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Interview
„Das Schlimmste, was wir tun können, ist zu sagen: Es gibt „uns“ – und wir sind besser – und „die anderen“ – und die sind schlechter“

Typomania
© Typomania

Das Interesse an Buchstaben und Schrift ist heute groß wie nie. Alexander Wasin, Organisator von „Typomania“, hat dem Online-Journal „Deutschland und Russland“ erzählt, wie es zur Idee für das Festival kam und was es in diesem Jahr Einzigartiges zu sehen gibt. Außerdem erläutert er, wie sich Lettering und Kalligrafie unterscheiden – und wie die Schrift der Zukunft aussieht

Von Galiya Muratova

Alexander, wie kam es zur Idee für das Festival? 

Das war ziemlich seltsam. 2012 hatte ich gesehen, dass ein Wettbewerb für einminütige Filme ausgeschrieben wurde und dass mein lieber Alexej Kortnjew in der Jury sitzt. Und so habe ich eine Idee für einen einminütigen Film entwickelt: Ich habe 60 Menschen gebeten, im Zeitraum von einer Sekunde eine Zahl auszusprechen. Im Film gibt also ein einjähriger Mensch eine „Einheit“ vor, ein Zweijähriger sagt „zwei“, und so weiter bis sechzig, das heißt: wir bringen sechzig Jahre in einer Minute unter. Doch ich habe den Abgabetermin um einen Tag verpasst und man sagte mir im Wettbewerbskomitee, dass der Film nicht mehr angenommen werden kann. Diese Enttäuschung – und das ist natürlich irgendwie lustig – hat mich dazu gebracht, mein eigenes Festival auf die Beine zu stellen und den Leuten eben noch ein paar Tage länger Zeit zu geben, ihre Arbeiten einzureichen. Ein etwas seltsamer Beginn also.

Wie hat sich Typomania in diesen Jahren entwickelt? 

Александр Васин © Typomania Sie hat sich von einem Wettbewerb für Videofilme zu einem großen internationalen Festival gemausert, das nicht nur Russland, sondern auch eine Anzahl anderer Länder abdeckt, darunter Ungarn und die Mongolei. Das Festival umfasst eine Ausstellung an Plakaten, Büchern, Video-Art und Interaktionsdesign. Außerdem gibt es bei uns Darbietungen und Workshops vorwiegend internationaler Stars, die man ansonsten überhaupt nicht zu sehen und zu hören bekommen würde. Ganz grundsätzlich gesehen umfasst Typomania alles, was mit Buchstaben, Schrift, Typografie und selbst mit Sprache und Ton zusammenhängt. Heute tritt zum Beispiel Pachom bei uns auf.

Was sind in diesem Jahr die programmatischen Besonderheiten?

Sie ergeben sich aus dem Titel „Vorher – Nachher“. Wir haben darüber gesprochen, was es „vorher“ gab: klassische Kalligrafie-Techniken, den Druck per Hand – und was „danach“, also morgen, kommen wird. Generatives Webdesign, das auf Muskelbewegungen reagiert, variative Schriften, die sich nach dem bzw. der Benutzer*in ausrichten und nicht nach der Person, die sie programmiert hat. Eine Schrift, die mit ihrem Autor „Tic Tac Toe“ spielt.

Wie funktioniert das? 

Das hat uns gestern Rainer Erich Scheichelbauer präsentiert. Es gibt Schriften, in denen Programmeigenschaften und gewisse Algorithmen angelegt sind. Man wählt ein bestimmtes Wort aus und die Schrift stellt anstelle dieses Worts ein Bild oder Literatur dar. Wir haben uns bemüht, das Festival dieses Jahr mit ganz unterschiedlichen Formaten zu füllen. Zum Beispiel sind David Liebermann und Max Kiepe vom Studio Liebermann Kiepe hier, sie stellen bei uns neue Entwicklungen in Webdesign und Typografie vor, bei denen sich eine Website, die mit unterschiedlichen Schriften gefüllt ist, in Reaktion auf Muskelbewegungen und Benutzungszeit verändert. Man kann die Schrift durch eine Mausbewegung nach rechts dick und kursiv setzen oder sie mit einer Bewegung nach links wieder dünn und nicht-kursiv dargestellt sehen. Und diese Technologien sind, wie Liebermann Kiepe sagen, noch so frisch, dass sie sie selbst noch nicht vollständig erfasst und ausgereizt haben. Und das ist interessant.
 

Und wie wählt ihr die Gäste aus dem Ausland aus? 

