Theater in Deutschland, Standpunkt Volksbühne’s not dead oder über das Ende einer Theaterepoche

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
© Mompl - Markus Winninghoff

„Es ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre“ – mit diesen Worten kommentierte Elfriede Jelinek vor sieben Jahren den Tod von Chritsoph Schlingensief, eine der emblematischen Figuren der Berliner Volksbühne. Nach so langer Zeit komme ich auf diese Hyperbel zurück, wenn ich an den Prozess der Trennung und die Art denke, wie man nicht nur von bestimmten Menschen Abschied nimmt, sondern von etwas Größerem und Bedeutenderem als der eigenen Person, von einer ganzen Epoche. Jelineks Worte sind mit dem spezifischen Pathos durchtränkt, das dieses Theater immer begleitet hat. Nur wer eine Beziehung zum Kosmos Volksbühne hat, weiß, warum es nicht übertrieben ist.

Der langjährige Intendant des Theaters Frank Castorf spricht auch von der Trennung von seinem wichtigsten Kollegen und Weggefährten, dem Bühnenbildner Bert Neumann. „Diese Arbeit mit Bert war schön und ist jetzt vorbei. Es war bloß Theater, aber es war auch wahrhaftig, könnte man mit Brecht sagen.“[1]

Eben dieses Brechtsche „wahrhaftig“ lag der Ära Castorf zugrunde, weil diese Institution nie einfach nur Theater war, sondern eine ganze Ideologie, Denk- und Lebensweise, die soviele Generationen im Geist einer Protestkultur inspiriert hat. Die Berliner Volksbühne (hier müssen wir ihren ganzen Namen „Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz“ schreiben, weil er auch schon Geschichte ist[2]) war immer eng verknüpft mit der Geschichte und dem Geist der Stadt, und ist nicht zufällig als das berlinerischste Theater bekannt. Gebaut 1913, wurde das erste Theater der Stadt Berlin unter anderem von Max Reinhardt, Erwin Piscator und Benno Besson geleitet. Nach dem Fall der Mauer wurde das Theater von einem der wichtigsten Regisseure des 20. Und 21. Jahrhunderts übernommen – Frank Castorf, der zusammen mit seinem Bühnenbildner Neumann und den Regisseuren Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler, René Pollesch, Dimiter Gotscheff und Weiteren die geschützte Marke Volksbühne schuf, die als spezifische Theaterepoche in die Geschichte eingegangen ist. In diesem Zusammenhang rief der deutsche Journalist Robert Mießner ironisch in Erinnerung: „Castorf war 25 Jahre im Amt, Erich Honecker nur 18.“

Deshalb war früher oder später zu erwarten, dass Castorfs Ablösung nicht schmerzlos vonstattengehen würde, aber niemand hatte vermutet, dass sie zum größten Theaterskandal in Deutschland werden sollte, von den Medien als „Kulturkrieg“ bezeichnet. Er begann schon 2015 mit der Berufung des bekannten Kurators und früheren Direktors der Londoner Galerie für moderne Kunst Tate Modern, Chris Dercon, als zukünftigem Intendant des Theaters. Bereits da wendeten sich die Angestellten und der größere Teil des Ensembles der Volksbühne mit einem offenen Brief an die Regierung und den Kulturminister, worin sie ihre Befürchtungen wegen einer Kürzung der Arbeitsplätze und der bedrohten Zukunft des Theaters zum Ausdruck brachten. Dieser Protestbrief, unterschrieben von 200 Personen, rief in Theaterkreisen und der Berliner Öffentlichkeit ein großes Echo hervor und zog eine Welle von Artikeln und Kommentaren nach sich, die im Laufe von zwei Jahren nicht nur nicht zur Ruhe kam, sondern schnell zu einer „Anti-Dercon-Kampagne“ wurde. Die Hauptkritik an dem in Belgien geborenen Kulturmanager – trotz seines Studiums der Theaterwissenschaften sei er in der Geschichte der Berliner Volksbühne der erste Intendant, der kein künstlerisches Profil und keine Beziehung zu den Traditionen des deutschen dramatischen Theaters hatte – bezog sich auf seine Pläne für die Programmpolitik der staatlichen Institution. Man befürchtete die Auflösung des festen Ensembles und des Repertoireprinzips, zwei der Hauptcharakteristika der deutschen Theaterlandschaft, und ihre Umstrukturierung in eine intermediale Plattform. Das bedeutet nicht nur, dass der Hauptakzent des Programms sich vom Sprechtheater auf andere Gattungen und Bühnenkünste wie etwa Performance und Tanz verlagern würde, sondern mehr noch, dass die für die Staatstheater charakteristischen stark subventionierten Eigenproduktionen, über Jahre gespielt, von kurzlebigen Events und Gastspielen ersetzt würden. Das bringt nicht nur die Kürzung der Arbeitspätze der fest angestellten Schauspieler mit sich, sondern unausweichlich auch die Umstrukturierung der sechs Posten der Dramaturgen und ihre Ersetzung durch Produktionsstellen. Im klassischen Repertoiretheater ist es die Aufgabe des Dramaturgen, das Programm der Spielzeit zu erstellen, die Stücke auszuwählen und den Probenverlauf zu begleiten. In diesem Modell, das eher Festivalcharakter hat, bekannt von der freien Theaterszene oder ähnlichen staatlichen Institutionen wie Hebbel am Ufer und den Berliner Festspielen, wäre die Aufgabe der Produktionsleitern hauptsächlich, die Gastspiele an die lokalen Bühnen anzupassen.

