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„Decolonising classical musics?“
Klassik und Kolonialismus

„Afrikanische Kunstmusik beschreibt eine Modernität, die eine konstante Redefinition mit sich bringt." Kofi Agawu
„Afrikanische Kunstmusik beschreibt eine Modernität, die eine konstante Redefinition mit sich bringt." Kofi Agawu | Foto (Ausschnitt): © Andrew Wilkinson

Beim Symposium „Decolonising Classical Musics?” des Goethe-Instituts diskutierten die Teilnehmer*innen über kolonialistische Aspekte klassischer Musik. 

Von Hannah Schmidt

Ludwig van Beethoven interessierte sich für Exotismen, für andere Kulturen als die ihm vertraute europäische und deren Repräsentation in der Kunst. Damit war er in der Tradition der klassischen Musik nicht alleine. Das Goethe-Institut hat in einem Symposium im Rahmen von „The other Beethoven(s)“ nun den Fokus auf diesen genuin europäischen, oft kolonialistisch geprägten Blick auf andere Kulturen gerichtet – und zwar speziell im Bereich der klassischen Musik. Unter dem Titel „Decolonising Classical Musics?“ diskutierten am Sonntag im Berliner radialsystem Musiker*innen, Komponist*innen und Wissenschaftler*innen Fragen zu transtraditioneller Musik, postkolonialen Perspektiven und zeitgenössischem Komponieren.

Die Rolle der afrikanischen Kunstmusik in der Klassik

In seiner Keynote sprach der Musikwissenschaftler Kofi Agawu von der City University of New York (CUNY) über afrikanische Kunstmusik und ihre Rolle in der klassischen Musik. Am Beispiel verschiedener Werke des African Pianism aus dem 20. Jahrhundert zeigte Agawu einerseits die Einflüsse des Kolonialismus auf das musikalische Bewusstsein der Komponist*innen auf und verdeutlichte andererseits die davon unabhängigen spezifischen Besonderheiten des Genres. „Immer wieder gibt es Kritiker*innen, die meinen, afrikanische Komponist*innen reproduzierten die europäische Entwicklung“, sagt Agawu. „Doch wir müssen uns abgewöhnen zu glauben, dass die europäische Geschichte linear verlaufen sei. Manche Stile wie Minimalismus oder Post-Minimalismus können schwerlich als komplex bezeichnet werden.“

Zahlreiche Werke afrikanischer Klassik könnten demgegenüber den beginnenden Avantgarden der 1920er Jahre entsprungen sein – wurden aber Jahrzehnte früher komponiert. Dennoch sind Namen afrikanischer Komponisten wie Joshua Uzoigwe, Akin Euba, Ayo Bankole, Emmanuel Gyimah Labi oder Olufęlá Şowándé nach wie vor wenig populär, was laut Agawu verschiedene Gründe hat. Einen dieser Gründe sieht er in dem weißen „Skeptizismus bezüglich der Fähigkeiten Schwarzer und People of color.“ Doch: „Weißsein oder Europäischsein sind keine selbstwirksamen Kategorien, wenn es um Kreativität geht. Afrikanische Kunstmusik beschreibt eine Modernität, die eine konstante Redefinition mit sich bringt – sie ist dynamisch.“

„White Supremacy in ihrer pursten Form“

Sandeep Bhagwati und Patrick Hahn widmeten sich in ihrer „Listening Session“ Werken wie Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie und Félicien Davids „Le desert“ und den interkulturellen Bezügen innerhalb der Musik. Finden sich in Beethovens „Ruinen von Athen“ mehr als nur orientalische Exotismen? Sind Karlheinz Stockhausens interkulturelle Bezüge in seinem Werk „Stimmung“ visionär – oder ist es respektlos, wie er mit ihnen umgeht? „Aus ‚Salam aleikum‘ ‚Salami‘ zu machen, ist White Supremacy in ihrer pursten Form“, sagte Patrick Hahn dazu. Exotismus wie dieser, so Bhagwati, versuche, „eine Qualität in nichtwestlicher Musik zu finden, die man glaubt im eigenen Leben verloren zu haben.“

Transtraditionelles Komponieren – was soll das sein?

Musik, so sagte Philipp Rhensius zur Einleitung der anschließenden Podiumsdiskussion, „hat dazu beigetragen, systemische Gewalt zu rechtfertigen.“ Wie transtraditionelles Komponieren heute funktionieren kann, besprachen unter diesem Aspekt Cathy Milliken, Amen Feizabadi, Svetlana Spajic und Brigitta Muntendorf. „Ich weiß nicht, was transtraditionelles Komponieren sein soll“, sagte Amen Feizabadi. „Ich bewege mich permanent in verschiedenen kulturellen Räumen und frage mich: Wohin soll die Musik transitionieren? In einen Raum, der dir gehört, oder mir, oder zur dominanten musikalischen Kultur?“ Es gehe nicht nur darum, gemeinsam Musik zu erschaffen, antwortete Svetlana Spajic: „Verschiedene Kulturen ermöglichen mir neue Perspektiven, eine neue Sprache, neues Vokabular. Es ist faszinierend, wie wir mit Unerwartetem umgehen können, wie man immer und immer wieder die Probleme aufs Neue löst, die unser Leben als Menschen ausmachen. Transtraditionelle Arbeit ist wichtig für unsere Entwicklung.“ 

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