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Kunstvermittlung
Museen in Pandemiezeiten

Museen in Pandemiezeiten
© pexels / Michael Noel

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus „Unzugängliche Museen? Kommunikation mit der Zielgruppe und Präsentation von Kulturerbe“ – ein Artikel von Nikolai Nenov und Silvia Trifonova-Kostadinova, veröffentlicht in der Zeitschrift „Bulgarische Ethnologie“. Buch 4, 2020, S. 558-574. Goethe-Institut Sofia bedankt sich bei den Autoren und der Zeitschrift „Bulgarische Ethnologie“ für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Von Nikolai Nenov und Silvia Trifonova-Kostadinova

Unsere Beobachtungen zeigen, wie sich Kuratoren und Direktoren die Verantwortung für die Tätigkeit der Museen aufteilen; die Kommunikation mit Gemeinden und Kulturerbe-Institutionen intensiviert sich, doch die COVID-19-Pandemie, die so überraschend kam, hat zur Stagnation in den Beziehungen geführt. Die Pandemie hat sich für Museen weltweit als Herausforderung erwiesen, sowohl für große und etablierte als auch für kleine Institutionen. Während die ersteren bereit zu sein schienen, bestehende virtuelle Touren und Online-Spaziergänge zu präsentieren und sie der Öffentlichkeit bekannter zu machen, richten die letzteren erst jetzt ihre Bemühungen und Aufmerksamkeit auf die eigene Sichtbarkeit unter Einsatz begrenzter Ressourcen. Obwohl COVID-19 erhebliche Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation hat, beschränkte sich die Debatte um die Museen nicht nur darauf. Der Fokus lag auch auf die Zielgruppen. Manager und Experten für Ausstellungstätigkeit investierten Ressourcen und Anstrengungen, um die Aufmerksamkeit ihrer Zielgruppen aufrechtzuerhalten. Administratoren von Webseiten und sozialen Netzwerken registrieren und messen die Besucherzahlen, wobei sie versuchen herauszufinden, was das Interesse der Besucher provoziert und aufrechterhalten hat.

Der Internationale Museumsrat (ICOM) fördert das Streben nach Publikumsnähe durch eine Reihe von Empfehlungen und Anregungen für die problemlose und schnellere Anpassung der Kultureinrichtungen an die Situation [1]. Die Organisation fordert die Gilde auf, ihre Bemühungen auf das zu konzentrieren, was sie am besten kann, nämlich die Bedürfnisse der Öffentlichkeit zu beobachten, auf die Stimme der Gemeinschaften zu hören, enge Kontakte zu bestehenden Partnern und Mitarbeitern zu pflegen, um in Zukunft von den derzeit gewonnenen Erfahrungen zu profitieren.

UNESCO empfiehlt den Museen, sich trotz der Pandemie weiterzuentwickeln, indem sie Strategien für den Umgang mit der Stagnation entwickeln [2]. Um dem gestiegenen Interesse der Zielgruppen angemessen entgegenzukommen, identifiziert die UNESCO Museen auf der ganzen Welt, die Online-Inhalte und innovative Strategien anbieten, um sie in eine Liste mit potenziellen Nutzern im Internet-Raum aufzunehmen.

Die komplizierte und ungewöhnliche Situation ändert den Museumsalltag sowie die bereits erstellten Pläne und Arbeitsstrategien. Laut Frau Dr. Rebecca Kahn, die sich mit dem Studium der Digitalisierung von Daten und Dokumenten in Kulturerbe-Institutionen befasst, kann die COVID-19-Pandemie, obwohl sie ein Problem darstellt, auch der nötige Anstoß sein für schnellere Veränderungen, auf die sich Museen seit einiger Zeit konzentrieren (Kahn 2020). In diesem Sinne ist der „Ausnahmezustand“ ein Wendepunkt in der Entwicklung der Institution hinsichtlich ihrer Selbstreflexion. Die Museen reagieren in gewisser Weise auf die Herausforderung und versuchen, sichtbarer zu werden, indem sie ihre Art der Kommunikation agil umstellen und versuchen, die Dynamik des Geschehens einzufangen.

