Ganzheitliche Landwirtschaft zurück in entlegener Gegend

Der AMI-Stadtbauernhof auf dem Gelände der Virginia School for the Deaf and Blind in Staunton, Virginia.
Foto (CC BY-SA): Jeremy Koslow

Das Allegheny Mountain Institute findet innovative Wege für die Wiedereinführung einer lokalen Agrarökonomie in der ländlichen Appalachen-Region.

In den 1970er-Jahren kauften Laurie Berman und ihr Mann im Rahmen des Selbstversorgungsgedankens einen Bauernhof in Virginia, denn sie brannten darauf, zu einem ursprünglichen Leben zurückzukehren. Als Berman auf dem Weg zu ihrem Bauernhof das erste Mal durch West Virginia reiste, war sie zunächst überrascht und dann beunruhigt, weil es in der Region nahezu gänzlich an nahrhaften, lokal angebauten Nahrungsmitteln mangelte. „Mit 20 kreiste mein ganzes Leben um den Gedanken der Selbstversorgung und den Glauben, dass natürliche Nahrungsmittel gesund sind“, erklärte sie. „Nun fuhr ich durch einen Teil unseres Landes, in dem ich keinen einzigen Garten vor den Häusern sah und es nichts außer industriell verarbeiteten Lebensmitteln zu kaufen gab.“ Während die Schönheit des Highland County von Virginia – der Region mit der niedrigsten Einwohnerzahl östlich des Mississippi –, Berman in ihren Bann zog, fasste sie den Entschluss, die Philosophie der Lebensmittelbeschaffung in der Region zu reformieren. Sie nahm sich vor, den alten Brauch wiederaufleben zu lassen, Obst, Gemüse, Eier, Pilze und Honig innerhalb der Region zu kultivieren und zu verbrauchen – eine Lebensweise, die in der modernen Konsumgesellschaft in den Hintergrund getreten ist.

Rückkehr zur Selbstversorgung

2011 beschloss Berman, den Sprung zu wagen und ihre Vision von einer neuen, lokalen Lebensmittelwirtschaft in der Appalachen-Region in Angriff zu nehmen, indem sie ihren Bauernhof zu einem großen Bildungszentrum machte. Um junge Menschen aus allen Landesteilen zu einer sechsmonatigen Mitarbeit auf ihrem 225 Hektar umfassenden Berghof zu bewegen, gründete sie das Allegheny Mountain Institute (AMI). Gleichzeitig dehnte sie ihren Fokus aus und erweiterte das Angebot um Themen wie Kleintierhaltung, Aufbau von Permakulturen, Ernährung und Lebensmittellagerung. Die jungen Erwachsenen, die sich um einen Aufenthalt in dieser entlegenen Bergregion bewerben, kommen in den Genuss, ein Leben als Selbstversorger führen zu können in der Art, wie es die Bergbewohner vor 200 Jahren getan haben.

Die meisten Bewerber sind Mitte zwanzig, erhalten ein kleines Stipendium und werden sorgfältig ausgewählt nach ihrer Persönlichkeit, ihrer Ernsthaftigkeit und dem Vermögen, selbstständig zu denken und zu handeln, denn die Arbeit ist körperlich anstrengend, und der Ort ist abgeschiedener und ländlicher, als die meisten von ihnen es wahrscheinlich gewöhnt sind. Nach sechs Monaten der Ausbildung im Freien, der theoretischen Arbeit und des gemeinsamen Lebens können sie sich entscheiden, ein ganzes Jahr zu bleiben und das Gelernte an die Bewohner der Appalachen-Region weiterzugeben. Dazu werden sie regionalen Partnerorganisationen zugeteilt, helfen bei der Errichtung von Gemeinschafts- und Schulgärten und vermitteln Wissen auf den Gebieten der nachhaltigen Landwirtschaft sowie der gesunden Ernährung und Lebensmittelzubereitung. Das bezeichnet Laurie Berman als „Missionierungsarbeit“ des AMI: das Evangelium nachhaltiger Lebensmittel zu verbreiten.

