documenta 14 Lernen zu verlernen

Ana Kai and Lawrence Halprin, Photographs of the sea ranch and driftwood city workshops, (1962-1971). Athens School of Fine Arts (ASFA)
Foto: Stefka Tsaneva

Der Kurator der Documenta 14 Adam Szymszyk erklärte, dass die Welt nicht aus einem einzigen Standpunkt heraus erläutert werden kann und erweiterte die Perspektive der Documenta bis zu einem mentalen und geografischen Gegenpol von Kassel – bis nach Athen.

Die Documenta 14 entwickelte sich zu einem Organismus, der von Konzerten, Performances, Vorlesungen, Workshops und Publikationen, Radioprogrammen und Diskussionen mit Leben erfüllt wird, die wahrscheinlich vor der offiziellen Eröffnung der Ausstellung begonnen haben und sicherlich auch nach ihrem Ende andauern werden. Der Kurator der Documenta 14 Adam Szymszyk erklärte, dass die Welt nicht aus einem einzigen Standpunkt heraus erläutert werden kann und erweiterte die Perspektive der Documenta bis zu einem mentalen und geografischen Gegenpol von Kassel – bis nach Athen. Das Motto der Ausstellung Von Athen lernen (Learning from Athens) erinnert daran, dass die Ideen-, Kapital- und Menschenströme durch beide Orte fließen.

So steckte zum Beispiel die Leidenschaft Winkelmanns, der - eine Ironie des Schicksals -Griechenland nur durch späte Kopien und Vorbilder kannte und selbst noch nie in Athen war, Generationen von Künstlern, Architekten, Dichtern und Schriftstellern an, die die antiken Texte und Dokumente im Geist der Neoklassik und Romantik transformierten.

Angelo Plesas, Experimental Education Protocol, Delphi, Athens School of Fine Arts (ASFA) Foto: Stefka Tsaneva Die alte Welt basiert auf dem Ursprung und der Identität, schreibt Adam Szymszyk. Das hat der Menschheit beigebracht, ihre Feinde zu kennen und ihre Ängste zu respektieren. Unser Wissen darüber, wie wir unsere menschliche Welt organisieren, scheint irgendwo systematisch zu scheitern. Angelo Plessas hält das Bildungssystem für untauglich, da das Wissen in erster Linie der Zerstörung gedient und es nicht geschafft hat, glücklich miteinander lebende Individuen zu erziehen. Sein Projekt erzählt  vom Schicksal einer Frau, die als Kind während der deutschen Besetzung Griechenlands ungewollt zur Spionin wurde und wertvolle Informationen an den Widerstand weitergab. Sie verfolgte die Bewegung der Flugzeuge, genauso wie in der Antike das Orakel von Delphi die Bewegung der Vögel beobachtet hat, um daran das Schicksal zu lesen.

Пелаги Гбагуиди, Липсващата връзка, Деколониално образование от г-н Смайлинг Стоун, 2017 Pelagi Gbaguidi, The Missing Link. Dicolonisation Education by Mrs Smiling Stone (2017) | Foto: Stefka Tsaneva Pélagie Gbaguidi meint, dass die Unterdrückungsformen durch das Bildungssystem weitergegeben werden. Sie stellt auf den Schulbänken schwarz-weiße Archivfotografien aus, die die Gewalt der Apartheid dokumentieren und mit Transparentpapier bedeckt sind. Ihre Botschaft lautet, das Transparentpapier abzunehmen und die Tatsachen transparent zu machen, damit man Fehler vermeiden kann.

Allan Sekula, School is a factory, (1978 – 80), Athens School of Fine Arts (ASFA) Foto: Stefka Tsaneva Das Projekt von Allan Sekula, genannt „Die Schule ist eine Fabrik“, ist eine Serie von schwarz-weißen Fotografien und stellt verschiedene Umschulungsprogramme in den USA dar, deren vordergründiges Ziel darin besteht, arbeitslosen Amerikanern, wovon einige künstlerische Schulen absolviert haben, eine neue Chance zu geben. Die individuellen Geschichten haben kein Happy End. Das Umschulungsprogramm ist schlussendlich eine Institution, die für sich allein funktioniert.

