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Europaküche
Was die Ränder Europas dem Zentrum zu sagen haben

Siniša Ilić, „Social Distancing 4“, Tinte auf Papier
Siniša Ilić, „Social Distancing 4“, Tinte auf Papier | Illustration (Ausschnitt): © Siniša Ilić 2020

Die Zagreber Schriftstellerin, Dramaturgin und Theaterregisseurin Ivana Sajko inszenierte Mitte November für die „Europaküche“, einem Projekt des Goethe-Instituts im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2020, ein Theaterstück in Marseille. In Vorbereitung ihrer Arbeit entstand ihr nachfolgender Essay als Kommentar zur Situation südosteuropäischer Kulturschaffender in Zeiten der Pandemie.

Von Ivana Sajko

Am Vorabend der Parlamentswahlen in Kroatien kam ich von Berlin nach Zagreb. Vor der Abreise hatte ich an Freunde aus dem ehemaligen Jugoslawien Briefe gesendet, mit denen ich sie zu einem virtuellen Abendessen einlud, das ich für das künstlerische Projekt „Europaküche“ in Marseille vorbereite. Als meine virtuellen Gäste wählte ich absichtlich jene, die aus den Ländern vom europäischen Rand kommen, vom unteren Ende der ökonomischen Hierarchie, Menschen, die Sprachen sprechen, die sonst kaum jemand spricht, und die sich auf Erfahrungen berufen, die kaum jemand versteht. Hier werde ich nur einige mit Vornamen erwähnen: Goran aus Zagreb, Petra aus Ljubljana, Siniša aus Belgrad. In den Briefen hatte ich ihnen einige Fragen gestellt, unter anderem fragte ich sie, wie sie die Symptome der aktuell überall gegenwärtigen Krankheit lesen, was ihrer Meinung nach mit dem Organismus Europas vor sich gehe, da die Pandemie auch andere akute Zustände an die Oberfläche befördere?

Europa ist immer anderswo

Die Antwort aus Zagreb kam als erste. Goran schrieb mir, dass er über Europa überhaupt nicht nachdenke, da es sich für ihn, das heißt für uns, immer anderswo befand, irgendwo jenseits der Grenze: „Würde ich meine eigene Idee von Europa in eine Metapher übersetzen, dann wäre Europa wie ein Wohnblock voller smarter Wohnungen für Reiche. Du kannst an ihnen vorbeigehen. Du kannst auch für einen Augenblick hineingehen. Aber das ist auch alles. Am liebsten würde ich Europa in Minuskelschrift schreiben: europa. Würde europa mit uns am Tisch sitzen, würde ich mich kein einziges Mal an diesen Gast wenden.“

Danach kam die Antwort aus Ljubljana. Petra betonte, dass der Beginn der Pandemie in Slowenien zeitlich mit der Regierungsübernahme durch eine rechte Koalition zusammenfiel. Diese nutzte die Hygienemaßnahmen, um Andersdenkende zum Schweigen zu bringen. Seit Ende April protestieren die Slowenen jeden Freitag, bei ihren Demos fahren sie auf Fahrrädern und Rollern durch die Stadt, sie versuchen neue Formen der öffentlichen Versammlungen zu entwickeln, um immer rigidere Verbote zu umgehen. Sie schrieb mir, dass in ihrem Theaterhaus alles getan wurde, was möglich war, um die Arbeit fortsetzen zu können, sie rissen die Stühle aus dem Zuschauerraum und reduzierten das Publikum auf ein kleines Häuflein. „Ich frage mich, warum das zum Beispiel in Flugzeugen nicht gemacht wurde?“, schrieb sie mir: „Ist das, was wir den Menschen bieten, weniger wichtig als eine Reise an das andere Ende der Welt?“ Nach so vielen Bemühungen, die notwendig waren, um relativ wenig zu erreichen, war ihre Deutung der Krankheitssymptome von der Sorge erfüllt, die Kultur und die Kunst könnten leicht aus unseren Leben verschwinden.
Siniša Ilić, „Social Distancing 5“, Tinte auf Papier Siniša Ilić, „Social Distancing 5“, Tinte auf Papier | Illustration (Ausschnitt): © Siniša Ilić 2020

Dieselbe Sorge plagte Zygmunt Bauman, als er zu Beginn des Jahrtausends betonte, dass die Aufgabe der Kunst während der gesamten Geschichte der Menschheit darin bestand, aus unseren unsteten Lebensverläufen einen festen Kern der Nachhaltigkeit zu sedimentieren, aus der Unmenge unserer diskontinuierlichen Geschichten eine Kontinuität zu erschaffen, doch auch damals, als er das sagte, genauso wie heute, interessierten sich nur wenige für diese Aufgabe.

