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Humor und Zeichnung als Universalsprache

Booboo Tannenbaum
© Maja Bosnic

Gespräch mit der Graphikdesignerin und Illustratorin Booboo Tannenbaum

Kultur lässt einen wachsen. (Und das ist gut so, denn wenn du nicht groß bist, kannst du nicht über die Mauer.gucken) –– so lautet der Text, mit begleitender Illustration, der auf einem der ersten Plakate aus Vizkulturas Kollektion Plakatierung, die noch aus dem „lange zurückliegenden“ Jahr 2013 stammt, gedruckt und von der Illustratorin und Designerin Booboo Tannenbaum unterschrieben wurde. Dieser Titel klingt für mich auch heute noch, kurz vor Vizkulturas Fünfjahresfeier, in den Ohren, wie ein präziser Soundtrack von all dem, das wir durch dieses Projekt erreichen wollten. Gerade diese subtile Dosis von Ironie in etwas sehr Ernstem ist häufig das Charakteristische an den Arbeiten von Booboo Tannenbaum.

Diese geistreiche Dame versteckt ihren „richtigen Namen“ hinter dem leicht zu merkenden „Stage“-Namen, der, genau wie sie und ihre Arbeiten, viel witziger und amüsanter ist und viel eher zu ihrem Charakter passt als ein Standardname, mit den unvermeidbaren langweiligen Diakritika. Illustrationen, Zeichnungen, Graphiken und visuelle Identitäten von Booboo Tannenbaum sind alles andere als langweilig und vorhersehbar - sie strotzen vor Kichern, Freude, Süßigkeiten, allerlei Tieren (mit der unvermeidbaren Anuschka, ihrem treuen Hund) und dem gerade richtigen Maß an Sarkasmus. Es ist sicher (und vielleicht hat sie mir deswegen so viele Torten und Kuchen gebacken), dass viele junge Illustratoren und Zeichner der kroatischen Szene heute gerade dank Booboo überbeschäftigt und sehr engagiert sind, da Boboo in den letzten zehn Jahren, gemeinsam mit noch einigen anderen Kollegen, den Weg für einige neue Stile und Autorenillustrationen als ein unvermeidbares Segment visueller Kommu-nikation kultureller und kreativer Industrien geebnet hat.

Dank der glücklichen freiberuflichen Position, die selbständigen Autoren oft einen Standortwechsel und Fernarbeit ermöglicht, hat Booboo in den letzten drei Jahren in Berlin ihr Zuhause (Liebe, Dauerinspiration und Kilometer von Parkanlagen) gefunden. Sie ist immer noch ständig an Projekten in Kroatien beteiligt, arbeitet mit Kunden europaweit zusammen und findet auch langsam ihren Platz in der Berliner Szene, wobei sie aktiv an ihrem deutschen Humor arbeitet. Mit Booboo sprachen wir viel über ihre Arbeiten, ihren Stil, ihre Kunden, die Berliner Szene und einen Haufen anderer Themen in einem Gespräch, das Ihnen auf eine, hoffe ich, entspannte und humorvolle Weise ihr Opus am besten vorstellen wird.

  • Dia:Formen: Booboo Tannenbaum © Maja Bosnic
    Dia:Formen: Booboo Tannenbaum
  • Dia:Formen: Booboo Tannenbaum © Maja Bosnic
    Dia:Formen: Booboo Tannenbaum
  • Dia:Formen: Booboo Tannenbaum © Maja Bosnic
    Dia:Formen: Booboo Tannenbaum
Wie lange ist es her, dass du nach Berlin gezogen bist und wie ist es überhaupt dazu gekommen? Wie viel Zeit ist vom ersten Mal vergangen, als du hier warst, bis du dich entschieden hast, hier zu leben, und was ist eigentlich der Hauptgrund, weswegen du Kroatien verlassen hast?