Ana Kai and Lawrence Halprin, Photographs of the sea ranch and driftwood city workshops, (1962-1971). Athens School of Fine Arts (ASFA) Foto: Stefka Tsaneva Die Ausstellung bietet nicht die nächste Doktrin, sondern fordert auf, alles, was wir bis jetzt gelernt haben, zu verlernen oder zu lernen, von unten nach oben zu lernen (Learning to learn from below), einen Ansatz zu suchen, der die Didaktik und Methodik der Wissensübertragung umgestaltet. Parallel zur Kritik des Systems macht die Ausstellung in Athen Künstler, Choreografen, Pädagogen, Musiker und Denker, die das Wissen abseits der festgetretenen Pfade suchen und es mit vielen anderen teilen, sichtbar. So zum Beispiel die Praxis der Choreografin Anna Halprin, die vielen ihrer Schüler wie Trisha Brown, Simone Forti und Yvonne Rainer eine Entwicklungsrichtung aufgezeigt hat, aber auch durch ihre therapeutischen Fähigkeiten Kranken und Leidenden geholfen hat. Laut Halprin kann der Tanz überall und in jeder Weise stattfinden, das Publikum einbeziehen, spontan sein, im Freien und in Verbindung mit den anderen und mit dem Ort stattfinden. Die Intuition und das Experiment sind die Motivation für das Team Ciuidad Abierta (Offene Stadt), in dem Dichter, Maler, Architekten und Enthusiasten gemeinsam und spontan im Freien an der Küste des Pazifiks arbeiten.

All diese Figuren sind bestrebt, die Hierarchien zwischen Künstlern und dem passiven Zuschauer und zwischenLehrern und Schülern abzubauen und den schöpferischen Prozess für alle zu öffnen. Der Komponist Jani Christou ist der Auffassung, dass das Kontinuum eine offene Handlungsform, eine Partitur ist, die aktiviert werden muss und für eine unbestimmte Zeit existieren und unterschiedliche Personen einbeziehen kann, ohne einem vorgegebenen Szenario zu folgen. Cornelius Cardew verließ das Gebiet der experimentellen Musik und begann Musik für den durchschnittlichen Menschen zu machen, der sie auch spielen kann. Seine Partituren sind eine Reihe von Anweisungen, die einfach auszuführen sind und sehr unterschiedlich klingen können.
Rabindranath Tagore sammelt sein Wissen sowohl vom Westen, als auch vom Osten während seiner  Reisen. Er hält Vorträge in Athen, Sofia und an anderen Orten der Welt. Seine Schüler versammeln sich unter freiem Himmel, es wird ein Vortrag gehalten und Lehrer und Schüler bilden eine Kette, in der die Ideen frei übertragen werden.

Im Freien findet auch die langjährige Praxis von Lucius Burckhardt in Kassel statt, der eine eigene Bildungsmethodik, die Strollogy, erarbeitet hat (von „stroll“ – Spaziergang). Er führt seine Studenten hinaus in die Natur, um in der  Gegend herumzugehen und die Landschaft zu beobachten, während sie sich über Kunst unterhalten. Burckhardts Spaziergänge beeinflussten die Praxis von Urbanisten, Architekten und Kunstwissenschaftlern. Darüber hinaus bietet Burckhardt kein fertiges Wissen auf dem Silbertablett an, sondern animiert seine Studenten zum Entdecken.

In seine Fußstapfen tritt auch der Chorus – ein Teil des Non-Bildungsprojekts der Documenta 14. Der Chorus ist nicht nur aus Malern und Kunsthistorikern zusammengesetzt, daran beteiligt sind auch Ökonomen, Videoschnitt-Fachleute, Architekten, Restaurateure, Tänzer und sonstigen Mitglieder, die mindestens zwei Interessensbereiche mit Schnittstellen der Kunst gemeinsam haben. Die Chorus-Mitglieder können ihre eigene Route durch die Ausstellung gehen, Besucher zur Mitwirkung in einer Performance animieren oder eine Diskussion initiieren. Ziel der Spaziergänge ist es, das Publikum anzuregen, aktiv auf die Kunst zu reagieren und Möglichkeiten zu schaffen, in den Dialog zu kommen. Und er kommt auch zustande, nicht immer, aber immer öfter.