Ich bin da total subjektiv. Das heißt, ich lade die ein, die ich selbst cool finde. Im Rahmen der letzten zwei, drei Typomanias habe ich es geschafft, praktisch alle meine studentischen Leitfiguren einzuladen und bin mittlerweile zu denen übergegangen, deren Schaffen ich aktuell beobachte. Manche finde ich im Internet, manche über Freunde, zum Beispiel bei Facebook. In der Regel bringt jeder neue Mensch und jeder neue Gast wieder eine ganze Reihe neuer Kontakte mit. Indem ich ihn kennenlerne, erweitere ich meinen Horizont und lerne neue typografische, Webdesign-, und Buchrichtungen kennen, und das zieht auch wiederum neue Leute an. Und dann gibt es noch eine weitere Schiene: wir rufen immer zum Jahreswechsel dazu auf, uns Bewerbungen um die Teilnahme zuzuschicken. Die schauen wir genauso subjektiv durch, und wenn uns ein Projekt geeignet erscheint – und das kann ein Ausstellungs-, ein interaktives oder was auch immer für ein Projekt sein, solange es mit Buchstaben und mit unserem Thema zu tun hat – dann laden wir die Person ein, die es entwickelt hat. So war es zum Beispiel mit Olga Kowalenko und ihrer Rahmenstickerei nach Motiven der schnellen Kalligraphie mit Cola Pen. Natalja Weltschinskaja (die zweite Leiterin des Festivals, Anm. d. Red.) hatte eine der Arbeiten auf einer Ausstellung gesehen und zu Olga gesagt: „Mach´ noch fünf weitere davon – wir zeigen sie auf der Typomania.“ Und so ist die Ausstellung entstanden. Das war für uns genauso erstaunlich wie für die Künstlerin.

Ist in diesem Jahr auch Lettering vertreten? 

Natürlich. Und sogar japanisches Lettering. Wir haben Ikki Kobayashi, einen jungen, erstaunlichen Künstler, der riesige, sehr schöne Schwarz-Weiß-Kompositionen entwirft, die an Graffiti erinnern und aus der Schwarz-Weiß-Perspektive her gesehen einfach makellos sind. Das ist ein Mensch mit absolutem Geschmack. Einem absoluten Gehör, würde ich sogar sagen. Wir haben hier ein rotes Auto, das von einem jungen Künstler namens Igor-Antagonist mit „Molotow“-Stiften bemalt wurde. Heute ist eine Gruppe junger Leute aus der Mongolei angekommen, die ich in Ulan-Ude und später in Ulan-Bator getroffen habe. Die haben zwei schwarze Würfel mit ihren mongolischen Schriftzeichen bemalt. Das ist doch super! Auf unserem Festival passieren also ziemlich viele Sachen, auf die wir gar nicht vorbereitet sind, spontan – und wir lieben dieses Chaos einfach. Das sind also solche Beispiele, und dann haben wir eben noch Kalligrafie und Lettering. Von Lettering spricht man, wenn ein Buchstabe gemalt wird und von Kalligraphie, wenn ein Buchstabe geschrieben wird, jeder der Striche also mit einer einzigen Bewegung, ohne abzusetzen ausgeführt wird. Die Fälle, die ich vorher angeführt habe, sind Grenzfälle davon. Auf der Typomania interessieren wir uns sowieso sehr für Phänomene, die sich an Grenzen von etwas bewegen – wir mögen es nicht, alles klar voneinander abgrenzen zu können. 

Man hat den Eindruck, dass Lettering in der russischen Gesellschaft immer mehr an Beliebtheit gewinnt. Kann man eine globalere Schlussfolgerung daraus ziehen: dass nämlich das Interesse an Schriften und Buchstaben ganz generell wächst?

Auf jeden Fall. Und mehr noch: ich würde in eine kulturelle Schrifttradition auch das mit einbeziehen, was sich in marginalen Gruppen abspielt. Zum Beispiel also auch Leute, die Hauswände taggen, obwohl man das genauso gut als Vandalismus bezeichnen könnte, Leute, die Buchstaben in Rechenhefte malen, und solche, die sich Tattoos stechen lassen – wenn es hier nicht um Wiederholungen oder um den Versuch geht, etwas nachzuahmen, sondern um die Suche nach neuen Formen – das ist dann auch Kultur. Eine Kultur, in der es aus bislang noch ungeklärten Gründen nach einer Zeit „knallt“. Deswegen kann ich sicher sagen: unter den Phänomenen, die wir zum Beispiel auf Zaunelementen an Bahnstrecken sehen, gibt es von der Komposition, vom Rhythmus und vom Raum her gesehen richtig coole Sachen. Und Natalja und ich haben Pläne, auch das auf die Typomania zu bringen.
  • Wohin deuten die Zeichen von Ikki Kobayashi? Eine s/w-Grafik des jungen japanischen Künstlers. © Typomania
    Wohin deuten die Zeichen von Ikki Kobayashi? Eine s/w-Grafik des jungen japanischen Künstlers.
  •  Ein Projekt des experimentellen Motion Graphic-Labors „Wdoch-Wydoch“ („Einatmen-Ausatmen“) © Typomania
    Ein Projekt des experimentellen Motion Graphic-Labors „Wdoch-Wydoch“ („Einatmen-Ausatmen“)
  • Moderne Informationstechnologien – der Tätigkeitsbereich des Hamburger Studios Liebermann Kiepe. © Goethe-Institut
    Moderne Informationstechnologien – der Tätigkeitsbereich des Hamburger Studios Liebermann Kiepe.
Graffiti? 

