Im Visier des Diktiergeräts „Ein Tag des Sprechens“

Sprachanalyse
Sprachanalyse | Foto: privat

Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Sie unterhalten sich mit Freunden, ohne dabei auf Ihre Wortwahl zu achten, sprechen im Schlaf, führen lautstark Beziehungsgespräche und alles, was Sie sagen, wird von einem Diktiergerät aufgezeichnet, das … Sie um den Hals hängen haben! Genau auf diese Weise wird – ungekürzt – Material gesammelt für den Korpus mit dem Titel „Ein Tag des Sprechens“, die größte Untersuchung zur mündlichen russischen Sprache, die von Mitarbeitern der philologischen Fakultät der Sankt Petersburger Staatlichen Universität durchgeführt wird. Natalja Bogdanowa-Beglarjan, Tatjana Scherstinowa und Olga Blinowa haben erzählt, was sie zu hören bekamen, als sie anfingen, die Aufzeichnungen zu entschlüsseln.

Die Arbeiten an diesem Korpus laufen ja schon seit geraumer Zeit. Wie hat denn eigentlich alles angefangen?

TS: Ursprünglich wollten wir ein Modell der mündlichen russischen Sprache schaffen, das es ermöglichen sollte, mit einem Computer in einer verständlichen Maschinensprache zu sprechen. Prototypen unserer Untersuchung wurden zwei Korpora, die in Großbritannien und Japan entstanden sind. In Großbritannien liefen die Informanten zwischen ein und zwei Wochen mit einem Diktiergerät herum. Danach zogen Wissenschaftler die für die Untersuchung interessantesten Teile heraus, entschlüsselten sie und legten sie anschließend als Korpus vor. Die japanischen Wissenschaftler gingen methodisch etwas anders vor. Sie haben im Laufe eines Tages mehrere Personen aufgezeichnet und das Experiment dann nach einem Jahr wiederholt, um so zu verfolgen, wie sich die Sprache verändert. Wir haben beschlossen, etwas Ähnliches auf russischem Boden zu machen.

Wie wurde die Untersuchung in der Praxis durchgeführt?

TS: Die Idee bestand ja darin, mit Hilfe eines Diktiergerätes alles aufzuzeichnen, was ein Mensch im Laufe von 24 Stunden spricht. Dabei haben wir uns darum bemüht, das Experiment an jenen Tagen durchzuführen, an denen es keine besonderen Vorkommnisse gab und der normale Tagesablauf unserer Informanten gewährleistet war. Es werden alle Alltagssituationen eines Menschen aufgezeichnet: zu Hause, auf der Arbeit, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in der Poliklinik usw. Außerdem musste jeder Informant während der Aufzeichnung ein Tagebuch führen, in dem er vermerkt hat, wann er sich wo befunden und mit wem er in dem jeweiligen Moment gesprochen hat.

Nachdem wir die Audioaufzeichnungen von den Informanten erhalten haben – im Schnitt über eine Zeit von 10 bis 14 Stunden pro Person – sind wird jetzt dabei, diese anzuhören und in Episoden aufzuteilen. Für die Entschlüsselung werden nur die interessantesten Passagen verwendet.

Nach welchem Prinzip wurden die Informanten ausgewählt?

NBB: Am Anfang der Untersuchung haben wir uns die Informanten wahllos herausgefischt, also nach dem Prinzip: wer uns „ins Netz ging“, der wurde aufgezeichnet. Hauptsächlich waren das natürlich Philologiestudenten. Später erfolgte die Auswahl schon etwas gezielter; wir bemühten uns darum, zumindest Geschlecht und Alter eines Menschen zu berücksichtigen. Und inzwischen sind wir dazu übergegangen, Menschen aus verschiedenen sozialen Gruppen auszuwählen: Rentner, Angestellte, Studenten usw. Um das gesamte Sprachmaterial zu erfassen, haben wir die Zahl der Teilnehmer von 40 auf 107 Informanten erhöht. Damit wird dies eine der größten Korpora der mündlichen russischen Sprache werden.

Die Arbeit mit Informanten ist ja mitunter ein unberechenbarer Prozess. Gab es außergewöhnliche Vorkommnisse während des Experiments?

TS: Ja natürlich, das Diktiergeräte zeichnet ja alles auf, was mit dem Betreffenden an einem Tag passiert, und es kann ja alles Mögliche passieren. In unseren Materialien stoßen wir auf viele interessante Gespräche nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Tieren und verschiedenen Gegenständen: mit dem Computer, dem Fernseher, dem Auto. Normalerweise bemerken wir das selbst gar nicht, aber das Diktiergerät hält es fest. Es gab auch traurige Momente. So ging einer unserer Informanten beispielsweise an seinem „Redetag“ auf den Friedhof und sprach dort mit seinem verstorbenen Sohn.

Sie haben gesagt, dass eine der Bedingungen des Experiments darin bestand, dass die Situationen für die Menschen so natürlich und normal wie möglich sein sollten. Aber wenn man ein Diktiergerät um den Hals zu hängen hat, ist das ja keine ganz normale Situation…

TS: Das war die erste Frage, die wir uns stellten, als wir das Experiment begannen. Wie andere Forscher haben wir die Methode zunächst einmal an uns selbst ausprobiert. Am Anfang ist einem das Diktiergerät schon im Bewusstsein, dann aber rückt es im Laufe der Aufzeichnung in den Hintergrund. Im Schnitt geschieht das innerhalb von zwei Stunden, aber das ist natürlich auch eine Typfrage.

Ist es auch vorgekommen, dass sich Informanten verstellt haben?

