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Im Gespräch mit Nicki Pawlow
„Liebe ist im Grunde Menschlichkeit“

Nicki Pawlow stellt Ihren Roman „Der bulgarische Arzt“ in Bulgarien vor
Nicki Pawlow bei der Buchvorstellung in Plovdiv. | Foto: © Manol Peykov

Nicki Pawlow ist eine freischaffende Autorin und Schriftstellerin.

Sie wurde 1964 in Köthen als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Als sie 13 Jahre alt war, flüchtete Ihre Familie aus der DDR in den Westen und siedelte sich im schwäbischen Rottweil an. Sie studierte Politische Wissenschaften, Slawische Philologie und Neuere Geschichte in München und arbeitete u.a. als Dozentin für Politische Bildung, Pressesprecherin in der Politik, Zeitungs-Reporterin, Fernseh-Redakteurin und Drehbuchautorin.

Ihr Familienroman „Der bulgarische Arzt“ erschien im November auf Bulgarisch und wurde dem bulgarischen Publikum in Plovdiv, Sofia und Montana vorgestellt. Kurz vor der Vorstellung in Sofia sprachen wir mit Nicki Pawlow über Ihr Buch, das Schreiben als Heilung und die Erkenntnisse, die man dabei gewinnt.

Von Georgi Dermendzhiev

Nach „Die Frau in der Streichholzschachtel“ ist „Der bulgarische Arzt“ Ihr zweiter Roman und in ihm erzählen Sie Ihre eigene Familiengeschichte. Was war der Auslöser für Sie, einen Familienroman zu schreiben?

Der Auslöser, das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich habe mir das Thema nicht ausgesucht, sondern das Thema hat mich ausgesucht. Wenn ich dieses Buch nicht geschrieben hätte, wäre ich wahrscheinlich krank geworden und ich hätte nicht die Beziehung zu meinem Vater heilen können, im Sinne von Versöhnung. Mein Vater war lange krank, lag im Pflegeheim. Das waren schreckliche Jahre und er ist dann so allmählich weggedämmert und da wurde mir eigentlich klar, dass ich darüber schreiben muss. Schreiben ist für mich eine Form von Dinge verarbeiten, Heilung.

Ihr Roman lebt von sehr detaillierten Beschreibungen. Durch die Lebensumstände erklären Sie die Welt, in der Ihre Eltern und Sie gelebt haben, der Leser wird unmittelbar in die Zeitumstände hineinversetzt. Sie haben bestimmt viel Zeit in Recherche investiert?

Ich habe sehr viel über Psychiatrie recherchiert, da habe ich viele Bücher gelesen, mit Kollegen gesprochen, die noch lebten, sowohl bulgarischen als auch deutschen Kollegen von meinem Vater aus der DDR. Und weil ich mich da sicher fühlen wollte, erst dann habe ich begonnen, das Buch zu schreiben. Ich habe vielleicht ein Jahr recherchiert. Es ist so wie ein Sättigungsgrad – als ich das Gefühl hatte: „Ja, jetzt weiß ich genug über diese Themen“, habe ich losgelegt. Ich bin nicht jemand, der einfach darauf losschreibt, sondern ich brauche da schon ein bisschen Vorbereitung. Dann habe ich sehr viele Fotografien von unserer Familie, von den Großeltern auch, ich habe viel mit den Frauen der Familie gesprochen – meine Mutter, meine deutsche Großmutter, aber auch meine bulgarischen Verwandten – meine Tante, meine Baba. Und auch wenn ich die Sprache nicht so gut spreche, trotzdem – über meine Mama, die konnte gut bulgarisch. Das hat sich bei mir so wie ein Speicher über die Jahre angefüllt, auch durch meine Kindheit natürlich. Ich habe auch viel über bulgarische Geschichte gelesen, über die Eltern meiner Großeltern, diese Zeit damals, darüber wusste ich auch viel zu wenig. Dann natürlich die Zeit des Zweiten Weltkriegs, davor und danach, und das habe ich mir alles angeeignet, bis ich sicher war. Und dann habe ich versucht so zu erzählen, dass es Spaß macht, es zu lesen und nicht nur als trockene Historie zu verpacken. Ich glaube, das ist ganz gut gelungen.

Ihr Schreibstil zeichnet sich durch eine klare Sprache aus, die gleichzeitig sachlich und humorvoll, dezent und tiefgründig wirkt. Sie lassen die Geschichte wie von sich selbst erzählen, Ihr Ton bleibt stets objektiv und angemessen emotional. Auf dieser Weise gewinnt auch das Buch sehr viel an Glaubwürdigkeit. Inwiefern war das gewollt oder Ihnen bewusst beim Schreiben?

