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Digitale Kultur
Transmediale: Das bekannte Unbekannte für digitale Kultur

Gastausstellung „A Becoming Resemblance“ von Heather Dewey-Hagborg und Chelsea Manning, transmediale 2018
Gastausstellung „A Becoming Resemblance“ von Heather Dewey-Hagborg und Chelsea Manning, transmediale 2018 | Foto: © Luca Girardini, CC BY NC-SA 4.0

Am 28. Januar startet in Berlin zum 32. Mal eines der bedeutendsten Festivals für Kunst und digitale Kultur weltweit – die transmediale. Dem bulgarischen Publikum ist dieses Festival kaum bekannt, es ist in Bulgarien selten und nur teilweise präsentiert worden, bulgarische Beteiligung am Festival gab es auch sehr selten. Hier soll seine Geschichte verfolgt werden, um zu zeigen, wie es zu seiner heutigen Reichweite und Wirkung gekommen ist.

Von René Beekman

Das heutige breitangelegte und einflussreiche Festival, das alljährlich stattfindet und während des ganzen Jahres zusätzliche Aktivitäten entwickelt, fing bescheiden an, doch mit Anspruch und Zukunftsvision. Die transmediale wurde 1988 unter dem Namen VideoFilmFest gegründet. Ihr Programm begann mit dem Satz: „Am Nachmittag des 16. Dezember 1987 haben wir beschlossen, das VideoFilmFest ‘88 zu gründen“. 54 Tage später wurde die Idee verwirklicht.
 
Seine Gründung wurde eigentlich durch die Entscheidung angeregt, Video und Videoart von Berlinale auszuschließen, die seit 1973 Teil des Filmfestivalprogramms gewesen waren. Ursprünglich konzentrierte sich das neue Festival vorzüglich auf Videokultur sowie auf Elemente, durch die sie sich vom Film unterscheidet. Etwas später wurden ins Programm von VideoFilmFest Arbeiten aufgenommen, die in kritischen Dialog mit dem Fernsehen traten. Diese Tendenz der Öffnung wurde auch in den 1990er Jahren fortgesetzt, indem auch Produkte der Medienkunst aufgenommen wurden, und die Veranstaltung entwickelte sich zum heutigen Format eines „Festivals für Kunst und digitale Kultur“. Diese Änderungen führten dazu, dass mehrmals auch der Name des Festivals geändert wurde, bis es 1998 den Namen transmediale bekam.
 
Das Festival geht in seiner Entwicklung mit der sich ständig ändernden Rolle von Technologien und Digitaltechnik einher sowie mit deren Einwirkung auf Kunst und Gesellschaft, doch immer aus kritischer Sicht zu diesen und zu der Zukunft. Im Zentrum stehen Bedeutung und Effekt dieser Änderungen, ohne jedoch die Aufmerksamkeit auf das „Digitale“ als angewandte Materialien oder Technologie der zu präsentierenden Produkte einzuschränken. Mit der steigenden Rolle und Einwirkung der Digitaltechnologien in Gesellschaft und Kunst wächst auch die Bedeutung von transmediale.
 
Das fünftägige Festival sieht momentan ein Videoprogramm, eine große internationale Ausstellung und eine maßgebende Serie von Präsentationen und Diskussionen zum angekündigten Thema vor. Im Jahr 2020 lautet das Thema „End to End“. Die Rolle der Netzwerke als technologische, soziale und künstlerische Infrastrukturen wird zu zeigen sein sowie die Begrenztheit dieser Infrastrukturen. Es wird auch der Versuch unternommen, verschiedene mögliche Varianten einer von Netzwerken beherrschten Zukunft zu umreißen.

