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Neue Ausgabe von „das goethe“
Digitaler Kolonialismus

Marokko gehört zu den afrikanischen Ländern mit dem schnellsten Internet.
Marokko gehört zu den afrikanischen Ländern mit dem schnellsten Internet. | Foto (Ausschnitt): © Art Directors & TRIPAlamy Stock

Am 16. Januar erscheint die neue Ausgabe von „das goethe“ mit dem Thema „Digitale Zivilgesellschaft“. Auf „Goethe aktuell“ erläutert die Journalistin Ina Holev, wie sich die Kolonisierung auch im digitalen Raum fortsetzt.

Von Ina Holev

Im Internet sind alle gleich, so dachten noch zu Beginn des Millenniums viele Menschen hoffnungsvoll. Als es Ende der 1950er-Jahre von militärischen Thinktanks aus nach und nach in die Wissenschaft und eine zunächst noch kleine Öffentlichkeit fand, glich das Internet einer Utopie. Hinter der Maske der Anonymität sollten alle Nutzer*innen gleich sein und somit alle die gleichen Rechte haben. Keine Hierarchien – auch nicht zwischen den User*innen in verschiedenen Ländern.
 
Doch diese Hoffnung vom Internet als einem diskriminierungsfreien Raum bleibt bis heute eine Illusion. Im Gegenteil: Machtstrukturen sind schon in der technischen Infrastruktur fest angelegt. Sie führen die Geschichte des Kolonialismus auch in der virtuellen Sphäre fort: in Gestalt des „digitalen“ oder „elektronischen Kolonialismus“.

Rassistische Technologien

So sind viele Algorithmen der Künstlichen Intelligenz rassistisch. Viele Programme der Gesichtserkennung im Rahmen von Überwachungen sind nicht in der Lage, „people of colour“ zu erkennen. Gerade Schwarze Frauen werden von diesen Technologien oft falsch zugeordnet. Das liegt vor allem an den Programmierern dieser Anwendungen: Meist handelt es sich dabei um weiße Männer aus einem westlichen Umfeld. Ihnen fällt es selber viel schwerer, „people of colour“ zu unterscheiden als weiße Menschen. Das prägt mehr oder weniger unbewusst ihre Weltsicht und damit auch die von ihnen entwickelten Technologien.
 
Es bleibt, wie es immer war. Auch wenn es um die weltweite Vernetzung geht, gibt es die globale Teilung in den „Norden“ und den „Süden“. Die ab dem 16. Jahrhundert entstandenen kolonialen Strukturen finden sich heute in neuer Form wieder. Ohne die Rohstoffe des Südens kommt die Hightech-Industrie nicht aus. Entlang der alten Routen von Sklavenschiffen kommen heute die Seltenen Erden in den Norden. Diese werden in den Ländern des Südens unter teils furchtbaren Bedingungen gewonnen – Kobalt in zentralafrikanischen Minen etwa.
In Liberia betalen mensen voor de Facebook-dienst ‘Free Basics’ met hun persoonlijke gegevens. Foto (fragment): © John Moore/ Getty Images

Die Kartelle der Internetriesen

Doch der digitale Kolonialismus geht noch viel weiter. Er durchdringt das Netz beinahe vollkommen und beschreibt „eine neue, quasi-imperiale Machtstruktur, die von dominanten Mächten einer großen Anzahl an Menschen ohne deren Einverständnis auferlegt wird“ – so definiert die Menschenrechtsanwältin Renata Avila diese Kontinuität des Kolonialismus.
 
Avila ist eine Aktivistin aus Guatemala und gehört zu den bekanntesten Kritiker*innen des digitalen Kolonialismus. Im „Internet Health Report“ der offiziell als gemeinnützig geführten Mozilla Foundation kritisiert sie insbesondere die engen Verflechtungen zwischen Politik und Technik. So wies etwa die US-Regierung im Herbst 2019, als Reaktion auf die Unruhen in Venezuela, die amerikanische Firma Adobe an, die Cloud-Dienste in dem südamerikanischen Land zu sperren. Avila plädiert daher vor allem für eine stärkere Regulierung von Kartellen und eine Technik, die dem Gemeinwohl dient. Sie fordert Alternativen zu den das weltweite Internet beherrschenden Konzernen Amazon, Facebook, Google und anderen. Lokale Initiativen müssten gestärkt werden. „Decolonize the Internet!“ – so lautet ihre Aufforderung.

Zahlungsmittel: persönliche Daten

Doch oft scheitern lokale Alternativen schon daran, dass es in vielen Regionen der Welt gar keinen Zugang zum Internet gibt oder die Verbindungen viel zu langsam sind. Es ist ein Dilemma, denn die Angebote der Global Player werden natürlich ebenfalls in vielen Regionen des Globalen Südens genutzt. Und auch dort stellen die Internetriesen ihre Dienste allzu gerne bereit – aber natürlich nicht umsonst. Weil hier das Geld aber in der Regel knapp ist, zahlen die Kund*innen dieser Dienste vor allem mit ihren persönlichen Daten.
 
So startete Facebook 2014 in einigen Ländern Afrikas und Südasiens seinen Internetdienst „Free Basics“. Es handelt sich dabei um eine App, die eine abgespeckte Version des Internets zur Verfügung stellt. Sie ist besonders für Regionen mit schlechter Infrastruktur konzipiert und zeigt ausgewählte Seiten kostenlos, viele andere sind gar nicht aufrufbar. Voraussetzung für die Nutzung von „Free Basics“ ist jedoch der Log-in über einen Facebook-Account – also die Freigabe persönlicher Daten.
 
Indien verbot diesen Dienst 2016 und gehört gemeinsam mit anderen Ländern zu den großen Kritikern dieser Formen des digitalen Kolonialismus. Dabei handelt es sich in der Regel um Staaten, die eine koloniale Geschichte haben und die heute über vergleichsweise gut ausgebaute Infrastrukturen verfügen. Sie sind in der Lage, eigene nationale Dienste zu stärken – und damit auch die lokalen Ökonomien.

Gerechtigkeit als Utopie

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem digitalen Kolonialismus kommen immer mehr Impulse aus der bildenden Kunst – insbesondere der Medienkunst. Als „Cyberfeminist*innen“ kritisieren viele Künstler*innen die kolonialen Machtstrukturen im Netz, und zwar, indem sie sich genau der gleichen digitalen Mittel bedienen.
 
Die Menschenrechtsanwältin Renata Avila aus Guatemala wünscht sich, dass sich die Kritiker*innen des digitalen Kolonialismus verbünden. Es gehe darum, das Internet vielerorts Stück für Stück umzugestalten. Dass es eines Tages ein entkolonialisiertes, gerechtes und diskriminierungsfreies Internet gibt, bleibt eine Utopie, das weiß sie sehr wohl. Da unterscheidet sich die digitale nicht von der analogen Welt.
 
Bei dem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung. Die vollständige Version des Essays können Sie in „das goethe" lesen.

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