Das Victoria and Albert Museum (V&A) in London hat das Projekt „Pandemische Objekte“ [3] ins Leben gerufen – Alltagsgegenstände, die im Kontext des Ausnahmezustands neue Inhalte erhalten, semantische Transformationen durchlaufen und zusätzliche Konnotationen erhalten. Das Toilettenpapier wird zum Symbol öffentlicher Panik, das Stirnthermometer wird zum sozialen Kontrollinstrument, die konventionelle Zentren werden zu Krankenhäusern, und die Parks – zu umstrittenen öffentlichen Werten. Durch das Zusammenstellen von Objekten und das Verstehen ihres sich ändernden Zwecks und ihrer Bedeutung, soll dieser Raum ein einzigartiges Bild der Pandemie und der Schlüsselrollenobjekte zeichnen“, sagen die Initiatoren. Alle Pandemie-Objekte weisen auf bereits bestehende Sammlungen und Exponate im Museum hin.

Die Forschungsinitiative des Museum of London „Collecting COVID“ [4] fordert ihre Zielgruppe auf, sowohl physische Objekte („den Brief, den alle von Boris bekommen haben“ [5]) als auch digitale Artefakte (wie Zoom-Aufnahmen) zu sammeln, um die Erfahrungen der Londoner festzuhalten. Die neue Sammlung wird der Institution helfen, „die Zeit im Auge zu behalten“ und kann zukünftigen Generationen helfen, die Realität der gemachten Erfahrungen zu verstehen. Sie ähnelt einem Projekt, das das Museum während des Brexits durchgeführt hat, und bestätigt eine nachhaltige Museumspolitik auf der Suche nach Zielgruppen – Teilnehmern an Museumsprozessen.

Davon ausgehend, dass es keine offizielle Kulturpolitik im Bereich des Kulturerbes gibt, ist Frau Margarita Dorowski, Leiterin des Museums für Humor und Satire in Gabrovo, der Meinung, dass „das Mindeste, was man in Krisenzeiten tun kann, ist, miteinander zu kommunizieren und sich über die bereits ergriffenen Maßnahmen auszutauschen“. Sie führt eine Reihe von Online-Gesprächen mit Museumsdirektoren hierzulande durch mit dem Ziel „die Aktivitäten relevanter Museen und Galerien im Allgemeinen während des Ausnahmezustands zu überwachen und zu versuchen, sich vorzustellen, wie das Coronavirus das Museum als Institution verändern wird“. Die Videogespräche im Skype finden unter dem Motto „Museumsgeschichten in Quarantäne“ statt und sind im Blog des Museums für Humor und Satire zu finden.

Diese Beispiele für das Interesse an Museen und Kulturerbe zeigen mehr als nur Forschungsbedarf [6] auf. Sie deuten auf den Wunsch hin, die Situation unserer Museen zu problematisieren, denn viele haben sich als unvorbereitet auf eine ferne Kommunikationsform erwiesen. In Erwartung der Ergebnisse der oben genannten Studien, die die Stagnation und Entwicklung auf der breiten Ebene der Kulturpolitik oder im Zusammenhang mit dem Kulturtourismus abdecken, richten wir den Blick auf die einheimischen Museumsaktivitäten. Von außen betrachtet – denn um die Motive für die Reaktionen der einzelnen Museen analysieren zu können, sind ausführliche Interviews mit Leitern und Kuratoren notwendig – nehmen wir die COVID-19-Situation vor allem als Katalysator für Veränderungen wahr. Wir nehmen an, dass unter normalen Umständen einige der bereits implementierten neuen Modelle für die Kommunikation mit den Zielgruppen sowie die Akzente und gute Entscheidungen zu einem späteren Zeitpunkt geschehen wären, wahrscheinlich innerhalb eines längeren Zeitraums, aber die drastische Veränderung hat diese schon jetzt sichtbar und erkennbar gemacht.

