Axel Schildt Die Städtepartnerschaft Hamburg-Leningrad (St. Petersburg)

Hamburg
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Der Hamburger Erste Bürgermeister Olaf Scholz ist gerade, vor einem Monat, in St. Petersburg gewesen und hat dort betont: „Hamburg und St. Petersburg sind Partnerstädte und Partnerhäfen“. 2017 jährt sich diese Städtepartnerschaft zum 60. Mal. Zum 50jährigen Jubiläum 1997 ist in Hamburg – in der Nähe der Messe – eine St. Petersburger Straße eingeweiht worden, in St. Petersburg ein Hamburger Platz. Ich bin gespannt, welche Akte wir diesbezüglich 2017 erleben werden. Jedenfalls handelt es sich um eine Städtepart­nerschaft, die in schwierigen Zeiten entstanden ist und sich auch in der jetzigen nicht unkomplizierten politischen Situation hoffentlich bewähren wird.

Meine folgenden Ausführungen basieren auf zwei Aufsätzen: Eine Skizze der Städtepartnerschaft Hamburg-Leningrad hat mein Kollege Frank Bajohr in einem Band geliefert, der den Titel „19 Tage Ham­burg“ trägt und von meinem Institut, der FZH, 2012 herausgegeben worden ist, einen Beitrag zum Jugendaustausch zwischen Hamburg und Leningrad 1959–1991 habe ich im gleichen Jahr in der Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte publiziert. Mehr gibt es dazu aus geschichtswissenschaftlicher Sicht nicht; es handelt sich also nicht gerade um ein gut beackertes Forschungsfeld.
 
Ich werde mich als Historiker auf die ersten drei Jahrzehnte der Städtepartnerschaft beziehen; der Schlussstrich im Jahr 1991, also mit dem Ende der sowjetischen Zeit, ergibt sich daraus, dass danach die gemeinsam ausgehandelten Maßnahmen für den Jugendaus­tausch, auf den ich mich vor allem konzentrieren möchte, endeten.
 
Zunächst zu den Anfängen: Die Vereinbarung einer Städtepartner­schaft zwischen Hamburg und Leningrad war keineswegs selbst­ver­ständlich gewesen. Vor 60 Jahren, genauer: am 27. März 1957, wehte die rote Fahne der Sowjetunion mit Hammer und Sichel über dem Eingang des Hamburger Rathauses. Wer nicht in der Zeitung gelesen oder im Radio gehört hatte, dass sich der sowjetische Botschafter in der Bundesrepublik, Andrej Andrejewitsch Smirnow, in der Hanse­stadt aufhielt, staunte vermutlich. Einige Monate zuvor war die Kommunistische Partei, die KPD verboten worden, man befand sich in der Hochzeit des Kalten Krieges. Die Zoffjets, wie der Bundeskanz­ler sie aussprach, der Russe, der Iwan, wie es in der Bevölkerung meist hieß, fungierte als Schreckensbild, das auch im innenpolitischen Kampf Verwendung fand: Auf Plakaten der CDU/CSU zur Bundestags­wahl hieß es in Anspielung auf die SPD: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“.
 
Wenn man nun noch hinzufügt, dass die Geste der Flaggenhissung vom hamburgischen Senat veranlasst worden war, der bis zum Herbst des Jahres 1957 noch von der CDU, der FDP und der national- und rechtskonservativen Deutschen Partei gestellt wurde, steigert das insofern wohl die Irritation.
 
Die Bundesrepublik hatte zwar 1955 diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion aufgenommen, aber sehr bald – mit der Niederschla­gung der Aufstandsbewegung in Ungarn ein Jahr später – verschlech­terten sich die Beziehungen wieder beträchtlich. Die Bonner Regie­rung, die parteipolitisch genauso zusammengesetzt war wie der Hamburger Senat, gab die Anweisung aus, die Beziehungen zur Sowjetunion auf einem niedrigen Level zu halten, die Russen, wie es ein ranghoher Vertreter des Auswärtigen Amtes dem Hamburger Senatssyndikus (so hießen früher die Staatsräte) Dr. Wilhelm Drexelius gegenüber ausdrückte, „gesellschaftlich in jeder Beziehung kurz zu halten“. Als Smirnows Vorgänger Sorin 1956 eigens nach Ham­burg gereist war, um ein Gastspiel des Leningrader Symphonie­or­chesters zu besuchen, war er im Rathaus nicht empfangen worden. Aber ein Jahr später war die hamburgische Politik nicht mehr bereit, den Bonner Direktiven, im Kalten Krieg Kurs zu halten, zu folgen.

