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Vertrauen in die Wissenschaften
Von Unsicherheiten und zaghafter Resthoffnung

Demonstrationsteilnehmer*innen von Scientists for Future halten einen Banner hoch.
Teilnehmer*innen von Scientists for Future veranstalten eine Schweigedemonstration fürs Klima. | Foto (Detail): POP-EYE/Stefan Mueller © picture alliance

Gibt es objektive Fakten und helfen die uns bei der Bekämpfung des Klimawandels? Zwei Mitglieder der „Scientists for Future“ erzählen vom Umgang der Gesellschaft mit Wissenschaftler*innen und warum die nur ungern Handlungsempfehlungen geben.

Von Natascha Holstein

Frau Bühler, Herr Landschoff, würden Sie sagen, dass das Vertrauen in die Wissenschaften, insbesondere im Klimadiskurs, in den letzten Jahren gesunken ist?

Janica Bühler: Ich hatte gerade in den letzten Jahren das Gefühl, dass das Vertrauen in die Wissenschaften eher gestiegen ist. Während der Corona-Pandemie ist beispielsweise der Podcast von Prof. Dr. Drosten relativ erfolgreich und viele befassen sich damit. Der Klimadiskurs ist während der Pandemie ein bisschen in den Hintergrund geraten, zuvor hatte ich das Gefühl, dass mich vermehrt Bekannte gebeten haben, ihnen die Zusammenhänge zu erklären. Andererseits hat es sich natürlich auch in die andere Richtung extremer entwickelt. Es gibt Leute, die der Meinung sind, Wissenschaftler*innen erzählen nur Quatsch. Insgesamt bleibt jedoch das Gefühl, dass es eine größere Masse gibt, die Vertrauen in die Wissenschaft hat und eher wenige, aber leider sehr laute, Stimmen, die dem widersprechen. 

Jöran Landschoff: Dem würde ich mich auch anschließen. Ehrlich gesagt ist die Wissenschaft schon seit der Wende zum 20. Jahrhundert in einer Krise. Davor glaubte man, die Wissenschaft sei etwas grundlegend Positives. Die Frage nach einem Missbrauch stellte sich gar nicht. Aber spätestens mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts wurde klar, wie gefährlich Wissenschaft sein kann. Das Nazi-Regime wird auch als Perversion von aufklärerischer Wissenschaft gesehen: Wissenschaftler*innen und Ärzt*innen haben im Namen der Wissenschaft Menschenversuche gemacht und Rassismus begründet. Dann wurde die Atombombe entwickelt. Das alles sind Dinge, die das Vertrauen in die Wissenschaft aus gutem Grund erschüttert haben. 

Im postfaktischen Zeitalter – gibt es überhaupt wissenschaftliche Fakten?

Jöran Landschoff: Genau um diese Frage dreht sich die genannte Erschütterung. Vielleicht ein Beispiel: Wir haben heute große gesellschaftliche Debatten um Gender, Rassismus, aber auch um Wahrheit. Da gibt es wahnsinnig viele Argumente und Untersuchungen aus unterschiedlichsten Perspektiven. Mit denselben Daten können unterschiedliche Aussagen getroffen werden. Das hat die Wissenschaft vor knapp 100 Jahren erkannt und sich mit dieser Reflexion gewissermaßen selbst einen Strick gedreht. Daher kommt das Postfaktische. Aber wir haben natürlich Prüfsysteme. Unsere akademische Welt beruht darauf, dass wir gegenseitig lesen, was wir schreiben und unsere Argumentation offenlegen, genau damit Menschen das kritisieren können.

Dass die Ergebnisse nur unter bestimmten Annahmen wahrscheinlich sind, bedeutet aber nicht, dass sie falsch sind.

