Architekturerbe Mit dem Niedergang des Erbes steigt das Interesse an demselben

Transformationskultur
© Foto: Elitsa Milanova

Großes Interesse brachte die Fachöffentlichkeit, die sich mit der Wahrung des architektonischen Erbes beschäftigt, dem Vortrag von Tim Rieniets entgegen, den der Architekt bei den „Tagen des Architekturerbes“ hielt.  Diese Initiative wurde gemeinsam vom Goethe-Institut Bulgarien, der Vereinigung „Kulturerbe-Kreativnetz“ und dem Haus des Kinos (Dom na Kinoto) organisiert. Tim Rieniets ist Direktor von StadtBauKultur NRW, einer Organisation, die sich für eine lebenswerte, nachhaltige und qualitätvoll gestaltete bauliche Umwelt in Nordrhein-Westfalen einsetzt. Er widmet sich der Erforschung, Konfliktlösung und öffentlichen Diskussion aktueller Fragen im Bereich von Architektur und Städtebau. Hierfür engagiert er sich als Kurator und freiberuflicher Autor, sowie als Gastprofessor an der Technische Universität München und Dozent an der Eidgenössischen technischen Universität Zürich. Tim Rieniets sprach von seinen Erfahrungen und Ideen, die seiner langjährigen Praxis entstammen sowie dem Workshop „Umbaukultur“, der 2017 in Bochum stattfand und von StadtBauKultur NRW organisiert worden war.

In seinem Vortrag betrachtete er die Transformationskultur in der Architektur auch als soziale Erscheinung, die ihre Geschichte und Evolution hat. In der heutigen Zeit ist eine gesetzmäßige Änderung dieses Begriffes zu beobachten, so wie sich die Lebensweise der einzelnen Menschen verändert, und er verliert an Bedeutung. Durch den Vortrag von Architekt Rieniets zog sich auch die Ansicht, dass sich ein Großteil der Probleme der gegenwärtigen Bauindustrie nachhaltig lösen lässt, wenn der Weg des Umbaus beschritten wird.

Tim Rieniets © Foto: Elitsa Milanova Rieniets erinnerte daran, dass es früher durchaus üblich war und zum Alltag gehörte, Gebäude wiederzuverwenden, sowohl hinsichtlich des Baumaterials, als auch der Funktion. In diesem Zusammenhang man auch auf die bulgarische Geschichte verweisen: im Mittelalter wurden hierzulande viele Kirchen mit Baumaterial antiker Festungen errichtet. Beispiele für einen Funktionswandel finden sich auch in Sofia – die Sophienkirche und die Kirche „Sveti Sedmochislenitsi“ haben ihre Bestimmung mehrfach geändert, bevor sie zu dem wurden, was sie heute sind. Früher, als Bauprozesse insgesamt sehr zeitaufwändig waren, war die Verwertung von Material und der Umbau von Gebäuden, die dem Alltag des Menschen dienen sollten, praktisch mehr als eine vernünftige Lösung. Diese weit verbreitete Erscheinung schaffte eine Gemeinschaftskultur, einen gemeinsamen Gesichtspunkt einzelner Individuen in der Gesellschaft.

Der Umbau blieb jedoch eine Praxis der Vergangenheit und nur wenige Zeugnisse davon haben sich bis heute erhalten. Die moderne Gesellschaft ist stark von den Konzepten der industriellen Revolution vom Beginn des 20. Jahrhunderts beeinflusst, und die setzten eher auf Neubau als auf Renovierung und Transformation des Vorhandenen. Auffallend ist, dass an den meisten historischen Gebäuden Änderungen aus rein ökonomischen Gründen vorgenommen werden, was für die breite Öffentlichkeit nicht von Interesse ist. Nur in seltenen Fällen entsteht ein Produkt von hohem historischen und kulturellen Wert, doch auch dann wird es nicht als Teil des Alltags angenommen. Unter den gegebenen Umständen ist die Umwandlung in der Architektur nicht weit verbreitet. Heutzutage wird so schnell und billig gebaut, dass die Renovierung als Baupraxis aus wirtschaftlichen Gründen allmählich verdrängt wird. Immerhin bleibt das Problem des Bauschutts bestehen, der beim Abriss von Gebäuden anfällt. Die Bauindustrie verbraucht nichterneuerbare Ressourcen und erzeugt gleichzeitig eine riesige Menge von Bauschutt, der nicht weiterverwertet wird. In naher Zukunft wird diese ineffiziente Baupraxis vor großen Herausforderungen stehen. Deren Bewältigung verlangt eine neue Kultur nachhaltigen Bauens, was den Umbau des vorhandenen Gebäudefonds unumgänglich machen wird.

Tim Rieniets © Foto: Elitsa Milanova Herr Rieniets nannte mehrere Punkte, für die die künftige Wiederverwertung von Gebäuden eine Lösung wäre: an erster Stelle hob er deren Vorteile für die Umwelt hervor. Umbau könnte wahrscheinlich auch das Problem des Plattenbaus lösen, der 40 % des Gebäudefonds in Deutschland ausmacht und in Bulgarien ein Fünftel der Bevölkerung beherbergt. Zum Abschluss betonte er jedoch, dass die Umwandlung von Vorhandenem als Thema und Praxis vor allem die breite Öffentlichkeit erreichen muss und sich nicht auf reine Fachkreise beschränken darf.

In Bulgarien gehen Umbau und Raumveränderung eher chaotisch vonstatten und nur ein geringer Teil der Ergebnisse gelangt an die Öffentlichkeit. Erfolgreiche Wandlungen zugunsten breiter Kreise durchläuft derzeit unser industrielles Erbe. Diese Tendenz könnte sich noch verstärken angesichts der im Rückgang begriffenen Industrie und der Vielzahl leer stehender Industriegebäude. Immer mehr Häuser und Grundstücke im Land sind ungenutzt, während ständig neue Industriezonen auf der grünen Wiese entstehen – ein Vorgehen ohne Nachhaltigkeitseffekt, das die Fachwelt fraglos in naher Zukunft vor viele Probleme stellen wird. Ein positives Beispiel ist die Erstellung von Flächennutzungsplänen in den Gemeinden Bulgariens. Diese Pläne sind ein Mittel zur Untergliederung des städtischen Umfelds und ein Versuch, dieses Umfeld mit den vorhandenen Mitteln zugunsten des Verbrauchers umzugestalten. Das Verhältnis zur bestehenden Bausubstanz wird in Bulgarien durch ähnliche Faktoren beeinflusst wie in Deutschland – die Öffentlichkeit kennt sich nicht aus mit Bedeutung und Wert des architektonischen Erbes, und der Umbau der Objekte für moderne Zwecke wird erschwert. Die Lage lässt sich insofern optimistisch bewerten, da sie die Möglichkeit der gegenseitigen internationalen Hilfe bietet.  Selbst in zerfallenden Gebäuden, deren Leben eigentlich verlängert werden könnte, lässt sich noch etwas Positives sehen, nämlich, dass mit dem Niedergang des Erbes das Interesse an demselben steigt.