Der Besuch von Smirnow leitete die künftige Städtepartnerschaft ein, überbrachte er doch eine offizielle Einladung des Leningrader Stadt-Sowjets an den Senat, um, wie es im Einladungsschreiben hieß, „einen wichtigen Beitrag für die weitere Verbesserung der Bezie­hun­gen zwischen unseren Ländern (zu) leisten.“ Das Auswärtige Amt in Bonn versuchte wiederum zu intervenieren und betonte, dass man von einem solchen Besuch nichts halte. Die Hamburger Antwort war selbstbewusst: Man werde sich von Bonner Einmischungen nicht abhalten lassen, der eigenen politischen Linie zu folgen. Zeithistoriker sprechen in diesem Zusammenhang von einer spezifischen „Hambur­ger Außenpolitik“, der sogenannten Politik der Elbe. Nüchtern betrach­tet folgte die Hansestadt damit ihren ureigenen ökonomi­schen Interessen. Durch den Eisernen Vorhang quer durch Europa war der Hamburger Hafen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von seinem östlichen und ostmitteleuropäischen Hinterland abge­trennt und damit in seiner Existenz bedroht worden. Eine Verbes­serung der Beziehungen zur Sowjetunion sollte zum einen allgemein einer wirtschaftsförderlichen politischen Entspannung zwischen den Blöcken dienen, zum anderen auch den Handel mit der Sowjetunion direkt fördern; 1931, mitten in der Weltwirtschaftskrise, waren im Hamburger Hafen im Güterverkehr mit der UdSSR immerhin noch 1,5 Millionen Tonnen ungeschlagen worden, 1955 war es nur noch ein Bruchteil, fünf Prozent, davon, 75.000 Tonnen. dieser Linie folgten die Stadtregierungen ohne Unterschied, ob sozialdemokratisch wie 1950 bis 1953, bürgerlich (CDU/FDP/Deutsche Partei) wie 1953 bis 1957 oder sozialliberal (SPD-FDP) wie 1957–1961. Vor diesem Hintergrund führte der parteilose Hamburger Hafensenator Ernst Plate intensive Gespräche mit der sowjetischen Reeder- und Schiffsmaklerorganisation Sovfracht, um diese zur Einrichtung einer Handelsniederlassung im Hamburger Hafen zu bewegen, wie sie etwa Polen oder die CSSR bereits unterhielten. Mit Polen intensivierte sich die Hafenkooperation, die u.a. zum Ausbau polnischer Liniendienste in Hamburg und zur Teilnahme Hamburger Firmen an der Posener Messe führte. Als Bundesratspräsident schlug Sieveking die Aufnah­me diplomatischer Beziehungen zu Polen vor und deutete sogar die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Staatsgrenze an. Die diploma­tischen Bemühungen galten auch der CSSR, die einen eigenen Platz im Hamburger Hafen besaß; Hamburger Firmen beteiligten sich an der Messe in Brünn, Senatsvertreter führten direkte Handelsge­sprä­che in Prag. Mitte der 1950er Jahre verhandelte der Verein Hambur­ger Spediteure auch mit der staatlichen Außenhandelsorganisation der DDR, der Deutrans, über die Erweiterung der Handels- und Verkehrsbeziehungen als bedeutendem Schritt zur deutschen Wiedervereinigung und Befriedung Europas. Hamburg sollte wieder das „Tor zur Welt in einem geeinten Deutschland“ werden. Vor allem ging es den hamburgischen Verantwortlichen darum, der DDR den Bau eines Überseehafens in Rostock auszureden, mit dem 1957 begonnen wurde.
 