Das kann man nicht wollen, das kann man nicht bewusst machen. Ich glaube, das ist ein Element der Kunst. Wenn ich mir das Buch heute angucke, denke ich: „Das habe ich geschrieben?“ und ich blättere es durch und denke: „Wahnsinn“, weil ich mir das gar nicht vorstellen kann, das ist bei jedem Text so, den ich geschrieben habe. Es ist so, als schreibt es sich durch mich hindurch, wissen Sie was ich meine? Wenn man es jetzt spirituell sagen würde – das Universum hat mich ausgewählt diesen Roman zu schreiben, genau wie es den Komponisten auswählt, dieses Stück zu schreiben. Das kann man nicht planen, das ist dann auch ein unbewusster Prozess, wenn man sich darauf einlässt, dann verselbständigt sich das und auch die Figuren verselbständigen sich. Ich wusste zwar den Rahmen und ich habe mir schon sehr eng an dem orientiert, was unserer Familie widerfahren ist. Ich habe dann nichts erfunden, ich habe Leerstellen gefüllt, ich war ja bei der Kindheit meines Vaters nicht dabei. Ich weiß nicht, wie das genau gewesen ist, als die Eltern festgestellt haben: „Hilfe, das Kind hat Kinderlähmung, es kann seine Beine nicht mehr bewegen“. Ich habe mich dann hineingefühlt und ich glaube, das ist auch eine Gabe, die man hat oder nicht, dass man das zulässt oder kann. Und insofern ja, es ist mein Buch, aber irgendwas Größeres hat mir auch geholfen.

In Ihrem Roman ist auch die politische Zeitgeschichte präsent, eine Zeit der Unfreiheit. Diese bleibt aber eher im Hintergrund, was heraussticht, ist die Menschlichkeit Ihrer Figuren. Der Leser kann sich leicht mit diesen identifizieren und sich in den Charakteren einfühlen. Kommt Menschlichkeit vor Freiheit?

Ich denke, die zwei wichtigsten Dinge sind Liebe und Freiheit. Und das ist für mich untrennbar miteinander verbunden. Liebe ist im Grunde Menschlichkeit. Ich kann nicht sagen, was wichtiger ist und ich weigere mich auch das zu benennen. Denn wenn ich nicht frei bin, bin ich unglücklich, und wenn ich keine Liebe habe, bin ich auch unglücklich. Im besten Fall habe ich beides und danach strebe ich jeden Tag.

Und die Menschlichkeit im Buch, über die sie reden, das ist meine Spezialität, ich liebe das. Ich habe auch wirklich versucht oder ich musste es nicht versuchen, sondern das ist in mir, die Figuren nicht zu verraten oder nicht Stellung zu beziehen gegen den Vater, oder für die Mutter. Das wäre einfach gewesen, weil ich immer mehr mit der Mutter war, weil ich immer vor dem Vater Angst hatte, aber ich habe ihn auch geliebt. Gestern Abend hat einer Ihrer Kollegen gefragt, wie ich das geschafft habe, das Ethische durchzuziehen. Ich musste mich dafür nicht anstrengen, sondern ich habe das einfach so gemacht. Das Leben ist nicht schwarz oder weiß und jeder hat seine eigene Wahrheit. Die Wahrheit meines Vaters sieht mit Sicherheit anders aus, als die meiner Mutter oder meine und wenn man das weiß, dann kann man im Grunde auch alle verstehen. Was natürlich auch Grenzen hat – wenn andere Menschen zu Schaden kommen oder sobald ich andere Menschen verletze. Aber ich denke, wenn mehr Menschen diese Fähigkeit hätten, dann wäre die Welt ein besserer Ort, weniger Streit, Kriege. Wenn das Buch es schafft, das ein bisschen zu forcieren, dann habe ich meine Aufgabe erfüllt, dann freue ich mich.

Zu welchen Erkenntnissen kamen Sie über sich selbst und Ihren Vater, als das Manuskript auf Ihrem Schreibtisch fertig lag? 

Während ich das Buch schrieb, habe ich einen Prozess durchlaufen und am Ende habe ich festgestellt, dass Versöhnung möglich ist. Das Buch ist meine Trauerarbeit. Ich gehe sehr selten auf den Friedhof zu meinem Vater, denn ich habe das Buch geschrieben. Ich glaube, dadurch dass ich so detailliert erzählen konnte, habe ich mich freigeschrieben und ich habe heute keinerlei Groll mehr auf meinen Vater. Den hatte ich lange, doch heute kann ich mich erinnern, ohne dass ich schlechte Gefühle habe. Dafür bin ich sehr dankbar!

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