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Klubkultur
Ein Jahr später: Was Sofia verloren hat, als sie ihr Nachtleben verlor

Club, DJ, tanzende Menschen
© Miroslav Marinov | @niesuperfuture

Dieser Monat markiert genau ein Jahr, seitdem die Club-Momente plötzlich verschwunden sind. Dieser Text ist ihnen gewidmet. Er hat nicht das Ziel zu vergleichen, welcher der vielen Verluste seit Beginn der Pandemie größer ist, sondern genau auf diese Club und Rave-Momente aufmerksam zu machen.

Von Alexander Vladimirov

Früher Morgen. Die Sonne geht gerade erst auf und die noch kühle Luft der Nacht umhüllt deinen, durch mehrere Stunden Bewegung erwärmten Körper. Du verlässt einen Club, ein dumpfer Bass ist durch die Tür hinter dir zu hören und vor dir herrscht nur die Stille. Während du die frische Luft einatmest, realisierst du alles, was dir in den letzten Stunden passiert ist – die Musik, die Freunde, die Fremde, die Wärme in der Mitte des Raums vor dem DJ, die Gespräche in den Ecken, Korridore, Treppen und Toiletten. In diesen wenigen Stunden verdichten sich Erfahrungen, die du sonst monatelang gesammelt hättest. Deine Ohren rauschen ein wenig, aber das ist nur ein angenehmer Nachweis für alles, was du erlebt hast. Es sei denn, du hast Tinnitus, aber das wäre ein anderes Thema.
 
Wir gingen immer davon aus, dass egal mit welchen Problemen wir in unserem täglichen Leben konfrontiert werden, wir am Ende der Woche in einen völlig anderen Realitätsraum eintreten können, in dem wir Hirn und Psyche umschalten und alles Negative abschütteln können. Eine Form des Eskapismus – dekadenter Spaß für manche, lebenswichtig für andere. Eine Sozialtherapie, die dich jedes Wochenende neukalibriert, um den Stress und die Routinen der anderen fünf Wochentage reibungsloser zu bewältigen. Und wir dachten, dass zumindest dies immer vorhanden sein würde, wir hielten es für selbstverständlich.
Jugendliche in einer Club © Miroslav Marinov | @niesuperfuture

Dieser Monat markiert genau ein Jahr, seitdem die beschriebene Momente plötzlich verschwunden sind. Dieser Text ist ihnen gewidmet. Er hat nicht das Ziel zu vergleichen, welcher der vielen Verluste seit Beginn der Pandemie größer ist, sondern genau auf diese Club und Rave-Momente aufmerksam zu machen.

Weil es dabei nicht nur um Kneipengang oder gewöhnliche Unterhaltung geht, wie das Thema manchmal angesehen wird. Es existiert eine Gemeinschaft von Menschen – sowohl weit offen als auch unfreiwillig nischenhaft und exklusiv – für die der Verlust des Nachtlebens ein Verlust des Lebensunterhalts, ein Verlust der beruflichen Entwicklung, der Verlust einer notwendigen menschliche Verbindung, ein Verlust der Kultur ist.
 
Und obwohl es im Sommer 2020 einen Moment der Rückkehr gab, blieb ihm schlussendlich nur die Funktion eines Hauches frischer Luft übrig – in emotionaler Form für die Fans und in finanzieller für die Menschen, die das Nachtleben möglich machen. Dieser Moment war von Schüchternheit durchdrungen und so weit von dem entfernt, was er sein sollte.
 
Das Nachtleben auf der ganzen Welt hörte auf. Viele andere Clubszenen sind weitaus stärker betroffen, aber die Unterbrechung hat in diesem Land ihr spezifisches Gewicht. Bulgarien war noch nie berühmt für eine lebhafte und vollwertige Clubszene. Die Ereignisse Mitte der neunziger Jahre und zu Beginn des neuen Jahrtausends gelten eher als isolierte Inseln als ein kohärentes Interaktionsnetzwerk, das als Bühne und noch weniger als funktionierende Industrie bezeichnet werden kann.
DJ in einer Club © Miroslav Marinov In den letzten paar Jahren hat sich dies jedoch geändert. Qualitativ hochwertige kleine Ereignisse, die eigentlich das Rückgrat einer Szene sind, und nicht die große Menschenmengen, wurden immer häufiger. Clubs sind zu Orten geworden, an denen man eine Gemeinschaft aufbauen und nicht nur Tickets und Getränke verkaufen konnte. Das Angebot von mehreren Partys für eine Nacht, zwei Nächte hintereinander, wurde langsam zum Standard, den wir nur im Westen und Osten über die Grenzen des Landes sahen und dem wir uns zur Überraschung von vielen schnell näherten.
 
