Goethes Pfadfinder
Speyer: Die Stadt, die in Plüsch schläft

Kaiserdom zu Speyer
Foto (Zuschnitt): © Barbora Langmajerová

Die Kuriositäten der pfälzischen Stadt Speyer zu benennen würde wohl nicht länger dauern, als die tschechischen Wörter aufzuzählen, in denen „p“ und „y“ aufeinanderfolgen. Aber dennoch kann man in der Stadt vor dem größten romanischen Gotteshaus Europas Pétanque spielen, an Johann von Luxemburg, Helmut Kohl und die Kelly Family zurückdenken und die vergangene Schönheit von ausrangierten Verkehrsmitteln bewundern.

Nach Speyer (tsch. Špýr) haben wir uns als vierköpfige Mädchenbesatzung mit einem Volkswagen aufgemacht. Der Grund unseres Besuchs überrascht vielleicht ein wenig – seit Januar 2017 machen wir nämlich regelmäßig Ausflüge zu Orten, in deren Namen ein „y“ nach einem neutralen Konsonanten steht. Speyer stand auf Platz 55 unserer Reiseliste, auf der wir neben den „obligatorischen“ Eigennamen wie Přibyslav, Mýto und Ruzyně auch alternative Stationen wie den Hohen Wasserfall am Altvater (Vysoký vodopád pod Pradědem) oder die Brünner Bar „Mýdlo“ finden. Speyer hat es deshalb auf die Rangliste der Ausflüge geschafft, weil es zu den glücklichen deutschen Städten gehört, die sich im Tschechischen einen eigenen Namen verdient haben, wie beispielsweiße Mainz (Mohuč), Regensburg (Řezno) oder Goethes Weimar (Výmar). Zu den bevorzugten Ausflugszielen in Deutschland zählt auch die Sächsische Schweiz (Saské Švýcarsko), die wir im letzten Sommer besucht haben.

Städtische Höhepunkte und Eliška Přemyslovna

Jeder, der irgendwann einmal Deutsch gelernt hat, wird bei einem Besuch von Speyer den Eindruck haben, in einem Lehrbuchfoto gelandet zu sein. Die gepflegten Fassaden der Häuser schmücken regelrechte Geranienvorhänge, von denen die Großmutter damals nur träumen konnte, und in der Fußgängerzone bleiben Paare mittleren Alters in sorgfältig gebügelter Kleidung in Pastellfarben an den Brezelständen stehen. Die früheren Bewohner der Stadt haben sicherlich gedacht, dass die Grenze des Stadtzentrums am Kaiserdom und am Altpörtel verlaufen würde. Heute ist allerdings klar, dass die stets garantierte Nähe zu den Geschäften Tchibo, dm-Drogeriemarkt und Jack Wolfskin die Grundlage für den deutschen Urbanismus liefert. Unsere Unterkunft befand sich am Schnittpunkt dieser beiden Konzepte. So konnten wir einen Besuch bei Tchibo nicht umgehen, wo wir uns für den baldigen Urlaub am Meer einen aufblasbaren Schwimmring in Gestalt einer Ananas kauften. An Speyer haben wir uns deswegen auch noch einige Tage später beim Baden im Ärmelkanal erinnert, wo wir uns ab und an den Werbespruch: „Megaspaß zum Superpreis!“ zuriefen.
Tchibo-Schwimmring Foto: © Barbora Langmajerová

Wie schon erwähnt ist das größte historische Wahrzeichen von Speyer der Kaiserdom, die größte romanische Kirche in Deutschland und sogar in Europa. Zum ewigen Kampf um die Vorrangstellung kommt es hier heute noch, nun allerdings zwischen den deutschen Spielern des französischen Spiels Pétanque, das an sommerlichen Abenden den Platz vor dem Dom beherrscht. Freunde der tschechischen Geschichte können sich im Dom zudem das Jahr 1310 und die Vermählung von Johann von Luxemburg und Eliška Přemyslovna (auch bekannt als Elisabeth von Böhmen) ins Gedächtnis rufen.

Speyer wird auch als eine der Wiegen des Protestantismus erachtet. Es war gerade der örtliche Adel, der gegen die Martin Luther und seiner Lehre auferlegten Banne protestierte. Die ruhige Atmosphäre des heutigen Speyer könnte den Eindruck erwecken, dass hier nie etwas Interessantes passiert wäre – eine dramatische Ausnahme stellt allerdings das Jahr 1529 dar, als gerade hier die Spaltung der europäischen Kirche begann. Der Weg der Versöhnung ist aber nicht weit entfernt – neuzeitliche Pilger können sich hier auf eine Wanderung entlang des Jakobswegs begeben. Der Pfälzer Jakobsweg beginnt symbolisch am Speyerer Dom und an das Pilgern nach Santiago de Compostela erinnert die Statue des Jakobspilgers in der Maximilianstraße. An was die Einhorn-Skulptur erinnern soll, an dem sich die örtliche Jugend trifft, ist uns nicht bekannt.