Vor kurzem habe ich zusammengezählt, dass ich schon seit drei Jahren ständig auf der Strecke zwischen Zagreb und Berlin unterwegs bin, und das ist wirklich unglaublich, da es mir viel kürzer vorkommt. Was an dieser ganzen Geschichte am verrücktesten (und für mich so typisch) ist, ist die Tatsache, dass ich nie ein Leben in Berlin geplant habe, obwohl ich mich hier immer schon wie zu Hause gefühlt habe. Wegen dem politischen Klima in Kroatien fuhr ich immer häufiger und für immer längere Zeitabschnitte weg, da es mir keine zu große Freude ist, in einem Land zu leben, wo die extreme und konservative Rechte das Leben bestimmt. Jedoch kam der Anstoß für eine konkretere Entscheidung, Berlin zu meinem zweiten Zuhause zu machen, von Anuschka, die mir beim Spaziergang im Humboldthain einen Freund gefunden hat. Sie ging auf Konstantin zu, setzte sich neben ihn und rührte sich nicht mehr vom Fleck. Sie hatte wahrscheinlich die Schnauze voll davon, in den letzten sieben Jahren meine Liebesmissgeschicke mit ansehen zu müssen. 
 

 
Womit sollen wir sonst anfangen als mit deinem Humor? Es ist mir seit langem bekannt, und so wird es, glaube ich, bei allen sein, die deine Arbeiten durchblättern (und dieses Interview lesen), wie witzig du auf Kroatisch bist, und ich würde sagen, dass es auch auf Englisch ähnlich ist. Ist es für dich „schwieriger“, in einer anderen Sprache witzig zu sein? Und wie ist es mit Deutsch? Du sprichst es hervorragend - daher interessiert es mich, wann du, deiner Ansicht nach, durch deine Arbeiten auf Deutsch (gleich) amüsant und humorvoll wirst sein können?


 
Gott bewahre, auf Deutsch bin ich todlangweilig! Ich hatte hier in Berlin zu einem Zeitpunkt eine Krise, wo mir überhaupt nicht mehr klar war, wer ich bin, da ich einsah, dass mein Charakter in verschiedenen Sprachen ganz verschieden ist. Ein Freund, auch ein Ausländer, hat mir vor kurzem etwas gesagt, das ich für absolut richtig halte - wenn du in ein Land ziehst, in dem man deine Sprache nicht spricht, verlierst du vollkommen deinen Charakter und musst ihn dann in der neuen Sprache wieder aufbauen. Das ist, zumindest für mich, die ich mich immer auf verbalen Humor und den Reichtum der Sprache stütze, sehr schwierig. Mein Englisch und mein Kroatisch sind ziemlich ähnlich, von klein auf bin ich anglophil und diesen meinen Typ von Humor und Wortspielen habe ich problemlos ins Englische „übersetzt“. Jedoch bin ich mir selbst auf Deutsch unerträglich; ich erzähle jemandem etwas, während sich in meinem Kopf die ganze Zeit nur der Monolog dreht - „was ist das für ein langweiliger Blödsinn, hör auf!“ Vor kurzem lernte ich eine Dänin kennen, und nach zwanzig Minuten mühsamer Konversation auf Deutsch sah sie mich verzweifelt an und fragte: „Could we please talk in English? I am really funny in English!!“. Es fiel mir ein, dass ich das auf meine Visitenkarte drucken sollte - Booboo Tannenbaum. Really funny in English. 

Sage mir etwas über deinen illustratorischen Stil, so wie du ihn siehst. Wie hast du ihn gebildet, wie viel änderst du ihn, was beeinflusst einige der Veränderungen, Erfrischungen und neuen Elemente, die du einführst, und wie „schleifst“ du ihn zurecht?


 
Es scheint mir immer, dass ich keinen festen Stil habe, sondern dass ich mit jedem neuen Projekt versuche, meinen Stil an den Charakter der Aufgabe anzupassen. Vielleicht stammt es von der Tatsache, dass ich als Graphikdesignerin, angewandte Künstlerin (toller Ausdruck!) ausgebildet wurde. Daher ist mir eine genaue Präsentation des Produktes selbst, und nicht nur meines Stils, im Sinne. Eine Konstante ist immer der Humor - ihn muss es geben, auch wenn er nur in Spuren anwesend ist. Häufig kommt es mir vor, als schaffte ich es wegen dem Haufen Arbeit und der vielen Fristen bei manchen Projekten nicht einmal, sie zu durchdenken. Denn wenn ich nur zwei Tage habe, kann ich nicht zuerst fünf Tage über die Art der Ausführung nachdenken, sondern entscheide mich praktisch für diejenige, in der ich am sichersten bin. Jedoch drehe ich mich nicht gerne zu lange in der bekannten Form herum, denn da werde ich mir selbst langweilig. Wann immer ich kann, gehe ich irgendwohin, wo ich noch nie gewesen bin und bemühe mich, etwas Neues zu tun, auch wenn ich weiß, dass der Kunde vollkommen mit etwas zufrieden ist, das er schon kennt. Und Schleifen kommt mit Fehlern, du machst etwas schlecht, danach schleifst du es zurecht und vergießt Tränen, bis du den Fehler wieder behoben hast. Das Leben ist ein Kampf.