Ja, Graffiti. Wir wissen noch nicht, in welchem Format – vielleicht unterstützt uns noch jemand bei der Planung, vielleicht kommt das aber auch von selbst.

Welche der Bereiche, die auf der Ausstellung vertreten sind, sind in Russland sehr weit entwickelt, und wo können wir noch von anderen Ländern lernen – und warum? Oder kann man gar nicht so verallgemeinern? 

Das kann man schon. Und wir können von allen etwas lernen. Das Schlimmste, was wir tun können, ist zu sagen: Es gibt „uns“ – und wir sind besser – und „die anderen“ – und die sind schlechter. Denn das ist total verkehrt. In allen Gesellschaften, nicht nur in der russischen, gibt es beliebtere und weniger beliebte Volksgruppen und dementsprechend auch mehr oder weniger beliebte Sprachen und Kulturen. All das läuft leider nicht nur auf der Ebene des Politischen ab, sondern ist auch auf innere Ressentiments zurückzuführen. Und dagegen müssen alle ankämpfen. Wussten Sie zum Beispiel, dass es in einer Reihe der dagestanischen Sprachen, zum Beispiel in der lesgischen Sprache, 18 Fälle gibt? Für mich war das eine neue Entdeckung – das ist doch kaum zu glauben. Ich würde mich da gerne besser auskennen und lesgisch sprechen können. Und in der burjatischen Kyrilliza gibt es einige eigene Buchstaben, die diesem Alphabet einfach hinzugefügt werden. Die mongolische Schriftsprache greift ebenfalls auf das kyrillische Alphabet zurück, doch bis zum Jahr 2026 ist es geplant, wieder auf die klassische mongolische Schrift umzustellen. Die kyrillische Schrift wurde ihnen in den zwanziger Jahren durch die Bolschewiken aufgezwängt. Diese ganzen Dinge sind absolut fesselnd. Man sollte als Mensch ein Interesse an fremden Kulturen haben, wenn man kulturell gewandt sein möchte. Und man sollte sich von Vorurteilen frei machen – lernen kann man nämlich von allen, von jedem Land und jedem Volk. Wenn jemand Interesse an solchen Informationen hat, sich mit Interesse eine unverständliche, fremde Sprache anhört und den Sprachfluss, das kehlige Krächzen oder die Sanftheit der Sprache genießt, dann wird er daran wachsen. Darum bemühen wir uns, auf dem Festival so viele unterschiedliche Leute wie möglich zusammenzubringen, und gleichzeitig kämpfen wir gegen Tabus, die es in der Gesellschaft gibt. So war das Thema des letzten Jahres zum Beispiel „Osten – Westen“, und im Programm standen ein iranischer Lektor, ein Vortragender aus Israel und ein Speaker aus dem Libanon nebeneinander – aus Ländern also, deren Beziehungen untereinander angespannt sind. Unter den Leuten auf der Bühne gibt es in der Regel auch immer jemanden aus der Ukraine. Und es ist uns wichtig, dass die Leute, die zu uns in den Saal kommen, verstehen, dass nicht nur die russische Kultur von Bedeutung ist. Einzigartig sind sie alle.
Не взрослейте, это ловушка © Goethe-Institut
Und die letzte Frage. Was würden sie jungen Expert*innen raten: auf welche Bereiche sollten sie sich konzentrieren? 

Als Allererstes sollten sie mit ihren Händen arbeiten. Ein Beweis dafür sind die Kalligraphie-Schulen und einfach Leute, die Buchstaben schreiben. Malt mit den Händen, schreibt mit den Händen. Und lernt in der Zeit, wie Liebermann Kiepe sagen, den Code; lernt das Programmieren. Oder sogar so: wenn ihr nicht programmieren könnt, denkt in Algorithmen. Man muss ja nicht zwangsläufig die ganze Arbeit von Anfang bis Ende mit der Hand machen. Man kann auch einen Algorithmus entwickeln, nach dem irgendetwas abläuft. Das kann auch eine Website sein, und genauso kann man dann auch ein Buch oder eine Veranstaltung planen. Denkt systematisch! Zwischen diesen beiden Extremen liegen dann noch das Grafikdesign, das Buchdesign, die Typografie, also die Arbeit mit Setzschriften. Es gibt in Moskau jetzt Stellen, an denen man so etwas lernen kann. Ich hoffe sehr, dass in anderen Städten auch langsam etwas Ähnliches in Gang kommt, jedenfalls versuchen wir das immer sehr zu unterstützen, zum Beispiel durch die Organisation von Vorträgen. Die Möglichkeiten gibt es, aber man muss eben auch verfolgen, was in der Welt vor sich geht und sich nicht hinter der eigenen kreativen Arbeit verstecken – man sollte Vorbilder haben. Sich mitreißen lassen. Wahrscheinlich ist es für Kunstschaffende schlecht, zu sagen: „Also, ich schaue mir nichts an.“ Ich hoffe, dass Typomania allen die Möglichkeit bietet, einen ausführlichen Einblick in das zu bekommen, was im Bereich der Buchstabenschrift gerade so weltweit abgeht. 

 

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