Janica Bühler

Janica Bühler: Es gibt mehrere Arten von sogenannten Fakten. Zum einen ist da der harte, mathematische “Fakt“, bei dem sich irgendwann mal auf bestimmte Axiome geeinigt wurde, und davon ausgehend weitere Fakten beweist. Das ist dann das typische  „2+2=4“. Sobald man aber in eine Spezialisierung oder Anwendung geht, gibt es so viele Annahmen, die wir treffen müssen oder wir sind mit Unsicherheiten konfrontiert. Das sind keine harten Fakten mehr und man muss bei der Interpretation der Ergebnisse immer die Annahmen und Unsicherheiten mit einbeziehen. Genau deswegen nutzen wir in den Naturwissenschaften unter anderem viel Statistik und Fehlerrechnung, in den Studien stehen Wahrscheinlichkeitslevel und Fehlerbalken. Dass die Ergebnisse nur unter bestimmten Annahmen wahrscheinlich sind, bedeutet aber nicht, dass sie falsch sind.  

Was müsste in Gesellschaft, Medien, Politik und auch von Seiten der wissenschaftlichen Vertreter*innen selbst geschehen, um die Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu fördern?

Janica Bühler: Es klingt etwas abgedroschen, aber es muss einfach jede*r lernen, wie man mit solchen Daten umgeht. Nachdem ich aus der Quantenphysik kam, musste ich lernen, wie ich Klimadaten interpretiere. Ich würde es sehr begrüßen, wenn in Schulen (mehr) Statistik unterrichtet wird. Ohne Grundkenntnisse davon kann man wirklich leicht übers Ohr gehauen werden. Außerdem müssen die Prozesse in den Wissenschaften auch transparenter sein. Wir machen hier Fortschritte: Der Podcast von Prof. Dr. Drosten hat auch viele Unsicherheiten aufgegriffen und erklärt, die in jeder Naturwissenschaft ganz normal und wichtig sind, und bestimmt auch deshalb so viele Follower gehabt.

Jöran Landschoff: Ja, genau dieser transparente Umgang mit Unsicherheiten ist wichtig und wird möglicherweise sogar mit mehr Vertrauen aus der Bevölkerung belohnt. In den Wissenschaften selbst würde ich dafür plädieren, dass wir unsere Forschungen selbst mehr an die Grenzen pushen und schauen: In welchen Situationen gelten die Ergebnisse und in welchen nicht mehr? In Medien und Politik muss offener kommuniziert werden, was „wissenschaftlich bewiesen“ heißt. Das heißt nicht, das stimmt und kann nie widerrufen werden. 

Ist es aufgrund der Dringlichkeit vielleicht gerade im Klimadiskurs wichtig, wissenschaftlichen Erkenntnissen zuzuhören und sie zu verstehen? Kann nur so ein Wandel vor sich gehen?

Jöran Landschoff: Ganz einfach könnte man die Frage mit „Ja“ beantworten. Aber wir wären ja keine Wissenschaftler*innen, wenn wir das so einfach könnten. Menschen ändern aufgrund von Grafiken über Temperaturen nicht ihr Verhalten. Viele glauben weiterhin, dass ein Wissensmangel bestehen würde, aber das Wissen ist für fast jede*n zugänglich. Es muss nur daraus abgeleitet werden, was nun zu tun ist. Und das kann die Wissenschaft gar nicht leisten. Natürlich wissen wir, dass wir Emissionen reduzieren müssen, und zum Beispiel möglichst kein Fleisch mehr konsumieren sollten. Aber jede Veränderung birgt Folgeprobleme, und dann wird die Sache schnell sehr komplex.

Die Schwierigkeit liegt darin, die Erkenntnisse aller Wissenschaften zusammenzubringen.

Jöran Landschoff

Janica Bühler: Für den speziellen Fall der Klimaforschung wissen wir auch schon sehr lange, dass mehr Treibhausgase in der Atmosphäre zu einer Erwärmung führt, dass der Anstieg menschengemacht ist und auch dass die Folgen verheerend sein können. Deswegen kann man eben auch nicht ausschließlich beim Zuhören bleiben und sich in Details der Forschung verlieren, sondern muss auch handeln und dabei verschiedene Konsequenzen abwägen. Auch wenn ich die Frage prinzipiell auch immer mit ja beantworten würde. 

Scientists for Future äußert sich zu direkten Handlungsempfehlungen und unterstützt auch einige. Welche Rolle spielt die Initiative im Klimadiskurs, und welche sollte sie spielen? 