Mehr als nur ein Festival

Im Laufe ihrer Entwicklung erweiterte sich transmediale durch wichtige weitere Aktivitäten, die außerhalb der fünf Festivaltage stattfinden. Das Programm enthielt 1999 Projekte an der Grenze zwischen Kunst, elektronischer Musik und Klubkultur unter dem Titel „Club Transmediale“. Die Idee fand so großen Anklang, dass im nächsten Jahr ein Nebenprogramm unter dem Namen CTM gestartet wurde. Später entstand daraus ein unabhängiges Festival für elektronische Musik und Klubkultur, eines der erfolgreichsten in diesem Bereich.
 
2011 gründete transmediale „Berlin resource Network“, dessen Ziel es sein sollte, die Gesellschaft der Stadt zu unterstützen, die sich mit technologiegestützten Künsten und Digitalkultur beschäftigte.
 
Seit 2012 bewirtschaftet transmediale die Vilém Flusser Residency. Die Selektion der Teilnehmer*innen findet jedes Jahr im Herbst statt, danach können ein einzelner oder eine Gruppe Künstler aus aller Welt zwei Monate in Berlin verbringen und an künstlerischen Projekten zu ihren Themen arbeiten.

transmediale – Präsentationen in Bulgarien und die bulgarischen Künstler

transmediale ist in Bulgarien mehrmals präsentiert worden, jedoch vor allem durch ausgewählte Produkte seines Videoprogramms. Diese Präsentationen, wenn auch bedeutsam, zeigten nur einen kleinen Teil des Festivals. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn der bulgarische Zuschauer glaubt, dass transmediale ein Filmfestival ist.

Das Wesentlichste bei transmediale – die kritische Einstellung zur Wirkung der Technologien auf unsere Kultur als Ganzes – blieb mehr oder weniger im Hintergrund. In Bulgarien hätte gerade diese kritische Denkweise gute Chancen, die Digital- und Technologiekultur zu beeinflussen.
 
Bulgarische Beteiligung am Festival war bis jetzt eine Seltenheit. Grundsätzlich waren bulgarische Künstler*innen innerhalb von zwei großen Projekten dabei. Das erste Projekt war Transitland. Es war ein anspruchsvolles internationales Projekt der Sofioter Organisation Interspace aus dem Jahr 2009 unter der Leitung von Margarita Dorovska. Es hatte sich zum Ziel gesetzt, eine Art Katalog der Videokunst in der Zeitspanne 1989 – 2009 zu erstellen, indem nur Werke zu berücksichtigen waren, die sich auf die ersten 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und auf die Folgen dieses Ereignisses für Mittel- und Osteuropa konzentrierten. Für dieses Projekt wurden Arbeiten von 100 Künstler*innen ausgewählt, darunter von Krasimir Tersiev, Ivan Mudov und Rassim.
 
Das zweite Projekt, an dem bulgarische Künstler*innen beteiligt waren und das bei transmediale präsentiert wurde, war ArtUP! – eine gemeinsame Arbeit der Goethe-Institute in Ankara, Athen und Sofia aus dem Jahr 2014. ArtUP! war eine anspruchsvolle Plattform, die zum Ziel hatte, sich durch die Medienkünste mit der sozialen und politischen Entwicklung der drei Länder, aber auch in anderen Ländern der Region, auseinanderzusetzen. Das Projekt beinhaltete ein Online-Katalog mit über 400 Autoren und ihren Werken; historische und theoretische Texte; Workshops und drei Ausstellungen aus den drei Ländern.
 
Im Rahmen von ArtUP! wurde auch ein hervorragender historischer Text von Maria Vasileva über die Entwicklung der Medienkünste in Bulgarien veröffentlicht. Dieser Text gehörte zu der einführenden Pflichtlektüre der Studierenden an der Nationalen Kunstakademie in Sofia.
 
Von der Wirkung des Projekts ArtUP! zeugt eine Geschichte, die der Künstler Krasimir Tersiev erzählt hat. Bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Türkei sagte ein junger Besucher, er sei extra gekommen, um den Künstler persönlich kennen zu lernen. Denn ein auf der Homepage von ArtUP! veröffentlichter Text von Tersiev habe ihm geholfen, sein Masterstudium erfolgreich zu absolvieren. Leider sind beide Projekte, sowohl ArtUP! als auch Transitland, verschwunden. Es gibt kein Archiv davon, abgesehen von ein paar Seiten, die durch Zufall im Netz erhalten geblieben sind.
 