Studierende erlernen ganzheitliche Landwirtschaft

Samantha Taggart ist ehemalige Stipendiatin des AMI und mittlerweile Masterstudentin am Institut für Gartenbau der Universität Virginia Tech. Sie hörte von AMI, als sie während des Bachelorstudiums den der University of Virginia zugehörigen Bauernhof mit einer Größe von einem halben Hektar betreute. „Auf dem College wurde mir bewusst, dass zahlreiche unserer Methoden zur Lebensmittelgewinnung – sowohl was Tiere, als auch was Pflanzen betrifft – auf einer industrialisierten Agrarwirtschaft fußen und vielen Prinzipien und Vorbildern der Natur entgegenlaufen. Durch mein Studium lernte ich, dass es eine viel bessere Art der Lebensmittelgewinnung gibt.“

Dieser „Traum von einem ganzheitlicheren, ökologischeren Lebensmittelsystem ist einer der Gründe, der mich an das AMI geführt hat“, sagt Taggart. Außerdem habe sie festgestellt, dass das gemeinschaftliche Leben auf einem Berghof es ihr ermöglicht habe, „mit einigen der grundlegenderen, immanenten Prinzipien unserer Welt in Verbindung zu treten, wie den Jahreszeiten, Witterungsverläufen, dem Alltagsrhythmus von Tieren und den wunderbaren Vorgängen, die sich täglich im Erdreich vollziehen.“

Die Arbeit mit lokalen Partnerorganisationen

Nachdem das Stipendienprogramm sich bewährt hatte, ging das AMI 2013 eine Partnerschaft mit der regionalen, 177 Jahre alten Virginia School for the Deaf and Blind (VSDB) ein, um weitere Ziele verwirklichen zu können. Diese beinhalteten, die Schüler über die ernährungsbedingten, psychologischen und auch gesellschaftlichen Vorteile einer lokalen Landwirtschaft aufzuklären; die bewährte und körperlich anspruchsvolle Tradition wiederzubeleben, Nahrungsmittel regional anzubauen und zu verkaufen; und es den AMI-Stipendiaten zu ermöglichen, Jugendlichen mit beeinträchtigtem Seh- oder Hörvermögen, deren berufliche Aussichten möglicherweise eingeschränkt sind, aktiv neue Wege zu eröffnen.Auf dem Campus der VSDB in Staunton wurde auf einer etwa anderthalb Hektar großen Freifläche ein intensiv bewirtschafteter Garten eingerichtet, wo den Schülerinnen und Schülern der VSDB die Grundlagen einer gesunden, nachhaltigen Landwirtschaft vermittelt werden. Der „urbane Hof“ des AMI besteht aus einem Beet von einem halben Hektar Größe mit 20 Gemüsesorten, einem Unterrichtszimmer und einer Küche im Freien sowie einem Obsthain mit zehn Obstsorten sowie diversen einheimischen Pflanzen – alles zur Förderung einer ganzheitlicheren Landwirtschaft. Die Ernteerträge werden in der Mensa der VSDB verarbeitet, an lokale Restaurants und Schulen verkauft sowie an Institutionen gespendet, die sie um notleidende Menschen in der Region kümmern.

Die für den Garten verantwortlichen Schüler stammen aus ganz Virginia, auch aus städtischen Regionen, in denen meist industriell gefertigte Nahrung verzehrt wird. Die gärtnernden Schüler hegen ein echtes Interesse an Landwirtschaft – selbst bei brütender Hitze. Jeder und jede von ihnen hat eine Lieblingssorte, um die er oder sie sich kümmert: Manche pflücken gern Äpfel, andere ziehen Karotten, wieder andere ernten Paprika und Tomaten. Einige Schüler äußerten, sich auch im Berufsleben für die nachhaltige Landwirtschaft einsetzen zu wollen. Die Vermittlung von Selbstwertgefühl, von der Würde der und Freude an der Arbeit mit den Händen sowie die Bekämpfung von Selbstzweifeln und Unsicherheit, die die Berufswahl von hör- und sehbehinderten jungen Menschen nur allzu oft einschränken, sind Anliegen des Gemeinschaftsprojekts von AMI und VSDB.

Menschen, die sich von regionalen Produkten ernähren wollen, können mit Erzeugnissen versorgt werden, die unter den anspruchsvollsten Bedingungen und von hochmotivierten Schülern angebaut worden sind. Damit fördert das Gemeinschaftsprojekt von AMI und VSDB die Selbstachtung, Unabhängigkeit und körperliche Ertüchtigung von Schülern mit eingeschränktem Hör- oder Sehvermögen und gibt ihnen das gute Gefühl, etwas zur Lebensmittelversorgung des Shenandoah Valley und später ihrer eigenen Heimatorte in ganz Virginia beizutragen. Das und die anderen Anstrengungen des AMI eröffnen der Appalachen-Region die Möglichkeit, zur Lebensmittelsicherheit der Region beizusteuern und zu einer nachhaltigen Agrarwirtschaft auf den sanften Hügeln und Berggipfeln der faszinierenden Landschaft zurückzukehren.