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Interview mit Jim Rakete
„Greta Thunberg war nie die Erste und Einzige“

Eine Szene aus dem Film "NOW"
© Presseabteilung des Beat Filmfestivals / NOW

Jim Rakete steht für Klassiker der deutschen Fotografie und ist ein Mann, der in vielerlei Hinsicht die visuelle Gestalt der Neuen Deutschen Welle mitgeprägt hat – jener musikalischen Welle in Deutschland, die in den 70-er Jahren ihren Anfang nahm. In den unterschiedlichen Phasen seiner Karriere setzte er Stars aus Musik, Film und Politik in Szene. Im Mittelpunkt seines Dokumentarfilms „Now“ stehen allerdings junge Umweltaktivist*innen, die die Welt verändern wollen.  
 
Der Film wurde ins Programm des „Beat Film Festivals“ aufgenommen, eines internationalen Dokumentarfilmfestivals mit kulturellem Schwerpunkt. In diesem Jahr laufen die Vorführungen in zwei Formaten ab: online auf der Seite „Kinopoisk“ und offline in Moskauer Kinos.  Im Interview mit dem Journal des Goethe-Instituts erzählte Jim Rakete von der „Generation Greta Thunberg“, von den Gefahren der Internetnutzung und von der Krise, in der sich die moderne Fotografie befindet.

Von Ksenija Reutowa

Nach welchen Kriterien haben Sie die Protagonist*innen des Films ausgesucht? Und woher wussten Sie überhaupt, dass es neben Greta Thunberg noch eine Vielzahl anderer junger Aktivist*innen gibt?
 
Es ist einfach so, dass Greta nie die Erste und Einzige war. Ja, sie ist in den letzten Jahren zur Ikone der Umweltbewegung geworden, aber selbst die gibt es ja schon seit Jahrzehnten. Ich erinnere mich noch an die Energiekrise der 70-er Jahre. In Deutschland kam da ein mächtiger Prozess ins Laufen, und auch damals sind die Leute auf die Straßen gegangen und haben protestiert. Die Bewegung hat also auch ihre Traditionen, es erinnern sich einfach nur nicht mehr viele daran. Und genau darum geht es im Film. Wir haben jetzt bei uns junge Leute, die mit ihrer Arbeit und ihren Auftritten ein riesiges Publikum erreichen. Sie kennen sich aus mit ihrem Thema, und wir sollten ihnen zuhören.
 
Waren sie alle für Interviews offen?
 
Ja. Wir haben die Leute bekommen, die wir wollten. Es gab nur einen Professor, der noch auf unserer Liste vom ersten Tag stand. Da kam es nicht zum Gespräch, aber im Endeffekt fanden wir dann auch, dass seine Meinung nicht fehlte, und konzentrierten uns auf die anderen Protagonist*innen. Auch haben wir von Beginn an festgelegt, dass Greta Thunberg unsere wichtigste handelnde Figur und die Stimme des Films bleiben sollte, aber dass wir kein separates Interview mit ihr aufzeichnen würden. Denn sie selbst wählt sich ja ihr Publikum und die Zeit für ihre Auftritte aus und gibt dort die Antworten auf alle Fragen.  
 
Sie haben Ihre Karriere als ein Fotograf begonnen, der Musiker*innen der Neuen Deutschen Welle portraitierte. Lässt sich hier eine Parallele ziehen, indem man sagt, dass die heutigen Umweltaktivist*innen eine Art neuer Rockstars sind?
 
Ich denke, dass jedes Jahrzehnt seine Sprache oder vielmehr seine Kommunikationsform hat, der sich junge Leute bedienen. Und außerdem hat jede Epoche ihren Soundtrack. Früher waren Film, Theater und Rockmusik wichtige Kommunikationsmittel. Jetzt aber ändert sich das. Ich persönlich warte nicht mehr darauf, dass irgendein besonderes Lied rauskommt, das die Gefühle junger Menschen im Hier und Jetzt berührt. Einen neuen Soundtrack brauchen wir auch schon gar nicht mehr. Dafür gehe ich davon aus, dass wir bald noch mehr junge Leute auf den Straßen haben werden.
  Eine Szene aus dem Film "NOW" © Presseabteilung des Beat Filmfestivals / NOW
Denken Sie, dass Musiker*innen jetzt alles stehen und fallen lassen sollten, um eine Hymne für die Klimabewegung zu schreiben?  

Das wäre doch eine naheliegende Idee! Seltsam, dass es noch niemand versucht hat. Anstatt dessen erleben wir eine Verpuppung der Musikindustrie. Sie hat sich auf sich selbst zurückgezogen und ist keine Protestform mehr. Wenn man gedanklich zurückgeht und sich an die Jahre erinnert, in denen der Rock ’n’ Roll gerade erst entstand, war die Frage doch diese: entweder wirst du ein guter Fußballer oder ein cooler Musiker. Das waren die zwei Wege, die es jungen Menschen ermöglicht haben, der Langeweile und Armut solcher Orte wie zum Beispiel Liverpool zu entfliehen. Und genau das hat die Beatles groß gemacht.
 
Neben den jungen Aktivist*innen stehen auch Vertreter*innen einer älteren Generation: Wim Wenders und Patti Smith. Warum haben Sie entschieden, diese in den Film zu integrieren?
 
