Katherina Vasiliadis im Gespräch Die unabhängige Kunst als Kampf und Ziel

"Trauma"
"Trauma" (Marion Darova) | © Foto: Yana Lozeva

Im Rahmen des internationalen Tanzfestivals „Spring Forward“ 2018 fand in Sofia mit der Unterstützung des Goethe-Instituts Bulgarien und des Derida Dance Center das „Bulgarian Dance Showcase“ statt. Die offiziellen Gäste des Festivals hatten die Gelegenheit, einige der interessantesten Tanzstücke zu sehen, die die bulgarische Szene zu bieten hat - Trauma (Marion Darova), Golem (Anna Dankova), Yellow (Petar Todorov), Mindfuck (Hristo Ushev), SINNER und FLAPSƎ (Jivko Jeliazkov) sowie Shame box (Willy Prager, Iva Sveshtarova).

Zu Gast war die Kuratorin des Festivals und Kulturmanagerin Katherina Vasiliadis. Welchen Eindruck hat das Showcase bei ihr hinterlassen? Was versteht sie unter dem Begriff „unabhängige Kunst“? Und auf welche Art und Weise können Kulturmanager_innen eine Brücke zwischen der modernen Kunst und dem Publikum bauen?

Auf diese und andere Fragen hat Katherina Vasiliadis im Gespräch mit dem Goethe-Institut Bulgarien geantwortet.


"Trauma" "Trauma" (Marion Darova) | © Foto: Yana Lozeva Frau Vasiliadis, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Management unabhängiger Künstler_innen. Was bedeutet für Sie der Begriff „unabhängige Kunst“?

„Unabhängig“ bezieht sich auf die Bedingungen, unter denen die Kunst geschaffen wurde.

Die meisten Projekte, bei denen ich zu arbeiten beginne, starten mit einem Budget von Null. Ein großer Teil meiner Arbeit ist es, finanzielle Unterstützung zu finden.

Unabhängige Kunst kann daher auch manchmal gar nicht stattfinden. Manche Projekte, auch sehr gute, finden keine oder nur unzureichende Förderung und das Projekt geht in eine Schublade. Unabhängige Kunst ist dynamisch, erfindet sich ständig neu. Das ist auch das Spannende an dieser Szene.

Die meisten unabhängigen Künstler, die ich kenne, sind Kämpfernaturen. Es wird ihnen selten etwas geschenkt und sie machen trotzdem weiter, kreieren sich ihre eigenen Arbeitsbedingungen.
 
"SINNER" "SINNER" (Jivko Jeliazkov) | © Foto: Yana Lozeva Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben? Wie kann man als Manager_in die Beziehung zwischen den Künstler_innen und dem breiten Publikum fördern?

Ich arbeite als Kulturmanagerin in verschiedensten internationalen Projekten, und begleite internationale Beziehungen einiger unabhängiger Choreographen, Regisseure, bildender Künstler und Musiker. Mein Schwerpunkt liegt auf zeitgenössischem Tanz.

Meine Arbeit besteht hauptsächlich darin, die richtigen Kontakte zu knüpfen; mit Künstler_innen, Programmdirektor_innen und anderen Kulturmanager_innen aus der ganzen Welt, aber auch mit Stiftungen, Botschaften, Sponsoren und natürlich dem Publikum.

Ich habe mich in den letzten Jahren sehr viel mit dem Thema „Publikum“ – im weitesten Sinne – auseinandergesetzt, und verstanden, wie einflussreich und bereichernd es ist, dass die Bühnenkünste auch einen Weg in die Kommunen finden, um dort aktiv zu werden und Raum für Kommunikation und gegenseitiges Verständnis zu schaffen.

"Trauma" "Trauma" (Marion Darova) | © Foto: Yana Lozeva Es ist wichtig, zu verstehen, wer das Publikum ist, wen man gerne als Publikum haben möchte und wie man diese Leute dazu bringt, in ein Theater zu gehen und in Kontakt zu bleiben.  

Kommunikation ist meiner Meinung nach der wichtigste Faktor. Es gibt viele verschiedene Beispiele von Projekten, bei denen Nicht-Professionelle aller Altersgruppen die Möglichkeit haben, zusammen mit professionellen Künstlern zu trainieren und zu kreieren.

Diese Erfahrungen öffnen Türen und Möglichkeiten und wecken das Interesse des Publikums an weiteren kulturellen Angeboten.

