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Deutsch-koreanische Theaterproduktion „Borderline“
„Der eiserne Vorhang war gar nicht so eisern“

Schauspieler KyungMin Na links, Schauspieler Florian Jahr rechts – dazwischen ein Grenzzaun.
Schauspieler KyungMin Na links, Schauspieler Florian Jahr rechts – dazwischen ein Grenzzaun. | Foto (Ausschnitt): © Hez Kim

Am 3. Oktober, 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, feiert das deutsch-koreanische Theaterstück „Borderline“ im Residenztheater München Premiere. Im Interview mit „Goethe aktuell“ spricht Jürgen Berger, der Autor des Stücks, über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deutschen und der koreanischen Teilung. 

Von Daniel Welsch

Die Recherchen zu „Borderline“ begannen bereits vor drei Jahren. Wie entstand die Idee zu dieser deutsch-koreanischen Koproduktion und wie kam der Kontakt zu den koreanischen Kolleg*innen zustande?

Jürgen Berger: Daran hatte Marla Stukenberg, die Leiterin des Goethe-Instituts in Korea, maßgeblichen Anteil. Es gab dort 2016 das Projekt „Walls - Iphigenia in Exile“, eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin, und schon damals hatte ich die Idee entwickelt, dass man etwas zur Flüchtlingsfrage und natürlich auch zu den Parallelitäten zwischen der deutschen Wiedervereinigung und dem Warten der Koreaner*innen auf eine Wiedervereinigung machen könnte. Damals habe ich ein erstes Konzept geschrieben und hatte dann die Möglichkeit, mich eines Nachmittags mit verschiedenen Regisseur*innen in Gwangju, wo „Walls“ gezeigt wurde, zusammenzusetzen. Dabei habe ich mich auch länger mit Kyungsung Lee ausgetauscht, der nun bei „Borderline“ Regie führt.

Zur Vorbereitung des Stücks sind Sie nach Südkorea gereist. Wie sahen die Recherchen dort aus?

Jürgen Berger: Ich wollte vor allem mit nordkoreanischen Flüchtlingen sprechen. In Südkorea gibt es ungefähr 30.000 nordkoreanische Flüchtlinge, die meistens aus Nordkorea über den Grenzfluss nach China flüchten und dann auf ganz unterschiedlichen Fluchtwegen – zum Teil über Thailand, zum Teil über die Mongolei – in Südkorea ankommen. Wie es diesen Flüchtlingen in Südkorea ergeht, wird dort im Fernsehen viel verhandelt. Ich wollte aber auch mit Geflüchteten sprechen, die noch nie ein Interview gegeben hatten und noch relativ frisch in Südkorea waren. Mit der Hilfe eines Pastors, der in der Betreuung von Flüchtlingen aktiv ist, ist es uns gelungen, mit sehr jungen Geflüchteten zu sprechen. Die waren zwischen 20 und 25 Jahre alt und sind teilweise erst vor zwei oder drei Jahren in Südkorea angekommen. Bei ihnen waren die Erlebnisse noch frisch und sie haben sehr direkt über ihr Leben in Nordkorea, ihre Flucht und die Ankunft und Eingliederung in Südkorea gesprochen. Natürlich auch über die Probleme, die es dabei gibt.

Welche Probleme sind das?

Jürgen Berger: Zum Beispiel bemühen die Flüchtlinge sich, wie viele Geflüchtete aus Afrika oder Syrien hier in Deutschland, so wenig wie möglich aufzufallen und nicht mehr als Geflüchtete erkannt zu werden. Was in Korea vor allem über die Sprache passiert, denn der nordkoreanische Dialekt unterscheidet sich vom südkoreanischen – Südkoreaner*innen bemerken das sofort. Eine Geflüchtete, die ich interviewt habe, hat erzählt, dass sie sich zuerst den nordkoreanischen Dialekt abgewöhnt und den südkoreanischen angewöhnt hat. Weil über die Erkennbarkeit auch eine Ausgrenzung stattfindet. 

Jürgen Berger (links) mit dem Team von „Borderline“. Jürgen Berger (links) mit dem Team von „Borderline“. | Foto (Ausschnitt): © Eshu Haesoo Jung
Als Teil der Recherche für „Borderline“ haben Sie im Juli 2019 mit Ihren koreanischen Kolleg*innen das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth besucht. Wie hat sich Ihre Sicht auf die deutsche Teilung und Wiedervereinigung dadurch verändert?

