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Minsk
Minsk als Symbiose von Norm und Individualismus

Mikrorajon Wostok‑I, ein Komplex aus 14‑ bis 16‑stöckigen Wohngebäuden der Serie М‑464 mit Räumen für Geschäfte und Einrichtungen für Haushaltsleistungen in der Leninstraße in Minsk | Architekten: G. Sysoew, I. Popowa, I. Dzhurawlew („Minsk‑Projekt“), 1971/1972
Mikrorajon Wostok‑I, ein Komplex aus 14‑ bis 16‑stöckigen Wohngebäuden der Serie М‑464 mit Räumen für Geschäfte und Einrichtungen für Haushaltsleistungen in der Leninstraße in Minsk | Architekten: G. Sysoew, I. Popowa, I. Dzhurawlew („Minsk‑Projekt“), 1971/1972 | © Weißrussisches Staatliches Archiv für wissenschaftliche und technische Dokumentation

Von Dmitry Sadorin

Die Auseinandersetzung zwischen Henry van de Velde und Hermann Muthesius bei der Werkbund-Ausstellung 1914 war eine Zäsur und skizzierte die grundlegende Spaltung der Modernismus-Bewegung in den kommenden Jahrzehnten. Während van de Velde den Individualismus als Bollwerk der hochwertigen Architektur verteidigte, vertrat Muthesius das Konzept der Typisierung, für ihn die einzig mögliche Antwort in Zeiten des industriellen Bauwesens. In der Tat ging es dem Modernismus in allen Künsten darum, einen individuellen Stil zu finden und über „Pioniere“ diese Geschichte der Modernismus-Bewegung zu erzählen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte jedoch ein äußerst rationaler und bürokratischer Modernismus die Welt der Architektur und insbesondere den Wohnungsbau erobert. 

An keinem anderen Ort waren die Auswirkungen der Vereinheitlichung so stark wie in der Sowjetunion, wo Wohnsiedlungen aus Standardblöcken ganze Städte schluckten. Es gab nur wenige Ausnahmen, die sich meistens in einzigartigen öffentlichen Gebäuden manifestierten. Minsk ging einen anderen Weg. Hier gelang es durch vielfältige Kombinationen der Standardblöcke Individualität zu schaffen und die Visionen des Werkbunds unter der Fahne des industriellen Massenwohnungsbaus wieder zu vereinen. Minsker Wohngebiete wurden als Minsker Phänomen bezeichnet und erhielten von der Architekt*innengemeinde der UdSSR viel Lob. 

Ausstellung 

Das Ausstellungskonzept zeigt die Errungenschaften des Minsker Phänomens als eine Synthese der Extreme, zum einen der sowjetischen typisierten Formen (These) und zum anderen der aufrührerischen Suche nach extremer Individualität (Antithese). Die Ausstellung ist in drei Abschnitte unterteilt:

Weißrussischer Modernismus: Sechs Stadien der Moderne 

In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren war Minsk die am schnellsten wachsende Stadt in Europa und der Sowjetunion. Das winzige alte Stadtzentrum wurde schnell von den endlos breiten Stadträndern verschlungen. Angesichts dieser Entwicklung suchten Architekt*innen für die weißrussische Hauptstadt verzweifelt Zuflucht in anderen funktionalen Gebäuden außerhalb des Wohnungsbaus. Jeder nicht normative Bau musste zu einem Denkmal der Einzigartigkeit werden. Der Aufbau des neuen Landes war jedoch auch von der Zerstörung der progressiven Vergangenheit begleitet. Weißrussland mag im Vergleich zu anderen früheren Sowjetrepubliken als sicherer Hafen gelten, aber auch hier werden großartige Exemplare des sowjetischen Modernismus zerstört, verstümmelt, zugebaut (ein besonderes lokales Phänomen) und sind ständig durch angeblich wohlmeinende Renovierungen und Investitionen bedroht. Wohlwollen ist nicht immer von Vorteil angesichts der damit einhergehenden Verachtung der Stadt und ihres Erbes. Einige der vernachlässigten Gebäude und Komplexe verharren alternativlos in ihrem Zustand und nur wenige schaffen es, auf einem neuen Niveau angemessene Anerkennung zu erhalten. 