OB: Für solche Situationen, in denen jemand sein Sprechverhalten ändert, weil ihm bewusst ist, dass er aufgezeichnet wird, gibt es den Begriff „Mikrofoneffekt“. Wir hatten Informanten, die dem Diktiergerät zugearbeitet und sich sogar direkt an uns gewandt haben. So haben zwei Mädchen beispielsweise versucht, uns zu erheitern, indem sie Witze erzählt und das entsprechend kommentiert haben: „Damit diejenigen, die uns aufzeichnen, auch mal was zum Lachen haben.“ Oft hatten die Informanten eine klare Vorstellung davon, was wir von ihnen erwarten, und versuchten mit aller Macht, diesen Erwartungen zu entsprechen. So hat jemand zum Beispiel mit Absicht ganz viel geflucht, weil er der Meinung war, dass dies seine Sprache natürlicher werden lässt.

Gab es auch Dinge, die Sie erstaunt haben?

NBB: In unserer Sprache gibt es sogenannte bedingte Sprecheinheiten. Besonders bezeichnend war hier ein Beispiel aus unserem Korpus. Es handelt sich um die Aufzeichnung von einem Fotografen, der sehr gut Russisch spricht. In dieser Aufzeichnung gibt es 48 Einheiten und davon nur 10 bedeutsame. Alles andere ist sprachlicher „Müll“. Aber auch all diese Einheiten zeichnen wir auf und analysieren sie anschließend. So kann man den eigentlichen Prozess der Spracherzeugung analysieren, also wie und warum solche bedingten Sprecheinheiten entstehen. Wir haben die Hypothese aufgestellt, dass wir damit insbesondere Hesitationspausen füllen oder einen bestimmten Sprachrhythmus erzeugen. Wir haben bereits damit begonnen, ein spezielles Wörterbuch für solche Einheiten zu erstellen.

Was geschieht dann mit den entschlüsselten Sprachfragmenten?

TS: An dem Korpus arbeitet ein ganzes Team von Forschern, die alle unterschiedliche wissenschaftliche Interessen haben. Der Korpus liefert nicht nur umfangreiches Material für Linguisten, sondern auch für Soziologen, Anthropologen und Psychologen. So war es beispielsweise für die Schaffung des Korpus schwierig, verschiedene Sprachregister zu untersuchen, weil bislang hauptsächlich Studioaufzeichnungen analysiert oder Gespräche Unbekannter in unterschiedlichen Situationen aufgezeichnet worden sind. Anhand des Materials, das unserer Korpus liefert, kann man verfolgen, wie sich die Sprache eines Menschen in verschiedenen Situationen verändert. So haben wir zum Beispiel einzigartige Aufzeichnungen von Gesprächen junger Offiziersschüler. Einer unserer Informanten bekam Probleme mit seiner Freundin. Im Zusammenhang damit trommelte er seine Freunde zusammen, für die er fürs Wochenende Ausgang beantragt hatte, damit sie ihr alle zusammen unter ihrem Fenster ein Ständchen singen konnten. Aber es kam zu einem außerordentlichen Zwischenfall und der Kommandeur verbot ihnen, sich von der Truppe zu entfernen. Für uns war in dieser Situation am interessantesten, wie unser Informant mit den verschiedenen Menschen sprach. So hat er im Gespräch mit dem Kommandeur ein vollkommen reines und korrektes Russisch gesprochen. Das zweite Sprachregister war das Gespräch mit den anderen Kameraden in der Kaserne, in dem viele Flüche und andere Attribute zwangloser Unterhaltung zu hören waren. Ein drittes Register war im Telefonat mit dem Freund zu verzeichnen, in dem wir eine Zwischenform beobachten konnten. Dabei waren alle Sprechsituationen vollkommen natürlich für den betreffenden Informanten.

Im Sommer findet eine gemeinsame Konferenz mit Kollegen aus Deutschland statt. Welchem Thema wird diese Konferenz gewidmet sein?

OB: Die Konferenz wird die Abschlussveranstaltung unseres gemeinsamen Projekts mit Wissenschaftlern von sieben deutschen Universitäten sein, das seit drei Jahren läuft. Im Rahmen dieses Projekts wurde ein ganzes wissenschaftliches Netz zur Erforschung der spontanen mündlichen Rede geschaffen. So untersuchen unsere deutschen Partner beispielsweise russische Emigranten der zweiten-dritten Generation, die Russisch als sogenannte „heritage language“ sprechen. Die Materialien aus unserem Korpus sind auch für ausländische Wissenschaftler interessant, darunter für Vergleiche zwischen der russischen Sprache der Gegenwart und der Sprache, wie sie Emigranten sprechen, die einem starken deutschen Einfluss unterliegen.

Wie wollen Sie in Zukunft mit dem Korpus arbeiten?

NBB: In naher Zukunft werden wir in unserem Korpus die Million bei der Zahl der Wortformen erreichen, aber auch die geographische Breite der Informanten erweitern und noch umfassender regionale Mundarten analysieren. Außerdem haben uns unsere deutschen Kollegen vorgeschlagen, uns mit der Erforschung der Sprache von Migranten zu befassen – sie selbst beschäftigen sich schon seit langer Zeit mit diesem Thema. Wir haben bereits die ersten Aufzeichnungen von Aserbaidshanern und Armeniern. Allerdings wird die Arbeit mit ihnen wird dadurch erschwert, dass sie die Hälfte der Zeit in ihrer Muttersprache sprechen. Wahrscheinlich wird man im Zuge weiterer Untersuchungen muttersprachliche Experten hinzuziehen müssen.