Es ist klar, der Funke, der die Medien entfacht hat, kam von dem Fakt, dass es hier nicht nur um einen Wechsel in der Leitung geht, sondern um einen generellen Systemwechsel. Betrachtet vor dem Kontext der Volksbühne, die immer das avantgardistischste und interdisziplinärste staatliche Theater in Deutschland war, wäre dieser Wechsel nicht so umstritten, wenn er das Resultat einer argumentierten, demokratisch getroffenen und von einer Vision der weiteren künstlerischen Entwicklung des Theaters provozierten Entscheidung wäre. In diesem Fall geht es jedoch um eine politische Entscheidung des Berliner Staatssekretärs für Kultur, Tim Renner, und des Berliner Bürgermeisters Michael Müller, abgestimmt einzig und allein auf ihre Vorstellung der Anpassung des Theaters an die Marketingstrategie der Stadt.

Was auf den ersten Blick wie ein Theaterskandal aussah, schien den Orbit Castorf gegen Dercon zu verlassen und wurde allmählich zum Schlachtfeld verschiedener kulturpolitischer, gesellschaftlicher und ideologischer Konflikte. Wegen seiner Nähe zu den großen Institutionen bildender Kunst und seiner Affinität zu kommerzielleren Formaten und internationalen Gruppen, erklärte man Dercon zum „Katalystor der Gentrifizierung“, „U-Boot des Neoliberalismus“, „Eventmanager“ oder „Schalträger“ und „Galeriebetreiber“. Castorf von der anderen Seite als Verfechter der deutschsprachigen Theatertradition, hauptsächlich dominiert von weißen, deutschen Regisseuren, wurde wegen Nationalismus und kolonisatorischem Denken beschuldigt. Die Gesellschaft zerfiel in zwei, damit wurde auf einmal auch die Teilung der Linken in zwei Lager spürbar. Der deutsche Kulturologe Diedrich Diederichsen fasst es so zusammen: „eine anti-antisemitische, feministisch-postkoloniale Richtung und eine eher zuvörderst gentrifizierungskritische, zuweilen antiimperialistische, sozial und lokal argumentierende Linke, die mit den Traditionen eines Arbeiterklasse-Marxismus nicht vollständig brechen wollte und von Touristen genervt ist.“ Während die zwei Fronten und Unterfronten diskutierten und sich in allen möglichen Medienkanälen angriffen, gossen zwei Faktoren neues Öl in das Feuer der Debatte, die Veröffentlichung des neuen Programms von Dercon und die letzten emotionalen Tage des Theaters.