Ich glaube, dass du die Arbeiten, die du der Öffentlichkeit zeigst, selektierst, jedoch scheint es mir, dass ich das meiste von dem, was „deins“ ist, sofort erkennen kann, und sofort sehe, dass es gerade von dir ist. Es besitzt diese enorme Dosis von Verspieltheit, Humor und deinem Charakter. Wie kommt es dazu - gelingt es dir immer, deine Mitarbeiter und Kunden auf diesen deinen Weg zu bringen, und die Illustrationen korrespondieren dann mit deinem Charakter, oder suchen die Kunden gerade dich aus, da die Energie schon von Anfang an erkennbar ist?


 
Ich glaube, dass sich viele Leute bei mir melden, weil sie irgendwo eine meiner Arbeiten gesehen haben und schon ungefähr wissen, was sie von mir bekommen könnten, und das ist hervorragend, denn da weiß ich schon von Anfang an, dass wir auf der gleichen Seite sind. Es gibt auch diejenigen, die nicht wissen, wie ich arbeite, mir jedoch sehr viel Freiheit geben (da ich sie ganz lieb angucke und Anuschka zur Besprechung mitbringe). Dann sind sie immer bei der Präsentation der Arbeit (zum Glück meistens angenehm) überrascht. Diese Freiheit habe ich wohl immer als selbstverständlich angesehen, jedoch habe ich nach meiner Ankuft in Berlin eingesehen, dass kommerzielles Design/Illustration hier tatsächlich eine Serviceindustrie ist und dass meine Kollegen meistens innerhalb von ziemlich rigiden Rahmen bleiben, die die Kunden ihnen aufzwingen. Letztes Jahr hatte ich eine Gruppenausstellung, und in meinem Raum waren zwei Autorinnen, deren Arbeit sehr korrekt und geschickt, jedoch ziemlich öde war (Storyboard-Deluxe-Ästhetik). Wir unterhielten uns, und sie haben sich sehr gewundert, wie viel Freiheit es in meinen Arbeiten gibt. 

 
Hast du einige Modelle, mit deren Hilfe du deine Kreativität und Authentizität aufrecht erhältst, um konsequent eine Art von Handschrift zu verfolgen, und dich gleichzeitig wiederum immer zu bemühen, frisch, anders, originell zu sein? 


 
Was sich in Berlin verändert hat, ist, dass ich mich einer großen Menge von Leuten ausgesetzt habe, die die gleiche Arbeit tun, jedoch auf eine ganz andere Weise als ich. Einmal pro Woche treffe ich mich mit meinen Illustratorenfreunden, und dann zeichnen wir alle gemeinsam. Diese Treffen helfen mir sehr dabei, den eigenen Perfektionismus, der mein Erzfeind ist, auszurotten. Wenn du aber nur 30 Sekunden hast, ohne hinzuschauen einen kleinen Hund mit einem großen Penis oder eine Frau, die wie ein Calamari läuft (die letzten Themen auf unseren wöchentlichen Treffen) zu zeichnen, und das dann allen zeigen musst - bist du innerhalb einer Sekunde geheilt. Ich glaube, dass mir diese Entspannung im Bezug auf die eigene Arbeit eine Frische und Freiheit verleiht und meine Handschrift entwickelt.
  • Hello Winter © Booboo Tannenbaum
    Dia:Formen: Booboo Tannenbaum
  • Mad Dog Majica © Booboo Tannenbaum
    Dia:Formen: Booboo Tannenbaum
  • Muha © Booboo Tannenbaum
    Dia:Formen: Booboo Tannenbaum
  • Netural 1 © Booboo Tannenbaum
    Dia:Formen: Booboo Tannenbaum
  • Women's Network © Booboo Tannenbaum
    Dia:Formen: Booboo Tannenbaum
  • Out With the Winter Blues © Booboo Tannenbaum
    Dia:Formen: Booboo Tannenbaum