Von den Individualteilnehmern an transmediale aus Bulgarien war wohl besonders erfolgreich Peter Durmana mit der Präsentation seiner Arbeit Post Global Warming Survival Kit. Seine Installation entstand während eines Residenzaufenthalts am Edith Russ Haus for Media Art. 2009 wurde sie für den transmediale-Preis nominiert.

die Transmediale 2020 – Welche sind die Highlights?

Dieses Jahr ist das Thema von transmediale den Netzwerken in unserer Kultur, deren Problemen und Einschränkungen sowie deren Alternativen, gewidmet.

Netzwerke sind überall in unserer Gesellschaft, nicht nur technologische, sondern auch soziale und professionelle. Informationsaustausch zwischen zwei oder mehreren Punkten in einem Netzwerk bildet die Grundlage der technologischen, der sozialen und der kulturellen Kommunikation. Aus technologischer, sozialer und aus Unternehmersicht hat sich das aus der Silicon Valley entlehnte Modell durchgesetzt, das Mitte der 1990er Jahre als Californian Ideology dargestellt wurde. In den letzten Jahren werden wir Zeugen davon, wie dieses Modell Privatfirmen entstehen lässt, die besser über uns Bescheid wissen als wir selbst. Wir sehen auch die Probleme, zu denen diese Entwicklung geführt hat.

Gibt es andere Wege, mit den anderen und mit der Umwelt Kontakt aufzunehmen? transmediale beschäftigt sich gerade mit dieser Frage und mit den möglichen Antworten, indem sie Varianten einer möglichen Zukunft mit verschiedenen Szenarien darzustellen versucht. Die große transmediale-Ausstellung enthält die Videoarbeit Acoustic Ocean von Ursula Biemann. In dieser Arbeit geht Biemann den gestellten Fragen ökologisch und feministisch nach. Eine andere interessante Installation in der Ausstellung ist Asunder von Tega Brain, Julian Oliver und Bengt Soleng. Mit Hilfe von Video- und Computersimulation verfolgt sie, zu welchen Absurditäten die Einmischung in unsere Umwelt führen kann.
 
Das Programm sieht dieses Jahr auch ein zweitägiges Symposium vor, an dem 50 Künstler*innen und Philosoph*innen teilnehmen sollen. In den zwei Tagen werden sie Erfahrungen austauschen, zuschauen, Perfomances und Artinterventions im Zusammenhang mit dem Festivalthema anbieten.
 
Einen interessanten Rückblick bietet transmediale auch auf die kritischen Projekte der letzten 30 Jahre. Clubnetz ist ein neues Projekt, wohl auch eine mobile Applikation, die auf der Grundlage eines gleichnamigen Projekts aus den Jahren 1994 und 1995 beruht. Zu dieser Zeit hatte noch niemand Internet zu Hause. In einigen der avantgardistischen Clubs von Berlin sind Computer installiert worden, die zu einem sog. Clubnetzt miteinander verknüpft waren. Mit deren Hilfe traten die Clubbesucher in einen gemeinsamen „Chat“. Zu jener Zeit war das Projekt superinnovativ. Eigentlich enthält es Besonderheiten, die auch vom heutigen Standpunkt einmalig sind.
 
Wichtig ist auch die Serie von Workshops während der transmediale. Die Teilnehmer*innen werden mehr über alternative Sozialnetzwerke erfahren und die Möglichkeit haben, über Fragen der Erstellung einer Menge heterogener Varianten der Zukunft zu diskutieren.
 
Das Programm ist umfangreich und anspruchsvoll. transmediale dauert bis zum 1. Februar an, die Ausstellung ist bis zum 1. März zu besichtigen.

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