Auf der teuersten Pressekonferenz in der Berliner Theatergeschichte[3] gab Chris Dercon das Programm der neuen Theatersaison bekannt: „Die Volksbühne Berlin versammelt unter einem Dach Theater, Tanz, Performance, Konzert, Kino, bildende Kunst und digitale Kultur.“ Dieses ambitionierte Projekt klingt vielversprechend und die Vision einer derartigen zukünftigen Konzeption könnte die Gemüter beruhigen, wenn sich nicht herausstellen würde, dass im eigentlichen Programm eine Leitlinie fehlt, die angekündigten Namen schon lange bekannt sind und die Titel von Festivalbühnen zusammengewürfelt scheinen. Im Programm ist von einer „Theatralisierung der Stadt“ die Rede sowie von der Schaffung der sogenannten „digitalen Bühne“[4], in der Künstler Formate für Interneträume entstehen lassen würden, aber die großen Namen von Schauspielern und Regisseuren fehlen, die eine geschütze Marke der alten Volksbühne waren. Untypisch für die Eröffnung einer neuen Spielzeit war auch, dass im Programm für den Monat Oktober nur einige Veranstaltungen in dem extra gebauten neuen Raum „Hangar 5“ auf dem Gelände des früheren Berliner Flughafens Tempelhof angekündigt waren. Chris Dercon dementierte die Kritik an Qualität und Umfang des von ihm konzipierten Programms mit der Entschuldigung, er habe unter Druck gestanden und der Zugang zum Theater sei ihm teilweise versperrt gewesen. Das ist natürlich ein Fakt, der als Entschuldigung gereicht hätte, wenn Dercon nicht über 2,5 Millionen Zuschuss allein für die Übergangsphase bekommen hätte. Während Dercons Anhänger von Mobbing gegen den neuen Intendanten sprachen, startete eine zweite Unterschriftenaktion gegen ihn, die in den letzten Wochen unter der Leitung von Frank Castorf in kürzester Zeit über 40. 000 Unterschriften zusammen brachte.

Die letzten Vorstellungstage im Theater vergingen in kollektiver Trauer, einer agonistischen und emotionalen Trennung. Selbst das Fest am letzten Arbeitstag auf der Wiese vor dem Theater ähnelte eher einer in Regen und Trauer versunkenen Beerdigung. In den letzten Wochen der Spielzeit wurden über 20 Vorstellungen zum letzten Mal gezeigt. Dutzende von Leuten warteten 5-6 Stunden in der Schlange, um eventuell eine übergebliebene Karte für Castorfs legendäre Vorstellungen zu ergattern. Die Glücklichen, die es schafften, zum letzten Mal „Faust“”[5], „Brüder Karamasow“ oder „Der Spieler“ zu erleben, applaudierten stehend mehr als 20 Minuten, nicht nur die Schauspieler kamen auf die Bühne, sondern das ganze Team. In dieser emotionalen Ekstase applaudierten Publikum und Schauspieler einander, einige weinten sogar zusammen, der Applaus schien die einzige Möglichkeit zu sein, den Moment der Trennung noch etwas hinauszuzögern, das Fallen des letzten Vorhangs wenigstens etwas aufzuhalten.

Das Berliner Publikum wollte sich nicht von seinem geliebten Theater trennen und kaufte die Plakate, T-Shirts und die für die Volksbühne charakteristischen Streichholzschachteln mit Fotos der Schauspieler restlos auf. Man sprach von einer Volksbühnomanie, die einige Berliner in diesen Wochen überfallen hatte und viele von ihnen träumten heimlich von einer Besetzung des Theaters im Stil und Geist der 90-er Jahre im Berliner Underground. Wie im Kino geschah es genau so.

