Suchbewegung „Wir ermitteln die Identität eines Menschen und schreiben ihn damit faktisch in die Geschichte“

Foto: privat
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Seit Ende des Zweiten Weltkrieges sind bereits mehr als 70 Jahre vergangen, aber noch immer gibt es – sowohl sowjetische als auch deutsche vermisste Soldaten und Offiziere, die auf den ehemaligen Schlachtfeldern geblieben sind. Alexander Suworows Worte „Der Krieg ist nicht zu Ende, so lange nicht der letzte Soldat beerdigt ist“ sind zu einer Art Devise für Menschen geworden, die ihr Leben der Suche nach diesen Verschollenen gewidmet haben. Pjotr Bussygin ist Kommandant des Suchtrupps „Auferstehung“, den es seit 2013 in der Republik Mari El gibt. Im Interview erzählt er, wie die Arbeit des Suchtrupps organisiert ist, was passiert, wenn Überreste von deutschen Soldaten gefunden werden und mit welchen Aufgaben die Suchbewegung heute konfrontiert ist.

Wie wurde die Suche nach den Kriegstoten organisiert?

Sofort nach dem Krieg wurden in verschiedenen Regionen Initiativgruppen zur Suche nach gefallenen Soldaten und Angehörigen gegründet. Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine organsierte Bewegung. Über bestimmte Expeditionen wie beispielsweise „Dolina“ („Das Tal“) des Nowgoroder Gebietes ist mehr bekannt, über andere weniger. Der Staat hat sich erst 1988 der Suche angeschlossen und in den 90er-Jahren entwickelten sich dann die Suchtrupps allmählich als nichtkommerzielle Organisationen. Im Jahr 2013 wurde diese Tätigkeit unterstützt, unter anderem vom Verteidigungsministerium: Es gab immer mehr Rechtsgrundlagen und es entstand die „Suchbewegung Russlands“, eine gesamtrussische gesellschaftliche Bewegung zum ewigen Gedenken an diejenigen, die bei der Verteidigung des Vaterlandes ihr Leben verloren haben.

Man darf nicht vergessen, dass man sich auf ausländische Erfahrungen stützen kann, wenn es um andere Freiwilligenorganisationen (ökologische, soziale) geht. Bei der Suchbewegung jedoch handelt es sich um eine beispiellose Situation, wenn man die vielen Millionen Toten in Betracht zieht, aber auch die tausenden von Quadratkilometern, auf denen die Kämpfe stattgefunden haben.

Wohin gehen die Expeditionen und wer nimmt daran teil?

Die Suchbewegung Russlands (Poiskowoje dwishenije Rossii – PDR) ist nicht nur in allen ehemaligen Kampfgebieten tätig, sondern auch in jenen Regionen, die in der einen oder anderen Weise mit dem Krieg in Berührung gekommen sind. Es gibt eine Vielzahl von Projekten, die umgesetzt werden, darunter auch in Regionen des damaligen Hinterlands. Dazu gehört auch die Suche nach verschollenen Flugzeugbesatzungen, die die im Zuge des Land-Lease-Acts gelieferten Flugzeuge überführt haben. Die Suche wurde ausgeweitet auf Gefangene und Bestattungen von Lazaretten in Gebieten, in denen keine Kämpfe stattgefunden haben. Unser Trupp arbeitet mehr im Nordwesten – in den Oblasten Leningrad, Nowgorod und Murmansk. Auch nach Zentralrussland fahren wir.

Wie ist Ihr Suchtrupp entstanden?

Der Suchtrupp „Auferstehung“ wurde 2013 geschaffen. Da es sich um einen studentischen Trupp handelt, konnte dieser nicht ohne die Beteiligung der Hochschulleitung ins Leben gerufen werden, da es viele Fragen bezüglich der Finanzierung des Trupps gab. Es geht ja nicht nur darum, einen solchen Trupp auf die Beine zu stellen, sondern dieser muss dann auch tatsächlich auf Expedition gehen. Zudem musste unter den Studenten Aufklärungsarbeit betrieben und das jeweilige Ergebnis der Expeditionen vorgelegt werden.

Aus welchen Mitteln werden die Expeditionen bestritten?