Mich interessiert natürlich auch dein Prozess des Zeichnens - in welchem Maß kombinierst du das „Analoge“ und das Digitale, bzw. das Zeichnen auf Papier und Zeichnen bzw. Nachbearbeitung der Zeichnung durch Zeichensoftware am Computer? 


Fast immer. Ich bewundere die Menschen, die einfach ein Blatt Papier nehmen, die Illustration zeichnen, sie scannen, ein bisschen sauber machen und fertig. Ich scanne sie, und danach wechsele ich noch sechs Mal die Anordnung von allem, zeichne noch etwas hinzu und füge es ein, klebe eine Collage auf, habe keine Ahnung, was ich tue, stopfe nur alles hinein - wie die Melitta aus der kroatischen Serie „Smogovci“, wenn sie Kuchen backt. Bei Vektorillustrationen ist die Situation viel sauberer, ich zeichne eine unpräzise Skizze und ziehe dann Vektoren über sie. Das ist natürlich viel einfacher, und alles kann mit zwei Mausklicks vollkommen verändert werden. Handzeichnen ist immer interessanter, ich weiß nie, was daraus wird, vor allem, wenn ich mit Tusche arbeite, linkshändig wie ich bin, und dann, während ich zeichne, die Hälfte der Zeichnung mit dieser linken Hand beschmiere. Um halb zwei in der Früh. Und habe nichts Süßes im Haus. 

 
Das Studio, in dem du arbeitest, am Prenzlauer Berg, teilst du mit mehreren Kolleginnen. Verbindet dich mit ihnen die Möglichkeit der Zusammenarbeit, und wie wichtig ist dir überhaupt deine physische Umgebung für deine Arbeit, Motivation und Inspiration? 

 
Wir teilen uns den Raum und die Kuchen und halten uns gegenseitig Motivationsreden um 10 Uhr abends, wenn noch nichts fertig ist und es bis morgen früh fertig sein sollte. Ich habe das Glück, mir den Raum mit einigen hervorragenden Kreativen - einer Graphikdesignerin, einer Werbetexterin und einer Trickzeichnerin - zu teilen. Alle drei haben ihren eigenen Stil und Ansatz, woraus ich sehr viel lerne, und es ist mir wichtig, aus dem Haus zu kommen und die Arbeit von meinem Lebensraum zu trennen. Dieses Jahr haben wir abgemacht, eine kleine Ausstellung zu organisieren. Unser Studio befindet sich nämlich im Obergeschoss über einer Sauna und mehreren Yogaräumen, und jeden Tag im Treppenraum begegnen wir einem Haufen untätiger, von sich selbst, Avokado und Grünkohl besessener Hipster, weswegen wir beschlossen haben, sie zu zeichnen und uns Geschichten aus ihren gesunden Leben auszudenken. Die Trickzeichnerin schlug vor, die Ausstellung im Treppenraum zu machen; ich befürchte aber, die Wellness-Hipster fänden das nicht so lustig.


 
Und jetzt die Millionen-Dollar-Frage: die freiberufliche Position - wie zufrieden bist du mit ihr und welche Problematiken birgt sie? Wie anspruchsvoll/mühsam ist sie für dich, vor allem im Bezug auf die Suche nach neuer Arbeit, neuen Kunden und die Selbstpromotion, und was sind ihre Vorteile? 


