Dichtung Poetry-Slam: Dichterschlachten auf offener Bühne

Poetry Slam Junge Bühne Kiel (Kieler Woche 2013)
Poetry-Slam in Kiel im Rahmen der Kieler Woche, 2013 | Foto: © Henry Krasemann, CC-BY 2.0

Poetry-Slam ist ein fester Bestandteil der deutschen Literatur- und Kulturszene. Regelmäßig finden sogenannte „Slams“ statt, bei denen Autor_innen ihre selbstgeschriebenen Texte performativ und live einem Publikum vortragen. Doch wie läuft so eine Veranstaltung genau ab? Seit wann gibt es das Format in Deutschland und wer sind die wichtigsten „Slammer_innen“ des Landes?
 

Im Jahr 2013 stand eine junge Frau im Hörsaal der Universität Bielefeld und trug ihr Gedicht „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein“ vor. Der Auftritt wurde gefilmt und auf der Internetplattform YouTube veröffentlicht. Knapp ein Jahr später kannten ihn über 5 Millionen Menschen und nicht nur Julia Engelmann, sondern auch das Format „Poetry-Slam“ war in aller Munde.

Dabei sind diese Dichterschlachten, wie der Begriff „Poetry-Slam“ auf Deutsch übersetzt heißt, keine Erfindung der Universität Bielefeld und Julia Engelmann nicht die erste „Slammerin“, die damit bekannt wurde. Die ersten Poetry-Slams wurden in den späten 1980er Jahren in Chicago veranstaltet. Von dort ausgehend inspirierten sie Autor_innen und Bühnenkünstler_innen in der ganzen Welt. In Deutschland fanden Poetry-Slams ab 1994 statt, zunächst in Berlin, später auch in anderen Großstädten wie München, Hamburg oder Bremen.

Das Regelwerk und die Beschränkungen

Der Begründer der deutschen Version, der Filmemacher Wolf Hogekamp, war begeistert von dieser Form des literarischen Vortrags und übernahm vom amerikanischen Original nicht nur den Titel, sondern auch das Regelwerk. Dieses setzt sich grundlegend aus vier Punkten zusammen: Erstens, es dürfen nur selbstverfasste Texte oder Gedichte vorgetragen werden. Zweitens, die Beiträge sollten eine Länge von fünf bis sechs Minuten nicht überschreiten. Drittens, weitere Hilfsmittel als die eigene Stimme und Persönlichkeit sind nicht erlaubt. Viertens, der Mut der Vortragenden sollte durch Respekt seitens des Publikums belohnt werden.

Mehr Beschränkungen gibt es nicht. Die Inhalte dürfen frei gewählt werden. Es darf gelesen oder gerappt werden, es darf ironisch und überspitzt zugehen, Politik und Gesellschaftskritik dürfen genauso Thema sein, wie der erste Liebeskummer oder der Versuch mit dem Rauchen aufzuhören. Poetry-Slam ist mehr als reine Poesie. Die Vortragenden spielen nicht nur mit Worten, sondern auch mit ihrem Charakter und ihren Emotionen.

Wer eine solche Dichterschlacht gewinnt, hängt letztendlich vom Publikum ab. Mittels Stimmzetteln oder Applaus können die Zuschauenden entscheiden, welche Beiträge gewonnen haben oder es in die nächste Runde des Wettbewerbs schaffen. Denn ebenso wie in den USA gibt es auch in Deutschland „Poetry-Meisterschaften“. Die Erste fand bereits 1997, wiederum veranstaltet von Wolf Hogekamp, in Berlin statt. Schon 1999 gab es Poetry-Slams in über 30 deutschen Städten. 16 Jahre später, im Jahr 2015, kamen über 5000 Gäste zum „Best of Poetry Slam – Open Air“ in Hamburg und stellten damit einen Weltrekord auf.
 

Poetry-Slam und die klassische Literaturszene

Trotz des regen Interesses und der ausverkauften Veranstaltungen ist die klassische Literaturszene nicht immer von diesem Format begeistert. Denn auch wenn beim Poetry-Slam selbstverfasste Gedichte und Texte vorgetragen werden: Es gibt Unterschiede zur herkömmlichen Literatur. Grund dafür ist vor allem der performative Charakter der Bühnendichtung. Poetry-Slam-Beiträge werden für den Moment geschrieben. Sie werden live präsentiert und müssen daher zugänglich, leicht verständlich und mitreißend sein. Im Unterschied zum klassischen Roman oder Gedichtband können die Beiträge später nicht noch einmal nachgelesen werden.

Trotzdem gibt es Überschneidungen. Poet_innen, wie Julia Engelmann, sind heute nicht nur auf der Bühne erfolgreich, sondern veröffentlichen ihre Texte auch in gedruckter Form oder als Hörbuch. Der Berliner Kabarettist und Liedermacher Marc-Uwe Kling, zweimaliger deutscher Meister im Poetry-Slam, war ab 2008 auch im Radio zu hören. Seine Geschichten rund um eine Berliner-WG, bestehend aus Ich-Erzähler und kommunistischem Känguru, wurden so erfolgreich, dass sie als (Hör-)Buchreihe verlegt wurden. Weitere bekannte Namen der Poetry-Szene sind Bas Böttcher, Fee und Sebastian 23. Sie füllen mit ihren Auftritten nicht nur kleine Bars und Kneipen, sondern treten auch bei Großveranstaltungen, in Konzerthallen oder auf Freilichtbühnen auf. Deutschlandweit finden pro Jahr über 300 Veranstaltungen dieser Art statt. Die deutsche Szene gehört damit zu den größten der Welt.