Die Pandemie gestaltet die Regie

Anfang Juli besuchte ich nach langer Zeit ein Zagreber Theater, um eine Vorstellung zu sehen, für die eine Gruppe von Autoren, zu der auch ich gehörte, Texte aus der Quarantäne geschrieben hatte. Die Zuschauer waren in drei kleine Einheiten aufgeteilt, die innerhalb des gesamten Theatergebäudes verstreut waren, damit sie sich nach Möglichkeit selten begegneten. Der erste Teil wurde zwischen den Kleiderständern in der Garderobe gespielt, der zweite im Spiegel gegenüber der Damentoilette, der dritte im Lager für Bühnenbilder, der vierte in der Tonkabine, der fünfte im Probenraum und der sechste auf dem Dach. Ich hielt mich am Ende meiner Zuschauergruppe, wobei ich das Gefühl hatte, unter der Maske wenig Luft zu bekommen. Ich verspürte Lampenfieber, als wäre ich selbst auf der Bühne, was gewissermaßen auch stimmte, da tatsächlich die epidemiologischen Maßnahmen die Regie mitgestalteten und da der Erfolg der Aufführung auch von unserer kollektiven Improvisation abhängig war. Wir als Publikum waren ein authentisches Abbild der Krise, aber auch ein Beispiel dafür, wie man sie überwinden kann.
 
In jenen Tagen, als über Serbien Wolken aus Tränengas schwebten, meldete sich Siniša aus Belgrad. Gezwungen volle vier Wochen in Selbstisolation zu verbringen, arbeitete er an einer Serie von Zeichnungen zum Thema zeitgenössisches Europa. Seine spezifische Bildersprache bietet ein von der Ökonomie bestimmtes Bild der Welt, auf dem besonders Leerstellen und Abstände sichtbar sind, während Menschenkörper nur noch als wegradierte Formen existieren, auf welchen Kleidung, Uniformen oder Masken hängen. Im graphischen Zyklus unter dem Titel „Social Distancing“ versammeln sich Menschengruppen um ein imaginiertes Zentrum. Doch dieses Zentrum ist bloß ein verschmierter Fleck, ein angeblicher Inhalt ohne Botschaft und ohne Sinn, eine Leere, die auf etwas Verlorenes verweist und die uns erinnert, dass das Zentrum unserer Kohäsion leer ist.

Eine Welt der Leerstellen und Abstände

Wie auf der Zeichnung von Siniša sind wir dabei ertappt worden, wie wir diese Situation betrachten, auf die wir nicht vorbereitet waren. Uns fehlen die Worte, den Zustand, in dem wir uns befinden, zu beschreiben, und wir schaffen nicht das zu sehen, worauf wir unsere Blicke richten. In der Falle des Ausnahmezustandes, in den wir eingetaucht sind, kann unser Überleben nur noch die reine Improvisation sein, so wie jene, die man inmitten eines Zuschauerraums erfahren kann oder auf den Straßen in Ljubljana, durch die Fahrradfahrer kreisen, oder vor dem Nationalparlament Serbiens, wo die Studenten mit Friedensbotschaften „Ihr sollt dieses Volk nicht schlagen“ die Schlägertrupps der Polizei stoppen, oder aber durch die Ergebnisse der Parlamentswahlen in Kroatien.
 
Bei diesen Wahlen schaffte es die links-grüne politische Plattform namens Možemo („Wir können es“) zum ersten Mal eine bedeutende Rolle als Teil der Opposition zu erreichen. Es gelang ihnen, ihre Stimmen ohne Budget für eine Wahlkampagne zu gewinnen, indem sie sich sozialer Netzwerke bedienten, indem ihnen viele Volontäre halfen, sowie dank ihres großen Ansehens, das sie aufgrund ihrer langjährigen Arbeit für das Gemeinwohl genießen. Die Ergebnisse ihrer Kampagne hingen auch davon ab, wie sehr wir alle, die wir sie seit Jahren unterstützten und ihnen vertrauten, es schaffen würden, unsere Nächsten aus der politischen Apathie und aus ihrem Misstrauen gegenüber den demokratischen Verfahren herauszulocken.
 
Ich sendete tagelang Nachrichten und Links an meine Mutter, erklärte ihr das Programm und die Pläne der Plattform Možemo und erinnerte sie an die Wahlen, sobald ich in Zagreb eingetroffen war. Sie antwortete, dass die Politik sie anwidere. Doch ich ließ nicht locker und am nächsten Tag nahm ich sie an die Hand und schleppte sie beinahe zum Wahllokal. Viele meiner Kollegen taten dasselbe. Das war ein Beispiel für kollektive Improvisation. Jede Stimme zählt. Jede Geste ist wichtig. Von ihnen hängt der Erfolg unserer gesellschaftlichen Aufführung ab. Das lernen wir vom Theater. Das lernen wir voneinander. Das ist das, was die Ränder europas dem Zentrum zu sagen haben.
 

Der Essay erschien erstmals in der taz vom 14.11.2020.

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