Am 22. September besetzte ein neu gegründetes Künstlerkollektiv von etwa 40 Personen „Staub zu Glitzer“ das Theater, spannte ein großes Banner mit der Aufschrift „Doch Kunst“ davor und erklärte, eine ständige Anwesenheit im Gebäude in Form einer non-stop Theaterperformance sei geplant. Die durch die Politologin Sarah Waterfeld vertretenen Aktivisten erklärten in einem Manifest, ihre Aktion sei nicht persönlich gegen Chris Dercon gerichtet, sondern müsse als Demonstration gegen die Gentrfizierung der Stadt verstanden werden. Hinter dem Manifest standen mehr als 100 Namen aus der freien Theaterszene, Stadtinitiativen, sozial engagierten Organisationen und Vertretern der Club-Kultur in Berlin. In den folgenden drei Monaten wollten die jungen Mitglieder der Gruppe, die sich selbst als „feministisch, antirassistisch und queer“ definieren, das Theater unter der Form der „kollektiven Intendanz“ leiten. Ihr Programm sah Diskussionen, Performances und Parties vor, alle waren eingeladen, an dieser „sozialen Plastik“ teilzunehmen. Über 500 Personen reagierten auf den Apell, gesellten sich zu dem Kollektiv und wurden Teil des Programms. Die Aktion wurde von bekannten Namen wie den Musikern der Band Tocotronic, René Pollesch und Sibylle Berg unterstützt, allein in den ersten Tagen der Besetzung kamen über 20. 000 Zuschauer und Sympathisanten. Castorf selbst brachte auch seine Sympathie für die Aktion als Form der kollektiven Meinung und bürgerlichen Verantwortung zum Ausdruck, aber in rein künstlerischer Hinsicht prangerte er sie als offenen Dilettantismus an.
Der Intendant des Theaters, der übrigens vorher von der geplanten Besetzung erfahren hatte[6], reagierte zurückhaltend und tolerant auf seine ungebetenen Gäste. Trotz der Kritik seitens der Berliner Behörden war klar, einige Tage vor den Wahlen würde niemand eine Eskalation des Konflikts durch gewaltsame Entfernung der Besetzer riskieren. Deshalb ließ man sie in Ruhe ihre „transmediale Vorstellung“ realisieren, die gleich typisch im Berliner Stil mit einer 60-stündigen Party begann. Während die Rechten ins deutsche Parlament einzogen, experimentierte eine Gruppe linker Aktivisten mit ihrem Führungsprojekt und spielte Basisdemokratie und Selbstregierung. Inzwischen sah Chris Dercon sich gezwungen, die Proben im Theatergebäude einzustellen und den Ticketverkauf zu unterbrechen, weil die Angestellten des Theaters unter diesen Bedingungen nicht arbeiten konnten. Nach dem Party-Marathon von Freitag bis Montag trat der Theaterdirektor mit einem Vorschlag vor die Besetzer, in dem er ihnen die offizielle Nutzung des sogenannten Roten Salons und des Pavillons anbot. Nach langen und erfolglosen Verhandlungen verwarfen die Aktivisten das Angebot. Die Angestellten des Theaters erhoben sich gegen die Besetzer, ehemalige Schauspieler aus Castorfs Ensemble distanzierten sich von der Aktion, wodurch die Lage noch mehr aufgeheizt wurde. Das Szenarium der Ereignisse war weiterhin interessant, aber die Besetzung schien ihren Fokus zu verlieren und fiel allmählich auseinander. Sie hinterließ eine Spur von Enttäuschung und noch tieferer Agonie. Am siebten Tag ordnete Chris Dercon die polizeiliche Räumung des Gebäudes an.

Während die lang erwartete Aufführung anlässlich der Eröffnung der neuen Spielzeit der Volksbühne Berlin wieder von Kritik begleitet war[7], wurde das effektvolle Spektakel mit dem Vertreiben der Demonstranten unter Einsatz der Polizei als Dercons eigentliches Debut wahrgenommen. Eine weitere Ironie in dem Fall liegt darin, dass das Programm der Besetzer dem des neuen Intendanten sehr ähnelte und sie sich, wie einige sarkastische Kommentare in den Medien lauteten, nur im Umfang ihres Budgets unterschieden. Diese Besetzung wird in Berlins Geschichte eingehen als die von der Gesellschaft am meisten unterstützte und friedlichste Okkupation. Nur fehlte leider ein neuer Schlingensief, der sie führte, so half sie keiner Seite des Konflikts. Die Proteste hörten nicht auf, wurden aber langsam immer ruhiger und die neue Theaterleitung arbeitete weiter an ihrem Programm.

Nach so vielen Debatten, erfolglosen Revolutionen und zerstörten Utopien bleiben weiterhin die wichtigen Fragen wie die Eisenstangen, die übriggeblieben sind an dem Ort des berühmten Emblems des Theaters, dem Räuberrad von Bert Neumann, zur Erinnerung an die demontierte Vergangenheit. Es war schön und wahrhaftig, ist aber vorbei!
 


[1] Frank Castorf in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung  des Großen Kunstpreises der Stadt Berlin, 18.03.2016.

[2] Chris Dercon streicht aus dem Namen des Theaters den Namen des Platzes, der eng mit der Ideologie der alten Volksbühne verbunden war. Dercon benannte das Theater in „Volksbühne Berlin“ um.

[3] Die Ausgaben für die Pressekampagne des Theaters beliefen sich schon vor dem Amtsantritt von Chris Dercon auf 100 000 Euro.

[4] Nur das Projekt für die digitale Bühne „Terminal +“ kostet über eine halbe Million Euro.

[5] „Faust”, mit Martin Wuttke in der Hauptrolle, war die letzte Inszenierung von Frank Castorf, die, wie es typisch für seinen Stil war, 7 Stunden dauerte.

[6] Nach der Zeitschrift Stern hat Sarah Waterfeld schon im August mit Chris Dercon über ihre Pläne zur Theaterbesetzung gesprochen und ihm sogar vorgeschlagen, dabei mitzuwirken..

[7] Der 10-stündige Tanzmarathon unter der Leitung des französischen Choreografen Boris Charmatz auf dem früheren Flughafen Tempelhof wurde von der Presse meistenteils als mittelmäßiges Stadtfest oder Massen-Tanz-Attraktion eingestuft.