Zum Großteil aus den Mitteln der Universität und Fördermitteln für Projekte. Davon werden die notwendigen Ausrüstungen gekauft, wie Zelte, Arbeitskleidung und Lebensmittel.

Weil wir hauptsächlich unter dem Dach der historisch-philologischen Fakultät arbeiten, eignen sich die Teilnehmer der Aufklärungsprojekte bereits Fähigkeiten von Pädagogen sozialer Ausrichtung an, aus ihnen werden professionelle Historiker und Dozenten. Die Universität gibt nicht einfach so das Geld für die Projekte von Studenten aus, sondern betrachtet diese als Erfahrung, die die Ausbildung und Entwicklung ihrer Fähigkeiten fördert.

Wenn es um die Finanzierung der Bewegung insgesamt geht, dann müssen zweifelsohne die Fördermittel erwähnt werden. Viele Trupps beteiligen sich an Wettbewerben um Fördermittel des Präsidenten; viele erhalten sie vor Ort, von der Leitung der Verwaltungssubjekte, auf deren Gebiet sie hauptsächlich tätig sind. Auch das Verteidigungsministerium beteiligt sich an der Vergabe von Mitteln. Für uns besonders bedeutsam wurde das Projekt „Polargebiet: Geographie des Muts“. Wir haben die Absicht, diese Zusammenarbeit fortzusetzen, um die Mittel für die Expedition in die Oblast Murmansk aufzubringen. Einige Mittel kommen auch von der RGO (Russische Geographische Gesellschaft) sowie der RWIO (Russische militärhistorische Gesellschaft).

Womit fängt die Suche an?

In der Zwischensaison und im Winter beschäftigt sich die Aufklärungsgruppe mit dem historischen Material, zum Frühjahr hin wird der Ort ermittelt, an dem die intensivsten Kämpfe stattgefunden haben. Es wird die Logistik berechnet und eine passende Stelle für das Lager gefunden. Normalerweise begeben wir uns dann Ende April an den Ort des Geschehens und bauen dort das Lager auf. Die Expedition dauert zwei Wochen. Die Leute kommen in der Regel vorbereitet dorthin. Dann gehen wir an die eigentlichen Plätze, wo die Kämpfe stattgefunden haben und wo es Verluste gegeben haben kann. Bei der Suche zum Einsatz kommen GPS-Navigatoren, Karten, Metalldetektoren, Minensucheisen, Spaten, Messer und unbedingt Handschuhe.

In einer gut organisierten Truppe ist die Arbeit aufgeteilt. Es gibt jemanden, der sich mit Karten auskennt und die Truppe an den jeweiligen Ort führt. Andere wiederum, die in der Anthropologie zu Hause sind, kommen zum Zug, wenn die Suche erfolgreich war. Sie führen mit kriminalistischen Methoden die Exhumierung der Überreste des Soldaten aus und stellen nebenbei die Umstände seines Todes fest.

Die PDR hat inzwischen Formulare erarbeitet, die ausgefüllt werden und auf deren Grundlage wir dann mit dem Material arbeiten, das wir dann auch in der Folgezeit erhalten. Außerdem werden alle Daten in eine Gesamtdatenbank eingegeben, die das Zentrum der Suchvereinigung „Otetschestwo“ („Vaterland“) in Kasan „füttert“. Und selbst wenn es keine unmittelbaren Ergebnisse gibt, sprich, bei der gefundenen Person keine Erkennungsmarke zu finden war, dafür aber mit Namen versehene Gegenstände, dann können wir in der darauffolgenden Zeit mit dem Forschungsmaterial weiterarbeiten.

Was machen Sie, wenn Waffen oder Munition gefunden werden?

Es gibt Vordrucke, die den Umgang damit vorschreiben. Bei den Großen Gedenkwachen sind immer Mitarbeiter des Innenministeriums dabei, die diese Sachen von uns entgegennehmen und Protokolle erstellen. Auch muss bei jeder Wache ein Pionier oder ein Minenräumtrupp dabei sein, der am Ende der Wache die großen explosionsgefährdeten Elemente entsorgt.

Wie ist vorzugehen, wenn ein deutscher Soldat gefunden wird?