Das Netzwerk Europäischer Museums Organisationen (NEMO) hat im Zeitraum 24. März – 30. April eine Studie über die Auswirkungen der COVID-19-Situation auf Museen in Europa unter 1000 Museen in 48 Ländern durchgeführt, die sich freiwillig an den Umfragen beteiligt haben [7]. Es wird angenommen, dass die Museen dazu beigetragen haben, die Isolation und Einsamkeit zu reduzieren, indem sie ihre digitalen Dienste erweitert haben; sie haben ein Gefühl von Vertrauen und Gemeinschaft gefördert durch die Aufforderungen, Objekte und Geschichten zu teilen, um sie zu bewahren und aus diesem Moment zu lernen. Vier von fünf Museen haben ihre digitalen Dienste erweitert, um ihre Zielgruppen zu erreichen. Zwei von fünf Museen melden einen Anstieg der Online-Besuche, die im Berichtszeitraum zwischen 10 und 150 % liegen. Fast 80 % der Befragten geben an, dass ihr Museum hauptsächlich Facebook nutzt, 20 % nutzen Instagram und andere Plattformen, um ihre Tätigkeit zu verbreiten. Auch die bulgarischen Museen nutzen vor allem Facebook. Diese Art der Kommunikation mit den Zielgruppen ist der Situation, in der sich die Museen befanden, angemessen, da sie echte Daten und sofortige Reaktionen liefert. Die von uns angegebenen Angaben zu den einzelnen Museen streben nicht unbedingt einen Vergleich an, sondern heben die Highlights ihrer Tätigkeit hervor. Sie beschreiben mögliche Modelle für die Arbeit mit den Zielgruppen, den Stil der Vermittlung von Botschaften und bevorzugte Formen des Dialogs mit verschiedenen Gemeinschaften mittels Kulturerbe.

Über die Autor:innen

Dr. Nikolai Nenov, Leiter des Historischen Museums Ruse und Professor für Museologie

Silvia Trifonova-Kostadinova, PR-Expertin im Historischen Museum Ruse

Literatur:
Kahn, Rebecca 2020 – Corona as Curator: How museums are responding to the pandemic, In: Elephant in the Lab, zuletzt aufgerufen am 21.07.2020.

[1] „Wir beobachten genau die Auswirkungen der Krise auf den Museumssektor und begrüßen die kreativen Lösungen, welche die Museen weltweit eingeführt haben, um ihre Zielgruppen zu erreichen und die Kommunikation mit ihren vielfältigen Gemeinschaften fortzusetzen“ https://icom.museum/en/news/museums-and-covid-19-8-steps-to-support-community-resilience/, zuletzt aufgerufen am: 02.07.2020;
[2] „Es ist nicht überraschend, dass die Museen und die Gemeinschaften, die sie bedienen, resilienter, einfallsreicher und innovativer werden. Von virtuellen Besuchen über Facebook- und Instagram-Inhalten bis hin zu Podcasts und Open-Access-Online-Plattformen – die Museen und Kulturinstitutionen werden kreativer, damit sie mit dieser beispiellosen Situation zurechtkommen können“, https://en.unesco.org/news/museums-facing-covid-19-challenges-remain-engaged-communities, zuletzt aufgerufen am: 01.06.2020;
[3] Siehe https://www.vam.ac.uk/blog/pandemic-objects, zuletzt aufgerufen am: 11.06.2020;
[4] Text im TimeOut, veröffentlicht am 23.04.2020, zuletzt aufgerufen am: 04.06.2020;
[5] Es geht um ein Brief des britischen Premierministers Boris Johnson an die Nation vom 07.04.2020, den er vom Krankenhaus aus an alle Haushalte geschickt hat, mit der Aufforderung zu Hause zu bleiben, um das Gesundheitssystem und Leben zu retten. – https://glasove.com/categories/novini/news/dzhonsyn-v-pismo-do-britancite-molya-nastoyavam-ostanete-si-v-kyshti-spasete-zhivot, zuletzt aufgerufen am: 07.07.2020;
[6] Das Regionalzentrum für den Schutz des immateriellen Kulturerbes in Südosteuropa – UNESCO, Sofia, hat auf die veränderte gesellschaftliche Kommunikation in Museen reagiert, indem es eine Kolumne in der Zeitschrift „Lebendiges Kulturerbe“ – „Herausforderungen für das Museum: Ausnahmezustand und soziale Kommunikation“ verfasst hat. Darin sollen die Antworten der Museumsleiter analysiert werden, die ihre Vision für die Kommunikation mit den Zielgruppen und die Sichtbarkeit von Museen in einer Umfrage mitteilen. Forscher der Sofioter Universität „Hl. Kliment Ohridski“ untersuchen im Rahmen des Forschungsprogramms „Kultur-historisches Erbe, nationales Gedächtnis und gesellschaftliche Entwicklung“ (https://kinnpor.uni-sofia.bg) auch die Maßnahmen im Bereich der Kultur und des Tourismus während der Corona-bedingten Krise;
[7] Die Ergebnisse können hier nachgeschlagen werden: https://www.ne-mo.org/fileadmin/Dateien/public/NEMO_documents/NEMO_COVID19_Report_12.05.2020.pdf, zuletzt aufgerufen am:10.07.2020.

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