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Reihe von philosophischen Diskussionen
Philosophische Abende in der Bibliothek

Philosophische Abende in der Bibliothek
© Irina Djonkova

Das Goethe-Institut Bulgarien veranstaltet eine Reihe von Treffen unter dem Titel Philosophische Abende, die darauf abzielen, sich auf das Wesentliche statt auf das Beiläufige, auf das Grenzwertige statt auf das Triviale zu konzentrieren.

Von Stilian Yotov


Philosophische Abende setzen sich zum Ziel, wenn nicht unsere Denkgewohnheiten zu erschüttern, dann wenigstens sie zu lockern. Während dieser Treffen werden angesehene Geisteswissenschaftler mit akademisch-theoretischen und praktisch-angewandten Hintergründen ihre Gäste einladen, um ins intellektuelle Gespräch zusammen zu kommen. Themen und Fragestellungen der Gegenwart, sowie Alltagsprobleme werden im breiteren Kontext der üblicherweise „philosophisch“ genannten Denktraditionen und -modelle besprochen. Die Philosophie lebt und entwickelt sich nicht nur im verdünnten Äther des abstraktes Denkens, sondern ist in jedem Versuch vorhanden, sowie in lebenswichtigen Momente und in uns selbst einzublicken. Während die Wertsphären der Wissenschaft und Technik, Moral, Religion und Recht, Wirtschaft und Politik, Kunst und Massenkultur, Sport und Unterhaltung sich voneinander lösen und auseinander gehen, kommt der Philosophie die Aufgabe zu, Brücken zu schlagen und zur Kommunikation zu appellieren. Da, wo die Verbindungen zwischen den kulturellen Phänomenen problemlos und anscheinend selbstverständlich aussehen, sollte sie Kritik und Aufklärung provozieren.

Die Philosophie impliziert nicht nur ein fachbezogenes Interesse an „die Königin der Wissenschaften“, sondern bedeutet ein Interesse an grundlegenden und grenzenden, nicht an nebensächlichen oder trivialen Sachverhalten. Nach Theodor W. Adorno „sind wir alle als Kinder eigentlich Philosophen“, und „überhaupt der Versuch, sich ernsthaft mit Philosophie abzugeben, ist so etwas wie ein Versuch zur Wiederherstellung der eigenen Kindheit“. Die Initiative Philosophische Abende wird die Möglichkeit erproben, Experte und breites Publikum zusammenzuführen, Universität und Stadt zu verbinden. Sie werden versuchen, eine weltweit anerkannte Kulturinstitution im befreundeten Land als Schnittpunkt für polyvalente Kontakte zu etablieren, auf der Suche nach Körnchen universellen Sinnes und nach gemeinsamen Werten im unübersehbaren Feld der Vielfalt und Mehrsprachigkeit.

Insbesondere in einer Krisensituation, in der wir eine Zukunft voll Ungewissheiten und Bedrohungen antizipieren und einen möglichen tiefgreifenden Wandel unserer Lebensweise vorahnen, wächst der Bedarf an philosophischen Reflexionen und Gesprächen. Sie können uns helfen, unsere engen Zufluchtsorte zu verlassen, uns von den Vorurteilen und Stereotypen zu befreien, die nicht zulassen, andere Meinungen zu akzeptieren, sich miteinander zu verständigen, sich gegenseitig zu verstehen. Und zwar nicht mithilfe der Medien, die die Zuschauer bezaubern und sie in passive Verbraucher umwandeln, während sie selbst (fast) immer inszeniert aussehen. Das Expertenwissen wird auch auf eine Probe gestellt, da es Vermittlungsstrukturen voraussetzt und oft verdächtigt wird, sein Ziel sei, uns zu täuschen. Diese kritische Einstellung ist heutzutage wichtiger, zumal die verbreitete Meinung herrscht, dass wir im Zeitalter der Postwahrheit leben. Philosophische Abende werden heikle Themen diskutieren und diejenigen Lösungen besprechen lassen, die wenn auch kurzfristig als treffend erscheinen, sich dann als einseitig und intransparent, als Zaubersprüche erweisen. Die Philosophischen Abende werden ihren Geist fordern zum Mitdenken und Mitwirken.

Jahrgänge von Schlüsselereignissen – in der Geschichte und Politik, Wissenschaft und Kunst – oder von angesehenen Persönlichkeiten sind ein guter Anlass, um Bilanz zu ziehen. Was zeichnet sie aus? Wie verändert sich ihre Wahrnehmung in verschiedenen Zeitaltern und Generationen? Wie können sie uns heute behilflich sein, damit wir die Herausforderungen der Gegenwart besser bewältigen können? Auf welcher Weise sind diese Ereignisse und Personen in einer Kultur des Gedenkens und Vergessens, der Wiederbelebung und des Neudenkens präsent? Diese und ähnliche Fragen werden einen Ausgangspunkt für öffentliche Debatten bilden und das Publikum nicht gleichgültig lassen. Philosophische Abende werden danach streben, eine Atmosphäre zu schaffen, die Resonanz erzeugt.

Manchmal sind neue Bücher im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften nicht nur mit Buchprämieren und Rezensionen zu verbinden. Bereits mit ihrer Erscheinung regen sie Debatten an. Philosophische Abende werden zu einem Treffpunkt für Autoren, die ihre Positionen verteidigen, für Kritiker, die ihre alternativen Sichtweisen anbieten, und für das Publikum, welches eine aktivere Rolle einnimmt, sodass schließlich alle Teilnehmer imstande sind, ihre Ansichten besser zu begründen.

Nicht zuletzt geht es bei Philosophische Abende auch um eine interkulturelle Vermittlung von neuen Übersetzungen ins Bulgarische von klassischen und signifikanten Werke im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften. Denn die kulturelle Identität lässt sich nicht nur auf dem Wege der ererbten Authentizität aufbauen, sondern auch durch Aufnahme von fremden Modellen, durch Verschmelzung von Sinnhorizonten. Und dies wird immer wichtiger angesichts der vorherrschenden Konzeption von einem neuen lingua franca, sowie im Kontext der Konkurrenz von Algorithmen der Künstlichen Intelligenz und der allumfassenden Herrschaft der Bild- und Klangbotschaften.

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