Nach einer kurzen Stille in der Nachtlandschaft, in der zwei wichtige Clubs – „Jules Verne“ und Studio „Elegantly Wasted“ – geschlossen wurden und Club „Vlaykova“ sich seit mehreren Jahren nicht mehr auf der Karte befand, explodierten die Dinge. Mit dem Aufkommen von „Koncept Space“ und „Micro“, mit der Stärkung des Programms in „Tell Me“, die Wiedereröffnung des Studios und die Umwandlung zusätzlicher kleiner Orte, die sich von der Massenansicht abheben, ist eine neue Kolonie der alternativen elektronischen Community entstanden. Damit erschienen auch neue bulgarische Labels und noch mehr Künstler:innen – DJs und Produzent:innen, die nicht isoliert von einander stehen, sondern interagieren und zusammenarbeiten. Immer mehr Leute besuchten Partys, mehr DJs wurden vernünftiger bezahlt, immer mehr Promotor:innen hörten auf ständig rote Zahlen zu schreiben.

Kurz gesagt, die Dinge schienen wirklich endlich zu beginnen. Und alles fühlte sich so an, als wäre es nur der Anfang. Und dann verschwand alles mit einem Fingerschnips.

Zwölf Monate später steht es uns noch bevor zu sehen, ob das fragile System von Clubs, Events, Veranstalter:innen, Künstler:innen und Fans pausiert oder das Band bereits gerissen ist. Fast alle Clubs in Sofia haben Spendenaktionen gestartet, aber auch die erfolgreichen von ihnen sind nur eine vorübergehende Lösung. In Gesprächen mit den Eigentümern sagen sie, dass nur die Beruhigung der Situation und die Wiedereröffnung sie vor dem Bankrott retten können. Sie hoffen nicht auf rechtzeitige staatliche Beihilfen.
 
Wenn wir in stärker entwickelten Ländern und Szenen nach einem Bezugspunkt suchen müssen, hat in Großbritannien (dessen Hauptstadt London einen städtischen Nachtleben-Manager, den sogenannten Nachtzaren, hat) eine parteiübergreifende Kommission für Nachtwirtschaft einen Bericht zur Warnung vor der Möglichkeit des "Verschwindens" des Nachtlebens im Land erstellt. Die Kommission fordert von der Regierung zusätzliche Unterstützung für den Sektor, "um unbekannte Schäden an der Sozialstruktur dieses Landes zu vermeiden".

In Deutschland setzt die Regierung ihr Programm zur Unterstützung der von der Pandemie betroffenen Unternehmen mindestens bis Juni fort. Ende letzten Jahres kündigte der Staat außerdem einen Fonds in Höhe von 2,5 Milliarden Euro an, um die für die zweite Hälfte des Jahres 2021 geplanten Veranstaltungen im Falle ihrer Absage aufgrund der Pandemie zu schützen und Vertrauen in ihre Planung zu schaffen. Deutschland hat im Vergleich zu anderen Ländern die größten und schnellsten Anstrengungen zum Schutz der Arbeitnehmer in der Nachtwirtschaft unternommen. Im Jahr 2018 haben die Berliner Clubs der Stadt jedoch Einnahmen in Höhe von 1,7 Milliarden Euro eingebracht.
 
Es ist klar, dass es kein Vakuum geben kann und Clubs, Partys und das Nachtleben in der einen oder anderen Form weiter bestehen werden. Und obwohl ein Club an der Stelle eines anderen aufgebaut werden kann, ist der Verlust eines solchen Ortes nicht nur ein Verlust eines physischen Raumes, sondern ein Verlust der Anhäufung – der Anhäufung von Erfahrung, Geschmack und Kultur. Diese beruht auf Bemühungen, die bereits viel Energie, Geld und Zeit gefordert haben und nicht zurückgegeben werden können.
 
Zu diesem Zeitpunkt hat die Geschichte keinen "silbernen Faden", nichts Positives wäre zu berichten. Wir sitzen schlicht und warten ab, was passiert. Es ist jedoch wichtig, uns daran zu erinnern, dass der Fortschritt der alternativen Clubszene und der begleitenden Gemeinschaft in Bulgarien real war und es wichtig ist, dass er erhalten wird.

 
Alexander Vladimirov © privat Alexander Vladimriov ist Gründer und Betreiber der spezialisierten Online-Plattform über alternative elektronische Musik in Sofia – Fonoteka Elektrika. Als Verfasser von journalistischen Texten und musikalischen Reviews berichtet er nicht nur über die lokale, sondern auch über die Weltszene der elektronischen und experimentellen Musik. Alexander ist außerdem Moderator der Musikrubrik des Podcasts „Auf gleicher Welle“ von Goethe-Institut Bulgarien, der im März 2021 starten wird.

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