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Genuss oder Gift - Was genau ist „Neue Musik“?

Johannes Schoellhorn © Marie Nicholas
© Marie Nicholas

Für alle diejenigen, die sich für innovative Tendenzen in der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts interessieren, haben wir hier etwas vorbereitet: ein Gespräch mit dem Komponisten Johannes Schöllhorn, der kürzlich einen Vortrag am Moskauer Konservatorium gehalten hat.
 

Johannes, wann und warum ist die „Neue Musik“ entstanden?
J. Sch.: Der Begriff „Neue Musik“ entstand in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts und ist eng mit dem Wirken einiger Komponisten, zum Beispiel Arnold Schönbergs, verbunden; in dieser Zeit gab es eine Reihe von Entwicklungen und Entdeckungen im Komponieren, die für die Hörer neu und unerwartet waren, so dass der Begriff Neue Musik Sinn macht. Die Neue Musik keimte gleichzeitig in vielen Ländern auf – in Deutschland, Frankreich, Russland (Strawinsky ist zweifelsohne ebenfalls der Neuen Musik zuzurechnen) und anderen Ländern Europas. Allerdings ist es nicht möglich eine klare Grenze zwischen der Musik des 19. Jahrhunderts und der darauffolgenden Musik zu ziehen. Schon bei Richard Wagner (er sprach von der „Musik der Zukunft“) findet sich sehr ausgeprägt die Ideen des Neuen und der Neuerung in der Musik. Ein wichtiger Aspekt dabei ist der Drang unbedingt modern zu sein, der alle Künste am Anfang des 20. Jahrhunderts ergriff.


Ein berühmtes Beispiel hierfür ist der russische Futurismus der zwanziger Jahre, der ebenfalls die Moderne, den Blick auf die Zukunft, im Namen trägt. Insgesamt ist die Zeit um die Jahrhundertwende vom Willen möglichst vieles zu Entdecken, auch in Wissenschaft, Philosophie, Psychologie und vielen anderen Feldern, geprägt. Da ist die Musik keine Ausnahme und diese Neugier ist sicher eine Triebfeder für die Entstehung einer äußerst vielfältigen Neuen Musik.

Warum kam es im 20. Jahrhundert zu einem so drastischen Umbruch?
J. Sch.: Ein wenig habe ich diesen Übergang schon beleuchtet, der vor allem vom Publikum so wahrgenommen wurde und wird. Meiner Ansicht nach ist der Übergang von der romantischen Musik zur Neuen Musik allerdings viel organischer, als in der Regel angenommen wird. Die Neue Musik teilt immer noch viele Formen und Eigenschaften mit der Musik der Spätromantik. Mit zeitlicher Nähe sieht man immer eher die Unterschiede, auf längere Sicht dürften die Gemeinsamkeiten wieder auffallen. Man muss auch erwähnen, dass es nicht nur einen, sondern zwei wesentliche Neuerungsschübe in der Musik des 20. Jahrhunderts gab, einmal um die Jahrhundertwende, ein zweites Mal nach dem zweiten Weltkrieg mit neuen Entwicklungen wie dem Serialismus, Aleatorik oder Fluxus. Dazu kommen zum ersten Mal und sehr wichtig klare Einflüsse aus den USA und aus Asien. Dies beiden Bereiche hatten bislang in der europäischen Musik, von Debussy und einigen anderen französischen Komponisten abgesehen, gar keine Rolle gespielt. Schon Debussy und Ravel standen mit einem, wenn nicht gar mit beiden Beinen in der Neuen Musik. Eine so mechanische, automatisierte Komposition wie „Bolero“ hätte im 19. Jahrhundert nicht geschrieben werden können.

In wesentlicher Aspekt, der das 19. vom 20. und 21. Jahrhundert trennt, ist, dass die Konzertprogramme bei der Musik des 18. und 19. Jahrhunderts stehen geblieben sind. Plötzlich wurde nicht mehr vor allem die Musik der Gegenwart, sondern die der Vergangenheit gespielt. Der Geist der Vergangenheit wurde zum Maß aller Dinge. Es ist kein Wunder, dass dann neuere und neue Musik dazu in Konflikt geriet. Allerdings bleibt die Neue Musik sehr lebendig und ob sie Genuss oder Gift ist, das ist nicht leicht zu entscheiden. Wir wissen alle, dass man Gift genießen und Genuss auch ein Gift sein kann.
 
Welche bedeutenden Namen würden Sie nennen?
J. Sch.: Unter den Komponist*innen würde ich für mich persönlich in erster Linie John Cage, Arnold Schönberg, Igor Strawinsky und Erik Satie nennen, obwohl es natürlich noch viel mehr wichtige Namen gäbe. Unter den russischen Komponist*innen würde ich unbedingt außer Strawinsky noch Prokofjew, Mossolow, Schnittke, Denissow und Tarnopolsky dazu nehmen. Rachmaninow würde ich eher nicht zur Neuen Musik zählen, obwohl auch er zeitlich, als Komponist des 20. Jahrhunderts passen würde. Mir erscheint er als ein durch und durch romantischer Komponist, der einfach 50 Jahre zu spät gekommen ist. Solche Anachronismen sind in der Musikgeschichte bekanntlich immer wieder anzutreffen.

 
Brauchen moderne Komponist*innen eine Ausbildung?
J. Sch.: Komponist*in ist ein seltsamer Beruf. Wir erschaffen neue Musik, lernen aber vor allem sie unter Zuhilfenahme alter Techniken zu komponieren. Und eine gute traditionelle Ausbildung scheint mir sehr wichtig. Man muss wissen was man beigehalten und was man nicht beibehalten möchte. Allerdings verändert sich die musikalische Bildung selbst. Wenn Mozart nur die Musik Frankreichs, Italiens und Englands hören und in sich aufnehmen konnte und sich sein Horizont praktisch darauf beschränkte, so kam Debussy schon auf der Weltausstellung in Paris mit  Kompositionen aus China und Indonesien in Kontakt. Und heute müssen die Komponisten sich auch mit Elektronik und vielen anderen fragen beschäftigen, um für ihren Beruf vorbereitet zu sein. Ein großer Teil des Kompositionsstudiums gilt der Entwicklung neuer Denkweisen und Techniken. Das ist sehr spannend, weil dabei neue musikalische Pflanzen entstehen.

Wodurch können sich unerfahrene Hörer*innen auf die Neue Musik einstimmen?
J. Sch.: Wenn man Neue Musik hört, dann stößt man in der Regel auch auf etwas Neues, bisher Unbekanntes, und das ist das Wunderbare an ihr. Deshalb sollten Hörer*innen Geduld und Neugier mitbringen – in Bezug auf die Musik und auf sich selbst. Dann werden sie auch belohnt werden. Die Geduld brauchen sie nicht für die Musik, sondern für sich selbst, weil die neuen  Klänge im ersten Moment vielleicht noch ungewohnt sind. Und die Neugier brauchen sie, damit sie die kindliche Lust am Entdecken genießen können.
 

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