 
Oh weh. Zumindest zweimal pro Woche pflege ich, in Verzweiflung zu sagen, dass ich hätte reich heiraten sollen, denn ein Freiberuflerleben kann furchtbar anstrengend sein. In Zagreb ist es einfacher, die Szene ist viel kleiner, die Menschen kennen meine Arbeit. Berlin ist viel größer, und ich habe mich dem bewusst ausgesetzt, da ich eine Herausforderung brauchte. Auch hier ist es, wie überall, notwendig, präsent zu sein, die Leute kennenzulernen und ihnen dein Portfolio ins Auge zu schieben, und ich habe mich aus einer extrem extrovertierten Person in eine Zimmerpflanze verwandelt, daher ist für mich dieses „Mingeln“ meistens anstrengend. Andererseits habe ich wohl mehr Glück als Verstand, da ich trotzdem die ganze Zeit arbeite und Momente der Verzweiflung, in denen ich keine Arbeit am Horizont habe, eher selten sind. Meine freiberufliche Arbeit bedeutet tatsächlich, dass ich überall, wo es Internet gibt, arbeiten kann, und einen Haufen Projekte habe ich erledigt, ohne die Kunden jemals Auge in Auge gesehen zu haben. Mit manchen habe ich sogar nicht einmal gesprochen, was mir, einem Telefonmuffel, sehr gut passt. Andererseits entwickle ich mit den meisten Kunden auch tolle Freundschaften, sodass es wirklich gut ist, manche in der Nähe zu haben. 
 
 
Welche sind deine Lieblingsprojekte aus den letzten paar Jahren, der Zeit, seitdem du in Berlin bist, die das kroatische Publikum vielleicht noch nicht gesehen hat?


 
Außer an Kollaborationen und kleinen Projektchen hier in Berlin und in Deutschland, arbeite ich ziemlich viel für Engländer, Österreicher, Dänen, aber ich bin noch sehr viel und sehr gerne durch meine Arbeit an Kroatien gebunden. Es bereitete mir Freude, in Zusammenarbeit mit der Londoner Designagentur Tidy MacKenzie die Verpackung für das Wagamama-Bier zu machen, da Wagamama eine Restaurantkette ist, in der ich in England und Australien wahrscheinlich seit meinem zwanzigsten Lebensjahr unermüdlich gegessen habe, als ich anfing, bedeutendere Reisen zu machen. Mit Tamara Nikolić Đerić arbeitete ich an einem Bilderbuch für das Öko-Museum Batana, mit dem einmaligen Alen Vuković am Zeichentrickfilm für das Verwaltungsministerium, in dem den Leuten souffliert wird, wie sie etwas freundlicher zueinander sein können. Für das Working Girls Network in London machte ich Editorial-Illustrationen, sowie auch für die Digitalagentur Netural aus Linz und das amerikanische Magazin Remedy Quarterly. Eine Menge an Wandbildern und visuellen Identitäten mit den hervorragenden Tanja und Franz Zahra, Architekten aus Split - alles geht so schnell, dass ich die Hälfte der Sachen vergesse. Aber jedes Projekt, ungeachtet der kurzen Fristen, Tränen und (zum Glück wirklich seltenen) bizarren Anforderungen ist mir immer eine enorme Freude. Work is more fun than fun, sind die Worte Noel Cowards, die auf mich absolut anwendbar sind. 


 
Erzählst du uns etwas mehr über das Projekt für ein Hotel in Zürich, an dem du vor kurzem gearbeitet hast? Ich würde sagen, dass dies eine hervorragende Kombination der Kollaboration einer Reihe von Mitarbeitern war, die alle durch diesen gleichen kroatischen „Archi-Design“-Background verbunden sind?


 
Nataša Ivanišević, eine hervorragende junge Architektin aus dem Studio Pinch of Design, kontaktierte mich und bot mir an, einige Wandflächen in der Lobby des Park-Inn-Hotels in Zürich zu bemalen. Ich akzeptierte begeistert, da ich schon früher ihre Arbeiten bei Instagram ausspioniert hatte und diese mir sehr gefielen, und ebenso auch der multidisziplinäre Ansatz, das Engagement von Designern, Illustratoren, Köchen, eine Art Synthese von verschiedenen Kreativen im Projekt. Das war wirklich eine internationale Zusammenarbeit - Nataša mit einem Studio in Zagreb und Barcelona, ich immer zwischen Zagreb und Berlin, und ein Hotel in der Schweiz. Ich finde es hervorragend, dass sich Nataša bei Projekten, ungeachtet ihres Standortes, immer bemüht, mit kroatischen Kreativen zusammenzuarbeiten. So sind auch bei diesem Projekt Šesnić&Turković die Autoren der visuellen Identität des Hotelrestaurants, die Lobbymöbel stammen vom kroatischen Unternehmen Prostorija, und ich habe das Wandbild gezeichnet. Die Zusammenarbeit verlief hervorragend, sodass wir noch eine Ausschreibung gemeinsam machten, und später in diesem Jahr sollen wir an noch einem Projekt zusammenarbeiten. Es ist wirklich eine Freude, mit Nataša zu arbeiten!