Wenn von den ersten Augenblicken des Auffindens des Soldaten klar ist, dass es sich um einen Soldaten der Wehrmacht handelt, übergeben wir ihn und alles bis zu diesem Moment Gefundene an die „Wojennye memorialy“ („Kriegsgedenkstätten“), eine eigens dafür bevollmächtigte Organisation, die deutsche Soldaten exhumiert und die genaueren Angaben zu ihnen ermittelt; entsprechende Fachleute gibt es in jedem Kampfgebiet. Oft kommt es jedoch vor, dass keinerlei Ausrüstungsgegenstände erhalten sind. Dann kann es sich erst am Ende der Exhumierung herausstellen, dass wir es mit einem Wehrmachtssoldaten zu tun haben.

Wie viele Soldaten konnten seit Bestehen des Trupps gefunden werden und von wie vielen konnten die Namen ermittelt werden?

Genau wird darüber nicht Buch geführt. Über die ermittelten Namen lässt sich leichter sprechen, da hinter jedem Namen eine Geschichte steht. Wir können auf zwei Soldaten verweisen, deren Namen wir ermittelt und deren Daten wir dann den Verwandten übergeben haben. Wir arbeiten selten individuell – der Trupp nimmt immer an den Gedenkwachen teil. Deshalb ist auch das Ergebnis, wie die Anzahl der gefundenen Soldaten, immer Teamarbeit.

Wie soll man Menschen berücksichtigen, die nicht vollständig gefunden wurden? Wie soll man Menschen zählen, die zusammen mit anderen Trupps gefunden wurden? Das soll bloß erklären, warum keine konkreten Zahlen genannt werden können.

Worin besteht die Sucharbeit außerhalb der Expeditionen?

Da wird mit Datenbanken gearbeitet. Wir haben mit einem Phänomen zu tun, das in der Philosophie als „zahlenmäßige Ungleichheit“ bezeichnet wird: nicht, weil der Zugang zu Informationen begrenzt wäre, sondern weil viele Menschen nicht daran gewöhnt sind, in offenen Datenbanken zu suchen. Und vor allem nicht jene Menschen, die daran das größte Interesse haben müssten. Und deswegen führen wir auch Kurse für ältere Menschen durch, in denen diese lernen, mit Internetarchiven umzugehen.

Außerdem besteht auch die Notwendigkeit der Forschungsarbeit mit Karten, Datenbanken, und zwar unmittelbar mit den Quellen des Zweiten Weltkrieges, denn es gilt: Wenn man etwas finden will, sollte man wissen, wo man suchen muss. Ein weiteres Thema ist die Organisation der Arbeit des Museums. Und natürlich die Arbeit mit dem Material, das im Ergebnis der Forschungsexpeditionen vorliegt: die Bearbeitung der Materialien, die Restaurierung der gefundenen Artefakte und die Suche nach den Verwandten.

Was machen Studenten, die in den Suchtrupps mitarbeiten, nach Abschluss der Universität? Nehmen sie auch weiterhin an den Expeditionen teil?

Die Hochschulabsolventen haben die Chance, an Expeditionen des Suchtrupps „Demos“ teilzunehmen. Unsere Absolventen arbeiten gegenwärtig in Museen oder dienen in der Armee.

Wenn sich die Möglichkeit bietet, beziehen wir gern Absolventen in unsere Projekte mit ein, da diese auch immer den Wunsch haben, sich dementsprechend zu betätigen. Aber die Finanzierung von Reisen ist für jene schwieriger, die weder Mitarbeiter noch Studenten der Hochschule sind. Sie beteiligten sich also weiter an der Suche, finanzieren die Reise aber aus eigener Tasche.

Wie verändert sich mit der Zeit die Technologie der Suche?

Jedem gefundenen Soldaten wird jetzt mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Wenn es beispielsweise in den 90er-Jahren normal war, in zwei Wochen 100 Soldaten zu bergen, dann ist heute die Bergung allein von einem Soldaten mittels neuer Methoden schon eine Leistung. Wir bestatten ihn ja nicht einfach nur, wir machen ihn nicht einfach nur unsterblich, indem wir ihm ein Denkmal setzen, sondern wir ermitteln die Identität des Menschen, die Kampfsituation und die damaligen Umstände und schreiben ihn damit faktisch in die Geschichte des Krieges hinein.