28. August 2026
Arvo Pärt, Anita Raja und Prodromos Tsinikoris mit Goethe-Medaille geehrt
In Weimar wurde heute die wichtigste Auszeichnung der Auswärtigen Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Die Goethe-Medaille 2026 ging an den estnischen Komponisten Arvo Pärt, die italienische Übersetzerin Anita Raja und den griechischen Theaterregisseur, Dramaturgen und Schauspieler Prodromos Tsinikoris. Alle drei stehen für ein europäisches Verständnis von Kultur als verbindende Kraft, die Grenzen überwindet und unterschiedliche Stimmen miteinander ins Gespräch bringt.
Gesche Joost, Präsidentin des Goethe-Instituts, sagte: „In diesem Jahr wird die Goethe-Medaille an drei Europäer verliehen, deren Schaffen in besonderer Weise mit Deutschland verbunden ist: Der estnische Komponist Arvo Pärt lebte viele Jahre in Berlin, als seine Werke in der damaligen Sowjetunion verboten wurden. Seine Kompositionen berühren Menschen auf der ganzen Welt durch ihre eigene Klangwelt. Anita Raja hat durch ihre Übersetzungen besonders ostdeutsche Autorinnen in Italien bekannt gemacht – unter anderem Christa Wolf, die so in den 1980er Jahren zu einer Ikone in Italien wurde. Prodromos Tsinikoris wuchs als Kind einer griechischen Arbeiterfamilie in Wuppertal auf. Als Theaterregisseur, Dramaturg und Schauspieler verbindet er Griechenland und Deutschland miteinander und greift Themen wie Migration und soziale Ungleichheit dabei auf. Alle drei stehen für ein kulturell vielfältiges Europa. Ihre Werke verbinden – und das ist gerade heute, in Zeiten der Polarisierung, so wichtig.“
Gunther Krichbaum, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, sagte aus diesem Anlass: „Heute sind in Weimar mit Arvo Pärt, Anita Raja und Prodromos Tsinikoris drei Persönlichkeiten aus Europa ausgezeichnet worden, die sich in hervorragendem Maße um den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben. Damit repräsentieren sie die Weltoffenheit, für die das Goethe-Institut steht. Indem es weltweit Raum für Begegnung und internationale Verständigung schafft und deutsche Perspektiven sichtbar und verständlich macht, trägt das Goethe-Institut substantiell zu den außenpolitischen Zielen und Kerninteressen Deutschlands bei.“
Thomas Oberender, Vorsitzender der Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille 2026, führte aus: „Europa ist kein bloßer kultureller Besitzstand, sondern eine Übersetzungsaufgabe. Es bringt sich ständig aktiv selbst hervor. Arvo Pärt, Anita Raja und Prodromos Tsinikoris sind prägende, alchemistische Kräfte in diesem Prozess: Sie machen Stille hörbar, tragen Stimmen über Sprachgrenzen und geben denen eine Bühne, die aus der Geschichte zu verschwinden drohen.“
Die Laudationes auf die Preisträger*innen hielten – in der Reihenfolge ihres Auftritts: der Musikwissenschaftler Björn Gottstein, die Literaturkritikerin Maike Albath und die Dramaturgin Stefanie Carp.
Björn Gottstein lobte Arvo Pärts Werke als „makellos, von kostbarer Schönheit und immer intim und persönlich“. Pärt habe „mit seiner Musik Menschen über alle Schichten und Kulturen hinweg erreicht und berührt.“
Michael Pärt beschreibt in seiner Dankesrede, wie prägend die Zeit in Deutschland für seine Familie und das künstlerische Schaffen seines Vaters war: „Vor mehr als vierzig Jahren kam meine Familie in der deutschsprachigen Welt an und stellte fest, dass sie sich nicht unter Fremden befand. Menschen und Institutionen hier haben meinem Vater Vertrauen und Freiheit geschenkt – und gewährten so seiner Musik den Raum zu ihrer Entfaltung.“
Maike Albath sagte in ihrer Laudatio auf Anita Raja: „Deutsch war die Sprache ihrer jüdischen Mutter. Dass sie selbst Übersetzerin wurde und mehr als ein Dutzend Werke von Christa Wolf, Gedichte von Ingeborg Bachmann, schließlich Georg Büchner und Franz Kafka ins Italienische übertrug, ist vielleicht auch ein nachgetragener Heilungsversuch.“
Anita Raja betonte: „Es ehrt und bewegt mich zutiefst, dass mir der Verdienst zugesprochen wird, Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen, Identitäten und Zugehörigkeiten gebaut zu haben. Und dies sowohl für meine mehr als vierzigjährige Tätigkeit als Kulturmittlerin in den römischen Stadtbibliotheken als auch für meine Arbeit als Übersetzerin aus dem Deutschen.“
In ihrer Laudatio ging Stefanie Carp auf die besondere Perspektive von Prodromos Tsinikoris ein: „Sozialisiert zwischen zwei Kulturen, zwei Sprachen, zwei politischen Diskursen hat Prodromos ein feines Gefühl für Unterscheidungen entwickelt. Die Zwischenräume der Differenzierungen spürt er auf, und sitzt dann auch manchmal ‘zwischen den Stühlen’ der unterschiedlichen Wahrheiten.“
Prodromos Tsinikoris betonte in seiner Dankesrede, welche persönliche Bedeutung die Goethe-Medaille für ihn als Sohn griechischer Arbeitsmigrant*innen hat: „Denn sie kommt aus dem Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, in dem ich als Kind gelernt habe, nicht aufzufallen. Und sie kommt heute zu einem Menschen, der gerade durch die Kunst gelernt hat, dass Zugehörigkeit nicht unbedingt bedeutet, dieselbe Herkunft zu haben.“
Musikalisch bereichert wurde der Festakt durch zwei Werke von Arvo Pärt, interpretiert vom calens vocalensemble.