Das Minsker Phänomen 

Nach dem Zweiten Weltkrieg startete Weißrussland endlich in eine verspätete Industrialisierung. Mit wenig nationaler Ausstrahlung im Geiste des sozialistischen Realismus, für den es zu kämpfen galt, glänzte die Republik mit der Konstruktion ihrer Identität, indem sie sowjetische Ideale verdichtete. Die Weißruss*innen gestalteten in experimentellen Dörfern sowjetische Idylle, schufen begeistert eine industrielle Peripherie, die Fabriken in riesigen Drehkreuzen vereinte und entwickelten für ihre Hauptstadt das ideale Konzept eines sowjetischen Wohnumfelds. Dieses Wohnumfeld, bekannt als das Minsker Phänomen, stand für einzigartige Vorstellungskraft und Vielfalt bei der Planung von Wohngebieten mit standardisierten Konstruktionen und Blockbauten. Das Minsker Phänomen sollte das Resultat der intensiven und deshalb erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Architekt*innen, Erbauer*innen und Behörden werden. Ohne diese Akteure wäre das gemeinsame Herangehen gescheitert und entsetzliche Öde hätte die städtische Peripherie zurückerobert. Das geschah Mitte der 1980er-Jahre dann auch, als sich die von der postmodernen Kritik faszinierten Architekt*innen vom Massenwohnungsbau abwandten. Sie waren der Auffassung, dass die genormte Architektur die Idee der sozialen Modernisierung und des Fortschritts pervertierte, weil sie den menschlichen Faktor und den historischen und kulturellen Kontext ignorierte. Das war das Ende des Minsker Phänomens. Später, um die Jahrtausendwende, als sich der erstarkte unabhängige Staat für die Wiederbelebung des Massenwohnungsbaus entschied, wurde die Branche reindustrialisiert. Die Architekturelite maß dem verachteten Massenwohnungsbau jedoch nur soziale Bedeutung bei. Sie betrachtete das Minsker Phänomen nicht als Resultat einer einzigartigen Zusammenarbeit, sondern als eine Laune überragender Architekt*innen. Wenn also der Weg des industriellen Wohnungsbaus erneut beschritten wird und sich die Geschichte scheinbar wiederholt, besteht da nicht auch Hoffnung auf ein neues Minsker Phänomen? 

Die Hardware des Minsker Phänomens 

Die Definition des Minsker Phänomens lebte vom strikten Gegensatz zwischen dem diversifizierten städtischen Umfeld, das in der weißrussischen Hauptstadt geschaffen worden war, und den standardisierten Elementen und normierten Wohnungsblocks, aus denen die Wohnhäuser bestanden: zwischen dem, was wir die „Software“ und die „Hardware“ nennen. Tatsächlich unterschieden die Minsker Wohnblöcke sich aus der architektonischen Perspektive kaum von denen anderer Städte, abgesehen von der höchsten Bauqualität in der gesamten UdSSR, für die das Minsker Wohnungsbauwerk Nr. 1 wiederholt ausgezeichnet wurde. Das Minsker Phänomen verdankte seinen Erfolg in hohem Maß einer Reihe von lokalen Bausystemen, die von Minskprojekt und Belgosprojekt seit den späten 1960er-Jahren speziell für die weißrussische Hauptstadt entwickelt worden waren. Drei große Plattenbauserien, die Minsk wie ein Spinnennetz sich um die Stadt schlängelnder Gebäude umgeben, haben es bis in die Unabhängigkeit geschafft. Diese erfolgreichen Bauten bilden noch heute in leicht modifizierter Form das Rückgrat des Wohnungsbauwesens der Stadt. 

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