Kulinarische Höhepunkte und Horst Schimanski

Richtige Reisende sollten nie versäumen, die lokale Küche auszuprobieren – auch nicht in dem Fall, dass es sommerlich schwül ist und man sich nicht gerade danach sehnt, die Pfälzer Gastronomie auszuprobieren, deren Grundlage Sauerkraut und Fleischprodukte sind. Wir hatten uns dazu entschieden, im Bierrestaurant Zum Anker zu Abend zu essen, wo wir alles probierten, was der sogenannte Pfälzerteller zu bieten hatte: (1) einen großen Leberknödel mit Sauerkraut und Bratensoße, (2) Bratwurst mit Sauerkraut und Bratensoße und (3) gepresstes Gehacktes (oder wie soll man sonst Saumagen beschreiben, die Lieblingsvorspeise des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl) mit Sauerkraut und Bratensoße. Die deftige Portion dieses schweren Essens haben wir mit ausgezeichnetem, lokalem Bier heruntergespült und so die kulinarische Palette in allen Schattierungen der Farbe Braun durchprobiert. Ein solches Abendessen gibt entweder so viel Energie, diese riesigen Kirchen bauen zu können (die, wie sollte es anders sein, auch braun sind) oder aber es befördert einen direkt ins Bett.
Pfälzer Gastronomie Foto: © Barbora Langmajerová
So waren wir bei einem späteren Spaziergang durch die Stadt nicht überrascht, als wir aus den geöffneten Fenstern schon vor zehn Uhr abends lautes Schnarchen hörten. Um diese Zeit wurde der belebteste Platz der Stadt zu einem Supermarkt, an dem die örtliche Jugend zusammenkam und Süßes, Energie-Drinks und Alkohol kaufte. Da wir weder zum Club der Schlafenden noch zur Jugendtruppe gehörten, machten wir aus Langeweile Fotos von uns mit der Fisch-Statue am Fischmarkt, auf dem allerdings schon lange keine Fische mehr verkauft werden. Den Abend beendeten wir an einem weiteren Ort unserer Liste, im Café Plüsch (Plyš), wo sich ohne den geringsten Zweifel jeder x-beliebige Teil der endlosen Krimiserie Tatort abspielen könnte. Für Notfälle findet man hier im Treppenhaus ein Telefon, das offensichtlich schon die Zeit des geteilten Deutschlands erlebt hat – einschließlich jener dunklen Zeit der modernen Geschichte, in der zottelige Schnurrbärte getragen wurden. Falls Sie die Telefonnummer von Kommissar Schimanski nicht im Telefonbuch finden, gibt man Ihnen in der Bar zweifellos gern Auskunft.

Technische Höhepunkte und Paddy Kelly

Am zweiten Tag besuchten wir das Technik-Museum, das Freunde ausrangierter Verkehrsmittel anzieht. Für 16 Euro gibt es zu sehen: (1) das Hausboot der Kelly Family, das man in der Ausstellung angeblich nicht verfehlen kann (falls Ihnen das genauso wie uns dennoch gelingt, kann man jederzeit ins Museum zurückkehren); (2) ein Auto, das mit künstlichen Fingernägeln und Sheriff-Sternen verziert wurde; (3) ein Orchestrion mit sich bewegenden Figuren, das an die astronomische Uhr in Olomouc erinnert; (4) pendelnde, stinkende Flugzeuge mit Puppen hinter Plexiglas (als Ausdruck des „deutschen“ Humors ist es nicht weiter überraschend, dass eine Puppe auf der Toilette sitzt); (5) eine Rutsche, die man nur in speziellen, bremsenden Pantoffeln, die offenbar aus Auto-Fußmatten hergestellt worden sind, herunterrutschen darf; (6) gewachstes Treibholz, das als Bank dient und anscheinend die ungenügende Anzahl an Bänken im Stadtzentrum kompensiert; (7) abgefahrene Autoreifen; (8) einen japanischen Leichenwagen mit Pagode; (9) auf den Rädern der ausgestellten Flugzeuge brütende Tauben und (10) das russische Transportflugzeug Antonov 22, das auffallend weniger stank als die anderen Flugzeuge.
Technik Museum Speyer Foto: © Barbora Langmajerová
An dieser Stelle müssen wir erwähnen, dass unser negatives Erlebnis im Museum, das sich über große Betonflächen erstreckt, dadurch potenziert wurde, dass sich gerade an diesem Tag ganz Mitteleuropa in heiße Lava verwandelt hatte und uns der Schweiß in die Augen lief. Speyer konnten wir daher erst dann verlassen, als wir unsere Augen von Schweiß und den Tränen getrocknet hatten, zu denen uns der Anblick der Kajüte von Paddy und Angelo Kelly gerührt hatte.

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