Vor diesem Hintergrund und als Teil einer außenpolitischen Gesamt­strategie schlug Bürgermeister Kurt Sieveking in der Hamburgischen Bürgerschaft auch die Eröffnung eines sowjetischen Generalkonsulats in der Hansestadt vor. Allerdings wussten die Hamburger Politiker, dass sie letztlich auf die bestimmenden Bonner Verhandlungsführer für die Osthandelspolitik angewiesen waren, konnte die Hansestadt doch als Bundesland und Stadtstaat keine bilateralen Verträge mit der Sowjetunion abschließen. Aber mit beträchtlichem Selbstbe­wusst­sein testete Hamburg die darunter existierenden Freiräume aus, und eine Städtepartnerschaft als Türöffner für spätere engere Verbindungen lag immerhin im Bereich des politisch Möglichen. Dass Bundeskanzler Konrad Adenauer seinem Parteikollegen und Erstem Bürgermeister Sieveking in einem wütenden Protestschreiben vor­warf, mit der Annahme der Einladung nach Leningrad die deutsche Außenpolitik torpediert zu haben, zeigt deutlich, dass ihm klar war, es hier nicht nur mit einer freundlichen Begegnung von deutscher und russischer Stadt zu tun zu haben.
 
An dieser Stelle wäre es reizvoll, einige Ausführungen über das mise­rable Ansehen des liberalen Hamburger Landesverbandes der CDU in der Bundesorganisation und speziell bei Konrad Adenauer zu berich­ten. Das muss ich mir aus Zeitgründen verkneifen. Nur so viel: Mehr als einmal tobte Adenauer im Bundesvorstand der CDU gegen die unbotmäßigen liberalen Abweichler aus der Hansestadt, etwa gegen den Bundestagsabgeordneten Gerd Bucerius, enger Freund von Sieveking, der 1962 dann auch aus der CDU austrat. Der unbändige Bonner Hass gegen die „Hamburger Kumpanei“ von SPIEGEL, STERN und ZEIT, der sich im Jahr 1962 in der Polizeiaktion gegen den SPIEGEL wegen eines vermeintlichen „Abgrundes von Landesverrat“ entlud, wurzelte auch in den Kontroversen zwischen Bonn und Hamburg in den 1950er Jahren.
 
Nach dem Ausbruch von Adenauer gegen den Besuch an der Newa 1957 sagte der Erste Bürgermeister Sieveking, zumal er gerade tur­nus­mäßig als Präsident des Bundesrates amtierte, seine persönliche Teilnahme ab und versicherte zudem dem deutschen Botschafter in Moskau, Wilhelm Haas, dass der Besuch „rein auf kommunikativer Basis“ gehalten sei. Als dann die Hamburger Delegation, darunter die Senatoren Ernst Plate (Hafen) und Hans-Harder Biermann-Rathjen (FDP, zuständig für Kultur) Ende Juni 1957 in Leningrad zu Besuch waren, hielt sich die sowjetische Seite sehr korrekt an den ausge­han­delten kommunalen Charakter der Begegnung. Festessen wechselten ab mit Konzertbesuchen und Museumsbesichtigungen. Hafensenator Plate betonte auf Nachfragen der Medien immer wieder: „Hamburg sei bereit, mit den Russen zu sprechen.“ Allerdings griff er dabei nicht die Anregung des Auswärtigen Amtes auf, zu bekunden, dass „wir Deutsche“ Angst vor den Russen hätten. Die politische Korrektheit der sowjetischen Seite wiederum ging soweit, jede geschichtspoli­ti­sche Anmerkung zu unterlassen. Im Gegenteil: Als Plate in einer Tischrede auf die Leiden Leningrads im Zweiten Weltkrieg zu spre­chen kam, wiegelte der stellvertretende Bürgermeister Wassilij S. Tolstikow mit der Bemerkung ab: „Das war einmal, das ist vorbei.“ Nicht einmal eine vage Andeutung an das deutsche Millionenver­bre­chen der Aushungerung von Leningrad – der Blokada – sollte vorkom­men, der gesamte Besuch sollte vollständig unpolitisch gestaltet wer­den, um in Wirklichkeit einen kühnen diplomatischen Coup zu landen – das war die zunächst informelle Vereinbarung einer Städtepart­ner­schaft, die offiziell als Städtefreundschaft firmierte. Der Vertrag wur­de nicht schriftlich, nicht mit Dokumenten besiegelt, war ohne Unter­schriften und Stempel. Am Anfang der Abmachung stand ein einfa­cher Handschlag. Beim Gegenbesuch einer sowjetischen Delegation in Hamburg im Oktober 1957 zitierte der Hamburger Erste Bürger­meister Sieveking beim Empfang ein russisches Sprichwort: „Nun gilt es die Augen der Furcht in die des Verstehens und des Verständnisses zu verwandeln.“
 
