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„Gott ist nicht schüchtern“
Drama im Grenzbereich zwischen Augenzeugenbericht und Fiktion

“Dio non è timido” von Olga Grjasnowa (Keller Editore)
© Keller Editore

„Gott ist nicht schüchtern“ war der aktuelle Buchtitel, der im Mittelpunkt eines Treffens der Lesegruppe des Goethe-Instituts Mailand stand.

Von Giovanni Giusti

Ich kann mich nicht erinnern, jemals an einem Leseclub teilgenommen zu haben, und wenn, dann sicher nicht vor einem Computer, verdammter Virus. Während die Telefonkonferenzsoftware die Verbindung herstellt, gehe ich meine gedankliche Zusammenfassung des Buches durch. Gott ist nicht schüchtern von Olga Grjasnowa, gerade in Italien beim Verlag Keller erschienen, erzählt das parallele Leben, oder fast, von Amal und Hammoudi, zwei jungen Syrern, die in die Revolution gegen Diktator Assad hineingezogen werden.

EINE Komplizierte Spirale

Amal ist eine aufstrebende Fernsehschauspielerin, die in ihrem Heimatland bereits recht bekannt ist. Sie lebt ihr Leben, das man als "westlich" bezeichnen kann, zwischen Liebe, Arbeit und Partys, in einem sehr mondänen Damaskus und findet sich aus einer Laune heraus, aus Langeweile oder, wer weiß, aus einem echten inneren Bedürfnis heraus, inmitten der Proteste wieder und erleidet schreckliche Konsequenzen. Hammoudi lebt mit seiner französischen Freundin in Paris. Er ist ein Arzt, der kurz vor einer Anstellung in einem wichtigen Krankenhaus steht. Sein syrischer Pass ist abgelaufen und er muss, so denkt er kurz, in seine Heimat zurückkehren, nach Deir el-Zor im Osten des Landes, zwar in einem anderen Kontext als Amal, aber immer noch wohlhabend und auf verschiedenen Ebenen vor der Unterdrückung durch das Regime geschützt. Die Dinge geraten für die beiden Protagonisten in eine immer komplizierter werdende Spirale, die sie als Flüchtlinge nach Deutschland führt, Amal durch eine erschütternde Reise im Mittelmeer, Hammoudi auf einem nicht minder dramatischen Weg durch Europa, der sogenannten "Balkanroute".

Über die Lautsprecher des Computers werde ich von den Geschichten der beiden Syrer abgelenkt, denn die Gastgeberin, Beate Neumann vom Goethe-Institut in Mailand, zeichnet ein kurzes Porträt der Autorin Olga Grjasnowa, die in Aserbaidschan geboren wurde, aber in ihrer Wahlheimat Deutschland bekannt und geschätzt ist, wo sie im Alter von elf Jahren mit ihrer Familie als Flüchtling ankam. Dann ist es Marianna Albini, die Moderatorin des Abends, die die Diskussion leitet, die vor der unscharfen Grenze zwischen Zeugnis und Fiktion warnt, vor der Balance, die zwischen Geschichte mit großem "s" und den Geschichten der Protagonisten, die ihre Entwicklung signalisieren. Es sind Charaktere, die fast zufällig aus der Menge genommen werden und, zumindest am Anfang, sicherlich nicht zwei Kämpfer sind.

DIe EMOtion der ERZÄHLUNG

Trotz der Entfernung funktioniert die Online-Gruppe und als Marianna das Wort ergreift, merken wir sofort, dass der Roman alle beeindruckt hat. Und wir schaffen es, die Neugier der wenigen Personen zu wecken, die es nicht gelesen haben, auch wenn wir in der Hitze der Diskussion ein paar Details zu viel preisgeben. Auch wir betonen sofort die Verwandlung von Amal und Hammoudi in Menschen, die zur Empathie und zu großen Gesten der Liebe und des Heldentums fähig sind, ja, vielleicht sogar gegen sich selbst. Die uns durch die Emotionen, die durch die Geschichte geweckt werden, Situationen voll und ganz verstehen lassen, die uns normalerweise, trotz des Bombardements der Medien, gleichgültig oder fast gleichgültig gelassen hätten. Die Zeit vergeht schnell, aber wir haben genug davon, um den Stil der Autorin zu bemerken, der sehr lebendig ist, mit ständigen Verweisen auf Geschmäcker und Gerüche. Wir haben auch genug, um uns an den zu erinnern, der vor mehr als zwanzig Jahren in Syrien war und den Roman als "ein Schlag ins Herz" bezeichnet. Und genug, dass Beate die Bedeutung des Titels "Gott ist nicht scheu" erklären kann, ein Zitat aus dem Koran, das vom Regime verzerrt wurde, um es der absoluten Macht von Assad anzupassen. 

Ein perfektes Buch also? Vielleicht nicht ganz. Das Ende hinterließ einige Zweifel, ein bisschen überstürzt nach Meinung einiger, anscheinend nicht so gut entwickelt wie die anderen Teile des Buches. Aber vielleicht zählt auch bei einem Roman nur die Reise, und das Ende kann ein einfaches Beiwerk sein.
 

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