Jürgen Berger: Ich weiß gar nicht, ob sie sich so sehr verändert hat, weil ich mich zuvor schon sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigt habe. Eine Sache ist mir aber durch das Gespräch zwischen Robert Lebegern, das ist der Leiter des Deutsch-Deutschen Museums Mödlareuth, und dem Regisseur Kyungsung Lee klar geworden. Robert Lebegern hat in diesem Gespräch betont, dass die Ausgangslage hier in Deutschland, als es zur Wiedervereinigung kam, doch eine ganz andere war als jetzt in Korea.

Denn Westdeutsche konnten nach Ostdeutschland reisen und hatten direkte Eindrücke. Und die Ostdeutschen konnten, wenn es der Empfang erlaubte, Westfernsehen schauen. Wir wussten doch ziemlich viel voneinander. Ganz im Gegensatz zu Korea, wo es kaum Kontakt gibt. Da findet gerade ein großer Entfremdungsprozess statt, vor dem viele Angst haben. Erst durch den Vergleich mit der jetzigen Situation in Korea wurde mir bewusst, dass der sogenannte Eiserne Vorhang so eisern gar nicht war.
Bei „Borderline“ tritt Florian Jahr (links) in München auf, SoHyun Bae (rechts) und ihre Kolleg*innen schalten sich aus Seoul zu. Bei „Borderline“ tritt Florian Jahr (links) in München auf, SoHyun Bae (rechts) und ihre Kolleg*innen schalten sich aus Seoul zu. | Foto (Ausschnitt): © Hez Kim
Sie haben noch eine weitere Grenze besucht, nämlich die deutsch-österreichische Grenze in Wegscheid.
 
Jürgen Berger: Das war ein sehr eindrucksvoller Ort, weil dort 2015 tausende Flüchtlinge angekommen sind, die damals die Nachrichten bestimmt haben. Für mich war bei diesem Besuch vor allem spannend, wie die Südkoreaner*innen auf die deutsch-österreichische Grenze reagieren. Denn da ist ja eigentlich gar keine Grenze, während man in Südkorea permanent mit offensichtlichen Grenzen konfrontiert ist. Die ganz große Grenze um Südkorea ist zunächst das Meer, und die Grenze zu Nordkorea ist die am besten gesicherte Grenze dieser Welt. Die sieht man, denn das sind Befestigungsanlagen, die noch martialischer sind, als wir das von der deutsch-deutschen Grenze kennen. Das ist ein krasser Gegensatz zum Schengen-Raum, wo wir es gewohnt sind, dass es gar keine sichtbaren Grenzen mehr gibt. Aus der Reaktion der Südkoreaner*innen auf diesen Gegensatz habe ich dann einen fiktionalisierten Text entwickelt.

In der Beschreibung des Residenztheaters wird „Borderline“ als Dokufiktion bezeichnet. Wie greifen dokumentarisches und fiktionales Material hier ineinander?

Jürgen Berger: Die Interviews mit nordkoreanischen Flüchtlingen habe ich weiterverarbeitet unter Beibehaltung dessen, was diese Geflüchteten gesagt haben. Ich habe die Interviewform aufgelöst und umgewandelt in einen Erzähltext, ohne inhaltlich etwas zu ändern. Man muss nichts erfinden, wenn man mit solchen Zeitzeug*innen spricht.

Die Premiere von „Borderline“ findet am 3. Oktober in München statt, dem 30. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung. Nehmen Sie Deutschland heute als geeint wahr?

Jürgen Berger: Nicht wirklich. Es zeigt sich immer wieder, dass die Art der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern große Verletzungen erzeugt hat. Ich glaube zwar, dass die jetzt nachwachsende Generation eine größere Distanz dazu hat, wer zu den Gewinner*innen und Verlierer*innen der Wiedervereinigung zählt, dass dies aber noch tief in den Familien, vor allem der neuen Bundesländer, verwurzelt ist und deshalb nach wie vor eine große Rolle spielt. Die Fragen, wie die Wiedervereinigung ablief und wie sich politische Entscheidungen auf einzelne Biografien in Ost und West ausgewirkt haben, werden uns noch länger beschäftigen.

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