Ich brauchte ihre Erfahrung. Sie sind Zeugen dessen, dass das Problem des Klimawandels ständig wieder in Vergessenheit gerät. Die Leute sprechen darüber, sie sprechen ihre Befürchtungen aus, und danach wächst wieder Gras drüber. Nun aber sind wir in einer Situation, in der Veränderungen nur noch jetzt möglich sind. Das ist der große Unterschied gegenüber vergangenen Jahrzehnten. Und außerdem müssen wir uns gerade nicht nur mit dem Problem eines geringeren Verbrauchs fossiler Brennstoffe auseinandersetzen. Selbst die aktuelle Umweltbewegung hat an der Stelle einen blinden Fleck, wo es um das Internet geht. Viele möchten nicht wahrhaben, was für eine Menge an Energie für Server aufgewendet wird. Alle machen jetzt fröhlich Zoom-Konferenzen, bekämpfen ihre Langeweile damit, dass sie sich Filme ansehen und kaufen in Online-Shops ein. Aber im Endeffekt verbrauchen wir damit nicht weniger Energie als durch das Fliegen. Wissenschaftler*innen sagen, dass die Menge der ausgestoßenen CO2-Emissionen weltweit um 17 Prozent gesunken ist. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Ende des Jahres kann nur noch die Hälfte davon übrig sein.
 
In der russischen Gesellschaft kann man in Bezug auf Greta Thunberg eine starke Polarisierung beobachten. Man liebt sie oder man hasst sie. Eine neutrale Positionierung ist dagegen fast ausgeschlossen. Womit hängt das Ihrer Meinung nach zusammen?

 
In Deutschland ist es genauso. Der Grund ist, dass sie den Leuten auf die Nerven geht. Denn sie sagt ja geradeheraus: „Wir werden das nicht mehr so mitmachen, wir werden streiken.“ Und dann werden die Leute aggressiv. Sie möchten nicht, dass ein 17-jähriges Mädchen ihnen diktiert, was sie zu tun haben. Und sie hat eben nun einmal Recht. Das ist der Unterschied. Und selbst jetzt, während der Corona-Pandemie, beharrt Greta auf ihrem Standpunkt und sagt: „Hört auf die Wissenschaft“. Was kann man dem schon entgegnen?
 
Haben Sie nach dem Dreh in Ihrem Leben und an Ihren Alltagsgewohnheiten etwas verändert?
 
Ich musste nichts Globales verändern, da ich meine Gewohnheiten als Verbraucher schon vor einigen Jahren reflektiert habe. Aber eine Veränderung kann ich doch nennen. Das Auto nehme ich nur noch, wenn es unbedingt notwendig ist. Alles andere mache ich mit dem Fahrrad.
 
Ihre Fotografien sind größtenteils schwarz-weiß. Der Film aber hat Farbe. Haben Sie darüber nachgedacht, auch ihn schwarz-weiß abzudrehen?
 

Ich habe gestern einen wunderbaren Satz gefunden, den Wim Wenders einmal im Film „Der Stand der Dinge“ verwendet hat. Dort gibt es eine Figur, die sagt: „Das Leben ist in Farbe, aber Schwarz-weiß ist realistischer“. Perfekt gesagt! Natürlich habe ich es in Erwägung gezogen, den Film schwarz-weiß zu machen, aber mir dann gedacht, dass es ein Film für ein großes Publikum ist, der es zweifelsohne auf die Streaming-Plattformen schafft, und deshalb muss er etwas hermachen. Es ist eben Dokumentarfilmkunst, und die Leute werden sich den Film ansehen, um Argumente zu hören und sich zu überlegen, was sie im Weiteren daraus machen.
 
Wie haben Mobiltelefone und Instagram den Beruf des Fotografen verändert? Gibt es die Fotografie als Kunstform noch bis heute?
 
Das ist schwer zu sagen. Die Fotografie war einmal eine sehr individuelle Sache. Man musste eine Szene einfangen. Aber nun haben alle eine Kamera, und während wir uns hier unterhalten, werden in der Welt tausende und abertausende Bilder produziert. Und die häufen sich dann so an, dass wir schon gar nicht mehr eines auswählen können, sondern es mit einer steten Bilderflut zu tun haben. Alles wird der Reihe nach dokumentiert. Ich glaube, dass die Fotografie diesen kritischen Moment überleben wird. In ihr liegt eine Art tiefere Wahrheit. Man kann Bilder heute leicht manipulieren und deswegen vertraut ihnen niemand mehr. So etwas hat es vor ein paar Jahrzehnten nicht gegeben.
 
Was schauen Sie sich als erstes an, wenn Sie Menschen portraitieren? Was ist Ihnen bei Ihren Figuren wichtig?
 
Ich fotografiere in der Regel ja keine normalen Leute. Mein ganzes Leben lang erzähle ich schon von herausragenden Persönlichkeiten. Deswegen ist mir die kreative Energie wichtig, die jemand ausstrahlt. Wenn man jemanden fotografiert, sollte man unbedingt auch dabei reden. Und manchmal ist die Fotografie wie ein Ergebnis, das man am Ende eines guten Gesprächs vorliegen hat. Ein Ergebnis dieser Chemie, die entsteht, wenn sich zwei Menschen treffen. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob deine Figur physisch gesehen perfekt ist, ob mit dem Make-up alles in Ordnung ist. Wenn man sich die Arbeiten der großen Fotografen wie Richard Avedon oder Peter Lindbergh anschaut, dann sieht man, dass sie menschliche Energie auf meisterhafte Weise in der Fotografie festgehalten haben. Ihnen haben wir Bilder bekannter Menschen zu verdanken, die wir meinen, dadurch gut zu kennen. Und das ist eben nur dadurch möglich, dass der Fotograf mit dieser Persönlichkeit ein interessantes Gespräch geführt hat. 
 
Das Interview wurde mit Unterstützung des Projekts „Berlin in Moscow“ realisiert.

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