 

Du erwähntest auch den in Deutschland ansässigen iranischen Illustrator Merhd Zaeri, den du vor kurzem kennengelernt hast, mit dem du an einem Kinder-Bilderbuchprojekt zusammenarbeiten solltest. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

 
Ach, das weiß ich nicht! Das sind diese Zufälle des Lebens einer Zimmerpflanze. Eine Freundin lud mich zum Workshop eines iranischen Illustrators, der in Deutschland lebt und meistens als Kinderautor arbeitet,  ein. Zuerst wollte ich überhaupt nicht hin, Regen, Müdigkeit, typische Ausreden. Ich ging hin und war vollkommen von diesem Mann und seinem Vortrag fasziniert. Er sprach über die Dinge, die auch mir selbst, einer melancholischen Fremden in Deutschland, ständig im Kopf herumschwirren. Trotz der Ratschläge meiner Mutter, nicht mit Unbekannten zu sprechen, schrieb ich ihm eine E-Mail, um mich zu bedanken. Er antwortete mir am nächsten Morgen und, da die Unterschrift meiner E-Mail einen Link zu meinem Instagram und meinem Portfolio enthält, hat er sich das wohl angesehen und geschrieben, dass ich hervorragende Arbeiten habe und wir uns treffen und miteinander sprechen müssten. Diese zwei Stunden Kaffee, als wir uns trafen, waren für mich so therapeutisch wie der Vortrag des besten Professoren in der Welt, eine unglaubliche Kostbarkeit. Ich war dem Universum schon dafür unglaublich dankbar, und dann schickte er mir nach zwei Wochen den Text des Bilderbuchs einer deutschen Autorin, den er gerne von mir illustriert sehen würde. Das war wirklich ein Schock und Unglauben! Und jetzt geschieht es. Ich zeichne und kann mein Glück kaum fassen. 


Du hast mir auch selbst gesagt, dass es für dich wegen der Zusammenarbeit mit Kunden europaweit und in Kroatien am Anfang gar nicht notwendig war, Kunden in Berlin und in Deutschland zu finden, jedoch kommt es mir vor, dass du in letzter Zeit immer mehr solche hast? Welche aktuellen Projekte, an denen du mit deutschen Kollegen zusammenarbeitest, würdest du hervorheben?   


Ja, während ich problemlos mit einer Menge an Projekten am europäischen Markt arbeite, waren deutsche Zusammenarbeiten am Anfang selten. Ich bot mich unermüdlich an, sie waren unermüdlich gleichgültig (hm, dies ist gleichzeitig auch die Substanz meines Liebeslebens, als ich noch in der Schule war). Dann hörte ich auf, mich anzubieten, in der Zwischenzeit arbeitete ich mit Engländern zusammen und sorgte mich nicht allzuviel. Dann fingen die Dinge auch an, zu geschehen. Mit einem kleinen unabhängigen Herausgeber vereinbarte ich die Anfertigung einer kleinen Serie von Büchlein zum Thema Überlebenshandbuch eines melancholischen Mediterraners in Berlin, fertigte einige visuelle Identitäten an, eine von welchen für ein Kindermusical bestimmt war, nun mache ich Editorial-Illustrationen und, wie ich schon erwähnte, Illustrationen für das Bilderbuch einer deutschen Autorin, was mich sehr erfreut. Es ist ins Rollen gekommen, und noch einige Projekte sind erst in Vorbereitung!
 
Wer sind die Menschen von der deutschen bzw. Berliner Illustratoren-Designer-Szene, mit denen du du gerne zusammenarbeiten würdest?  

