Standpunkt Boris Minkov - "Was sollen wir heute mit dem Expressionismus?"

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Das Goethe-Institut veröffentlicht an dieser Stelle in unregelmäßiger Folge Texte, Kritiken und Positionen aus Bulgarien.

In zwei Ausgaben (3/2013 und 1/2014) veröffentlichte die bulgarische Literaturzeitschrift „Stranitza“ Texte aus dem und über den deutschsprachigen Expressionismus, eine der vollständigsten Darstellungen des Expressionismus in bulgarischer Sprache. Neben unseren rein literarischen Motiven und Vorlieben liegt der Darstellung unser Wunsch zugrunde, die Situation der heutigen bulgarischen Gesellschaft und die Situation im deutschsprachigen Kulturraum um den Ersten Weltkrieg herum zu sichten und zu vergleichen. Auf den ersten Blick: Sowohl im einen als auch im anderen Fall gibt es eine Politik- und Finanzkrise, eine Brechung der kulturellen Situation, die angestrengte Suche nach einer Neufindung der gesellschaftlichen und ästhetischen Grenzen, obwohl die damaligen Zusammenbrüche, Umbrüche und überschrittenen Grenzen nicht ohne weiteres mit anderen Zeiten vergleichbar sind. Nachdem wir die erforderlichen Übersetzungen angefertigt, den sozio-kulturellen Kontext des Expressionismus umrissen und uns mit der bis zur Unübersetzbarkeit starken poetischen Sprache eines Gottfried Benn, Georg Heym, August Stramm und vieler anderer Autoren auseinandergesetzt hatten, wurde uns klar, wie illusorisch eine Rückbestimmung im heutigen Bulgarien im Vergleich zum deutschsprachigen 1914 ist. Denn die Krise ist da, aber das Empfindungsvermögen dafür fehlt, in unseren Gedichten findet sich keine Spur von dem Tempo, mit dem wir leben, in den heutigen sonst so hochtechnologischen Laboratorien mit allen ausgefeilten Computerprogrammen ist keine Formel für das Wahrnehmen der Katastrophe entwickelt worden. Im zeitgenössischen Bulgarien lässt sich kein Gefühl für die Menschheitsdämmerung finden. So bringt uns die praktische Beschäftigung mit den Übersetzungen des Expressionismus auf einem Umweg zu der Erkenntnis, dass der Expressionismus keine Richtung, keine Schule, kein Stil, keine Epoche ist – er ist vielmehr eine Geisteshaltung, eine Wahrnehmung der Gegenwart und ihrer Krisen, des Mangels an  Zeitgenossenschaft, die simultan verschiedene Impulse und Weltanschauungen vereint. Dieses Programm der simultanen Zeitgenossenschaft erschüttert, zertrümmert und ordnet die Welt neu. Das Fehlen eines ähnlichen Programms hier und jetzt macht die Situation in Bulgarien wahrhaftig unauflösbar.
 
Boris Minkov, Literaturhistoriker, Kritiker und Schriftsteller
 
Übersetzung aus dem Bulgarischen: Gabi Tiemann

Kurt Pinthus

[…] Und immer wieder muss gesagt werden, dass die Qualität dieser Dichtung in ihrer Intensität beruht. Niemals in der Weltdichtung scholl so laut, zerreißend und aufrüttelnd Schrei, Sturz und Sehnsucht einer Zeit, wie aus dem wilden Zuge dieser Vorläufer und Märtyrer, deren Herzen nicht von den romantischen Pfeilen des Amor oder Eros, sondern von den Peinigungen verdammter Jugend, verhasster Gesellschaft, aufgezwungener Mordjahre durchbohrt wurden. Aus irdischer Qual griffen ihre Hände in den Himmel, dessen Blau sie nicht erreichten; sie warfen sich, sehnsuchtsvoll die Arme  ausbreitend, auf die Erde, die unter ihnen auseinanderbarst; sie riefen zur Gemeinschaft auf und fanden noch nicht zueinander; sie posaunten in die Tuben der Liebe, so dass diese Klänge den Himmel erbeben ließen, nicht aber durch das Getöse der Schlachten, Fabriken und Reden zu den Herzen der Menschen drangen.
Freilich wird die Musik dieser Dichtung nicht ewig sein wie die Musik Gottes im Chaos. Aber was wäre die Musik Gottes, wenn ihr nicht die Musik des Menschen antwortete, die sich ewig nach dem Paradies des Kosmos sehnt … Von den vielen, vielen Dichtungen dieser Generation werden fast alle mit den verebbenden Stürmen ihrer Epoche untergegangen sein. Statt einiger großer leuchtender wärmender Gestirne wird Nachlebenden ihre Menge wie die von unzähligen kleinen Sternen erschimmernde Milchstraße erscheinen, die fahlklärenden Glanz in wogende Nacht gießt. […]
 
Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hrsg. von Kurt Pinthus. Berlin, Rowohlt Verlag, 1920.

Marin Bodakov

***
Ich wollte im unglücklichen Chor der Heimat singen:
Tenor, der sich als Bass ausgibt,
Kämpfer genug, um bei Bedarf
selbst die Stimmen der Frauen, der Kinder gar zu übernehmen,
Kämpfer genug, um hinter der bunten Stickerei zurückzubleiben,
die Lager der Fäden aus Freiheit zu bewachen,
und dann was... Gebell in der Nadel, nur Gebell.

Kinderbuch in unbekannter Sprache

Welche Suppe mein Vater als Kind mochte,
aß er seinen Teller leer,
was versteckte er unter dem großen Kissen,
bei welchem Wort im Märchen schlief er ein,
hatte er wirklich Angst bei den Bombardierungen.
Ich werde es nie erfahren.
Mein Vaterland ist unwiederbringlich verloren,
die Luft ist so einsam,
dass ich den Fahrplan vom Busbahnhof höre
und die Sirene vom Hafen mich umarmt.

Marin Bodakov ist am 28. April 1971 in Weliko Tarnovo geboren
 
Übersetzung aus dem Bulgarischen: Gabi Tiemann