Ich denke auch, dass der geographische und kulturelle Kontext, in dem eine Aufführung oder ein Projekt stattfindet, eine wichtige Rolle spielt. Nicht alle Aufführungen erhalten dieselbe Resonanz in verschiedenen Ländern. Man sollte sich als Künstler_in und auch als Manager_in im Klaren darüber sein, wo man sich befindet und für wen man auftritt.
 
"Mindfuck" "Mindfuck" (Hristo Ushev) | © Foto: Yana Lozeva Die gegenwärtige Kunst hat sich so entwickelt, dass sie heutzutage leicht als getrennt vom Alltag wahrgenommen werden kann. Die Künstler_innen erarbeiten jedoch die wichtigsten Themen und die Lösungen für die relevantesten Probleme unserer Zeit. Ist es möglich, die Balance zwischen der Tiefe des künstlerischen Gefühls und der Belastung des alltäglichen Lebens zu halten?

Es existieren einige Projekte, die sich mit der schnellen Veränderung der Aufmerksamkeit von Gesellschaften auseinandersetzen und die versuchen zu ergründen, wie man die Brücke zwischen Alltag und Kunst schlagen kann. Es gibt immer mehr Straßenfestivals, sight-specific- und PopUp Veranstaltungen, bei denen Leute für einen kurzen Moment aus ihrem Alltag geholt werden, weil sie mit Kunst auf der Straße, in Geschäften, Restaurants oder Bürogebäuden konfrontiert sind.  

Kunst hat die Kraft, Leben zu verändern, wenn sie das Publikum im richtigen Moment und im richtigen Kontext antrifft. Mit Publikum meine ich sowohl einzelne Zuschauer_innen, als auch größere Gruppen. Bei solchen Veranstaltungen bezieht sich die dargestellte Kunst meist auf ihre direkte Umgebung oder auf einen aktuell gesellschaftlich relevanten Diskurs, und bietet dadurch neue Blickwinkel und Ansichten auf das, was oft als alltäglich und gewöhnlich angesehen wird.

Ob man die Balance zwischen der Tiefe des künstlerischen Gefühls und der Belastung des alltäglichen Lebens halten kann, ist eine gute Frage. Es kommt dabei wohl sehr auf persönliche Prioritäten und Interessen an, und die Energie die jeder Einzelne – in seinem Alltag – dafür aufbringen kann. Es geht im Leben wohl generell darum, Balance und Kraft zu finden, mit dem Alltag – aber auch mit dem Plötzlichem und Außergewöhnlichem – umgehen zu können. Kunst – in ihrer weitesten Form – spielt da wohl bei vielen eine Rolle. Durch die Auseinandersetzung mit der Kunst kann man neue „Werkzeuge“ entdecken, mit dem Leben umzugehen.
 
"SINNER" "SINNER" (Jivko Jeliazkov) | © Foto Welcher Eindruck bleibt Ihnen vom „Bulgarian Dance Showcase“?

Das „Bulgarian Dance Showcase“ hat ein sehr schönes, vielfältiges Spektrum des bulgarischen zeitgenössischen Tanzes gezeigt. Es war interessant und bereichernd, die verschiedenen Stücke und deren künstlerische Sprache zu sehen, die sich definitiv am internationalen Standard messen kann.

Es hat mich sehr gefreut zu sehen, was für ein großes internationales Publikum dieses Festival angezogen hat und ich bin mir sicher, dass neue Koproduktionen daraus hervorgehen werden.
 

Was ist Ihrer Meinung nach der wichtigste Aufruf dieser Veranstaltung an die gegenwärtige Gesellschaft? Wie kann der Tanz heute die Denkweise des Menschen verändern?
 
Tanz bietet gedanklichen Freiraum. Es gibt kein Richtig und Falsch. Manchmal muss provoziert werden und manchmal muss schon Bekanntes wiederholt werden, um sich weiterzuentwickeln und das Publikum eventuell zum Überdenken einiger bisheriger Ansichten zu bringen.

"Shame box" "Shame box" (Willy Prager, Iva Sveshtarova) | © Foto: Yana Lozeva Aktuell findet in Sofia wieder ein Schaufenster bulgarischer Produktionen statt, klicken Sie hier:

ANTISTATIC (20.04. - 30.04.2018)​