hinter unserem Essen zu verstehen und die Geschichten von Gewalt, die damit verbunden sind, kritisch zu reflektieren. Indem man diese Entwicklung ernst nimmt, ergibt sich eine Möglichkeit, traurige Aspekte der Geschichte zu überwinden.
 
Paul Gilroy, Verfasser des wegweisenden Buchs „The Black Atlantic“, lehrt als Professor am University College London: „Jeanette Ehlers' Arbeiten zelebrieren, dass man Rassismus überwinden kann. In ihren außergewöhnlichen Stücken zeigt sie die Traurigkeit, die man empfindet, wenn man kein Zuhause hat.“ Für die schottische Autorin A.L. Kennedy („Süßer Ernst“) demonstriert „The Gaze“, dass Weiße immer wollen, dass man sie anschaut, was sie als toxisches Verhalten empfindet.

„Ich muss meinen Platz in der Welt kennen“

Moderatorin Priya Basil erwähnt Schottlands eigene blutige, koloniale Geschichte, wobei Schottland wiederum unter der Herrschaft Englands gelitten habe. „Ich will mich auf keine Seite schlagen“, äußerte Gilroy dazu. Für den Wissenschaftler ergibt es keinen Sinn, einen Wettbewerb zu betreiben, welche Gruppe mehr gelitten habe. Wie soll man aber nun mit dem Leid umgehen, das für die betroffenen Bevölkerungsgruppen durch die Brutalität des Kolonialismus entstand? Die Moderatorin zitierte dazu die britische Autorin Zadie Smith: „Leiden kann man nicht messen.“
 
Gilroy ist gegen eine rein melancholische Beziehung zu vergangenem Leid. „Wir sollten nicht in solch einer melancholischen politischen Beziehung verharren“, empfahl er. Für Ehlers bedeutet Geschichte vor allem eines: „Ich muss meinen Platz in der Welt kennen.“

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