Veit Helmer im Gespräch Vom Lokführer, der die Liebe suchte

„The Bra“  - ein Film von Veit Helmer
Foto: © Theo Lustig

Der Lokführer Nurlan (Miki Manojlovic) fährt zum letzten Mal vor seiner Pensionierung mit dem Zug über Baku. Auf dem Weg durch einen Stadtvorort verheddert sich ein blauer Spitzen-BH an Nurlans Lok. Wem nur mag das kleine Stück Stoff gehören? Getrieben von Einsamkeit beschließt Nurlan, die Suche nach der Besitzerin des Büstenhalters aufzunehmen. Er bezieht ein Zimmer im Vorort und so beginnt seine skurrile Jagd. Fest entschlossen, die Besitzerin des Büstenhalters zu finden, klopft er an jede Haustür, die an die Schiene grenzt.

„Тhe Bra“ heißt der letzte Spielfilm von Veit Helmer. Am Sonntag, den 17.03, um 20:30 Uhr, stellt der Regisseur zusammen mit dem Hauptdarsteller Miki Manojlovic im Kino „Lumière Lidl“ seinen neuen Film vor. Dies geschieht im Rahmen des 23. Sofia Film Festival.
 

Der Zug fährt durch den dicht besiedelten Vorort Bakus. Die Schienen grenzen an die Häuser, die Wäscheleinen sind über den Gleisen gespannt, wo Kinder herumtoben, während die Bewohner Tee trinken und Schach spielen. Das alles klingt ja märchenhaft. Entspricht dieses Bild der Realität? 

Vor fünf Jahren habe ich da erste Mal von dem Viertel gehört, welches die Bewohner „Schanghai“ nennen. Dort fahren die Züge in so einem dichten Abstand an den Häusern vorbei, dass für die Bewohner Lebensgefahr droht, wenn sie sich nicht schnell in einem Haus in Sicherheit bringen. Bei meinem ersten Besuch war ich dann erstaunt, wie friedlich und ruhig die Stimmung dort war. Aber als der erste Zug kam, verwandelte sich der Ort für wenige Minuten in ein höllenartiges Szenario. Ich habe wenig dazu erfunden. Ich bin nicht mal sicher, ob ich mit meinen filmischen Mitteln das Inferno vermitteln kann, was sich den Bewohnern dort mehrmals täglich bot.
 
Wie in Ihrem ersten Spielfilm, „Tuvalu“, verzichten Sie auch in Ihrem letzten Film, „The Bra“, komplett auf Dialog und setzen auf visuelles Erzählen. Welche Freiheiten und Gefahren ergeben sich für einen Regisseur, wenn die Sprache „geopfert“ wird?  

Für mich bedeutet der Verzicht auf Dialoge ein Gewinn. Nicht jede Geschichte kann ohne Dialoge erzählt werden, aber wenn eine Geschichte ohne gesprochene Worte erzählt werden kann, ist der Film die reine Essenz des Kinos. Es ist ein großes Glücksgefühl, wenn man plötzlich Schauspieler aus der ganzen Welt casten kann und nicht auf ein Sprachgebiet limitiert ist. Und für den Vertrieb hilft es in zweierlei Hinsicht: es vereinfacht den Export, weil keine Untertitel oder Synchronisation erforderlich ist und dadurch der Film auch nicht verhunzt werden kann.
 
Der Film ist auf mehreren Festivals gezeigt worden und läuft seit Anfang März auch in den deutschen Kinos. Wie reagieren die Zuschauer auf Ihren Ansatz, dem Nonverbalen zugunsten auf das Gesprochene zu verzichten? Sind Mimik und Gestik universell, wenn es um Humor geht? 

Ich war mit den Film in Asien, Europa und Amerika. Für den deutschen Kinostart habe ich über 30 Städte besucht und den Film vorgestellt. Szenen werden unterschiedlich wahrgenommen, aber universell verstanden. Ich treffe nur begeisterte Zuschauer. Aber es ist klar, dass Fans von Mainstreamfilmen mit meiner Art Kino Schwierigkeiten haben.
 
Die Schauspieler sind längst nicht mehr stumm auf der Leinwand und nur ein Bruchteil der Filme komтен heutzutage ohne Dialog aus. Welche Herausforderungen hatten Sie beim Casting und danach am Set?  

Viele Schauspieler brauchen Dialoge wie die Luft zum Atmen. Aber es gibt Darsteller, für die meine Art der Filme befreiend wirkt. Das kann man jedoch nur in der Arbeit herausfinden. Deswegen mache ich mit allen Darstellern beim Casting Improvisationen ohne Dialoge. Darsteller die mich dort begeistern, tun das in der Regel auch am Drehort.

Angenommen Nurlan (Miki Manojlovic) hätte an die Tür eines deutschen Haushaltes mit Büstenhalter in der Hand geklopft und um Anprobe gebeten, was hätte dаnn passieren können? 

Viele Frauen knallen in meinem Film Miki die Tür vor der Nase zu. Da sind sich die Frauen in den Ländern die ich kenne ähnlich. Aber es gibt auch überall in der Welt neugierige Menschen, die sich auf ein Abenteuer einlassen. In meinem Film wahrscheinlich mehr, als in irgendeiner Realität, aber deswegen lieben wir ja das Kino so sehr. Wir können das langweilige einfach herausschneiden!

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