Die Städtepartnerschaft der Hafenstädte an der Elbe und der dreimal so großen an der Newa war zum einen die erste Städtepartnerschaft einer westdeutschen mit einer sowjetischen Stadt, zum zweiten war es die erste Städtepartnerschaft überhaupt, die Hamburg vereinbar­te. 1958 folgte die Partnerschaft mit der französischen Hafenstadt Marseille – ein Symbol für den Willen zur Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern im Osten wie im Westen. Wie schon er­wähnt: Es gab bei dieser Politik politischer Verständigung im Inter­esse von Wirtschafts- und Handelspolitik eine einhellige Meinung in Hamburg über alle politischen Lager hinweg. Die sozialdemokrati­schen Senate setzten die vom sogenannten Bürgerblock eingeleitete Sonder­­politik, die Politik der Elbe fort. 1963 reiste der Erste Bürger­mei­ster Paul Nevermann auf dem Schiffsweg, mit der „Wappen von Hamburg“, nach Leningrad, 1964 folgte die russische Seite einer Einladung zum Hamburger Hafenjubiläum; auch der neue Erste Bürgermeister Herbert Weichmann stattete der Stadt an der Newa 1966 einen Besuch ab. Seither intensivierte sich die Reisetätigkeit kontinuierlich. Viele Senatoren, Universitätsvertreter, Sportfunk­tio­näre und Sportler kamen nach Leningrad – letztere etwa zur Sparta­kiade 1969 – und erhielten Gegenbesuche.
 
Die Ausgestaltung der Städtepartnerschaft in der Zeit bis zum Ende der Sowjetunion, über die ich im zweiten Teil meines Vortrags berich­ten möchte, kann als Diplomatie auf unterer Ebene, als Außenpolitik von unten, und zugleich als innenpolitischer Kampf auf deutscher Seite betrachtet werden, in dem sich die allgemeinen gesellschaft­li­chen Veränderungen jeweils ausdrückten. Als Beispiel habe ich den Jugendaustausch herausgegriffen – auch deshalb, weil sich die Akten des Landesjugendrings im Archiv unseres Instituts befinden, so dass sich ein sehr detailliertes Bild zeichnen lässt – für diesen Vortrag allerdings doch nur skizzenhaft. Vom 24. August bis zum 2. Septem­ber 1960 war zum ersten Mal eine dreiköpfige Delegation des Leningrader Komsomol (KMO) in Hamburg, ein Gegenbesuch erfolgte im Juni 1961, also zwei Monate vor dem Bau der Berliner Mauer. Die diskursiven Strategien des Kalten Krieges wurden rasch deutlich: Von deutscher Seite wurde die Unfreiheit in der ostdeutschen Diktatur ange­sprochen, die sowjetischen Jugendfunktionäre thematisierten die Gefährdung des Weltfriedens durch den westlichen Imperialismus und das Wiederaufleben des Militarismus, Faschismus, Nazismus und Revanchismus in der Bundesrepublik. Das entsprach der üblichen Auseinandersetzung zwischen westlichem Freiheits- und östlichem Friedensdiskurs. Gemeinsam betonte man allerdings den Wert des Gesprächs, um den anderen zu verstehen, und fragte man nach Möglichkeiten, die „Völkerfreundschaft“ zu fördern. Wer war „man“, wer waren die Akteure auf Hamburger Seite? An erster Stelle ist Gerhard Weber zu nennen. Pastor, Leiter des CVJM in Hamburg, Mitglied der FDP und langjähriger Abgeordneter der Bürgerschaft und 1960 stellvertretender Vorsitzender des Hamburger Landesju­gend­rings, des Zusammenschlusses der Jugendorganisationen der Hansestadt. Ohne Gerhard Webers jahrzehntelanges Engagement hätte der Jugendaustausch die politischen Krisen des Kalten Krieges nicht überlebt. Als im August 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, lehnte es der Hamburger Landesjugendring ab, den für den Oktober avisierten Besuch in Leningrad durchzuführen, aber schon ein Jahr später reiste eine 17-köpfige russische Delegation wieder nach Ham­burg. Vor allem der Bund Deutscher Katholischer Jugend protestierte vehement dagegen und forderte – mit einigem Presseecho – die sofortige Abreise der Gäste. Die dabei verwandten Argumente geben Einblick in das Denken der nachgerade fanatischen Streiter des Kalten Krieges auf westlicher Seite. Der Referent für politische Bildungs­ar­beit in der Hauptstelle des BDKJ, Jürgen Wahl, schrieb, es sei nur dem Veto der katholischen Vertreter zu verdanken, „daß der Bundesju­gend­ring trotz der erdrückenden sozialistischen oder arglos reiselustigen Mehrheit nicht längst an die Moskwa fuhr“; in Hamburg dagegen habe man die „katholischen Jugendführer niedergestimmt“, und der HJR-Vorsitzende Gerhard Weber scheine den „Ehrgeiz zu haben, das Verhalten westeuropäischer Nürnberg-Pilger in der Zeit der großen Vorkriegstreffen der HJ noch zu übertrumpfen.“ Die „Kontaktfraktion" in Hamburg sei entweder nur naiv – dann habe sie das Recht auf die Durchführung politischer Bildungsmaßnahmen verloren –, oder sie handele bewusst; dann, so hieß es drohend, verdiene sie noch mehr Aufmerksamkeit. Tatsächlich wurde der liberale Gerhard Weber sozusagen in Permanenz vom Landesamt für Verfassungsschutz als potentieller Staatsfeind observiert. 1962 erreichte er im Hamburger Landesjugendring bei der Abstimmung über die Fortführung des Jugendaustausches noch 57 gegen 4 Stimmen bei 18 Enthaltungen. Aber ein Jahr später gelang es der Opposition, ihn als Stellvertretenden Vorsitzenden für einige Monate abzuwählen, weil er mit einer Gruppe des Christlichen Vereins junger Männer (CVJM) auf Einladung der FDJ nach Rostock gefahren war.

