Prodromos Tsinikoris
Griechenland

Porträt eines lächelnden Mannes mit grauschwarzem Haar und Bart vor einer hellgrauen Steintreppe © Pinelopi Gerasimou

Biografie

Prodromos Tsinikoris ist Theaterregisseur, Dramaturg und Schauspieler und zählt zu den prägenden Persönlichkeiten des zeitgenössischen griechischen und europäischen Theaters. Seine dokumentarischen Arbeiten, die auf intensiver Recherche basieren, thematisieren Migration, soziale Ungleichheit und verdrängte historische Narrative. Internationale Aufmerksamkeit erlangte er mit vielfach aufgeführten Produktionen wie Clean City, Telemachos – should I stay or should I go? und 96%, in denen soziale Realitäten aus der Perspektive der Beteiligten verhandelt werden.

Tsinikoris wurde 1981 in Wuppertal als Sohn griechischer Arbeitsmigrant*innen geboren. Er studierte von 1999 bis 2005 an der Theaterfakultät der Aristoteles-Universität Thessaloniki und wurde 2008 zum Internationalen Forum des Theatertreffens Berlin eingeladen. Seit 2009 lebt er in Athen, wo er als Schauspieler mit Dimiter Gotscheff und als Regieassistent mit Rimini Protokoll zusammenarbeitete.

Seit 2011 entwickelt er gemeinsam mit Anestis Azas eine Reihe dokumentarischer Theaterprojekte, darunter Telemachos – should I stay or should I go? (Ballhaus Naunynstraße, Berlin und Onassis STEGI, Athen, 2013), X Firmen (Theater der Welt, Mannheim, 2014), Clean City (Onassis STEGI und Münchner Kammerspiele, 2016), Hellas München (Münchner Kammerspiele und Athens Epidaurus Festival, 2018), Trashland (Schauspiel Graz, 2022) und Romaland (Onassis Stegi, 2023). Weitere Arbeiten umfassen den Audio-Walk In the middle of the street (2015) mit wohnungslosen Protagonist*innen in Athen und das Stück 96% über den Holocaust an den Jüdinnen und Juden Thessalonikis sowie ihre Enteignung während der NS-Besatzungszeit in Griechenland.

Im Mai 2015 war er Mitglied des dramaturgischen Teams und zuständig für die Recherche von X Apartments Athen (Konzept: Matthias Lilienthal), das in Wohnungen Athener Bürger*innen stattfand. Als Dramaturg arbeitete er u.a. zusammen mit Lola Arias, Encyclopedie de la parole, Martín Valdés-Stauber sowie Paul Preciado im Rahmen der Exercises of freedom für die Documenta 14 in Athen.

Von 2015 bis 2020 war Tsinikoris gemeinsam mit Anestis Azas künstlerischer Leiter der Experimentellen Bühne -1 des Nationaltheaters in Athen. Er ist seit 2020 Co-Kurator des International Forest Festival in Thessaloniki und lehrt an der Regieschule des Nationaltheaters in Athen.

Begründung der Preisvergabe

Prodromos Tsinikoris ist als Theaterregisseur, Schauspieler und Dramaturg eine Schlüsselfigur der griechischen Theaterwelt. In Wuppertal 1981 als Kind griechischer Arbeitsmigrant*innen geboren, hat er sich längst zu einer prägenden Figur der europäischen Theaterlandschaft entwickelt, die mit großer Sensibilität und politischer Wachheit wirkt. Bei dem Audio-Walk In the middle of the street machte er obdachlose Menschen selbst zu Erzähler*innen ihrer Lebensrealität während der Finanzkrise, in Clean City stellte er (in Zusammenarbeit mit Anestis Azas) Stimmen migrantischer Reinigungskräfte gegen die Rhetorik neofaschistischer Bewegungen, und in 96% thematisiert er den Holocaust an den Jüdinnen und Juden Thessalonikis sowie die Plünderung ihres Besitzes während der NS-Besatzungszeit. Tsinikoris ist ein Ausnahmetalent, der das Dokumentarische nicht als bloßes Abbild der Wirklichkeit, sondern als künstlerischen Resonanzraum gesellschaftlicher Bruchlinien begreift.

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