 
Bei einer Zusammenarbeit ist es für mich am wichtigsten, dass ich mich mit jemandem auf „Lebensniveau“ verstehe, dass wir den gleichen Sinn für Humor haben, für die gleichen Dinge empfindlich sind. Vor kurzem entdeckte ich das Berliner Studio Colors and the Kids und dachte - „Leute, die ihr Studio nach meinem Lieblingslied von Cat Power bennenen, das sind meine Leute, Weltschmerzer, hier komme ich, ich ziehe ein.“ Dann ging ich auf ihre Website, und siehe da - Astro-Bataten, polierte Zukunft, Tod des Zufalls und ungerade Linien. Riesige Projekte für riesige Firmen, ein eindrucksvolles Portfolio, aber mich lässt das vollkommen gleichgültig. Andererseits kam die Zusammenarbeit mir Merhdad (Zaeri, dem iranischen Illustrator, den ich vorhin erwähnt habe) ganz ungeplant, aber wir erkannten uns als Bruder und Schwester. Die kleinen Herausgeber von Bucheditionen, diese eine kreative Szene, die von großen Budgets unbelastet bleibt, das ist für mich am interessantesten. Ich entdecke die Leute bei Ausstellungen im MFI (Ministerium für Illustration, eine hervorragende kleine Galerie für zeitgenössische Illustratoren) und dann spreche ich sie, wenn ich den Mut (und genug Alkohol im Blut) dazu habe, an, und manchmal machen wir etwas aus, Ausstellungen, Zeichnungen u.ä. Ich mag natürlich das Pictoplasma -  Illustrative Festival, aber für eine Zusammenarbeit sind für mich die kleinen Underground-Autoren, die im Keller ihre Illustrationen an einem alten Risographen drucken, viel interessanter.

 
Wie findest du ansonsten die Illustratorenszene und die Szene des Graphikdesigns hier in Berlin? Wie erlebst du sie und was würdest du hervorheben? Es interessiert mich auch, wie du dieses allgegenwärtige Design kommentierst, das alltäglich in Cafés, Bars, Konditoreien, Restaurants zu sehen ist?
 


 
Die Illustratorenszene ist so riesig und unübersichtlich, dass ich mich häufig sogar bewusst von allem isoliere, da es mir zu viel wird, und es kommt mir immer so vor, als würden sehr viele Leute alle diese tollen Dinge tun, und „sieh mich nur an, ich arme Maus, am besten, ich finde einen Job bei der Post“, und all das. Aber, Scherz beiseite, natürlich gibt es auch hier, wie überall, neben hervorragenden Autoren, einen Haufen Quatsch, denn Berlin ist eine dieser Städte, wo alle Künstler sind.
Im Unterschied zu beispielsweise London, wo jede Sandwichtüte ein glänzendes Design hat, ist Berlin, was Graphikdesign betrifft, viel lässiger, und das gefällt mir. Jedoch gibt es gleichzeitig im Graphikdesign sehr viel nicht zu Ende gedachte Sachen, Lösungen, die nur „Eye-Candy“, ohne wirkliche Substanz und Idee sind. In letzter Zeit sprießen viele Hipster-Cafés, die Industriestil und Minimaldesign lieben, hervor, aber das ist für mich viel langweiliger als eine ostdeutsche Aufschrift über einer Kneipe, die jemand mit der Hand gezeichnet hat.
Graphikdesigner gibt es eine Milliarde, aber ehrlich, sehr selten hauen sie mich um und häufig sage ich, dass manche meiner kroatischen Kollegen bessere Arbeit leisten als das meiste von dem, was ich hier gesehen habe. Zum Glück gibt es keinen dominanten Stil, und fast jeder Ort hat seinen Charakter, der ästhetisch mehr oder weniger attraktiv, aber immerhin ein Charakter ist.
Die Stadt ist außerordentlich inspirativ, und da sie riesig ist, gibt es eine Millionen von verschiedenen Dingen und für alles einen Markt. Da Berlin eine Stadt der Start-Ups ist, geht alles sehr schnell und kann daher sehr oberflächlich sein. Ich weiß nicht... Ich bin Oldschool, immer für dieses durchdachte Design, vom Typ Cuculić und Serdarević, und diese intergalaktischen Neon-homogenen Formen und Adidas-Turnschuhe in Batatenform ohne Nähte, das kann ich nicht... Ich weiß, dass ich altmodisch bin und von der Zeit bald überholt werde, aber vielleicht schaffe ich es noch, reich zu heiraten. 