Die allmählich beginnende Entspannungspolitik beförderte aber insgesamt den Jugendaustausch mit Leningrad. Die gegenseitigen Besuchergruppen wurden immer zahlreicher, die Möglichkeiten zur Diskussion wurden immer großzügiger eingeräumt, nicht zuletzt wurde die Aufnahme in Familien auf beiden Seiten seit den 1970er Jahren organisiert. Die durchaus kontroversen Gespräche über politische Themen, das touristische Besichtigungsprogramm und die Möglichkeiten der Kommunikation im privaten Raum trugen zum wachsenden Interesse von Jugendlichen auf beiden Seiten bei (auch auf sowjetischer Seite waren seit den Jahren der Entspannungspolitik der 1970er Jahren zunehmend nicht mehr nur Funktionäre beteiligt), der Jugendaustausch wurde zur Selbstverständlichkeit, die Delegatio­nen waren sehr groß, umfassten Dutzende von Jugendlichen. 1975 wurden Verhandlungen aufgenommen, um die Kontakte zu intensi­vie­ren und über die jährlichen Besuche hinaus Aktivitäten zu verabre­den: zwischen Schulen und Universitäten, auf dem Gebiet der beruf­lich-technischen Bildung, von Jugendgruppen, Gewerkschaftsgruppen und Mitarbeitern der Feuerwehr usw. Der bisherige Jugendaustausch wurde immer mehr zu einem Teil eines größeren Kooperationsnetzes zwischen den beiden Städten.
 
Ich hatte eben von durchaus kontroversen Gesprächen gesprochen. Dies bezieht sich vor allem auf das letzte Jahrzehnt des Austausches zwischen Hamburger Landesjugendring und Leningrader Komsomol. In der erneuten Vereisung nach der sowjetischen Intervention in Afghanistan (damals rüsteten die USA die Taliban mit Flugabwehrra­keten aus) ging es etwa um den Boykott der Olympischen Spiele von Moskau 1980, immer wieder um die Meinungsfreiheit in der Sowjet­union (Stichwort Dissidenten) und vor allem um die Atomkraftwerke (die Katastrophe von Tschernobyl war dann ja der Beweis für deren Gefährlichkeit). Die russischen Jugendlichen wiederum wunderten sich über den Feminismus der neuen Frauenbewegung in der Bundes­republik und andere Phänomene, etwa antiautoritäre Tendenzen in der Schulpädagogik, die als bedenkliche Lockerung der Sitten ange­sehen wurden. Man darf konstatieren: Es gab in den gegenseitigen Gesprächen kein Tabu mehr, das zu beachten war, kein Thema, das ausgeklammert werden sollte. Die Wirkung solcher Gespräche lässt sich natürlich nicht messen, aber sie ist wohl nicht zu unterschätzen.