Pressefotos von den Preisträger*innen und von der Verleihung finden Sie unter: www.goethe.de/bilderservice
Die Pressemappe steht unter folgendem Link zum Download zur Verfügung: www.goethe.de/pressemappen
Filmporträts der Preisträger*innen, die von der Deutschen Welle in Kooperation mit dem Goethe-Institut produziert wurden, sind ab sofort hier zu sehen: www.youtube.com/goethe-institut
Die Goethe-Medaille
Seit 1955 verleiht das Goethe-Institut einmal im Jahr die Goethe-Medaille als offizielles Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland. Sie ist der wichtigste Preis der auswärtigen Kulturpolitik. Die Kandidat*innen werden von den Goethe-Instituten in aller Welt in Abstimmung mit den deutschen Auslandsvertretungen nominiert. Aus diesen Vorschlägen entwickelt die Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille, die sich aus Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst und Kultur zusammensetzt, eine Auswahl, die das Präsidium des Goethe-Instituts bestätigt. Die Verleihung der Goethe-Medaille macht dem Publikum in Deutschland weltweit relevante kulturelle Themen und Akteur*innen bekannt und unterstützt die Internationalisierung der deutschen Kulturlandschaft.
Die Verleihung findet traditionell am 28. August, dem Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes, statt. Seit der ersten Verleihung 1955 wurden insgesamt 386 Persönlichkeiten aus 71 Ländern geehrt, darunter Dogan Akhanlı, Juri Andruchowytsch, Daniel Barenboim, David Cornwell alias John le Carré, Princess Marilyn Douala Manga Bell, Sofia Gubaidulina, Ágnes Heller, Wen Hui, Neil MacGregor, Petros Markaris, Ariane Mnouchkine, Tali Nates, Shirin Neshat, Sandbox Collective (Nimi Ravindran und Shiva Pathak), Irina Scherbakowa, Jorge Semprún, Yoko Tawada, Robert Wilson und Helen Wolff.
Die Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille 2026 bestand aus Julia Grosse (Künstlerische Leiterin Contemporary And, Berlin), Anna Henckel-Donnersmarck (Kuratorin und Leiterin der Berlinale Shorts, Berlin), Matthias Lilienthal (Dramaturg und Intendant, Berlin), Thomas Oberender (Autor und Kurator, Berlin), Adam Soboczynski (Autor und Journalist, Berlin), Andrea Zschunke (Leiterin Musik WDR3, Köln); in Vertretung des Auswärtigen Amtes: Thomas Ditt (Referatsleiter Referat 606); in Vertretung des Goethe-Instituts: Gesche Joost (Präsidentin des Goethe-Instituts) und Johannes Ebert (Generalsekretär des Goethe-Instituts a. D.).
Weitere Informationen: www.goethe.de/goethe-medaille
Das künstlerische und diskursive Rahmenprogramm zur Goethe-Medaille in Weimar entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunstfest Weimar. Holtzbrinck unterstützt das Kulturprogramm der Goethe-Medaille 2026.
Das Goethe-Institut feiert 2026 sein 75-jähriges Bestehen. Das Goethe-Institut ist das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland. Mit derzeit 154 Instituten in 100 Ländern fördert es die Kenntnis der deutschen Sprache, pflegt die internationale kulturelle Zusammenarbeit und vermittelt ein aktuelles Deutschlandbild. Durch Kooperationen mit Partnereinrichtungen an zahlreichen weiteren Orten verfügt das Goethe-Institut insgesamt über rund 1.000 Anlaufstellen weltweit. www.goethe.de
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