Janica Bühler: Wir sind Teil der großen Klimaaktivismus-Szene in Deutschland. Wir sehen uns als Kommunikator zwischen den verschiedenen Gruppen. Die Aktivist*innen von Fridays for Future haben in den letzten Jahren viel bewegt. Unsere Aufgabe ist eher unterstützend. Wir untermauern die Streiks wissenschaftlich. Dennoch muss man aufpassen: Wir sind nicht alle Klimawissenschaftler*innen und selbst die sind sehr spezialisiert, wie ich beispielswiese. Auch wir sind als Einzelpersonen keine Expert*innen für alles was im Klimasystem passiert. Meine persönliche Meinung ist daher in Bezug auf manche Themen inhaltlich nicht besser begründet, als die eines*r gut informierten Politikers, Politikerin oder auch Bürger*in. Deshalb legen wir Wert darauf, dass in unserem Netzwerk die verschiedensten wissenschaftlichen Richtungen präsent sind.  

Jöran Landschoff: Daraus hat sich auch entwickelt, dass wir aktiv Bildungsarbeit machen. Wir als Regionalgruppe Heidelberg haben eine Expert*innenliste mit Redner*innen, die wir auf Anfrage rausgeben, wir wollen selbst gerne direkt an die Schulen gehen und Schüler*innen informieren. Auch in der akademischen Welt selbst wollen wir Aufmerksamkeit für den Klimawandel wecken. Dadurch verlassen wir die Rolle von klassischen Wissenschaftler*innen. Damit gehen wir jedoch offen um. 

Die Corona-Krise hat vieles auf den Kopf gestellt. Einerseits sinken die Emissionen leicht, andererseits erhöht sich der Verbrauch von Einwegmasken, Plastikhandschuhen, usw. Wie glauben Sie werden wir aus der Krise hervorgehen, sind Sie vorsichtig optimistisch oder eher pessimistisch in Bezug auf die Entwicklungen zur Eindämmung des Klimawandels?

Jöran Landschoff: Ich bin tatsächlich immer eher pessimistisch. Trotz Bewegungen innerhalb der Gesellschaft hat sich gezeigt, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft doch recht rigide Systeme sind. Es wird auf Altbewährtes zurückgegriffen – auch wenn es sich gar nicht wirklich bewährt hat. Wir haben zum Beispiel natürlich ein großes Konsumproblem. Und die Antwort darauf soll dann sein, dass wir das Wirtschaftswachstum immer weiter steigern müssen? Zudem ist kein großes Interesse zu erkennen, für umweltfreundliche Produktion von Gütern und regionale Lieferketten zu sorgen. Ich glaube symptomatisch für die Problemlage war für mich der Umgang mit den Großschlachtereien im Sommer. 

Da wird eine soziale wie ökologische Katastrophe für alle sichtbar – und geändert hat sich praktisch nichts.

Jöran Landschoff

Janica Bühler: Ich denke, man muss das getrennt betrachten. Dieses Jahr hat gezeigt, dass so viel Konsum vielleicht doch nicht glücklich macht. Bei vielen ging die Pandemie an die Existenz. Wir mussten merken, dass uns vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen fehlen und nicht der Konsum. 

Andere Entwicklungen haben mich zuvor auch positiv gestimmt: beispielsweise das Ozonloch. Bei der ersten Konferenz dazu wurden noch absolut unzureichende Maßnahmen beschlossen. Inzwischen ist es selbstverständlich, kein FCKW mehr auszustoßen. Klar, der Klimawandel ist politisch gesehen deutlich komplexer, aber hier verändert sich einiges. Auch bei der Energiewende gibt es positive Entwicklungen. Investor*innen liegt vielleicht nicht viel an Nachhaltigkeit, aber sogar hier sieht man, dass sie stetig weniger Unternehmen finanzieren, die kein realistisches Risikomanagement haben und den Klimawandel nicht berücksichtigen. Es ist noch viel zu langsam, aber diese Entwicklungen sind da. 

Jöran Landschoff: Stimmt, und hätte ich trotz allem keine Resthoffnung, dann wäre ich nicht Mitglied der Scientists for Future. 
 

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