 

Ich glaube, dass du mit mir einverstanden bist, dass das Bewusstsein über einerseits das Design und die Ästhetik, und andererseits die Kultur allgemein, in Berlin auf einem furchtbar hohen Niveau ist. Es kommt mir so vor, als wäre dies meilenweit von unserem Kontext entfernt, fast unvergleichbar?

 
Absolut, diese zwei Kontexte können nicht miteinander verglichen werden, weder politisch (zum Glück für uns in Berlin!) noch wirtschaftlich, noch ästhetisch. Jedoch haben kleine Szenen wie Zagreb ihre Vorteile, in Berlin gehen manchmal ausgezeichnete Projekte in der Menge verloren! Unglaublich Kreative produzieren Fanzine in ihren Kellern in Neukölln und haben ihre Hardcore-Fans, aber ohne Zugang zum größeren Markt. Ich habe das Gefühl, dass in Zagreb die guten Leute immer zum Vorschein kommen, und häufig denke ich daran, dass dies machmal gerade Vizkultura zu verdanken ist.
Hier wird andererseits viel mehr in Kultur investiert, und daher ist auch die Produktion viel größer. Das bewirkt Wunder für die Kreativität. Die Gelegenheit zu haben, mit dem Fahrrad zu Bob Wilsons Dreigroschenoper zu fahren, oder drei Stunden damit zu verbringen, die Originale der Zeichnungen von Jeanne Mammen anzuglotzen, das ist die beste Nahrung für den Verstand, die es gibt.


Und schließlich interessiert es mich, ob die Umgebung deine Arbeit beeinflusst? In welchem Maße sind für dich die alltäglichen Berliner „Straßen“-Situationen Inspiration, wie wichtig ist dir Berlin dabei? Eine Menge deiner Arbeiten enthalten diese kleinen Storytellings, Narrationen, und Situationen, daher interessiert es mich, wo du das her nimmst?  


 
Berlin beeinflusst meine Arbeit wirklich in einem großen Maße. Nicht nur Berlin als eine Stadt mit einer enormen Konzentration an Kreativen, inspirativen Orten und Ereignissen, sondern Berlin als Ort, wo mein Leben vollständig auf den Kopf gestellt wurde. Und es ist mir furchtbar wichtig für meine Arbeit, meine Inspiration und meinen Verstand. Von den Passanten auf der Straße mit einem unglaublichen Sinn für Humor in ihrer Kleidung, bis hin zu den Fassaden, der Architektur, dem Kulturangebot der Stadt. Jedoch, was ich wirklich am besten finde ist die Freiheit. Ich kann ein Huhn am Kopf tragen, ein Mädchen an der Hand halten, rosa Haare und achthundert Piercings haben und niemand wird mir etwas hinterherrufen oder sich über mich lustig machen. Die anderen, diejenigen, die anders sind, werden akzeptiert, die Menschen haben eine offene Weltanschauung und sind ohne Vorurteile. Das ist unschätzbar und eröffnet dir einen ganz neuen Spielraum und eine Menge an Energie. Täglich erlebe ich dank sprachlichen Misverständnissen, irgendeinem Blödsinn von Anuschka oder der Interaktion mit den kunterbunten Leuten auf der Straße einen Haufen komischer Situationen. Ich mache eine Übung, bei der ich jeden Abend sieben Sachen aufschreibe, die ich gesehen habe, und wenn ich Zeit habe, zeichne ich auch manche von ihnen. Das versorgt mich mit einer Riesenmenge an Material, mit welchem ich dann manchmal irgendwo auch meine Arbeit „bespicke“. Gestern Abend habe ich eine Dame mit mehr Haaren als Körper gesehen (dieser Dutt war wirklich hoch), dann habe ich sie gezeichnet und mit mir selbst um halb zwei Uhr morgens gelacht.
 

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