Rückblickend kann konstatiert werden: Gegen die internationale Ver­eisung des Ost-West-Verhältnisses behauptete sich die Städtepart­ner­schaft Hamburg-Leningrad als Bollwerk guter Beziehungen. 1979 fanden Hamburger Tage in Leningrad, 1981 Leningrader Tage in Hamburg mit einem umfangreichen kulturellen Rahmenprogramm statt. Es ist dabei als moralischer Faktor oder zumindest Hintergrund in Rechnung zu stellen, dass Ende der 1970er Jahre – als Symbol gilt die Übernahme der Fernsehproduktion „Holocaust“ aus den USA, aber auch die Publikation erster Bücher über die deutschen Verbre­chen an sowjetischen Kriegsgefangenen (Christian Streit, Keine Kameraden, 1982) – die Städtepartnerschaft mit Helsinki nicht mehr nur als nützliche Politik der Entspannung für – letztlich – die Handels­interessen der Hansestadt, sondern auch als moralische Verpflich­tung, die sich aus dem deutschen Krieg im Osten ergab. Allerdings spielten geschichtspolitische Komponenten weiterhin nur eine untergeordnete Rolle.
 
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, als Glasnost und Perestroika die neuen russischen Zauberworte waren, lauteten die Fragen zur Vorbereitung für die Teilnehmer an der Reise des Hamburger Landes­jugendrings nach Leningrad: „Was tut sich bei unseren Freunden? Wird sich Gorbatschow durchsetzen können? Wie wirkt sich dies auf den Alltag aus?“ (1987)
 
In Leningrad standen 1989 auch Gespräche mit Vertretern der „Volks­front“ auf dem Programm, einer lokalen nichtkommunistischen Dach­organisation oppositioneller Gruppen, die nicht registriert, aber gedul­det war. Auch der Komsomol unterstützte energisch den demo­kratischen Transformationsprozess. Zum Befremden der Hamburger Jugendlichen ging das allerdings einher mit einer vehementen Sehn­sucht, in Russland das kapitalistische Wirtschaftssystem zu über­neh­men. So wünschte der Komsomol nun vor allem, den Kontakt zu selbständigen Unternehmern und jungen angestellten Managern in der Hansestadt herzustellen. Das Rahmenthema des letzten Komso­mol-Besuchs in Hamburg 1991 lautete: „Chancen und Probleme junger Menschen in der Marktwirtschaft“. Seit dem Frühjahr 1992 bestand auch eine Vertretung der Hamburger Handelskammer in St. Petersburg, die wirtschaftliche Beziehungen von Unternehmen in den beiden Städten unterstützt.

Man muss die oftmals illusionären Hoffnungen auf ein marktwirt­schaft­liches Paradies vor dem Hintergrund der bitteren sozialen Not sehen, die Anfang der 1990er Jahre auch in Leningrad herrschte. Als die Versorgungslage der Bevölkerung bedrohliche Ausmaße annahm, schickten Hamburger Bürger Ende 1990  mehr als 400.000 Hilfspa­ke­te in die Stadt an der Newa, der im Folgejahr 10.000 Tonnen Kartof­feln folgten. Tausende von Dankschreiben älterer Leningrader, die oftmals noch die Jahre der BLOKADA erlitten hatten, zeugten von der emotionalen Wirkung der besonderen hamburgischen Außenpolitik seit den 1950er Jahren.
 
Der bilateral von Hamburger und Leningrader Jugendverbänden orga­nisierte Besucheraustausch hatte sich mit dem Ende des Komsomol und neuen Möglichkeiten eines privaten Tourismus erledigt. Aber die politisch-kulturelle Bedeutung der Städtepartnerschaft und des über drei Jahrzehnte hinweg beharrlich durchgeführten Jugendaus­tau­sches ist als Hamburger Beitrag zur Überwindung des Freund-Feind-Denkens im Kalten Krieg sehr hoch zu bewerten. Ich bin zwar nur ein Historiker und damit ein nach rückwärts gewandter Prophet. Aber ich bin überzeugt, dass die Partnerschaft zwischen Hamburg und St. Petersburg auch die jetzige schwierige Zeit deutsch-russischer Bezie­hungen überstehen wird und vielleicht sogar etwas zu deren Abbau beitragen kann.